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Vorstellungsgespräche

von Marcus Knill


Dieser Beitrag ist für eilige Leser gedacht. Er beinhaltet ein paar wesentliche Tips damit Ihr Vorstellungsgespräch erfolgreicher wird.

Test:

Könnten sie folgende Fragen spontan beantworten?
  • Was war Ihr grösster Misserfolg?
  • Was spricht gegen Sie als Bewerber?
  • Welches Fachwissen müssen Sie noch erwerben?
  • Kennen Sie die grössten Missstände in Ihrer jetzigen Firma?
Wenn Sie diese Fragen nicht als raffinierte Explorationstechniken erkannt haben, mit denen Ihnen peinliche Informationen entlockt werden oder dies Sie dazu bringen sollen, Ihre negativen Seiten darzulegen, lohnt es sich, weiterzulesen.


Antizipierte Fragen

Wir möchten Sie mit diesem Beitrag nicht rhetorisch fit machen, sondern Ihnen vorab im Umgang mit peinlichen Fragen weiterhelfen. Die meisten Fragen liegen in der Luft und können antizipiert werden. Wir wissen im Grunde genau, welche Standardeinwände in der Luft liegen: Wenn Sie nicht mehr so jung sind, werden Sie als zu alt eingestuft. Sind Sie jedoch jung, dann konfrontiert man Sie mit dem Vorwurf der Unerfahrenheit. Sind Sie verheiratet, müssen Sie zum familiären Umfeld etwas sagen. Jede Eigenschaft kann immer auch negativ beleuchtet werden:
  • erfahren = zu alt
  • dynamisch = zu jung
  • verheiratet = unbeweglich
  • unverheiratet = Einzelgänger
  • kritisch = zu kritisch
  • kreativ = chaotisch
  • interessiert an neuen Herausforderungen = unstet
  • verlässlich = zu lange am gleichen Platz
  • bescheiden = zu schüchtern
  • politisch engagiert = nicht 100% für den Beruf verfügbar
  • gute Ausbildung = Sie sind überqualifiziert
Alternativfragen zu Ende denken:

"Sind sie eher ein Teamplayer oder ein Einzelkämpfer?"

Wenn sie davon ausgehen, Teamarbeit sei gefragt und sagen würden:

"Ich arbeite lieber im Team."

Hierauf könnte überraschenderweise nachgefragt werden:

"Weshalb können Sie nicht allein arbeiten?"

Gehen Sie jedoch davon aus, selbständiges Arbeiten sei wichtiger, sagen Sie unter Umständen:

"Ich schätze das selbständige Arbeiten."

Hierauf müsssten sie ebenfalls mit einem irritierenden Konter rechnen:

"Hatten sie schon immer Mühe, in Teams zu arbeiten?"

Durch derartige Unterstellungen lassen sich viele Personen aus dem Konzept bringen. Deshalb lohnt es sich, bereits die erste Antwort zu überlegen und differenziert zu antworten:

"Für mich ist beides wichtig: Die Teamarbeit, wie auch das selbständige Arbeiten."

Danach könnten Sie mit einem Beispiel belegen, dass Sie Erfahrung haben in Teamkommunikation wie auch als Einzelkämpfer. Sie müssen bei derartigen "Verdrehungen", stets die jeweilige Taktik erkennen, und Ihre Qualitäten sofort - aber ruhig - ins richtige Licht rücken. Zum Beispiel beim Vorwurf ein Chaot zu sein:

"Überhaupt nicht! Ich habe vorhin gesagt, ich sei kreativ. Schon der Kreativitätsforscher Dr. Guntern sagte, Kreativität bestehe aus der Mischung von Ordnung und Chaos. Genau dies wurde mir stets attestiert. Man liess mich immer wissen: Ich verfüge über eine ideale Mischung von Ordnungssinn und chaotischen Elementen."



Heikle Fragen

Was würde Sie machen, wenn....? Es folgen dann fast unlösbare Aufgaben und Horrorszenarien.

Was würden Sie machen, wenn wir Sie nicht anstellen?

Bei derartigen Fragen müssen Sie wissen, dass man Einwände gegen Ihre Person nicht direkt mit Ihnen diskutieren will. Gelassenheit ist angesagt, denn nur so bleiben Sie bei Stressbefragungen locker. Kreuzverhörähnliche Situationen, Überraschungen, unerwartete Fragen, bei denen Sie das Gefühl haben, in "die Ecke gedrängt" zu werden, sind darauf angelegt, zu sehen, wie selbstbewusst Sie sind. Der Befrager erkennt, wie Sie mit Stress umgehen können. Bei vielen Vorstellungsgesprächen werden Sie nach einer Anwärmphase bewusst unter Druck gesetzt.


