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Förderung der kommunikativen Kompetenz im Alltag
Ein wichtiges Erfolgsprinzip:

Die Balance finden


von Marcus Knill


Wer bei Kommunikationsprozessen das Gleichgewicht findet, d.h. wer mit Gegensätzen umgehen kann, kann auch besser kommunizieren. In diesem Artikel werden nachfolgend einige der wichtigsten Paradoxien im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation beleuchtet, die es tagtäglich auszubalancieren gilt.

Inhaltsverzeichnis
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Eine Kurzfassung dieses Artikels existiert als Balance.
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1. Individuum und Kollektiv
2. Distanz und Nähe
3. Wort und Bild
4. Kürze und Ausführlichkeit
5. Druck und Zurückhaltung
6. Offenheit und Indirektheit
7. Zuhören und reden
8. Neues und Bekanntes
9. Grosszügigkeit und Forderung
10. Bewahren und erneuern
11. Rational und emotional reden
Fazit. Literaturhinweise


1. Individuum und Kollektiv

Auf der einen Seite gilt es, die eigene Person mit allen Stärken und Schwächen ernst zu nehmen. Anderseits verlangt der Kommunikationsalltag von uns ebenso: Auch auf das DU einzugehen und sich in das WIR (Gruppe/ Team) zu integrieren. Es gibt Bücher, die plädieren für vermehrten Egoismus z.B. (Herzinger 97). Andere nehmen eine altruistische Haltung ein, d.h. sie machen sich in erster Line für Teamfähigkeit, Integrationsfähigkeit und Kooperation stark z.B. (Meier 96). Die Praxis bestätigt langfristig, dass nur jene Persönlichkeiten Erfolg haben, die beides berücksichtigen: Die Ich - Bezogenheit und die Integrationsfähigkeit.
Ich- Bezogenheit heisst:
  • Ich nehme mich ernst
  • Ich akzeptiere mich
  • Ich mag mich (Stärken und Schwächen)
Integrationsfähigkeit (WIR) heisst:
  • Ich kann auf das DU eingehen
  • Ich setze mich für das Gemeinwohl ein
  • Ich bin bereit, mich in die Gruppe (in das WIR) einzugliedern
  • Ich kann zugunsten Anderer auf eigene Interessen verzichten
Es geht beim ICH - WIR Dilemma nicht um ein 'Entweder- oder'. Das 'Entweder- oder Denken' ist oft heimtückisch, es ist gleichsam eine 'Denkfalle'. Es geht vielmehr darum, beide Anliegen unter einen Hut zu bringen. Wir müssen die situationsgerechten Balance finden im Spannungsfeld: Ich- Bezogenheit und Integrationsfähigkeit.d.h. Beides darf nicht vernachlässigt werden.


