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In der Kommunikation das eine tun und das andere nicht lassen

Die Balance finden


von Marcus Knill


Die zwischenmenschliche Kommunikation besteht aus vielen Paradoxien. Wer bei Kommunikationsprozessen gut mit Gegensätzen umgehen kann, kann besser kommunizieren.

Gegensätze, die es täglich auszubalancieren gilt sind zum Beispiel: Individuum und Kollektiv, Distanz und Nähe, Druck und Zurückhaltung, Offenheit und Indirektheit, Rationalität und Emotionalität. Die Liste liesse sich verlängern, aber in der Folge möchte ich mich auf zwei Gegensätze konzentrieren, die für das "Herüberbringen einer Botschaft" besonders wichtig sind.


Wort und Bild

Bei der Alltagskommunikation ist beides wichtig, abstrakte Worte wie konkrete, bildhafte Aussagen. Das bildhafte Sprechen mit Metaphern, Vergleichen und Analogien hat eine enorme Bedeutung beim Argumentieren, Überzeugen, Beeinflussen, Informieren oder Lehren. Wer sich so ausdrückt, dass wir die Aussage beim Hören quasi sehen, wird nicht nur besser verstanden, er verankert mit dem Bild zudem die abstrakte Aussage im Langzeitgedächtnis. PR-Spezialisten, Verkäufer oder Ausbildner wissen das ebenso wie etwa Christoph Blocher, der als Kind von seinem Vater hörte: "Rede so, dass ich es sehe".
Erst durch die Verknüpfung von rechter und linker Hirnhälfte -also von Bild und Wort- wird das Lernen erleichtert, respektive das Vergessen verhindert. Diese Erkenntnisse wurden bereits in der Bibel umgesetzt, indem abstrakte Thesen mit Gleichnissen veranschaulicht wurden. Erst mittelalterliche Schriftgelehrte, welche als einzige des Lesens und Schreibens kundig waren, werteten Bilder gezielt ab. Wie übrigens auch viele Pädagogen noch vor wenigen Jahren die Comics verdammten, weil sie glaubten, die Bildlastigkeit führe zwangsläufig zu sprachlicher Verarmung. Bildhafte und abstrakte Modalität sind wichtig. Was wir vermehrt lernen sollten, ist das bewusste Ausbalancieren beider Seiten. Wer es versteht, eine abstrakte These mit einem treffenden Vergleich oder Bild zu veranschaulichen, macht die abstrakte Information fass-und vorstellbarer. Wer es hingegen nicht fertigbringt, Aussagen oder Thesen zu visualisieren, muss sich nicht wundern, wenn der abstrakte Sachverhalt schlechter oder gar nicht erfasst werden kann. Wichtig ist, uns auf ein Bild oder einen Vergleich zu beschränken und auf Argumentationsketten oder eine Fülle von Beispielen zu verzichten.


Kino im Kopf

Das 'In Bildern reden' scheint in jüngster Zeit vermehrt die Visualisierungswelle mit Folien und Schautafeln zu verdrängen. Im Prinzip gilt: Jedes Argument oder jeder abstrakte Gedanke wird mit einer konkreten Geschichte oder einem konkreten Beispiel fassbar gemacht. Reden heisst: dafür sorgen, dass es zum 'Kino im Kopf' kommt. Beim Dilemma 'kurz und doch ausführlich gilt es, die richtige Mischung zu finden. In der Praxis stellen wir immer wieder fest: Beides zu berücksichtigen ist etwas vom Schwierigsten für Anfänger wie auch für Profis.
Dass Küze wichtig ist, machen uns nicht nur kurze Beiträge bei Konferenzen, vor allem aber bei Radio und Fernsehen, bewusst. Schon Martin Luther sagte: 'Tritt frisch auf, tu s'Maul auf und hör bald auf'. Langfädige Aussagen, lange Referate, Langredner an Sitzungen oder bei Telefonaten sind etwas vom Ärgerlichsten. Nicht nur, weil sie uns wertvolle Zeit stehlen - sie sind meist auch langweilig. Niemand wird wütend, wenn ein Sprecher frühzeitig zum Schluss kommt. Kürze wird stets geschätzt. Denken wir nur an die unzähligen Sitzungen, die zu sogenannten 'Zeittötern' werden. Dabei werden viele und gut bezahlte Mitarbeiter oftmals unnötig lange beansprucht. Bei vielen Institutionen werden Wege und Möglichkeiten gesucht, die Kosten zu senken, doch die naheliegendste Forderung wird dabei übersehen: Reden wir weniger lang.


Stimulanz braucht Worte

Auf der anderen Seite wird tatsächlich genau das Gegenteil von Kürze gewünscht: Die Ausführlichkeit. Wir wüschen nämlich auch das stimulierende Element. Wir schätzen die persönliche Note, ausführliche Details, konkrete Geschichten, interessante Erzählungen. Zusätzliche Gedanken sind notwendig, weil sie uns erkennen lassen, wie wir es gemeint haben. Ausführliche Schilderungen lesen wir übrigens auch viel lieber als zu knappe, zu trockene Texte. Stimulanz ist jedoch kaum möglich ohne zusätzliche Worte. Farbige Details sind oft notwendig, weil sonst missverständlich assoziiert wird. Es wird beliebig ergänzt.
Die Feststellung, 'Heute morgen war der Glärnisch in rötlichem Licht zu sehen. Er blickte hinter dem lichten Nebelmeer gestochen scharf hervor.' ist gewiss nicht viel länger als die kurze Aussage 'Heute morgen war die Aussicht schön'.
Die erste Version ist jedoch dank der ausführlicheren Beschreibung vorstellbarer. Wie bringen wir nun beides unter einen Hut? Mit Prägnanz, mit kurzen und bündigen Aussagen, die das Wesentliche hervorheben. Zu vermeiden sind dabei zu abstrakte, zu allgemeine und zu gedrängte Formulierungen. Ausführlichkeit, welche stimuliert, verlangt Anregung. Die Stimulanz ist das 'Salz in der Informationssuppe'. Es geht bei den konkreten Details nicht um den 'Nährwert' der Suppe. Die Stimulanz macht die Botschaft lediglich schmackhafter, indem sie Aussagen hörgerechter werden lässt. Wie beim Kochen gilt: Zuviel Stimulanz verdirbt das Menue. Ebenfalls zu beachten ist, dass Ausführlichkeit nie Weitschweifigkeit bedeutet. Mit Weitschweifigkeit wird auch der beste Inhalt bis zur Ungeniessbarkeit verkocht.




Das ist eine HTML-Umsetzung eines Artikels in Alpha , einer Publikation der Verlage Tages-Anzeiger und SonntagsZeitung . Der Artikel ist am 16/17. Mai 1998 erschienen und ist im Online Archiv von Alpha.



Eine ausführliche Version dieses kurzen Artikels finden Sie hier als Balance .





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