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Klatschkommunikation

von Marcus Knill




Droge Klatsch

Die Indiskretion ist für viele Medien zum Millionengeschäft geworden. Vor allem die gelbe Presse und die Boulevardmedien leben von der Droge Klatsch. Aber auch seriöse Medien schreiben über Christoph Daums Drogenkonsum.
Fischer Joschka Fischers Vergangenheit und Boris Beckers Scheidungsgeschichte in bester Klatschreportagentradition. Klatsch macht anscheinend vielen Menschen Spass. Nicht nur der Klatschpresse. Jede Firma, jede Organisation kennt ebenfalls eine interne Klatschkommunikation.
Klatsch gedeiht auch gut im Zeitalter des Internets. Auf Suchmaschinen finden sich zahlreiche Links zu "Klatsch und Tratsch". Das Klatschbedürfnis wurde mit den modernen Medien keineswegs reduziert. Den "ungesicherten Informationen"- den Gerüchten, dem Geschwätz, dem Klatsch und Tratsch ­ wurden lediglich neue Kanäle geschaffen.
Scharping Obschon über jeden geklatscht werden kann, sind es vor allem Prominente, die das Publikum zum fantasieren anregt. Klatsch macht sich selbst zum Thema, egal ob es um Scharping, Shawne Fielding, um Steuersünder oder Scheidungen geht. ( Ralph Morgensterns Sendung ist ein typisches Beispiel einer Klatschsendung im Fernsehen. ) Weshalb regiert ausgerechnet in Zeiten der wirtschaftlichen Flaute der Tratsch? Vielleicht sind werbeschwache Phasen lohnende Zeiten für Klatschgeschichten. Ehekrisen verkaufen sich besser als echte Kriege, schrieb einmal der "Spiegel". Beim Klatsch ist der sachliche Gehalt sekundär. Unsere Informationsgesellschaft, die überfüttert wird mit hochstehenden, sachlichen Beiträgen, wünscht nicht nur Bilanzen, politische Hintergrundberichte oder tiefschürfende Analysen.
Der Probleme gibt es derzeit zur Genüge, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsflauten, Umweltkatastrophen oder Kriege. In Zeiten, die unkontrollierbar sind und bei denen düstere Perspektiven dominieren, erfüllt der Klatsch mehr als nur das normale Bedürfnis zur Deckung der Neugier. Der Klatsch ist gleichsam Platzhalter in Zeiten der Ungewissheit, indem er das Interesse bindet.


Klatsch stimuliert

Klatschgeschichten werden stets von Gefühlen der Missbilligung oder des Mitleides begleitet. Manfred Meier, Ex - Unterhaltungschef vom "Bild", vertritt die gewagte Meinung, dass 80% der Prominenten-Geschichten abgesprochen werden. Es trifft jedenfalls zu, dass immer die selben Namen der A Klasse in der Welt des Klatsches dominieren: Boris Becker, der Kanzler, Claudia Schiffer, Uschi Glas.
Dann folgt die B Klasse mit Schauspielern, Ludern, Medienmatadoren etc. Für alle geht jedoch bei der Klatschkommunikation die Rechnung auf, selbst dann, wenn Unangenehmes veröffentlicht wird. Hauptsache ist, dass ein Prominenter von den Medien nicht ausgeklammert wird. Die Akteure profitieren von den Medien und die Medien leben von den Promis.
Auch die Werbung nutzt die Welt des Klatsches. Will eine Firma in einer Zeitung stehen, so muss ein Event her, eventuell mit einer Preisverleihung. Es wird telefoniert und nichts ist einträglicher, als wenn eine prominente Person gewonnen werden kann. Es wird behauptet, Claudia Schiffer folge einer Einladung erst ab 30'000 Euro.
Fielding Auch Shawne Fielding kennt ihren Preis . Medienpräsenz erhöht selbstverständlich den Marktwert.
Sogar Shawnes Gegenspielerin Djamile Rowe erhielt jüngst trotz ihrer widersprüchlichen eidesstattlichen Erklärungen ein lukratives Engagement für die Modeschau auf dem längsten Laufsteg.
( Klatscheinlage: Djamile Rowe habe sich mittlerweile eine neue Nase machen lassen und habe für ihre Geschichte Geld von diversen Boulevardmagazinen erhalten. Kürzlich modelte sie für Brautkleider. Ein paar Tage später gab es in "Bild" eine Homestory. "Wie viel Puder braucht ein Luder?" fragte "Bild" am 13. August. Im 7. Stock des Sony-Centers am Potsdamer Platz wohne sie jetzt. Bald ziehe sie nach Zehlendorf, in eine Vier-Zimmer-Wohnung mit Parkett und beheiztem Handtuchhalter, für 900 Euro Netto-Kaltmiete, schreibt das "Bild". In einer Sat-1-Sendung "Akte 02" kam raus dass Rowe monatlich rund 20'000 Euro kriegt. Am Mittwoch, in der mit den "Tagesthemen" vergleichbaren Schweizer Nachrichtensendung "10 vor 10" sagte Heinrich Ferdinand Wirtz, der in der Presse als "Millionär" auftauchte, der "aussichtslose, spektakuläre Gerichtsprozesse" unterstützt, er habe nochmal nachgerechnet, "bis vor kurzem" habe er Rowe das Luxus-Leben finanziert und tatsächlich 30'000 Euro monatlich bezahlt. )
Die kurzzeitige Klatschprominenz ist stets umgeben von einer Klatschmeute. Klatschgeschichten sind Dienstleister für alle: Für Agenten, PR-Berater, Fotografen, Journalisten, Modefirmen, für Prominente (ob angeschlagen oder nicht) ebenso, wie für die Herausgeber.
Naddel, der Prototyp der boulevardgezüchteten Prominenz, macht fast alles, damit es die Medien veröffentlichen. So liess sie vor laufender Kamera ihren Busen wiegen! Man nennt das Mediengeilheit.
Es gibt immer wieder einen Grund um die Klatschprominenz abzulichten. Auch Banales ist gefragt. Sei es beim Kochen, in den Ferien oder beim Flirten mit einer anderen Klatschprominenz.


