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www.rhetorik.ch aktuell: (14. Jul, 2007)

Kunst, Kitsch und Kunde

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Nestlés Nelly Wenger hatte Schokoladeprodukte künstlerisch neu verpacken lassen. Siehe Aktuell vom 14. Juli, 2006. Die kreativen Plastikhüllen wirkten aber kalt. Die Kunden lehnten das Produkt ab. Die Übung wurde mit Verlust abgebrochen.

Auch die neue Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse, die 2005 mit LCD Lichtröhren installiert worden war, wurde vom Publikum nicht akzeptiert. Aktuell vom 2. Dezember, 2005. Von namhaften Künstlern entworfen, ersetzte sie traditionell "kitschige" Weihnachtsbeleuchtung mit den vielen kleinen Lichtern. Doch die "Bürobeleuchtung" wurde kritisiert. Statt Publikumsmagnet, wollten die Leute die neue Bahnhofstrassenbeleuchtung nicht sehen. Geschäftsleute fordern nun den "Kitsch" zurück:
Der Vergleich mit der Caillergeschichte ist nicht abwegig. In beiden Fällen haben die Designer das Publikum nicht berücksichtigt.


Guido Magnaguagno: Quelle
Im Jahre 2005 sagte der Direktor des Tinguely Museums, Guido Magnaguagno an einer Medienkonferenz bei der Einweihung des "revolutionäre" Lichtröhrenband: folgende - heute prophetisch klingenden - Worte:


"Wenn das Bedürfnis nach Kitsch überschwappt sind alle Dämme offen..."


Wie auch in der Rhetorik, wo adressatengerechtes Reden wichtig ist, ist bei einem Produkt der Kunde und bei einem Kunstwerk der Betrachter der Richter.


Ein drittes Beispiel: Letzte Woche hörte ich in Aarau an der Eröffnungsfeier der Schweizerischen Lehrerfortbildungskursen die Rede des Erziehungsdirektors des Kantons Aargau. Auch bei dieser Rede blieben die "Kunden" d.h. die Adressaten (Lehrpersonen) ausgeklammert.

Regierungsrat Rainer Huber las eine Standardrede, die er auch andernorts verschiedentlich gehalten hatte und wahrscheinlich wieder halten wird. Nicht nur bei Schokoladenverpackungen oder Werbeaktionen ist das kundenorientierte Verhalten wichtig. Auch bei Reden ist das adressatengerechte Sprechen ein Muss. Die abgelesenen Worte kamen bei den Lehrkräften entsprechend schlecht an. Ich zitiere einige Reaktionen:


  • Huber hat uns nicht ernst genommen
  • War eine Frechheit
  • Das war eine Missachtung des Auftrages
  • Von uns verlangt man, die Kinder ernst zu nehmen.
  • Der Erziehungsdirektor kann sich jedoch leisten, uns zu "verarschen"


Auch der mangelnde Augenkontakt kam nicht gut an. Die Lehrerkräfte fühlten sich nicht angesprochen.

Dieses Beispiel aus dem Bereich Rhetorik zeigt, dass man das Publikum wertschätzen muss und sich wenigstens fünf Minuten Zeit nehmen sollte, sich in die Adressaten zu versetzen: Was interessiert das Publikum? Wo brennt es ihm unter den Nägeln? Regierungsrat Huber hat eine grosse Chance verpasst.

Künstler und Redner müssten - so wie die Werber - den Adressaten ernst nehmen.


Quellen:




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