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Ist Menschenkenntnis lernbar?



Menschenkenntnis fängt stets bei der eigenen Person an: Nur wer sich selbst gut kennt, kann sein Umfeld besser beurteilen.

von Hildegard Knill



"Bitte setzen Sie mich nicht neben Frau XY - ich kann sie nicht ausstehen."

Das war die Bitte einer Kursteilnehmerin in der ersten Kursstunde eines Kommunikationskurses.

"Woher kennen Sie Frau XY?"



"Ich kenne sie nicht, das ist meine erste Begegnung mit ihr. Aber ich habe auf den ersten Blick gesehen, dass sie mir nicht sympathisch ist. Der erste Eindruck trügt nie."

Der Kursteilnehmerin erging es wie uns allen. Bereits beim ersten Kontakt fällen wir ein Urteil über andere Menschen. Dieses Aburteilen ist jedoch der Erzfeind echter Begegnungen.


Der erste Eindruck

Die Einordnung eines neuen Mitglieds in eine Gruppe geschieht nach den Prinzipien der Phänomene des "ersten Eindrucks", mit den klassischen Wahrnehmungsfunktionen. Innerhalt weniger Sekunden wird bewertet, verglichen, vermutet, be- und verurteilt.
So nach:

  • Aussehen (Kleidung, Schmuck Typ),
  • gefühlsmässige Zuordnung,
  • Benehmen (Verhalten),
  • Vorwissen (Ruf, Laufbahn, Titel),
  • Vor-Urteil (auch bei negativen Vorinformationen),
  • Redeweise (Sprache, Stimme),
  • Assoziationen (Ähnlichkeit mit bekannten Personen).
Bekanntlich führen viele Wege nach Rom, und so gibt es auch viele Wege, Menschen besser kennen zu lernen. Begegnungen, Gespräche und ein wirkliches Interesse am Mitmenschen sind Voraussetzung zur besseren Einschätzung. Menschenkenntnis ist keine Geheimwissenschaft. Sie besteht aus einer Summe sozialer Fähigkeiten, die man lernen und durch Üben verbessern kann. Dazu gehört:

  1. Schulung der Wahrnehmung (Menschenkennnis gewinnt man nur aus Menschenbeobachtung und Erfahrung).

    "Der Köper ist der Handschuh der Seele, seine Sprache das Wort des Herzens. Wenn wir offene Sinne und ein waches Auge für die Signale und Kommentare unserer Körpersprache haben, können viele Gespräche und Begegnungen leichter und erfolgreicher verlaufen. Die Kenntnis der Körpersprache öffnet direkte Wege zueinander und einen freieren Umgang miteinder".
    (Samy Molcho)
  2. Auch die Sprache allein, ohne Einsatz der Körpersprache, transportiert durch Wortwahl und Tonfall eine Menge Signale, die zur Verständigung beitragen können. Erschwerend kommt dazu, dass wir auf verschiedenen Ebenen kommunizieren.
  3. Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen. Es ist leichter, zehn Schwächen und Fehler an anderen zu erkennen, als einen an sich selbst.


Die kritische Selbstbeurteilung

Notieren Sie beispielsweise jetzt, welche Stärken und Schwächen Sie haben. Legen Sie diese Liste mit den positiven und negativen Eigenschaften Ihrem Partner oder Ihren Freunden vor. Sie werden über die Reaktionen staunen. Ihre Mitmenschen haben oft ein ganz anderes Charakterbild, eine andere Vorstellung, als Sie von sich selbst haben.

Hebbel hat von sich gesagt:

"Und der ich bin, grüsst traurig den, der ich könnt sein ..."

Bei der Selbstbeurteilung werden auch Sie feststellen, dass es sehr schwer fällt, die eigenen Stärken aufzuzählen.

Den Menschen mit Tests (wie graphologischen Gutachten, Typologien, strukturierten Interviews, Assessments, Stimmanalysen) oder durch die Interpretation des Verhaltens (durch Analyse der Körpersprache) zu erfassen ist schwierig und aufwendig.

Alle diese Methoden gehen von einer bestimmten Fragestellung aus und machen jeweils nur ein bestimmtes Segment der zu beurteilenden Person bewusst. Selbst wenn man sich die Mühe nimmt, einen Menschen mit Hilfe möglichst verschiedener Verfahren zu erfassen, kennt man ihn letztlich nie eindeutig. Gewisse Umrisse lassen sich zwar erkennen, doch 100-prozentig ausloten wird man den Menschen nie können.

Die verschiedenen Analysen führen zu einer Annäherung an das Persönlichkeitsbild. Es bedarf jedoch verschiedener Beurteilungsverfahren.

Da Menschenkenntnis stets bei der eigenen Person anfängt, ist es dank der Förderung der Selbstkritikfähigkeit möglich, den aufwendigen Weg, Menschen zu beurteilen, zu vereinfachen.

Zuerst muss ich mich kennen. Nur wer sich selbst gut kennt, kann andere besser beurteilen.



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Dies ist ein Beitrag, der im STELLENMARKT Südostschweiz vom 10. August 2000 erschienen ist.





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