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2. Distanz und Nähe

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welche sie dann wieder voneinander entfernten. Wenn das Bedürfnis nach Erwärmung sie wieder zusammenbrachte, wiederholte sich jenes Übel; so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden.
Diese Geschichte von A. Schopenhauer aus 'Parerga und Paralipomena" veranschaulicht uns eine weitere Paradoxie der Alltagskommunikation. Es geht um Distanz und Nähe. Verhält es sich nicht bei alltäglichen Kommunikationssituationen ähnlich wie bei den erwähnten Stachelschweinen? Die gegensätzlichen Positionen spielen nicht nur beim räumlichen Distanzverhalten eine wichtige Rolle, beispielsweise bei Besprechungen oder Unterredungen. Es kann auch um die Nähe gehen hinsichtlich der Thematik oder des Inhaltes. Unter Umständen ist das bewusste Distanznehmen wichtig. Wir müssen uns beispielsweise bewusst von einer provokativen Aussage lösen können (bei einem persönlichen Angriff). Wenn Emotionen hochkommen, ist es bekanntlich sehr schwierig, genügend Abstand zu nehmen. Das bewusste Distanzieren hilft uns bei heiklen Destabilisierungsphasen viel besser, wieder zeitgerecht Tritt zu fassen. Auch bei Stress-Situationen oder wenn uns Emotionen überwältigen (Wut, Angst, Erregung) hat sich das bewusste 'Ablösen-können" bewährt. Selbst bei Interviews und Schlagfertigkeitsübungen geht es immer wieder um die gleiche Entscheidungsfrage: Soll ich sofort antworten oder soll ich warten, überlegen d.h. mit einer Pause gleichsam Distanz gewinnen? Generell gilt der Grundsatz: Nur wer überlegt, bleibt letztlich überlegen. Erkenntnis: Es gibt kein alleinseligmachendes Rezept, das immer gilt. Doch gute Kommunikatoren haben meist ein gutes Gefühl für situativ richtiges Distanzverhalten. Es gibt Verhaltensweisen, die von den meisten Menschen abgelehnt werden: Beispielsweise, wenn eine Person zu rasch Nähe sucht. Wer kennt sie nicht, die 'Elephanten im Pozellanladen'; sie bringen es in einem Wartezimmer fertig - ohne Anwärmphase - einfach so hineinzupoltern, Leute anzuquatschen und mit einem deftigen lauten Ausspruch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In der Regel schätzen wir es, wenn bei 'Anwärmphasen' eine bewusste Zurückhaltung, Bescheidenheit (Distanz) gewahrt bleibt. Bei überraschenden, heiklen Situationen hat sich in der Praxis meist das antizyklische Verhalten bewährt: Werde ich zu 'nahe' d.h. persönlich attakiert, löse ich mich bewusst vom persönlichen Angriff und suche Distanz. Versucht jedoch mein Gegenüber mich von der Thematik abzubringen, suche ich die Nähe, das heisst: Ich gehe gezielt zurück zum roten Faden, zur Sache. Dies ist wiederum ein Problem der Balance.


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3. Wort und Bild

Der Grundsatz von Paul Watzlawick :

Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten


ist leider nicht sehr bekannt. Dieses Axiom von Watzlawick wird vielfach so uminterpretiert: Es gibt nicht nur eine abstrakte, sondern auch eine bildhafte Modalität. Beides ist notwendig. Bei der Alltagskommunikation müssten wir vermehrt darauf achten, dass beides wichtig ist: Die abstrakten Worte, wie auch die konkreten, bildhaften Aussagen. Dass das bildhafte Sprechen mit Metaphern, Vergleichen, Analogien bei den unterschiedlichsten Prozessen z.B. beim Argumentieren, beim Überzeugen, beim Beeinflussen, beim Informieren oder beim Lehren eine enorme Bedeutung hat, wissen Fachleute, PR- Spezialisten, Verkäufer, Manipulatoren, Politiker, Ausbildner (Beim autogenen Training, bei der Suggestopädie und bei der Hypnose spielen Bilder eine besonders grosse Rolle). Wer so reden kann, dass wir die Aussage beim Hören sehen, wird nicht nur besser verstanden, er verankert mit dem BILD zudem die abstrakte Aussage im Langzeitgedächnis. Christoph Blocher (Politiker) und sein Bruder Gerhard Blocher (Pfarrer) lernten bereits als Kinder anlässlich der Tischgespräche von ihrem Vater:

"Redet doch bitte so, dass ich es sehe."


