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www.rhetorik.ch aktuell: (20. Januar, 2006)

Paniksituationen antizipieren

Links: Krisenkommunikation
Stadien WM 2006


Die Krisenplanung Fussballweltmeisterschaft 2006 ist ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gelangt als sich gezeigt hatte, dass es hinsichtlich Fluchtwege bei einer allfälligen Panik mangelt. Zudem wurde die Eröffnungshow der WM mit einer sonderbaren Begründung gestrichen.

Wer sich mit Krisenkommunikation beschäftigt, weiss, wie enorm wichtig das Antizipieren von denkbar schlimmsten Situationen ist. Wir haben bei Beratungen von Firmen und Institutionen immer auch die gravierendsten Pannen und Vorfälle skizziert und in Gedanken- und Planspielen durcharbeiten lassen. Jeder Risikoexperte weiss: Nur wer die Szenarien durchdenkt und trocken übt, kann herausfinden, was zu verbessern ist.

Im Zusammenhang mit der Fussballweltmeisterschaft simulierten externe Fachleute auch Panikszenarien. Die Untersuchung wurde ohne Auftrag des Organisationskomitees von Warentest durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass schon die Explosion einer Friteuse eine Panik auslösen könnte und die Organisatoren sehr schnell überfordert wären. Es muss also nicht unbedingt der Einsturz eines Tribünenteils, eine Massenschlägerei oder eine Terrorattacke sein, um eine Panik auszulösen.



Die "Stiftung Warentest" hat kurz vor der WM die verschiedenen Stadien folgenschwere Mängel eruiert und zum Leidwesen der Organisatoren publiziert. Es hat sich gezeigt, dass Engpässe bestehen und Fluchtwege zu Fallen werden könnten. Im Interesse der Sicherheit wurde die Öffentlichkeit auf diese Defizite aufmerksam gemacht, in der Hoffnung, dass Notinstallationen geschaffen werden können. Die Beurteilung wurde detailliert geschildert.


Dass die aufgedeckten Mängel der Fluchtwege im Olympiastadion in Berlin den Organisatoren nicht gelegen kamen, ist durchaus verständlich. Die Warner wurden hierauf als Panikmacher bezeichnet und OK Chef Franz Beckenbauer verstieg sich in der "Bildzeitung" sogar zur Formulierung:

"Mir reicht's jetzt mit diesem Heer der Besserwisser und Wichtigtuer, die sich über die WM profilieren wollen. Die Stiftung Warentest kennt sich vielleicht mit Gesichtscreme, Olivenöl und Staubsaugern aus. Dabei sollten sie bleiben".


Wir möchten nicht in der Haut Beckenbauers stecken, wenn es was Gott zu verhüten möge - während der WM zu einer echten Panik mit Toten käme. Jedermann kann sich ausmalen, was nach einer Katastrophe in den Medien alles berichtet würde.

Aussagen, Analysen, das Staudruckrisiko, der Strömungsstau (der simuliert werden konnte), die Stolpersicherheit, verschlossene Fluchttore und der Brandschutz, alles würde nachträglich detailliert aufgerollt und kommentiert.

Selbst wenn an der WM nichts passiert, glauben wir, dass Kaiser Franz an seiner rhetorischen Meisterleistung noch lange zu verdauen haben wird. Ein Risikospezialist könnte nämlich Beckenbauer gelassen kontern: Einer der etwas vom Fussballspiel versteht, sollte lieber nicht Brandexperten und Spezialisten in Bau- und Strömungsfragen verurteilen. Die Empfehlung, Schuster bleib bei deinen Leisten! passt in diesem Fall.

Andere Institutionen und viele Firmen nutzen heute das Fachwissen der Sicherheitsexperten und Kommunikationsspezialisten. Sie üben Krisensituationen und den Ernstfall bevor eine Katastrophe eintritt.

Das verantwortliche Kernteam bei Swiss olympic erachtete es vor der Olympiade Athen, ebenso vor Turin als eine Selbstverständlichkeit, rechtzeitig alle denkbaren Pannen und Ereignisse zu antizipieren. Sie liessen sich sich von Fachleuten briefen. Wir zweifeln daran, dass das WM Organisationsteam sich ebenfalls mit allen denkbaren Horrorszanarien konkret auseinandergesetzt hat. Anstatt kurz vor der WM die Kritiker anzuprangern, hätte Franz Beckenbauer mit dem verantwortlichen Organistaionsteam rechtzeitig ein Briefing mit Experten durchführen müssen.