Überraschungen

Was kann man bei Überraschungen tun?
  • Bewusst sachlich und gelassen bleiben.
  • Drucksituation wahrnehmen.
  • Warten.
  • Bewusste Pause machen.
  • Stopsignal setzen.
  • Eventuell die Technik beschreiben (benennen heisst entlarven)
  • Frage klären. z.B. "Wie haben Sie das gemeint?"
  • "Nein" sagen, z.B.: "Sind Sie zu unerfahren?" Antwort:" Nein, ich bin da anderer Meinung! Ich..."
  • Stop-Signale setzen und nicht weiterreden: z.Bsp. "Das ist Ihr subjektiver Eindruck. Ich weiss nicht, wie Sie darauf kommen."
  • Negative Vorwürfe nicht wiederholen.
Lernen Sie in einem Training alle Irritations-, Destabilisations- und Provokationstechniken kennen. Das richtige Verhalten bei Überraschungen muss geübt werden, so, wie Piloten im Simulator heikle Situationen trainieren müssen.


Antizipieren

Erstellen Sie eine individuelle Liste mit allen Fragen, die in der Luft liegen. Das Antizipieren der denkbaren Vorwürfe und Standardfragen ist ein Muss:
  • Welches sind Ihre Stärken
  • Was sind Ihre Schwächen?
  • Was sind Sie für einen Typ?
  • Warum sind Sie von ihrem Beruf fasziniert?
  • Unangenehme Fragen wie "Ist der Job nicht eine Nummer zu gross für Sie?"
  • Salairfragen
  • Was spricht gegen Sie als Kandidat?
  • Was haben Sie alles noch nicht erreicht?
  • Was ist Ihr grösster Misserfolg? Was ist Ihre grösste Enttäuschung?
  • Was ärgert Sie am meisten?
  • Welche Typen mögen Sie nicht?
  • Was haben Sie für Ziele?
  • Wie sollte Ihr Stellvertreter sein?
  • Was würden Sie tun, wenn Sie nicht mehr arbeiten müssten?
  • Was ist Ihr Hobby?
  • Haben Sie Familie, Kinder? Gibt es dort Probleme?
  • Wie gesund sind Sie?
  • Wieviele Sprachen sprechen Sie?


Zur Selbstpräsentation

Im Vorstellungsgespräch überprüfen die Personalverantwortlichen das Bild von Ihnen, das sie anhand Ihrer schriftlichen Unterlagen erhalten haben.
  • Ihre Berufsbezeichung füllen Sie am besten mit konkreten Tätigkeitsbeispielen aus.
  • Machen Sie klar, dass Sie zur Unternehmenskultur passen
  • Belegen Sie Ihre Fähigkeiten, wo möglich mit Beispielen
  • Begründen Sie, warum Sie die beste Wahl sind. Personalverantwortliche brauchen Argumente.


Klassische Anforderungen:

  • Fachliche Kenntnisse
  • Berufskenntnisse
  • Fremdsprachenkenntnisse
  • Computerkenntnisse


Persönliche Fähigkeiten:

  • Soziale Kompetenz: Kundenorientierung, Teamarbeit, Projektarbeit
  • Selbständiges Arbeiten.
  • Kritikfähigkeit
  • Umgang mit Fehlern
  • Lernbereitschaft


Bewährte Schemas

Folgende Schemas haben sich bewährt:
  • "Momentan arbeite ich ... "
  • "Zu meinen Aufgaben gehören ... "
  • "Ich möchte gern ... "
  • "Diese oder jene Weiterbildung habe ich berufsbegleitend durchgeführt ... "


Die häufigsten Fehler

  • Anforderungen werden nicht erkannt und belegt
  • Profillosigkeit
  • Kontraproduktive Ehrlichkeit
  • Leerfloskeln
  • Negativformulierungen
  • Übertriebene Selbstbewertung


Bewährte Regeln

  • Konkrete Beispiele erzählen.
  • Beschreiben statt bewerten. Fakten und Sachverhalte. (Siehe Harvardkonzept.)
  • Schlüsselbegriffe aus dem Tagesgeschäft benutzen.
  • Trainieren Sie mit einem Tonbandgerät.
  • Formulieren Sie akzeptable Gründe für den Stellenwechsel (ohne zu lügen, ohne übertriebene Ehrlichkeit. Sie müssen nicht alles sagen, was wahr ist).
  • Die Antworten werden nie auswendig gelernt.
  • Formulierung ist immer neu. Jeder Satz soll eine Erstgeburt sein, obschon der Gedanke vorgedacht ist.