Vester (82) wies deutlich darauf hin, dass erst durch die Verknüpfung der rechten und linken Hirnhälfte (Bild und Wort) das Lernen erleichtert wird, respektive das Vergessen verhindert werden kann. Diese Erkenntnisse sind nichts Neues. Sie wurden bereits in der Bibel umgesetzt, indem abstrakte Thesen mit Gleichnissen veranschaulicht wurden. Erst die modernen 'Schriftgelehrten', welche als Einzige des Lesens und Schreibens kundig waren, werteten Bilder gezielt ab. Die Bilderbibel wurde zur Bibel der Armen und Analphabeten degradiert. Noch vor wenigen Jahren gab es übrigens auch viele Pädagogen, die Comics verdammten. Sie glaubten, die Bildlastigkeit führe zwangsläufig zu einer sprachlichen Verarmung. Ob nicht die Bilderstürmer während der Reformationszeit befürchteten, die Bilder könnten die Gläubigen zu negativ beeinflussen? Wäre dem so, würde dies einmal mehr die suggestive, manipulative Wirkung des Bildes bestätigen. Erkenntnis für die Alltagskommunikation: Bildhafte und die abstrakte Modalität sind wichtig. Was wir deshalb vermehrt lernen sollten, ist das bewusste Ausbalancieren beider Seiten. Wer es versteht, eine abstrakte These mit einem möglichst treffenden Vergleich oder Bild zu veranschaulichen, macht die abstraktere Information fassbarer, vorstellbarer. Wer es hingegen nicht fertigbringt, Aussagen oder Thesen zu visualisieren, muss sich nicht wundern, wenn der abstrakte Sachverhalt schlechter oder gar nicht erfasst werden kann. Wie ist dies machbar? Wichtig ist, dass wir uns auf ein Bild oder auf einen Vergleich beschränken oder dass wir auf Argumentationsketten oder eine Fülle von Beispielen verzichten ( Ditko 96 ). Das vermehrt 'In Bildern reden' scheint in jüngster Zeit die Visualisierungswelle mit Folien und Schautafeln zu verdrängen. Im Prinzip gilt Folgendes: Jedes Argument oder jeder abstrakte Gedanke wird mit einer konkreten Geschichte oder einem konkreten Beispiel (Bild, Vergleich) fassbar, vorstellbar gemacht. Reden heisst: Dafür sorgen, dass es gleichsam zum 'Kino im Kopf' kommt. Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus einer Teamsitzung:

Kurt: "Ich bin gegen die Beschaffung der Kaffemaschine. Sie passt mir hinsichtlich Lärmimmissionen nicht."

Kurt hätte ohne grossen Aufwand konkreter, bildhafter argumentieren können. z.B.:

"Die Kaffeemaschine macht einen unausstehlichen Lärm. Bei der Demonstration vorhin musste ich das Gespräch mit Peter unterbrechen. Die Maschine ist so laut wie ein Mähdrescher. Wir wollen in der Pause miteinander reden können und wollen nicht dauernd unterbrochen werden. Mein Antrag: Geben wir diese Vorführmaschine zurück!"

Wer mit Vergleichen und Bildern argumentiert, muss aber darauf bedacht sein, dass die Bilder stimmen. Falsch wäre z.B. folgende Bildkombination:

"Das ist eine Finanzpolitik, die am Tellerrand der nächsten Konferenz schon Schiffbruch erleidet."

Die Hohler'sch Rede veranschaulicht das meisterhaft.


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4. Kürze und Ausführlichkeit

Eine wertvolle Hilfe zur besseren Verständlichkeit sind beides: Kürze wie auch Ausführlichkeit. Wiederum sind es zwei gegensätzliche Forderungen, die auszubalancieren sind. Beim Dilemma, kurz und doch ausführlich" gilt es, die richtige Mischung zu finden zwischen zwei vorhandenen Gegensätzen. In der Praxis stellen wir immer wieder fest: Beides - Kürze und Ausführlichkeit - zu berücksichtigen, ist etwas vom Schwierigsten für Anfänger wie auch für Profis. Dass Kürze wichtig ist, machen uns nicht nur die kurzen Beiträge bei Konferenzen - vor allem aber bei den elektronischen Medien (Radio und Fernsehen) bewusst. Bereits Luther sagte:

"Tritt frisch auf tu's Maul auf und hör bald auf."


