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Gerüchte - eine effiziente Form der Kommunikation


von Marcus Knill


Kein anderes Medium löst mit ähnlich geringem Aufwand so viel Wirkung aus, wie ein Gerücht. Ob man will oder nicht, Gerüchte sind und bleiben eine äusserst effiziente Form der Kommunikation. Gerüchte bereiten jedoch ein Problem: Man hat sie nicht unter Kontrolle. d.h. sie kommen einem vor allem dann in die Quere, wenn mehr an ihnen ist als man (wahr)haben möchte. Meistens dann, wenn man sie am allerwenigsten brauchen kann, tauchen sie auf.
Dies ist eine Online Version eines Artikels vom 8. Februar, 2003, in der SN.

Was ist ein Gerücht?



Jean-Noel Kapferer "Ein Gerücht ist das Auftauchen und die Verbreitung von Informationen im gesellschaftlichen Organismus, die entweder von offiziellen Quellen noch nicht öffentlich bestätigt sind oder von diesen dementiert werden."
- Nach Jean-Noel Kapferer



Gerüchte sind wie Federn im Wind
aus einem Kissen gestreut
wenn auch bereut
gern zurückgenommen
doch zu weit gekommen
- Raven (Stephan Struck) Quelle.

Es wäre zu einfach, Gerüchte nur als "falsche" Informationen zu definieren, die sich nachträglich als unbegründet herausstellen. Beim Gerücht vom nächtlichen Besuch der Visagistin in der Botschaft Borers ist bis heute nicht der Wahrheitbeweis erbracht. Auch bei Gerhard Schröder ist nicht sicher, ob das Gerücht von der angeblichen Affaire tatsächlich völlig falsch ist.
Deshalb sind Gerüchte so gefährlich. Der Wahrheitsbeweis fehlt. Viele sagen:


"Wo Rauch ist, ist auch Feuer"



"Es kommt nicht von ungefähr, dass....."



"Es könnte doch sein, dass.....



"Es ist vielleicht doch etwas wahr an der Geschichte!"



Übrigens: Wir vertreten bei beiden Fällen (Borer und Schröder) die Meinung: Solange einer Person keine Schuld nachgewiesen werden kann, gilt sie als unschuldig.


Gerüchte als Medium

Gerüchte sind eigentlich das älteste Massenmedium. Sie füllen Löcher der Kommunikation und sichern den sozialen Zusammenhalt. Höhlenbewohner verbreiteten genau so oft Gerüchte, wie es die heutigen Menschen in Cafeterias tun. Beispielsweise wird von Mitarbeitern vermutet, dass ... . Wahrscheinlich ist es so, dass...
Gerüchte können in die Wirklichkeit eingreifen. Im Zusammenhang mit Mobbing und Bossing können Gerüchte auch benützt werden um Menschen auszugrenzen. Gerüchte werden mitunter gezielt gestreut, um andere zu schädigen, oder um eine Bewegung - für oder gegen etwas - in Gang zu bringen. Gerüchte können sogar zu Kriegen führen. Wenn die lokale Ausbreitung überschritten wird, kann ein Gerücht die ganze Gesellschaft erfassen.
Werden Gerüchte inszeniert, erfolgt die Verbreitung - wie erwähnt - unkontrolliert.
Sind sie gestreut, lassen sie sich kaum noch unterdrücken, stoppen oder verhindern.
Sie verbreiten sich schneller, wenn Medien als Multiplikatoren mitspielen.
Falls das Gerücht vertraulich ist und nicht weitergesagt werden darf ("Bitte niemandem davon erzählen"), beschleunigt sich die Geschwindigkeit der Verbreitung. Obwohl Gerüchte eine verhältnismässig kurze Lebensdauer haben, können sie sich blitzschnell - wie ein Lauffeuer - verbreiten. Für ein erneutes Aufflammen des Feuers sorgen zusätzliche Informationen oder gezielte Falschmeldungen. Es ist keine Kunst, die Gerüchteküche anzuheizen. Jean-Noel Kapferer - er ist Vorsitzender einer "Stiftung zur Untersuchung und Aufklärung von Gerüchten" - und wird auch "Gerüchte Papst genannt" glaubt daran, dass Gerüchte einer "zwingenden Logik" folgen, deren "Mechanismen sich im Einzelnen analysieren lassen." (Siehe Literaturverzeichnis).


