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| Der Clinton Skandal im Jahre 1998 lieferte interessante Studienbeispiele in Rhetorik. Die folgende Analyse einer Rede von Clinton ist im August 1998 gemacht worden. |
| Vorbereitung |
| Dass Medienauftritte vorbereitet werden sollten, wissen alle, die schon einmal vor Mikrofon und Kamera auftreten mussten. Bei Clinton heisst es, dass er vor dem Videoverhör und seiner Fernsehrede zur Nation wochenlang von verschiedensten Spezialisten täglich - bis zu sechs Stunden lang - gecoacht worden sei. Das Resultat macht deutlich, dass sich bei allen wichtigen Auftritten eine Vorbereitung lohnt. |
Der Ton, die Stimme, die Haltung, der
Blickkontakt und die Kleidung
beeinflussen die Aussage und den Inhalt
enorm. Angenommen, es müsste eine
Person lügen lernen, ist der Aufwand
grösser. Denn: Ehrlich zu
kommunizieren ist viel einfacher, -
weil alle Reaktionen, die unbewusst
gesteuert werden, mit der Aussage
übereinstimmen und kein falsches Spiel
antrainiert werden muss. Die Kamera
entlarvt in der Regel "Lügner". Dazugehören
der Wechsel der Anzahl Lidschläge pro Minute,
die Veränderung
der Pupillen, Hautverfärbungen,
Schweisstropfen sowie der Wechsel der
Muskelspannung oder das Atemverhalten.
Dies wird aber erst bei Nahaufnahmen
feststellbar. Dank der Kameraführung
(Distanzverhalten) glich der
Auftritt von Clinton keinem
"Röntgenakt", so, wie es
beispielsweise bei Nahaufnahmen in der
"Rundschau" beobachtet werden kann.
Die Inszenierung wirkte natürlich und
echt.
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| Aufbau, Wortwahl und Argumentationstechnik perfekt |
Wenn einige rhetorische Aspekte
gelobt werden, geht es nicht darum, den
Wahrheitsgehalt der Aussage zu
beurteilen. Wer die Rede durchliest,
anhört und mehrmals auf Video betrachtet,
stellt eindeutig fest: Die Rede ist
dialogisch. Clinton spricht zum Volk
(Begrüssung, Schluss. Im Text werden jene
Bereiche erwähnt, die verstanden werden
und das Volk interessieren). Der Beitrag
war adressatengerecht: Es dominiert eine
Plausibilitätsargumentation. Begriffe
und Worte werden betont und wiederholt,
die einleuchten und stets unangefochten
bleiben; beispielsweise Verantwortung ,
Familie , Gott , Herausforderung und
Chancen . Der Aufbau und die Struktur sind
gut durchdacht: Schilderung der Situation,
eigene positive Verhaltensweisen werden
hervorgehoben, eigene Fehler
bagatellisiert - mit einem abgeschwächten
Eingeständnis.
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| Es folgt die Argumentationsphase: Warum muss das öffentliche Amt und Privates getrennt werden? Dies scheint denn auch zur Kernaussage zu werden. Es folgt ein Appell: Macht endlich einen Schlussstrich! Lasst mich in Ruhe weiterarbeiten und regieren! Es müssen bedeutende Aufgaben erledigt werden. (Damit interpretiert Clinton implizit: Das Aufdecken einer Lüge ist unbedeutend.) |
| Eigene Stärken betont |
| Ein Laie würde in einer ähnlichen Situation sein Hauptgewicht auf die Verteidigung oder auf die Rechtfertigung verlegen. In der Fernsehrede des Präsidenten dominieren jedoch die eigenen positiven Verhaltensweisen: "Ich übernehme die Verantwortung" - "Ich antwortete juristisch korrekt" "Ich habe niemals jemanden aufgefordert, zu lügen, Beweise zu verstecken oder zu zerstören oder anderweitig ungesetzlich zu handeln." |
| Die Rechtfertigungsphase meistert Clinton mit einer Begründungskette, weshalb ungebührlich gehandelt wurde: 1. Ich wollte mich selbst vor der Peinlichkeit meines Handelns schützen. 2. Ich wollte die Familie schützen. 3. Ich hatte Bedenken wegen der Untersuchung, die sich mit 20 Jahre alten Privatgeschäften befasst (auch in dieser Begründung wird das Private betont und gleichzeitig vermittelt: Wir reden von einer alten Geschichte). |
| Eigene Fehler werden abgeschwächt oder beschönigt |
| Euphemistisch (beschönigend) werden die sexuellen Handlungen beschrieben: "Die Beziehung war ungebührlich" - "Es war ein Einschätzungsfehler" - "Es war ein persönliches Versagen, für das ich allein verantwortlich bin (geht das Gericht nichts an)". Die "Lüge" wird so umschrieben: "Meine öffentliche Äusserung, und mein Schweigen erweckten einen falschen Eindruck." Das Eingeständnis wird anderseits bewusst nicht ausgeklammert. Clinton gibt zu: "Ich habe Menschen getäuscht. Ich bedaure dies zutiefst." |
| Die Rede ist gewiss nicht nur eine rhetorische Meisterleistung hinsichtlich Aufbau, Argumentationstechnik und Wortwahl. Clinton versteht es eindeutig, auch die Gefühle miteinzubeziehen (Inhalt, Stimme, Haltung, Mimik, Gestik, Blick). Die Umfragen bestätigen denn auch: Ob echt, ob gespielt, ob nur antrainiert - die Rede bewirkte recht viel Positives für den Redner. Clinton hat so gesehen die Chance genutzt. Die Kernaussage: "Trennt doch Privates vorn öffentlichen Amt" wird bei Strassenumfragen mehrfach wiederholt. |
| So gesehen, lohnten sich bestimmt die immensen Vorbereitungen. Anderseits müssen wir uns einmal mehr fragen: Kann (und darf) mit gekonnter Rhetorik wirklich alles erreicht werden? |
| Dieser Text ist am 22. August 1998 in den Schaffhauser Nachrichten erschienen. |
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