Fragen, die nicht gestellt werden dürften

Bei Fragen zur
  • Familienplanung
  • Parteizugehörigkeit
  • Mitglied einer Gewerkschaft
  • Schwangerschaft
  • Konfession
  • Körperbehinderung oder chronische Krankheit (mit Ausnahme, wenn das für die besetzte Stelle relevant ist, zum Beispiel bei Piloten)
  • Lohnpfändungen mit Ausnahme bei Vorstrafen.
müssen Sie nicht die Wahrheit sagen. Bereiten Sie Alternativantworten vor:

"Sie wissen, dass Ich dazu nichts sagen muss. Ist dies für Sie wichtig?"

Die Frage nach einer Aidserkrankung muss in gewissen Berufsfeldern (wie zum Beispiel im Gesundheitswesen) wahrheitsgetreu beantwortet werden. Fragen nach Schwerbehinderungen sind erlaubt, wenn das für die besetzte Stelle relevant ist. Das gilt zum Beispiel für Chauffeure.
Fragen nach Hobbys gelten in der Regel als unzuläsig, bieten dem Bewerber aber die Möglichkeit einer Selbstpräsentation. Vorsicht aber beim Erwähnen von Risikosportarten.
Bei Lügen im Falle von unerlaubten Fragen kann einem Bewerber rechtlich nichts passieren. Es gilt in solchen Fällen ein von den Arbeitsgerichten ankerkanntes Recht zur Lüge.


Gehaltsfragen taktisch beantworten

Bei einem Wunschgehalt lohnt es sich zu klären: gibt es
  • Urlaubs- oder Weihnachtsgeld?
  • Vermögenswirksame Leistungen?
  • Zusatzversicherungen
  • Firmenrabatte?
  • Reisekostenvergütungen?
  • Firmenwagen?
  • Ausätzliche betriebliche Altervorsorge?
  • Firmenwohnung ?
  • Beitrag zu Umzugskosten?
Faustregeln:
  • Argumentieren Sie mit Brutto-Jahresgehältern
  • Verlangen Sie 20% mehr als bisher.
  • Gehalt - nach Ablauf der Probezeit - sollte schriftlich fixiert werden.


Häufig gestellte Fragen

  • Was würden Sie am ersten Tag in unserer Firma tun?
  • Weshalb haben Sie sich gerade bei uns beworben?
  • Wo haben Sie sich sonst noch beworben?
  • Wie lange wollen Sie bei uns bleiben?
  • Welches sind Ihre grössten Erfolge?
  • Weshalb haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
  • Würden Sie wieder den gleichen Beruf wählen?
  • Was hat Ihnen am alten Arbeitsplatz gefallen/ nicht gefallen?
  • Was erwarten Sie von Ihren zukünftigen Kollegen/ von Ihrem zukünftigen Chef?
  • Wie verhalten Sie sich bei Konflikten?
  • Wie reagieren Sie, wenn Sie ungerechtfertigt kritisiert wurden?
  • Welchen Führungsstil schätzen Sie?
  • Wie gehen Sie mit persönlichen Krisen um?
  • Wie werden Sie von den anderen Menschen eingeschätzt?
  • Kennen Sie unsere Produkte?
  • Was wissen Sie über unsere Branche?
  • Was denkt Ihr Lebenspartner über Ihren Beruf?
  • Wie entspannen Sie sich?
  • Treiben sie Sport?
  • Was würden Sie tun, wenn Sie eine Million im Lotto gewinnen würden?
  • Was haben Sie für Ihre fachliche Weiterbildung getan?
  • Sind Sie nicht zu alt für diesen Job?


Mehr Fragen (Quelle)