Langfädige Aussagen, lange Referate, Langredner an Sitzungen oder bei Telefonaten sind etwas vom Ärgerlichsten. Nicht nur, weil sie uns wertvolle Zeit stehlen, langatmigen Beiträge sind meist auch "lang-weilig". Niemand wird wütend, wenn ein Sprecher frühzeitig zum Schluss kommt. Kürze wird stets geschätzt. Denken wir nur an die unzähligen Sitzungen, die vielfach zu sogenannten "Zeitttöter" werden. Dabei werden oftmals viele gut bezahlte Mitarbeiter unnötig lange beansprucht. Bei vielen Institutionen werden Wege und Möglichkeiten gesucht, Kosten zu senken. Die naheliegendste Forderung wird dabei übersehen: Reden wir weniger lang. Es gilt, den Zeitaspekt ernst zu nehmen. Abraham Lincoln, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten, legte 1863 nach dem Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten die Grundsätze seiner auf das Ende der Sklaverei und die Einheit der Nation zielende Politik dar. Er tat dies in lediglich 269 Wörtern und in weniger als drei Minuten in der berühmten Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg . ( Karte der Schlachtfelder ). ( Photo von Lincoln in Gettysburg ).
Auf der andern Seite wird tatsächlich genau das Gegenteil von Kürze gewünscht: Die Ausführlichkeit. Wir wünschen nämlich auch das stimulierende Element. Wir schätzen die persönliche Note, ausführliche Details, konkrete Geschichten, interessante Erzählungen. Zusätzliche Gedanken sind notwendig, weil sie uns erkennen lassen, wie wir es gemeint haben. Ausführliche Schilderungen lesen wir übrigens auch viel lieber als zu knappe, zu trockene Texte. Stimulanz ist jedoch kaum möglich ohne zusätzliche Worte. Farbige Details sind oft notwendig, weil sonst missverständlich assoziert wird. Es wird beliebig ergänzt. Die Feststellung: 'Heute morgen war der Glärnisch im rötlichem Licht zu sehen. Er blickte hinter dem lichten Nebelmeer gestochen scharf hervor.', ist gewiss nicht viel länger als die kurze Aussage: 'Heute morgen war die Aussicht schön.' Die erste Version ist jedoch dank der ausführlicheren Beschreibung vorstellbarer. Wie bringen wir nun beides unter einen Hut: Kürze und Ausführlichkeit? Kürze, Prägnanz - will heissen: Kurze und bündige Aussagen machen, die das Wesentliche hervorheben. Zu vermeiden ist dabei: Zu abstrakt, zu allgemein, zu gedrängt zu formulieren. Ausführlichkeit, die stimuliert, verlangt Anregung. Die Stimulanz ist eigentlich das 'Salz in der Informationssuppe'. Es geht bei den konkreten Details nicht um den ,Nährwert" der Suppe. Die Stimulanz macht die Botschaft lediglich schmackhafter (d.h. unsere Aussagen werden hörgerechter). Wie beim Kochen gilt bei der Stimulanz: Zuviel verdirbt das "Menue". Konkrete Ausführungen bedeuten: Lebensnahe Beispiele, eine passende adressatengerechte Erzählung, Fragesätze, persönliche Aussagen. Stets gilt es zu beachten: Ausführlichkeit bedeutet nie Weitschweifigkeit. Weitschweifigkeit kennen alle zur Genüge:
  • zu ausführliches Beschreiben
  • oder langes Ausholen
  • zu viele Nebensächlichkeiten auflisten
  • Vom Hundertsten ins Tausende kommen
  • Worte, Begriffe breittreten
  • Abschweifen
  • dem Folgen aller Nebengedanken (assoziatives Reden)
Zur Veranschaulichung noch ein Beispiel: Kurze Version, die genügt: 'Warum haben Sie die Kiste fallen lassen?' Zu komplizierte, zu weitschweifige Formulierung (mit der guten Absicht, konkret zu sein): 'Mit welcher Absicht unter Zugrundelegung welcher Überlegungen haben Sie sich spontan dazu entschlossen, die mit den elektronischen Bauteilen angefüllte Holzkiste sage und schreibe über gut zwei Meter Höhe herunterfallen zu lassen?' Wie kann nun die Balance zwischen Kürze und Weitschweifigkeit gefunden werden? Zur Veranschaulichung drei Varianten aus dem Alltag. Ein Patient informiert beim Arzt: Zu kurze Formulierung:

