Nachtrag: Wurde der Chefredaktor Zeit selbst zum Medienopfer?
(Quellen:
Frankfurter Rundschau artikel und
Berliner Zeitung").
Dass eine der grössten Wochenzeitschriften die Thematik Medienopfer traktandiert
und Fälle beim Namen nennt, kann riskant sein. Jedenfalls stellen
wir uns die Frage: Ist es nur Zufall, dass der Chefredaktor kürzlich mit einer
fragwürdigen Titelgeschichte im "Bild" attackiert wurde?
Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo wurde in den Medien viel gelobt, weil er seit
Amtsantritt vor knapp einem Jahr ordentlich zulegen konnte. Die
"Süddeutschen Zeitung" schrieb vom ehemaligen und heiss vermissten
Kollegen: "Auflage gestiegen, Stimmung gut, Neues im Sinn."
Vor wenigen Tagen landete nun di Lorenzo auf der Titelseite von Bild -
allerdings nicht wegen seines publizistischen Erfolgs, sondern wegen
einer angeblichen Affäre.
"Heimliche TV-Liebe" titelte das Blatt und berichtete, dass es
zwischen einer "schönen Moderatorin" und dem "klugen Talkmaster"
(die Lorenzo moderiert auch noch die Talkshow "Drei nach Neun" bei 'Radio
Bremen') gefunkt habe.
"Schöner kann eine Liebe nicht sein", schreibt das "Bild" Blatt im Inneren
weiter und versuchte die Geschichte auf dünner Faktenbasis zu
untermauern: Die "Promi-Szene tuschele", "Gerüchte" gebe es - was
man so schreibt, wenn man sich im Bereich der Privatssphäre bewegt.
Interessant ist für uns das Timing, denn die Zeit
gerade die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Medien und insbesondere der
Bild-Zeitung in einem Artikel beschrieben hatte (siehe oben).
Darin wird ja uach die Entwicklung des Boulevardblatts unter Chefredakteur Kai Diekmann
aufgezeigt. Persönlichkeitsrechtsverletzungen, Kampagnen, Erfindungen und
Rufmorde. Dass nun ausgerechnet einen Tag, bevor diese Fundamantalkritik
an Bild erscheint, im Boulevardblatt über das Privatleben des
Zeit-Chefredakteurs berichtet wird, könnte Zufall sein. Es könnte
aber möglicherweise auch ein weiteres Beispiel dafür sein, wie sich
"Bild" an Journalisten und Prominenten "revanchiert", wenn sie sich ihren
Wünschen widersetzen oder die Zeitung kritisieren.
|
|
Zuletzt wurde die Schauspielerin Alexandra Neldel wochenlang durch die
Schlagzeilen gezerrt, nachdem sie sich gegen Nacktaufnahmen in einem
anderen Springer-Blatt gewehrt hatte.
Für seine Berichterstattung über die Methoden von "Bild" hatte
der Zeit-Reporter Roland Kirbach auch Fragen an Diekmann gerichtet,
zuletzt am Montagabend. Man wusste also bei Bild, dass der kritische
Zeit-Artikel erscheinen werde. Offen bleibt, ob man die Zeit genutzt hat,
um bis zum Erscheinen den Gegenschlag vorzubreiten.
Uns sind einige Medienopfer (Prominente, Spitzensportler selbst
Journalisten) bekannt - die wir beraten hatten und deshalb nicht beim
Namen nennen können, welche ebenfalls von Boulevardjournalisten unter
Druck gerieten (mit happigen Drohungen), nur weil sie sich weigerten,
den Wünschen nach Homestorys zu entsprechen.
|