Beatrice Tschanz Auch die Swissair mit der damaligen Kommunikationschefin Beatrice Tschanz simulierte vor dem bekannten Absturz in Halifax Szenarien zu einem Absturz eines Grossraumflugzeuges. Bei der ersten Trockenübung erkannte Tschanz, dass sich die Beübten gar nicht bewusst waren, welche Menge von Anfragen auf sie zukommen werden. Bei der ersten Übung dominierten organisatorische Massnahmen. Flugzeuge wurden umgeleitet und man legte das Schwergewicht auf organisatorische Fragen und auf die Öffentlichkeitsarbeit. Frau Tschanz ging nach dem ersten Briefing unzufrieden nach Hause und rief nochmals alle Verantwortlichen zu einem zweiten Briefing zusammen. Es musste der Führungscrew bewusst gemacht werden: Es geht nach einem Absturz - mit so vielen Toten - in erster Linie um Menschen und Angehörige. Das Führungsteam erkannte hierauf - dank dieses zweiten Briefings -, dass das Telefonnetz zusammenbrechen würde und bereitete eine Internetplattform vor, um Informationen und Nameanlisten bekanntzugeben. Das tatsächliche Unglück verdeutlichte, das sich die detaillierte Vorarbeit gelohnt hatte. Die Vorbereitung hatte sich gelohnt. Die Informationslawine konnte kanalisiert werden und dank des Holprinzipes (Internet) kam es bei der Informationsflut kaum zu Pannen. Frau Tschanz wurde hernach als eine der besten Kommunikatonsfrauen gelobt.

Es könnten noch weitere Beispiele aufgeführt werden, die beweisen: Krisen müssen antizipiert werden! Wir können aus Fehlern lernen.



Erkenntnis: Eine Panik zu antizipieren hat nichts mit Panikmacherei zu tun. Konzepte und Papiere sind recht und gut, konkrete Kontrolle sind besser.


Franz Beckenbauer und die WM kam nicht nur durch seine leichtfertigen Äusserung ins Kreuzfeuer der Kritik. Nachdem die Eröffnungsfeier kurzfristig gestrichen wurde, kritisierte die Öffentlichkeit auch die offiziellen Begründung der FIFA.

Nachdem die Experten der Stiftung Warentest erhebliche Mängel an einigen der WM-Stadien festgestellt hatten, sagte der Weltfussballverband FIFA am Freitag überraschenderweise auch noch die bereits mehrfach pompös für den 7. Juni angekündigte Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion ab, die als die "grösste Fussball-Show aller Zeiten" angepriesen worden war.

Die offizielle Begründung der FIFA lautete:
  • Der Rasen im Olympiastadion sei gefährdet, könne für das erste Spiel am 13. Juni zwischen den Ballvirtuosen aus Brasilien und Kroatien nicht schnell genug wieder hergerichtet werden. Doch wurden von internen Kreisen ganz andere Gründe vermutet:
  • Ein erschreckend schleppender Kartenvorverkauf habe den Organisatoren Angst gemacht. 60'000 Tickets hätten verkauft werden müssen - die billigsten kosteten sage und schreibe 100 Euro. Was wären das für Bilder gewesen: Eine 90-minütige Show vor halb leeren Rängen.
  • Ferner habe man die Kosten für das Spektakel nicht mehr im Griff gehabt. Und das, obwohl dem für die Gala verantwortlichen André Heller bereits 25 Millionen Euro zur Verfügung standen.
Andre Heller Der österreichische Impresario konnte jedenfalls die FIFA nicht mehr von seinem Konzept überzeugen. Erstmals in der Geschichte von Fussball-Weltmeisterschaften hätte die Öffentlichkeit ein pompöse Eröffnungs-Gala erlebt. Mit einem "Fest der Freude" sollte der Grundstein für folgende Weltmeisterschaften gelegt werden. Unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" wollte Heller ein einzigartiges, "durchinszeniertes, durchkomponiertes Bühnenereignis" mit Stars wie Peter Gabriel und Brian Eno zelebrieren.

