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www.rhetorik.ch aktuell: (21. Oktober, 2006)

Zur Arena vom 20. Oktober: Pellis Kritik und die echten Probleme

Persönlich News Beitrag


Das Schweizer Fernsehen thematisierte den Frontalangriff des FDP Parteipräsidenten Fulvio Pellis in der jüngsten "Arena". Pelli hatte der "Arena" vorgeworfen, sie "falle auf die Provokationsfabrik Blochers herein". Nun wollte Urs Leuthard, Moderator der "Arena" mittels einer Elefantenrunde von allen Parteipräsidenten wissen, welches die "wirklichen Themen" unseres Landes sind. Es standen Fragen im Raum wie:
  • Wie können Probleme gelöst werden?
  • Welche Rolle spielen die Medien?
  • Gehört der Kampf um Aufmerksamkeit bereits zum Wahlkampf?
Da sich auch der Arenakritiker Fulvio Pelli erfreulicherweise der Herausforderung stellte, fragten sich viele, wie er seine frühere Medienschelte rechtfertigen würde. Auch der Moderator war gefordert. Die Sendung durfte für ihn nicht zu einer Abrechnung mit einem Kritiker werden. Es darf vorweggenommen werden, Urs Leuthard moderierte souverän und verlor den roten Faden nie.

Wir hatten Pellis Medienschelte bereits ausführlich kommentiert. Ich wurde kurzfristig angefragt, ob ich an der Sendung ebenfalls teilnehmen könnte um in der ersten Reihe mitzuwirken. Ich sagte zu, obschon ich sonst im Hintergrund arbeite und für mich die Medienauftritte der Kunden im Vordergrund stehen. Da die Begriffe Wahlkampf und Propaganda im Ankündigungstext standen, war klar, dass bei dieser Thematik die Kommunikation eine zentrale Rolle spielen würde.


Das Kommunikationsfeld

Drei Akteure wirken beim Kommunikationsfeld "Politik, aktuelle Probleme und Medien" zusammen:

Die Öffentlichkeit

Die Bürger wünschen sich Politiker, die Probleme lösen. Sie wollen, dass Probleme ernst genommen werden und nicht Streitereien, Indiskretionen, Gags oder persönliches Fehlverhalten im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen.

Die Politiker

Politikern wollen aktuelle Probleme erkennen, benennen und lösen. So werden im "Sorgenbarometer" brennende Probleme aufgelistet: so zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Einwanderung, Kostenexplosion, Umweltschutz, Steuerbelastung, AHV, Bildung, Familienpolitik, Gesundheitswesen, Sicherheit, Drogenfragen.

Die Medien

Die Medien haben nicht nur den Auftrag zu informieren. Zusätzlich nehmen sie eine Kontrollfunktion ein, wollen aber auch unterhalten.

Kerngedanken

Zum Zustand der heutigen politischen Landschaft hatte ich notiert: Als Gesprächsteilnehmer musste ich mir eine Dachbotschaft vorbereiten. Die Reduktion auf den Kerngedanken lautete:

Ohne Konsenspolitik lösen wir keine Probleme.


Drei weitere Kernsätze beschäftigten mich:

Politik wird von Personen, nicht von Parteien gemacht Gesucht sind Schlüsselpersonen, Sympathieträger, die überzeugen können und verstanden werden. Nur Politiker, die komplexe Sachverhalte einleuchtend darlegen können, werden verstanden. Die kommunikative Kompetenz dieser Politiker ist etwas Zentrales. Medien dürfen relevante Themen nicht ausklammern Wenn etwas überall diskutiert wird, wird es zum Thema. Spannende Geschichten bringen Einschaltquoten. Deshalb müssen Probleme und Sachverhalte mediengerecht vermittelt werden. Auch hier spielt die Rhetorik eine grosse Rolle: Die Medien benötigen Beispiele, Geschichten und Bilder. Kurz und farbig zu informieren ist eine Kunst, die erlernt werden kann. Gewinner ist, wer die Themen der echten Probleme besetzen kann. Leider gehen viele Politiker nicht auf die echten Probleme ein. Sie suchen Medienpräsenz mit Homestorys, Indiskretionen und Provokationen. Mit Gags und Provokationen kann jedermann in die Medien kommen. Es ist eine rhetorische Frage, ob durch das Wecken von Aufmerksamkeit auch Probleme gelöst werden.


"Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen."
  -- Winston Churchill (1874-1965)


Spannungsfeld Politainment

Das Spannungsfeld des Politainment zeigt, dass Rhetorik in der Politik eine wichtige Rolle spielt:

Einerseits
  • Wichtig sind Inhalte, nicht nur Unterhaltung
  • Wesentlich ist die Substanz, nicht nur Verpackung
  • Fakten, nicht nur Effekte sollten dominieren
Andererseits
  • Trockenen Fakten müssen verständlich vermittelt werden.
  • Sachliche Informationen müssen ansprechen und verstanden werden.
  • Parteien sollten Lösungsideen klar weitergeben können.

Provokation versus Dialog



Kommunikationblocker:
  • polemisieren
  • konfrontieren
  • provozieren
  • den Gegner schlagen
  • einander bekämpfen
  • polarisieren
  • verharren
Konstruktiv politisieren:
  • Vermitteln, Verhandeln
  • Allianzen bilden
  • Probleme diskutieren und Lösungen suchen
  • einen Konsens suchen
  • Seilschaften bilden
  • entgegen kommen
  • Konzessionen machen
  • Koalitionensbereitschaft
  • den Dialog suchen


Extreme Positionen: Extreme Positionen scheinen sich auf den ersten Blick auszuzahlen. Die Stimmbürger denken: Diese Partei ist standfest und verlässlich. Tatsächlich können extreme Parteien zunächst bei den Parteimitgliedern punkten. Sie werden Stimmen gewinnen. Die Parteikasse stimmt. Doch werden extreme Parteien weniger durchbringen können. Wird überprüft, welche Parteien Probleme gelöst haben, dann sieht es bei allen extremen Parteien ernüchternd aus. Parteien der Mitte: Die Parteien der Mitte wären demnach prädestiniert, Probleme zu lösen. Doch müssten sie das Prinzip des Konsens professioneller umsetzen. Leider fehlt in der Schweiz den Parteien der Mitte vielfach die kommunikative Kompetenz. Sie haben Mühe, Themen mediengerecht umzusetzen. Sie überlassen dies extremeren Parteien. Sie verpassen es häufig, die wichtigen Themen zu besetzen. Jüngste Untersuchungen belegen, dass die Parteien neuerdings besser wegkommen, wenn es um das Umsetzen von Lösungen geht.


Hoffen wir, dass bei Wahlen die Besten gewinnen, und nicht jene, die am lautesten bellen.


