Rhetorik.ch

Knill+Knill Kommunikationsberatung

Knill.com
Aktuell Artikel Artikel Inhaltsverzeichnis Suche in Rhetorik.ch:


Horrorauftritte


von Marcus Knill


Jeder Redner kennt die Angst, vor dem Publikum abzustürzen. Etwas Unerwartetes kann den Redner vom roten Faden abbringen, Es gibt auch Horrorszenarien wie ein Stromausfall, das Vergessen der Unterlagen oder ein Stimmversagen. Dass es trotz sorgfältiger Vorbereitung zu unerfreulichen Auftritten kommen kann, wird in diesem Beitrag ausführlich beschrieben. ( Mehr Beispiele [Flash])

Präsentationssünden

Die sieben Sünden der Präsentation nach Tom Cunningham von der Business-Schule in Southern Utah Universität, basiert auf Material vom Produzenten Michael Poe und von Michael Breslin:


Der Vortrag ist zu lang. Die geplante Zeit muss nicht ausgefüllt werden. Länger als vorgesehen zu sprechen, ist ein Affront.
Der Gebrauch von schlechten visuellen Mitteln. Ästetisch schlechte oder unlesbare Präsentationen stören.
Zu viele Nebensächlichkeiten. Niemand erinnert sich an alles, was man sagt oder zeigt.
Zuviele Zahlen. "Numberitis" ist der Hauptgrund für einen Präsentationtod.
Ausfall der Technik. Man ist oft auf die Zuverlässigkeit von Technikern angewiesen. Die Verantwortlichkeit liegt aber beim Sprecher.
Keine Zusammenfassung. Eine Zusammenfassung hilft, die wichtigsten Dinge zu behalten.
Ungenügende Vorbereitung Visuelles und verbales Material werden nicht koordiniert.


Eine eigene Erfahrung

Es gibt viele Ursachen, die eine Rede zum Horrortrip werden lassen können. Meist ist mangelhafte Vorbereitung der Grund, obwohl in Rhetoriklehrbüchen seit je betont wird, dass Vorbereitung etwas vom Wichtigsten ist und der "Anfang ist die Hälfte des Ganzen" ist. Hier ein Erlebnis, bei dem ein Referat vor 300 Lehrkräften trotz eingehender Vorbereitung zu einem Horrorauftritt verkam. Während ich ungezählte Male mit verschiedensten Überraschungen konfrontiert worden war, kamen so viele Unzulänglichkeiten zusammen, dass der Vortrag zu einem Alptraum wurde. Ich wurde Monate vor dem Anlass gefragt, ob ich an einem zentralen Fortbildungstag zu Thema Kommunikation ein Grundsatzreferat über Das Wort, das Bild und Missverständnisse halten würde. Die Thematik interessierte mich, ich sagte zu und bereitete mich eingehend vor. An der Grossveranstaltung waren auch noch Behördenmitglieder und die Presse anwesend.

Vorbereitung: Die Absprache mit dem Organisator klappte reibungslos und war vorbildlich. Details wurden in einer gemeinsamen Besprechung geklärt. Die Infrastruktur wurden wie empfohlen direkt mit den zuständigen Stellen koordiniert. In diesem Fall war es der Hauswart ein Techniker, sowie eine Person, die die Internetprojektion einrichten und bedienen sollte. Am Morgen der Weiterbildungsveranstaltung war um 0630 Uhr der Detailcheck geplant. Ich traf rechtzeitig ein, die Techniker und der Hauswart waren ebenfalls pünktlich dort. 0700 Uhr erschien dann das Paar, das mit einer Kabaretteinlage das Publikum vor meinem Referat humorvoll einzustimmen hatte. Bei seiner Darbietung ging es ebenfalls um die Thematik Kommunikation. Der Absturz: Eine Häufung von Unzulänglichkeiten zwangen zu Konzeptänderungen. Seit Jahren empfehlen wir, die Technik mit konkreten Kontrolle zu testen und sich für diese Vorbereitung genügend Zeit zu nehmen. Was passierte in diesem Fall? Wegen der telefonischer Zusicherung, dass Bild und Ton verhanden sein werden und die Einspielung von Videos von hinten reibungslos möglich sei, akzeptierte ich den Einsatz der beiden Techniker. Ich verzichtete auf einen eigenen Techniker. Die anspruchsvolle und komplizierte Umstellung, der Wechsel von Beleuchtung, Ton, Video und Internet hätte ein Techniker alleine nicht schaffen können. Trotz Absprachen und eines kurzen Checks am Morgen brachten überraschenden Pannen das Konzept aus den Fugen.


Ton

Der Ton der Verstärkeranlage stimmte trotz Vorbereitung kurz nach dem Start nicht mehr.