Was sagen Fachleute über Klatsch?

  1. Medienforscher Klaus Thiele-Dormann schrieb:

    "Klatsch gibt es, solange es Sprache gibt." "Klatsch betrifft das verhüllte Leben der anderen, er greift ins Intimleben ein. Ein Indiz für Klatsch ist das ungute Gefühl, das man hat, wenn man ihn hört oder verbreitet."

  2. Psychologe Frank Mc Andrew will herausgefunden haben, dass schon in grauer Vorzeit das Wissen und die Verbreitung von Personalnachrichten überlebenswichtig gewesen sei. Wer über andere schlecht reden konnte, verbesserte seinen Status. Im Mittelalter trafen sich die Waschfrauen am Fluss und "klatschten" beim Waschen (Klatschen) der Wäsche. Beim Sichten der Flecken in Männerhosen wurde Böses und Intimes weitergereicht.
    Arbeitsbegleitend wurden Geschichten "mit dem Maule gewaschen". Auch in winterlichen Munkel- und Kunkelstuben, die allegorisch mit dem "Klatschen" in Verbindung gebracht wurden, wie etwa beim Nähen und Flicken ("jemandem am Zeug flicken"), oder bei der Flachsverarbeitung ("jemanden durchhecheln").
  3. Beim Klatsch handelt es sich nach Birgit Althans von der Freien Universität in Berlin), um "Ein spezifisches, ins Auge fallendes, weibliches Geniessen des Sprechens bei langwieriger, monotoner und teilweise sehr harter körperlicher Arbeit, die durch die Lust der arbeitenden Frauen am Klatsch, am Gespräch über das "allerletzte", kompensiert wurde". (Quelle: Dissertation von Birgit Althans "Der Klatsch der Frauen und das Sprechen bei der Arbeit" ­ auch als Buch im Campus Verlag erschienen). Die Männer waren ihrerseits bestrebt, ihre "Informationskultur" zu maskieren, zu rationalisieren und den Klatsch als etwas Weibliches abzutun.
    Im Kaffeehaus, wurde angeblich sachlich diskutiert. Der Klatsch der Männer wurde als Ritual der Rationalität entwickelt, das es erlaubte, aus Gerüchten seriöse, "verlässliche" Nachrichten zu machen, die man für Geschäftsabschlüsse und politische Entscheidungen zu nutzen wusste. Doch die Geschäftsmänner des 18. Jahrhunderts klatschten in Kaffeehäusern (Kaffeeklatsch) ebensoviel wie die Frauen. Doch installierten die Männer das Sprechen als Arbeit.
  4. Der Aufklärer Rousseau erfand mit seiner Konzeption des "typisch" schamhaften weiblichen Sprechens die moderne indirekte "Klatschkommunikation" ("Ich will ja nichts gesagt haben, aber..."), das Spiel mit Andeutungen, mit dem selbst Freud in der Psychoanalyse zu kämpfen hatte. Der Philosoph Ernst Bloch beschrieb den Klatsch als die

    "schiefe Art, unzufrieden zu sein." Klatsch riecht die Treppen auf und ab, hält die Menschen zusammen, indem er sie trennt.