"Ich habe Bauchschmerzen"

Weitschweifige Formulierung:

"In der Magengegend habe ich immer stechende Schmerzen. Ich hoffe nicht, dass es ein Magengeschwür ist. Denn mein Grossvater hatte ein Magengeschwür, obschon er keinen grossen Stress hatte. Er war Bankangestellter. Wissen Sie, ich nehme auch bewusst keine Schmerztabletten. Am Fernsehen wird immer wieder gewarnt, man nehme zu viel Chemie zu sich. Naturheilmittel helfen genau so gut. Wenn ich Kopfschmerzen habe, helfen bei mir kalte Tücher , die ich auflege. Wie kann ich wissen, ob ich mich bei den Bauchschmerzen ängstigen muss? .........."

Angemessene Form (kurz und ausführlich):

"Nach den Hauptmahlzeiten sticht es bei mir eine Handbreite über dem Bauchnabel. Der stechende Schmerz beginnt ungefähr 20 Minuten nach dem Essen und lässt erst nach einer guten Stunde nach. Verbunden mit den stechenden, krampfartigen Schmerzen habe ich auch einen leichten Brechreiz".



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5. Druck und Zurückhaltung

Ohne "Aus - Druck" kein "Ein - Druck". Doch zu viel Druck erdrückt. Zurückhaltung wird meist auch geschätzt. Wer sich jedoch aus falscher Bescheidenheit immer zurücknimmt, wird letztlich auch weniger überzeugen. Druck, der gleichförmig ist, stört uns immer. Es geht einmal mehr um die Kunst, das Wechselspiel des situationsgerechten Kommunizierens zu finden. Wird der Druck ausgeklammert (monotones Reden), so erkennen wir zudem nicht, was wichtig ist. Denn: Wichtiges muss mit Aus-drucksstärke hervorgehoben werden, damit es als Solches erfasst werden kann. Dynamische Akzente sind Verständlichkeitshelfer, weil die Bedeutung nur dann erfasst werden kann, wenn sie gehört oder gesehen wird. Druckloses Kommunizieren ist mit zu vielen Nachteilen verbunden. Es signalisiert Desinteresse, Angst, Unsicherheit. Wenn wir uns kein Gehör verschaffen, müssen wir uns auch nicht wundern, wenn die Aussage nicht in die Ohren der Hörer eindringen kann und im wortwörtlichen Sinn überhört wird. Druck hat nicht nur mit Lautstärke zu tun. Es geht um die Stütze, die Spannung. Oft ist der Druck auch bei sehr leiser Stimme spürbar. Es geht vor allem um den inneren Druck, um die Präsenz und um das feu sacre. Der Ausdruck manifestiert sich auch in der Gestik und Mimik. Wer ganz bei der Sache ist, gestikuliert automatisch richtig. Die Balance finden, heisst deshalb, in diesem Bereich, das Wechselspiel zwischen Druck und Zurückhaltung situationsgerecht anzupassen. Ähnlich wie beim Wechselspiel Spannung - Entspannung.
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6. Offenheit und Indirektheit

Du bist für mich viel zu eingebildet!" wirft Hugo einer Mitarbeiterin an den Kopf. Den Vorwurf, Hugo sei mit dieser Bemerkung zu taktlos gewesen, schlägt der Kritisierte mit der Bemerkung aus dem Wind: 'Ich bin eben offen. Bei mir weiss man, woran man ist. Ich rede nicht hinten herum.' Wo liegt nun der Unterschied zwischen Taktlosigkeit und Offenheit? Es gibt eine sogenannte Offenheit, die aber verletzt: Die Taktlosigkeit. Sie bewirkt das Gegenteil einer Verbesserung von Kommunikationsabläufen. Sie blockiert. Bei Taktlosigkeiten kommt es nicht selten zu irreparablen Zerwürfnissen. Die zu verblümte Aussage: 'Du hast eine erstaunliche Selbstsicherheit!' führt auf der anderen Seite ebensowenig zu einer Verhaltensverbesserung, weil damit die Kritik nicht als Kritik erkannt werden kann. Sie ist zu indirekt d.h. zu wenig offen. Wer sich um die Balance bemüht zwischen Direktheit und 'diplomatischem Versteckspiel' merkt bald, dass wir in diesem Bereich unablässig üben müssen.