Mikrophon

Weil ein professionelles Anhängemikrofon fehlte, musste ich mich mit einem Bastelmodell d.h. einem Drahtgestell um den Hals begnügen. Die Einrichtung war jedoch nicht brauchbar: die Aussteuerung schwankte während des Redens. Nachdem das Drahtgestell kurz nach dem Start brach, fehlte ein Ersatzanhängemikrofon. Es blieb nichts anderes übrig, als ein ferngesteuertes grosses Mikrofon in der Hand zu halten. Es musste immer wieder ausgeschaltet werden, weil es angeblich nur 30 Minuten funktionstüchtig sei. Dieses Mikrofon wäre für die Gesprächsgruppe im zweiten Teil - bei der Diskussion - nötig gewesen.

Roter Faden

Die vom Mikrophon blockierte Hand machte es unmöglich, während des Sprechens die vorbereiteten Blätter gemäss "rotem Faden" zu ordnen. Auf das Mikrofon konnte nicht verzichtet werden, denn ohne Verstärkung müsste man schreien. Es blieb nur noch das improvisierte Stegreifsprechen mit willkürlichen Fallbeispielen. Die Zuhörer hatten mitbekommen, dass etwas nicht stimmen konnte. Es gab aber kein Zurück mehr. Ich musste mit den gegebenen Unzulänglichkeiten über die Runden kommen.

Lichtregie

Die Lichtregie und das Abspielen von Videobeispielen wurde zum Flop. Die Koordination Licht, Ton und Video funktionierte aus unerfindlichen Gründen nicht mehr, obwohl es beim Check geklappt hatte.

Internet

Die Verbindung zum Internet funktionierte nicht wie besprochen. Bild und Ton waren nicht gleichzeitig hör- und sichtbar. Auf vorbereitete Beispiele mussten verzichtet werden, obwohl diese beim Referat und bei der Diskussion wichtig gewesen wären. Obwohl mir am Telefon versprochen worden war, während des Referates würde das Internet bedient, entfernte sich die Bedienungsperson (aus angeblich wichtigen Gründen) vor dem Referat und ich stand alleine im Regen. Der Spezialist hätte immerhin ein paar Seiten - auch ohne Ton - zeigen können. So musste auf Internetbeispiele verzichtet werden. Da ich eine Internetpanne antizipiert hatte, konnte ich noch Hellraumprojektor Folien auflegen.

Koordination

Das Einrichten der Technik für eine Kabaretteinlage führte am frühen Morgen ebenfalls zu unerwarteten Reibungsflächen. Als das Kabarett-Duo um 07:00 Uhr erschien, kam es zu Diskussionen. Umstellungen und Anpassungen drängten sich auf. Es war klar, dass durch die gleichzeitigen Tests mit Tonproben fürs Referat und Kabarett die Internetbelange nicht mehr bereinigt werden konnten. Die Kabarettisten mussten gleichzeitig mit mir Ihre Anlage testen. Sie handelten insoweit geschickt, als sie ihre eigene Technik mitbrachten und so wenigstens keine technischen Probleme hatten.

Klimaanlage

Dass an diesem heissen Tag die Klimaanlage auch nicht funktionierte, sei nur noch am Rande erwähnt.


Selbstverständlich gelang es dank Improvisation über die Runden zu kommen. Doch das Publikum hat die inhaltlichen Unzulänglichkeiten wahrgenommen. Es war ein kleiner Trost, dass einige der Lehrkräfte die Kernbotschaft bei Wort - Bild und Missverständnis trotz der Fülle von Pannen erkannt haben, wie ich in abschliessenden Einzelgesprächen erfuhr.

Unsere Leserinnen und Leser können von der Geschichte vielleicht für ihre eigene Referententätigkeit profitieren. Was lernen Sie aus dieser Geschichte? Schreiben Sie uns Ihre Folgerung, Ihren Tipp oder Ratschlag für technische Pannen bei Präsentationen vor grossem Publikum.


Die Wahrnnehmung der Referenten stimmt nicht mit der Wahrnehmung des Publikums überein. Jedenfalls war es erstaunlich und tröstlich, dass die Medien die Kerngedanken des gut vorbereiteten aber zwangsläufig "improvisierten" Vortrags trotz der Pannen und der fehlenden konkreten Beispiele (Wortmissbrauches und Bildfälschungen) erkennen konnten:



Erfreulich war, dass es trotz der unvorhersehbaren Pannen zu vielen positiven Echos kam.


Datum: 15. Juni, 2005




Rhetorik.ch 1998-2009 © K-K , Weblinks sind erwünscht.
Bei Weiterverwendung ist Autoren- und Quellenangabe erforderlich. Feedback?
Knill.com