  • Bitte fassen Sie Ihren Lebenslauf mit den wichtigsten Stationen zusammen.
  • Erzählen Sie etwas über sich.
  • Was wissen Sie über uns?
  • Nennen Sie uns Ihre wichtigsten Erfolge.
  • Welche Ihrer Stärken würde Ihr Vater/Ihre Mutter nennen, welche Schwächen?
  • Welche Tätigkeiten mögen Sie nicht?
  • Was kritisiert Ihr heutiger Chef an Ihnen?
  • Wie reagieren Sie auf Stress?
  • Was wissen Sie über unser Unternehmen?
  • Warum haben Sie sich bei uns beworben?
  • Warum wollen Sie Ihre derzeitige Firma verlassen?
  • Warum wollen Sie Ihren Arbeitsplatz wechseln?
  • Was muss Ihr Vorgesetzter tun, um Sie zu Höchstleistungen anzuspornen?
  • Welche waren die besonderen Eigenschaften Ihres besten oder schlechtesten Vorgesetzen?
  • Sagen Sie mir drei Ihrer Stärken und sagen Sie mir drei Ihrer Schwächen.
  • Nennen Sie Ihre bedeutsamsten beruflichen Fehler.
  • Warum soll ich Sie einstellen? Sagen Sie mir drei Gründe.
  • Sagen Sie mir drei Gründe warum wir Sie nicht nehmen sollen.
  • Was tun Sie zuerst, wenn Sie bei uns anfangen?
  • Was würden Sie an Ihrem bisherigen Leben anders machen, wenn Sie es ändern könnten?
  • Was sind die Erfolgsfaktoren der angebotenen Position?
  • Was lesen Sie um sich weiterzubilden?
  • Was würden Sie gerne verdienen?
  • Was wollen Sie in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren sein?
  • Warum haben Sie sich bisher noch nicht selbständig gemacht?
  • Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
  • Angenommen, ich rede mit Ihrem Vorgesetzten, was würde er als Ihre grössten Stärken und Schwächen bezeichnen?
  • Können Sie unter Termindruck arbeiten?
  • Wie haben Sie Ihr Stellenprofil verändert?
  • Mögen Sie Stab- oder Frontarbeit? Warum?
  • Welche Probleme, die zuvor keinem aufgefallen waren, konnten Sie in Ihrer jetzigen Stelle ausmachen?
  • Glauben Sie nicht, Sie wären in einer Firma anderer Grössenordnung besser aufgehoben? In einem anderen Unternehmenstyp?
  • Wie lösen Sie Konflikte im Team?
  • Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie je treffen mussten?


Stressfragen:

  • Ihre Fähigkeiten sind eher durchschnittlich. Das finden Sie doch auch?
  • Sie haben gute Zeugnisse. Ich glaube, man wollte Sie am alten Ort loswerden.
  • Verlieren Sie immer den Überblick, wenn Sie mehrere Sachen erledigen müssen?
  • Wenn es zu Konflikten kommt, stehen Sie auf der Seite der Geschäftsleitung oder Ihrer Kollegen?
  • Welche Position hätten Sie heute, wenn Sie in einem optimalen Klima hätten arbeiten können?
  • Weshalb machten Sie in der alten Firma keine Karriere?
  • Sie glauben doch nicht, dass Sie mich überzeugt haben?


Debriefing

Vorstellungsgespräche müssen ausgewertet und nachverarbeitet werden.
  • Spielen Sie das Gespräch gedanklich nochmals durch.
  • Zwei bis vier Wochen nach dem Gespräch dürfen Sie telefonisch nachfragen.
Gut:

"Bis wann kann ich mit einer Nachricht von Ihnen rechnen?"

Schlecht:

"Glauben Sie, dass ich die Stelle bekomme?"

Erst mit dem unterschiebenen Arbeitsvertrag ist die Bewerbungsphase beendet.

Erfolg ist trainierbar. K+K hilft Ihnen gerne weiter.



20. März, 2004


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Nachtrag vom 9. Januar, 2011 Checklisten für ein gutes Vorstellungsgespräch Vera Sohmer fasst im "Sonntag" vom 8. Januuar die wichtigsten Punkte in einer Checkliste zusammen. Man kann die Checkliste auch in umgekehrter Form aufführen: Ich möchte vielmehr wissen, was wir tun sollten, um bei einem Vorstellungsgespräch zu punkten. Ich will nicht wissen, was wir nicht tun sollten:
  • Sich branchenüblich kleiden (situationsgemäss - Kleid muss auch zu mir passen)
  • Gesprächspartner mit Namen ansprechen
  • Kräftiger Händedruck, aufrechte Körperhaltung, Blickkontakt
  • Die Chancen im aktuellen Arbeitsmarkt betonen
  • Sich über die Firma ins Bild setzen (gründlich recherchieren)
  • Sich auf Gespräch vorbereiten (Briefing)
  • Aktiv Zuhören - bei Unklarheiten nachfragen
  • Die Gesprächsführung dem Gegenüber überlassen
  • Auf Fragen kurz, konkret, verständlich antworten
  • Beim Thema bleiben
  • Das Gegenüber ausreden lassen
  • Was ist sage, muss wahr sein
  • Bei der Frage nach der Gehaltforderung realistische Forderungen stellen
  • Inhalte: Bewerbungsdossier, Telefoninterview und Vorstellungsgespräch müssen übereinstimmen






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