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7. Zuhören und reden

Beim Spannungsfeld Schweigen und Reden geht es um die Extrempositionen, "Nichts-sagen" und "Zu viel reden". Schweigen heisst noch nicht Zuhören. Zuhören bedeutet: Das Gehörte aufnehmen. Das Gehörte bedenken und auf das Gehörte eingehen. Aktives Zuhören bedingt eine Bereitschaft, schweigend zu erfahren, was der Andere wirklich will; verbunden mit Signalen: "Ich höre Dir zu". Vielfach hören wir nur, was in unsere Erfahrungen und Meinungen hineinpasst und reden von uns selbst. Zuhören ist eine Voraussetzung, die eigenen Gedanken adressatengerecht zu formulieren. Ohne aktives Zuhören wird das Reden zum Monolog. Etwas vom Schlimmsten sind Vielredner und Selbstdarsteller. Die Erfolgsformel 'Zuhören- Denken- Reden' illustriert die unabdingbare Notwendigkeit, beides zu beherrschen: Das Hören und das Sprechdenken. (Knill 91)


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8. Neues und Bekanntes

Wenn bei einem Votum zuviel Neues, zuviel Unbekanntes vermittelt wird, dann stellt der Zuhörer schlicht und einfach ab. Ein Übermass an Erstmaligkeit verdauen wir schlecht. . Ist der Informationsgehalt zu banal und längst bekannt, fehlt das innovative Element, so langweilen wir unsere Adressaten. Die Zuhörer gähnen. Sie steigen geistig aus. Deshalb: Unbedingt die Balance finden zwischen Erstmaligkeit (Innovation) und Bestätigung (Redundanz) d.h. zwischen Neuem und Bekanntem. Diese Balance finden, will heissen: Stets die angemessene Mischung anstreben zwischen Innovation und Redundanz. Es braucht hier wiederum Beides! Es gibt auch in diesem Spannungsfeld kein 'Entweder- oder'. (Knill 84)


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9. Grosszügigkeit und Forderung

Ein Team, das wie Pech und Schwefel zusammenhält und einen guten kollegialen Zusammenhalt hat, läuft Gefahr, sich zu stark zu schonen. z.B. Ein Kollege, der dauernd zu spät kommt, wird nicht mehr gerügt. Die Leistung wird nicht mehr gefordert. Ausbildner und Erziehende glauben vielfach, die Forderung nach Leistungserfüllung (Lokomotion) beeinträchtige das gute Klima oder mindere den Kräftezusammenhalt (Kohäsion). Hier gilt es, wieder die angemessene Balance, das richtige Mass zu finden zwischen Grosszügigkeit und hartem Fordern. Das Harmoniegefühl, das über allem steht, macht blind. Aber auch das unablässige harte Fordern, ohne Berücksichtigung des Zusammenhaltgefühles rächt sich. Wir müssen auch in diesem Bereich, mit dem Spannungsfeld 'Grosszügigkeit- Forderung' umzugehen lernen. Beides muss beim Zusammenarbeiten gleichzeitig möglich sein: Sowohl die Kollegialität als auch die Forderung nach Leistungserfüllung.


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10. Bewahren und erneuern

Viele bevorzugen eher die Stabilität als den Wechsel. Die Angst, unsere Angewohnheiten verändern zu müssen, hemmt oft den Willen, das Verhalten zu ändern. Anderseits ist ohne Veränderung keine Verbesserung denkbar. Selbstverständlich ist die Veränderung auch bei einer Verschlechterung im Spiel. Veränderung allein als solche ist deshalb nicht schon gut. Wenn wir bei dem Balanceprozess 'Bewahren - Erneuern' Erfolg haben wollen, müssen wir aber bereit sein, uns zu ändern. Aber nur dann, wenn es um Verbesserungen geht. Anderseits ist es auch zulässig, Bewährtes zu erhalten. Weder das Konservieren noch die Veränderung ist an sich gut oder verwerflich. Wie bei den anderen Spannungsfelder, gilt es, diese Spannung als Dauerzustand zu akzeptieren und tagtäglich zu bewältigen.