Notizen zur Sendung

Während der Sendung:
Für mich war es wieder einmal lehrreich, mitzuerleben, wie man bei einer Fernsehsendung als Beteiligte seine ganze Aufmerksamkeit benötigt. Man muss konzentriert zuhören und hundertprozentig präsent sein. Während einer Sendung kann man sich als Akteur nicht mehr in Unterlagen klug machen. Die Kerngedanken müssen antizipiert werden. Mich interessierte es auch, die ganze Sendung einmal aus der Sicht des neuen Konzeptes mitzuerleben. Ich machte mir vorgängig auch Gedanken zur neuen "Arena"- Anordnung. Ein Journalist des "Facts" wollte von mir vor der Sendung im Vorraum wissen, was ich über die die "Arena" sage. Ich war nur bereit, mich nach der Sendung zum neuen Konzept zu äussern. Dennoch wies ich darauf hin, dass nach meinem Dafürhalten "Rundschau", "Club" und "Arena" wertvolle Infotainmentsendungen des Schweizer Fernsehens sind. Den "Club" finde ich dialogischer. Dort kann ein Thema diskutiert d.h. in der Runde vertieft werden. Die "Arena" ist eine Plattform, auf der jede Person die eigene Sicht präsentieren kann. Vorgefertige Statements dominieren. Ich frage mich, ob je ein Teilnehmer sich von einem anderen in der Arena überzeugen lässt. Immerhin werden die die Wortgefechte fair ausgetragen. Der Moderator oder die Moderatorin spielen bei allen Politsendungen eine zentrale Rolle. Es wäre bestimmt spannend zu ergründen, welche der genannten Sendegefässe etwas bewirken, das nachhaltig bleibt. Wie gross ist der Einfluss auf die politischen Gesinnungen? Ich sagte dann nach der Sendung noch zum Konzept, was ich während dem Ablauf als Beteiligter feststellte: Aus meiner Sicht ist die Distanz von der Kerngruppe (vier Akteure plus Moderator im Innern) zum Kreis der Auskunftspersonen zu gross. Der Moderator als Dompteur ist gezwungen - aus technischen Gründen - den Experten den Rücken zuwenden. Blickkontakt ist eingeschränkt oder fehlt für viele im Kreis. Ich hatte bei der Arena über Blochers Provokation als Fernsehzuschauer das Gefühl, dass dieses Modell mit den eingespielten Videosequenzen die Sendung belebt hatte. Blochers Voten wurden vorher aufgenommen und strukturiert eingespielt. Auf diese Variation angesprochen, erklärte mir Moderator Urs Leuthard nach der Sendung, dass sie dieses Modell mit den vorproduzierten Videosequenzen als Experiment gewagt hätten und er selbst festgestellt habe, dass sich die vorgefertigten Elemente als hilfreicher roter Faden erwiesen haben.
Nach der Sendung:
Nach der Sendung hat mich noch Patrik Müller vom SonntagsBlick angesprochen und wir kamen auf Fulvio Pelli zu sprechen. Der Redakator zeigte mir ein Interview, das der Parteipräsident gegeben und abgesegnet hatte. Darin gab Pelli eindeutig zum Ausdruck, dass er künftig ebenfalls mit Provokationen (anlog Blocher) Aufmerksamkeit gewinnen wolle. Ich konnte kaum glauben, dass ein Politiker ein Verhalten kopiert, das er im Grunde genommen missbilligt und nicht zu seiner Persönlichkeit passt. Als Fulvio Pelli während des Gespräches bei uns vorbei kam, sprach ich ihn darauf an und fragte ihn direkt, ob er tatsächlich gesagt habe, er werde künftig auch mit Provokationen Aufmerksamkeit schaffen. Der Parteipolitiker wollte sich zuerst geschickt aus der heiklen Situation stehlen, indem er sagte, dies habe er nicht so gemeint. Er stutzte jedoch, als ihm von Patrik Müller der abgesegneten Wortlaut zitiert wurde. Pelli: "Natürlich will ich nicht Blocher kopieren. Das ist nicht meine Art. Ich finde es immer gut, wenn ein Politiker so bleiben will, wie er ist." Doch war es von Fulvio Pelli unbedacht, vorher leichtfertig etwas zu sagen, das er nachher revidieren musste. Dieses Verhalten nach der Sendung bestätigte meine Befürchtung, dass Fulvio Pelli zu oft Pirouetten macht.

Das Interview im So-blick vom 22. Oktober hatte Pelli abgesegnet. Hier der Beleg, dass Pelli eine Pirouette gemacht hat.
Wenige Tage vor seiner Zusage zur Arena sagte Pelli, es sei Zeit, die "Arena" in der medialen Gerümpelkammer zu entsorgen, um kurz darauf doch in das missliebige Sendegefäss zu gehen. Bereits im "Tagesanzeiger" vom 20. Oktober wurde sein Gesinnungswandel (Der Wechsel vom "Arena"-Beschimpfer zum "Arena"-Nutzer) als Pirouettenverhalten bezeichnet. Ich stellte beim FDP-Parteipräsidenten schon während der Sendung hinsichtlich Thema und Inhalt ein sonderbares Pirouettenverhalten fest: Pellis Vorwurf, man sollte über echte Probleme diskutieren, hatte die "Arena"-Redaktion ernst genommen. Sie leuchteten im Titel. Es ging um die Frage: Welche echten Probleme brennen den Leuten unter den Nägeln? Eigenartigerweise wollte Pelli während der Sendung plötzlich nichts mehr von den Sorgen der Bevölkerung wissen. Das Wort "Sorgenbarometer" beanstandete er. Man müsse nicht immer von den Sorgen reden, sondern vielmehr von dem erfreulichen Dingen. Dies war für mich eine weitere Pirouette. Auf Wunsch Pellis wurden an der Arena die echten Probleme angesprochen. Als man die konkreten Probleme diskutierte, wollte der FDP Parteipräsident nichts mehr davon wissen.


