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"Wortwörtlich" nehmen


von Marcus Knill


Es lohnt sich, Begriffe ab und zu "wortwörtlich" zu nehmen und sich vor dem Gebrauch von Wörtern über deren Etymologie Gedanken zu machen. Dies kann der rhetorischen Sinnesschärfung dienen, aber auch helfen, übertriebene Worte zu verwenden.
Das Üben des "Wortwörtlichnehmens" und "Spiegeln der Begriffe" ist eine Möglichkeit des Selbst- Coachings, die die Selbstkritikfähigkeit beim Reden und Schreiben fördern kann.

Selbstverständlich können wir Mitmenschen auch zur Weissglut bringen, wenn wir ihre Aussagen "wortwörtlich" nehmen. Das heisst: Wenn wir die Semantik immer so interpretieren, wie sie ausschliesslich nach dem Wortinhalt beurteilt wird.
Ein Beispiel:
In einem Seminar stellen sich alle Teilnehmer zu Beginn kurz vor. René beginnt die Runde:
"Ich bin Spitalpfleger."
Sofort wird René vom Leiter unterbrochen:
"Das stimmt nicht!"
René stutzt. Der Leiter begründet die Unterbrechung:
"Sie pflegen nicht das Spital, sondern die Patienten. Sie sind somit nicht Spitalpfleger, sondern Patientenpfleger."
René ist hierauf irritiert und sprachlos.

Dieses Beispiel veranschaulicht, dass im Alltag das absichtliche "Wortwörtlichnehmen" lästig sein kann. Mit Wortklaubereien macht man sich nicht unbedingt beliebt. Trotzdem lohnt es sich, die Bedeutung der Wortinhalte ab und zu unter die Lupe zu nehmen. Die Wortklauberei wird aber auch zum bewussten Destabilisieren, Überraschen oder als Schlagfertigkeitselement genutzt.
Wer mit der Wortklauberei vor allem die "Bedeutung der Wortinhalte" spielerisch anwendet, der lernt zwangsläufig einen sorgfältigeren Sprachgebrauch. Viele formulieren im Alltag allzu unbedacht. Es ist recht spannend, herauszufinden, was hinter den Wortbedeutungen alles verborgen ist. Wir können lernen, die Wortinhalte ernster zu nehmen.
Bei einer Wahrnehmungsübung in einem Seminar mussten sich zwei Personen jeweils eine Minute lang stumm in die Augen schauen. Nachher ging es darum, die Empfindung während des Augenkontaktes zu formulieren. Ein Teilnehmer beschrieb nach der Übung seinen Eindruck mit den Worten:
"Ich war wahnsinnig betroffen."
"Wahnsinnig betroffen" kann eine Person sein, die vom Tod eines Familienangehörigen erfährt. Wir fragten uns, welche Worte die Person wählen würde, wenn sie einmal tatsächlich "wahnsinnig" betroffen ist. "Wahnsinnig betroffen" ist im beschriebenen Fall nicht die angemessene Formulierung.
Im Zusammenhang mit der Bluttat in Zug hörten wir bei Befragungen ebenfalls viele übersteigerte Äusserungen.
Wenn unbeteiligte Radiohörer von "tiefster Trauer" sprachen, fragten wir uns ebenfalls, wie dann die Trauer beschrieben werden müsste, falls der eigene Lebenspartner tödlich verunglückt.
Nachfolgende Liste veranschaulicht, wie spannend die deutsche Sprache sein kann. Verfolgen wir die "wortwörtliche" Bedeutung von Wörtern aus dem Alltag. Betrachten Sie die angefügten Interpretationen lediglich als Denkvarianten. Es ist Ihnen überlassen, eigene Umschreibungen zu suchen.
Ein - bilden Ein Bild wird in unserem Gehirn eingeprägt.
aus - bilden Wortwörtlich genommen würden beim Aus-bilden die Bilder aus den Köpfen genommen. (So gesehen, wäre Ausbildung etwas Negatives und alle Ausbilder müssten eigentlich dafür sorgen, dass die Lernenden eingebildet werden, weil Lernbilder vermittelt werden. Doch Einbildung ist negativ besetzt, weil wir bei eingebildeten Menschen davon ausgehen, dass das innere Bild einer eingebildete Person unrealistisch ist: Die Person überschätzt sich.
mit - teilen Ein Gedanke (ein Teil) wird einer anderen Person übermittelt, in der Hoffnung, das Gegenüber nehmen diesen Teil an. Wir sprechen deshalb von "An teil-nahme". Dann wird der Teil angenommen. Durch das Mit-teilen lässt sich zudem Ärger, Freude, oder Leid teilen.
An - erkennung Andere erkennen an einer Person etwas Positives. Anerkennung macht ebenfalls bewusst, woran man eine Person erkennt.
Er - wartung Ist eine passive Haltung. Wir warten auf.....
Be - geisterung Wir beleben den Geist, der........
Ent - scheidung Wir müssen uns von etwas trennen (Wir scheiden ....)
Ein - fluss Eine Meinung soll einfliessen.
über - zeugen Ein Gedanke zeugt im Menschen eine neue Sicht der Dinge. Das Wort "über" hat nichts mit dem "Überstülpen einer Meinung" zu tun (wie über-reden). Über-zeugen müsste eigentlich vielmehr "Hin - über - zeugen" heissen.
Ent-täuschung Wir haben uns getäuscht und erfahren die Wahrheit.
Ent-wicklung Bringt nach aussen, was verborgen ist (Gegenteil von Aufwickeln).
Selbst-verständlich Wir haben es selbst verstanden
Stand-punkt Es ist ein Punkt, auf dem eine Person steht. Der Punkt ist die eigene Meinung.
preis-wert Ersatzwort für günstiger. Die Leistung entspricht dem Preis.
nach-denken Ist oft eher ein Vor-denken. Beispielsweise, wenn wir gefragt werden oder wenn wir etwas erfahren haben.
Wert-schätzen Wir schätzen die Bedeutung, den Wert von......
Stimmung Hat viel mit der Stimme zu tun. Stimmt die Stimme mit der Stimmung überrein, stimmt etwas vom Wichtigsten. Die Stimme sollte immer mit der Situation übereinstimmen.
über - reden Wir reden über eine andere Meinung hinweg. Darf nicht mit "überzeugen" verwechselt werden.
Vor- stellen Wir stellen etwas vor uns hin (ist sichtbar). Wer so beschreibt, dass es gesehen wird, wird besser verstanden, weil, was konkret "hingestellt" wurde, nicht nur sichtbar, sondern auch gefasst oder gegriffen (be-griffen) werden kann.
Über-sicht Wir stehen über der Sache und sehen das Ganze. Der Philosoph Joseph Simon sagte jüngst: "Weil wir nicht über der Welt stehen, fehlt den Menschen die Übersicht"
Wahr-zeichen Was wir für wahr halten, setzen wir in Zeichen um (als Sprachzeichen oder als Monument). Ein Wahrzeichen ist ein Zeichen (Symbol) der jeweiligen "Wahrheit".