"Wir planen eine ungewöhnliche Feier in einer ungewöhnlichen Stadt zu einem ungewöhnlichen Anlass"


hatte Heller gewohnt markig erklärt. Bevor Heller seine Pläne der FIFA noch einmal in Zürich präsentieren konnte, wurde er aufgefordert, das Konzept in Teilen zu ändern. Heller akzeptierte dies nicht.

So rang sich die FIFA, nur knapp fünf Monate vor dem Eröffnungsspiel, dazu durch, die Gala unverhofft abzusetzen.
"Auf Grund einer erneuten eingehenden Analyse" sei man zu dem Schluss gekommen, die Veranstaltung abzusagen. FIFA-Präsident Joseph S. Blatter erklärte, die späte Absage sei der FIFA nicht leicht gefallen, "aber für uns als Weltfussballverband müssen die sportlichen Aspekte schliesslich Vorrang haben". Eine Verlagerung in eine andere Stadt komme zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr in Frage. Alle Zuschauer, die bereits Tickets für die Show gekauft haben, sollen die Kosten "vollumfänglich zurückerstattet" bekommen.

André Heller wurde von der unerfreulichen Entscheidung überrascht. Für ihn kam die Absage wie aus "heiterem Himmel", erklärte seine Sprecherin Barbara Schmid.

Wer diese Fakten kennt, wundert sich über die billige Ausrede der FIFA. Nachdem die für den 7. Juni geplante WM-Gala mit rund 7000 Darstellern im Berliner Olympiastadion abgesagt wurde, liess die FIFA verlauten:

Die FIFA entschied sich zur Absage, weil die Rasenfläche der Arena wenige Tage vor dem WM-Auftakt zu sehr beschädigt würde. Ein termingerechter Abbau der aufwändigen Bühnen und Veranstaltungstechnik sowie ein darauffolgender Einbau eines neuen Rasens, der ab 12. Juni in perfekter Spielqualität zur Verfügung stehen müsste, sei nicht ohne erhebliche Risiken möglich.

Die Antwort der FIFA auch der Satz Blatters:

"Wir haben uns die Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht, aber als Verband mussten wir den Sport in den Vordergrund rücken", überzeugt uns nicht.


Die Öffentlichkeit erkannte, dass das Argument mit dem Rasenumbau ein Vorwand war. Was hat nun diese Geschichte mit Krisenkommunikation zu tun? Bei Krisensituationen gilt immer das bewährte Grundprinzip: Informationen müssen glaubwürdig sein, sonst verliert der Informant (die Institution) das Vertrauen. In Krisensituationen ist das Vertrauen etwas vom Wichtigsten. Nicht nur die Journalisten zweifeln jedoch an der Glaubwürdigkeit der FIFA Informationen. Die Kritik an der Absage der FIFA-Eröffnungsgala zur Fussballweltmeisterschaft 2006 im Berliner Olympiastadion wurde ständig lauter. Die Oeffentlichkeit erkannte, dass nicht ehrlich informiert worden war. Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert , sagte im ZDF-"Morgenmagazin", er halte das für "unfassbar". Die von der FIFA angeführten Begründungen überzeugten im Übrigen niemand. Obwohl die Eintrittskarten für die Gala für das normale Publikum viel zu teuer seien, glaube er aber nicht, dass die finanzielle Seite eine Rolle spiele. Die Karten hätten alle verschenkt werden können. Angesichts der Fernsehrechte wäre es trotzdem noch ein Plusgeschäft gewesen. Auch der Stadion-Rasen sei kein Grund. Alle Experten sagten, dass der Rasen spätestens in 48 Stunden "wieder picobello" wäre. Der SPD-Politiker vermutet, dass hinter der Absage Überlegungen steckten, ob der mit der Leitung des Events beauftragte Künstler André Heller aus Sicht der FIFA mit seinem avantgardistischen Programm der richtige Mann sei.

Die geschilderte fragwürdige FIFA Informationspolitik hat etwas mit Beckenbauers rhetorischer Fehlleistung zu tun. Beckenbauer und die FIFA handelten falsch. Würde es an der Fussball - WM zu einer Krise, einer Panik oder einem gravierenden Zwischenfall kommen, beeinflussen all diese kommunikativen Mängel im Vorfeld die Wahrnehmung. Beckenbauers Schelte und die unglaubwürdige Argumentation der FIFA zur plötzlichen Absage der Feier hätten einen Bumerangeffekt.


Erschienen im SicherheitsForum 2/06, [PDF].


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