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Lügen erfordert viel Fantasie

Interview von Marcel Reuss mit Marcus Knill im "Zürich Express vom 20. Februar 2003 zum Thema der Woche: "Sind wir die geborenen Lügner".



Marcus Knill, wann haben Sie zum letzten
Mal gelogen?


MARKUS KNILL: Heute Morgen. Wie gehts,
hat mich ein Bekannter gefragt. Es geht,
habe ich geantwortet. Es ging mir aber gut.


Dann halten sie es mit den Forschern, die
behaupten, dass jeder Mensch 100 bis
200 Mal am Tag lügt?


KNILL: Da gibt es verschiedene Thesen. Am
nächsten liegt mir die des Briten Albert
Vrij. Nach ihm lügt der Mensch im Schnitt
zwei Mal im Tag und zu 80 Prozent dabei in
einer unschuldigen Art. Jetzt müsste ich
aber präzisieren, was eine Lüge ist.


Bitte.


KNILL: Wichtig scheint mir der Unterschied
zwischen Lügen, die einem anderen scha
den oder eben nicht. Gegen erstere bin ich
absolut. Letztere bringt der Alltag mit sich.
Da wird geschummelt, verwischt, ver
schwiegen, zur Notlüge gegriffen.


Das finden Sie ok?


KNILL: Kommt auf die Situation an. Ange
nommen ich bin eingeladen. Die Stim
mung ist gut, das Essen, na ja. Da schweige
ich doch lieber und lobe am Ende vielleicht
den Dessert. Ich meine, alles, was man sagt
sollte wahr sein. Aber man muss nicht alles
sagen, was wahr ist.


Dann sind Sie kein Freund von absoluter
Ehrlichkeit?


KNILL: Nein, die ist mir ein Gräuel. 
Übertriebene Ehrlichkeit kann verdammt 
taktlos sein. Zudem schadet man sich, wenn man
immer die volle Wahrheit preisgibt. Oder
soll man in einem Bewerbungsgespräch
alle seine Schwächen auf den Tisch legen?
Nein. Davon rät einem jeder Lebensberater
ab. Spannend wird es aber in Grenzfällen.
Ein Beispiel aus meinem weiteren Umfeld:
Ein Arzt diagnostiziert bei seinem Patien
ten Prostatakrebs. Muss oder soll er im das
mitteilen?


Er muss.


KNILL: Auch wenn der Patienten zu schwe
ren Depressionen neigt und er sich über
die Heilungschancen noch nicht im Klaren
ist? In dem Fall hat der Arzt geschwiegen
und hinterher Recht bekommen. Die
Krankheit verlief günstig.


Ist eigentlich jeder zum Lügner geboren?


KNILL: Nein. Lügen erfordert verschiedene
Begabungen. Phantasie etwa. Man muss
sich so in sein Lügengebäude eindenken
können, bis man es selber glaubt. Abge
brühte Lügner sind deshalb auch in der
Lage einen Lügendetektor auszutricksen.


Man kann sich aber verbessern?


KNILL: Das schon, aber es ist eine enorme
Anstrengung. Nehmen Sie die Affäre Clin
ton Lewinsky. Ich habe das Hearing auf Vi
deo analysiert und kam zum Schluss: Clin
ton hat perfekt gelogen. Nur, dafür trainier
te er mit seinen Coaches wochenlang. Von
der Wortwahl bis zur Mimik oder dem rich
tigen Zeitpunkt, um einen Schluck Wasser
zu trinken, alles hat gestimmt. Da empfeh
le ich meinen Klienten doch besser, sich
selber zu sein. Das kriegen man in einem
zweitätigen Seminar auch wesentlich bes
ser in den Griff.     


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