Falls Sie sich in einem Meeting langweilen, nehmen Sie die gehörten Worte und spielen Sie zwischendurch das Denk-Spiel des "Wortwörtlichnehmens".
Wir garantieren, die Sitzung ist für Sie plötzlich nicht mehr langweilig. Das "Wortwörtlichnehmen" kann mitunter recht amüsant sein. Wir entdecken plötzlich, wie unüberlegt die Anderen formulieren.
Weshalb lohnt es sich, den wortwörtlichen Bedeutungen beim Reden und Zuhören nachzugehen?
Dank des gezielten Reflektierens der Wortinhalte sprechen wir in der Alltagsprache viel präziser. Wir merken bald, dass wir oft ungenaue, unpassende Formulierungen anwenden.
Der Teamleiter spricht vielleicht von "Qualitäts-sicherung", meint jedoch damit eine "Qualitäts-verbesserung", (verbunden mit einer Änderung). Das "Sichern" genügt nicht. Dies wäre ja lediglich die Sicherstellung des ist-Zustandes.
Der Leiter meint mit "Qualitätssicherung" die Verbesserung der bisherigen Qualität. Falls Sie durch dieses "Wortwörtlichnehmen" in der Sitzung dem Leiter eine Klärungsfrage stellen, werden Sie bestimmt eine interessante Grundsatzdiskussion auslösen.
Das Üben des "Wortwörtlichnehmens" ist auch eine gute Möglichkeit des Selbst- Coachings. Das "Spiegeln der Begriffe" fördert die Selbstkritikfähigkeit.


Sinnvoll Reden heisst, Inhalt und Sinn der Worte sorgfältig auszuloten. Es geht stets ums Denken vor dem Sprechen, d.h. um das sogenannte "Sprech-Denken".


Wenn wir am Schluss auch noch über den Begriff "Sprechdenken" reflektieren, müsste es statt "Sprechdenken" eigentlich "Denksprechen" heissen.






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