    Die nette Botschaft vom Treffer im Lotto ist keine übermittlungswürdige Nachricht, sehr wohl aber das geflüsterte Gerücht, dass der Geizhals vom Gewinn nichts abgeben will. Das Klatschgewerbe strauchelt an einem Interessenkonflikt: Die Prominenz gibt sich her, solange gut geschrieben wird über sie. Wenn jedoch auch Unangenehmes veröffentlicht wird, dann folgt das grosse Klagelied. Beispiele: Kanzlers Haarfarbe, Borer oder Sabine Christianses Lippen.
  5. "Bild" - Unterhaltungschef Jandek soll gesagt haben:

    "Wer mir seine Hochzeit teuer verkaufen will, bei dem hole ich mir die Scheidung umsonst."

    Das heimliche Wissen, wer homosexuell ist, wer völlig betrunken einer Prominenten in den Ausschnitt gegriffen hat, dieses Wissen macht Klatschreporter mächtig und fördert den Kuhhadel zwischen Wahrheit und Vermutung. Die Redaktionen hüten sorgsam ihre Giftschränke mit Geschichten und Fotos. Irgendwann ist die Zeit immer reif und der Klatsch kann dann gut verkauft werden.


Der Klatsch in der Alltagskommunikation

Auch in der Alltagkommunikation ist die Klatschsucht überall präsent. Nicht nur in Cafeterias, Lehrerzimmern oder in Wandelhallen finden jene Geschichten gutes Gehör, die etwas Negatives gegen eine Person enthalten. (Wobei der Betreffende abwesend ist). Wir haben während ungezählter Supervisionen erlebt, dass Klatsch und Gerüchte sehr rasch das Kommunikationsklima vergiften können. Siehe Mobbing, Bossing.
In verschiedenen Institutionen gelang es uns, mit einfachen Spielregeln, dem Phänomen Klatsch gerecht zu werden. Wer sich mit den Kommunikationsphänomenen auseinandersetzt, muss wissen: Das Bedürfnis des Menschen nach Aussergewöhnlichem ist enorm gross. Negatives lässt sich seit je besser verkaufen und weckt viel mehr Aufmerksamkeit als die normale oder gute Nachricht. Wenn unsere Kursteilnehmer sich über diese Erkenntnis ärgern, machen wir darauf aufmerksam, dass wir alle aussergewöhnlichen Nachrichten grösseres Interesse entgegenbringen.
Angenommen, eine Tochter erzählt am Esstisch, dass sie in der Schule wieder eine gute Note gehabt habe, so wird diese Norm - Aussage rasch abgetan und die Tischrunde wendet sich einer anderen Thematik zu. Falls die Tochter jedoch nur so nebenbei sagt, sie werde wahrscheinlich zurückversetzt - wegen der heutigen Tiefnote- , so wird die ganze Essrunde die Ohren spitzen und an dieser Nachricht ein besonderes Interesse finden. Die Zeitung wird weggelegt, Das Essen unterbrochen. Es folgt eine längere Diskussion.


Wenn wir ehrlich sind, stellen wir auch bei uns fest: Es ist vor allem das Aussergewöhnliche, das unser Interesse weckt. Dies ist völlig normal. Nur müssen wir uns dessen stets bewusst bleiben.


Erkenntnis

Erkenntnis: Das Interesse an Klatsch ist menschlich. Doch lohnt es sich, die damit verbundenen Phänomene zu berücksichtigen. Wer die Kommunikationsphänomene rund um den Klatsch bedenkt, kann leichter mit ihm im Alltag umgehen. Es gelingt, die Kommunikationskultur vor unötigem Gift zu bewahren. K+K hilft Ihnen gerne, die wenigen wichtigen Spielregeln zu befolgen, damit die Klatschsucht keinen grösseren Schaden anrichten kann.


Zum Nutzen von Klatsch

Nachtrag vom 16. August, 2005: Zum Nutzen von Klatsch

Ein Artikel von Benedict Carey vom August 16, 2005 in der New York Times berichtet, dass Klatsch von Wissenschaftlern lange als nutzloser Hintergrundlärm betrachtet worden ist, heute aber auch der Nutzen von Klatsch untersucht wird:

Klatsch hilft einer Gruppe nicht nur, Regeln zu vermitteln, um zusammenzuarbeiten, Klatsch verbreitet wichtige Informationen über das Verhalten einer Gruppe, das schwierig in einer Anleitung zusammengefast werden könnte. Psychologen meinen, dass Klatsch eine Grundlage für neue Mitglieder einer Gruppe bilden kann und ein Sicherheitsnetz für Teamteile, die gefärdet wären, aus dem Team herauszufallen.


 Eric K. Foster Der New York Times Artikel nimmt unter Anderm Bezug auf Forschungen von Ralph L. Rosnow und Eric K. Foster vom Institute for Survey Research Temple University in Philadelphia. Hier ist eine Link zu einem Artikel vom 4. April, 2005.


6. September, 2002




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