Medienechos


Online version
Nachtrag vom 22. Oktober 2006: Gags allein genügen nicht.

Mit Provokationen können wir zwar Aufmerksamkeit wecken. Um Leute zu überzeugen, braucht es vor allem glaubwürdige Schlüsselpersönlichkeiten, die Inhalte und Themen verständlich erläutern können.


In Heinrich von Grünigens Blog (er war Programmleiter DRS) gelesen:
Nun hat man aber heute Abend in der Arena ein wunderschönes Beispiel dieser Regel erlebt ("Grundsätzlich kommt überhaupt nichts im TV vor ... Und alles was vorkommt, sind die Ausnahmen, welche diese Regel bestätigen"): Vor einer Woche hatte sich FDP-Präsident Fulvio Pelli künstlich erregt darüber, dass es das Schweizer Fernsehen gewagt hatte, den "Fall Ankara" unseres Bundesrats-Pausenclowns zu thematisieren... und was passiert? Flugs hat er selber in der gleichen Sendung eine Plattform. Was ist daraus zu lernen? Wer im richtigen Moment laut genug über unser Fernsehen lästert und es schafft, damit in die Medien zu kommen, dem ist ein Sonneplatz unter den Studioscheinwerfern sicher, ganz egal, was er zu sagen hat. Ganz egal? Könnte das Thema, das uns hier sonst beschäftigt, brisant genug sein, dass sich der nationale Sender in einigen Sonderbeiträgen seiner annehmen würde? Und wie müsste man ihn vorher beschimpfen? In welchem Umfeld? - Vielleicht sollte man sich etwas einfallen lassen.
Kommentar von Patrick Senn zu Pellis Medienschelte:

Die Kritik Pellis wird von vielen Seiten und sogar von relevanten Parteikollegen Pellis nicht geteilt. Es sei nicht an der Politik, die den Medien vorzugeben, welche Themen sie aufzugreifen hätten und welche nicht, sagte etwa der FDP-Nationalrat und ehemalige Moderator der "Arena", Filippo Leutenegger. Noch giftiger äusserten sich Exponenten der anderen Parteien oder Zeitungskommentatoren: Für sie ist die Medienschelte Ausdruck davon, dass die FDP inhaltlich nichts zu sagen habe. SVP-Präsident Ueli Maurer etwa wird in der Sonntagszeitung vom 15. Oktober mit dem Satz zitiert: "Das ist eine reine Verzweiflungstat". Fazit: Pellis Medienschelte war ein Schuss in den Ofen und zeigt einmal mehr, dass Medienkritik ein sehr heikles Geschäft ist. Gerade im politischen Umfeld (aber nicht nur) stellt jede Medienschelte eine Steilvorlage für die Gegner dar, und die Medienschaffenden sind nur allzu gerne bereit, der Kritik an der Medienkritik auch Gehör zu verschaffen - letztlich sind sie in einem solchen Falle Direktbetroffene. Und das akzentuiert zwei generelle Beobachtungen über die Empfindlichkeiten im Mediensystem zusätzlich: Zum einen herrscht insbesondere bei den Medienschaffenden selbst eine sehr grosse (man kann durchaus sagen: übertriebene) Sensibilität gegen alles, was auch nur im Entferntesten als Einschränkung der Pressefreiheit verstanden werden könnte. Zeitungsausschnitt SOZ 2.jpg Diese Empfindlichkeit führt generell dazu, dass Medienschaffende häufig gerne austeilen, selbst aber nur schlecht mit Kritik umgehen können. Wenn - wie in Pellis Kritik - mitschwingt, dass von den Medien Stillschweigen über einen politischen Vorgang verlangt wird, dann wirkt das wie der berühmte Faustschlag auf den Sensibilitätsknopf. Zum zweiten neigen Medienschaffende dazu, sich mit den Kollegen zu solidarisieren, wenn diese unter Druck geraten. Diese Solidarität geht in der Regel sehr weit und auch über ideologische Grenzen hinaus. Es müssen schon klare journalistische Regelverletzungen vorliegen, bis die Solidarität nicht mehr spielt.


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