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11. Rational und emotional

Wenn wir reden, so ist es gar nicht so einfach, die Balance zu finden, hinsichtlich rationalem und emotionalem Anteil einer Botschaft. Wir sind alle von Vorbildern und an-erworbenen Haltungen geprägt. Wer kennt nicht die extemen Forderungen: 'Sprich sachlich!' (Emotionen werden durch diese Forderung vielfach amputiert). Es gibt zahlreiche Manager, die wurden jahrelang auf 'Cool-sein' getrimmt und durften möglichst keine emotionalen Regungen zeigen. Beherrschung war gefragt. Die Emotionen wurden gleichsam zugeschüttet. Später erhofften sich viele Verunsicherte, das Heil zu finden in der umgekehrten Haltung: Im 'Einbringen aller Gefühle' und im stetem Zelebrieren der eigenen Betroffenheit. Man glaubte nun damit den richtigen Weg gefunden zu haben zur Verbesserung des Kommunikationsklimas. Die Kommunikationsprozesse wurden gleichsam nur noch 'über den Bauch' gesteuert. Es gibt weder ein nur rein sachliches Reden (Logik), noch ein rein emotionales Sprechen (Psyche). Ganzheitlich kommunizieren heisst: 'Pscho-logisch' kommunizieren. Das Gleichgewicht finden zwischen rationaler Ebene und emotionaler Ebene ist alles andere als einfach. Es gibt Situationen, da müssen wir mehr 'über den Kopf' steuern. Es gibt aber auch Prozesse, die sind eher über 'das Herz' anzugehen. Weil die Gefühlswelt jahrelang abgewertet worden ist, besteht zur Zeit noch ein Nachholbedarf im Bereich Emotionalität (E). Laufend werden neue E- Bücher angeboten. Die gute Mischung zwischen Sachlichkeit und Emotionen umschreibt der Begriff: Emotionale Vernunft.


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Fazit

Die Mitte im Spannungsfeld der erwähnten Gegensätze finden, heisst stets:
- Die 'Entweder-oder Fallen" erkennen. Der eine Gegensatz schliesst nämlich den anderen nicht aus.
- Die Balance müssen wir unablässig suchen. Es ist ein stetes Auspendeln, das der jeweiligen Situation entspricht.
- Es geht nicht um ein Verharren in der Mitte. Gefragt ist die situationsgerechte Abwechslung, das Variieren - eben das 'Ausbalancieren können'.
- Die Vielfalt der erwähnten Gegenpole macht uns bewusst, dass unser Verhalten und unsere Sprache nichts zu tun hat mit einem rezeptorientierten Einheits - Kommunikationsstil. Es geht vielmehr um Beweglichkeit, Flexibilität. Die skizzierten Gedanken mögen Sie befähigen, sich im Alltag situationsgerechter zu verhalten und sich bei Mitmenschen verständlicher zu machen.

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Literaturliste



Herzinger,R. 1997 Die Tyrannei des Gemeinsinns. Ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft, Rowohlt Verlag, Berlin
Meier,R. 1996 Team-Power, Walhalla Verlag, Regensburg
Vester,F. 1982 Denken, lernen, vergessen DTV Verlag, München
Ditko,H. 1996 In Bildern reden ECON Verlag, Düsseldorf
Knill,M. 1991 Natürlich, zuhörerorientiert, inhaltzentriert reden SVSF Verlag, Hölstein
Knill,M. 1984 "Informieren -aber wie?" Huber Verlag. Frauenfeld/Stuttgart
Knill/Kunert, Team und Kommunikation Sauerländer Verlag

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