Zum Parkinson-Prinzip

Ein Gerücht ist kein Naturereignis. Cyrill N. Parkinson sagt:

"Wo immer in der Kommunikation ein Vakuum entsteht, werden Gift, Müll und Unrat hineingeworfen."

Der Urheber des Parkinson-Prinzips unterstellt mit obiger Aussage den Gerüchten stets böse Absichten.
Dies muss nicht in allen Fällen so sein. Doch trifft Parkinson mit seiner These vom Kommunikationsvakuum sicherlich den Kern des Problems.

Gerüchte sind oft spekulative Antworten auf Fragen, die andere bewegen. Fehlt das Interesse an einer Story, so entsteht gar kein Gerücht.



Werden bestehende Fragen offen, rasch und überzeugend beantwortet, fehlt das Gerücht. Gerüchte entstehen vor allem dann, wenn wichtige Fragen unbeantwortet bleiben.

In jedem Unternehmen werden täglich unzählige Spekulationen geäussert. Von all den zahlreichen Spekulationen werden aber nur wenige von Mund zu Mund weitergetragen, verändert, dramatisiert und als Gerücht weitervermittelt.
Entscheidend für die Verbreitung ist immer der Nährboden, auf den das Gerücht fällt.
In Unternehmen mit unzulänglicher Information blühen erfahrungsgemäss die Gerüchtepflanzen auf.
In der Regel sind Gerüchte dramatischer als die Wahrheit, die dahinter steht.
Weil sich die wenigsten Mühe geben bei der Unterscheidung zwischen Fakten und Vermutungen, werden Vermutungen schnell zu Tatsachen.
Mit einer offenen transparenten Informationspolitik lässt sich der Gerüchtewildwuchs am effizientesten verhindern.
Auch bei grösstem Bemühen um gute Kommunikation wird es nie möglich sein, alle Mitarbeiter vollständig zu informieren. So bleibt trotz guter Information stets noch ein Rest von Unklarheit was zwangsläufig immer wieder zu neuen Spekulationen oder zu unerwarteten Gerüchten führt.
Weshalb finden die wildesten Spekulationen die grösste Resonanz?
  • Gerüchteverbreiter und Zuhörer können sich beide an der "Lust des Dramas" berauschen
  • Der "Wissende" kann seine Wichtigkeit geniessen
  • Der Zuhörer sieht seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt
  • Falls die Menschen das Gefühl haben, sie werden falsch oder unvollständig informiert, entsteht Misstrauen. Die sich daraus entwickelnde Angst ist dann einer der besten Gerüchtebeschleuniger.


Erkenntnis:

Es lohnt sich, rasch und offen zu informieren und auch unangenehme Dinge unverblümt mitzuteilen.
Offiziell verkündete Informationen sollen Gerüchte vermeiden. Sie sind jedoch nicht unbedingt nur deshalb vertrauenswürdiger, weil sie offiziell verkündet worden sind. Oft sind Informationen nur Ausdruck einer Strategie, um andere zu beeinflussen. Selbst wissenschaftliche Befunde können später widerlegt werden oder sind Halbwahrheiten. Das meiste, was wir wissen, haben wir in der Regel nur gehört, gelesen oder im Fernsehen gesehen.
So vieles im Leben ist leider von Gerüchten gestrickt: Der Mensch selektiert immer Informationen, nimmt nur Teile wahr oder ignoriert sie. Jean-Noel Kapferer schreibt dazu:

"Je weniger unsere Gesellschaften lesen, desto mehr stützen sie sich auf Bild und Wort, auf das, was unsere Augen sehen, und auf das, was man uns gesagt hat. Das Gerücht schleicht sich nunmehr in diesen beiden Wahrnehmungsformen unserer Umwelt ein."



Gerüchtebeschleuniger

Dank der Medien und der modernen Computernetze wie auch des Telefons kommt es zu einer Symbiose von kollektiven und individuellen Kommunikationstechniken. Informationen oder Gerüchte lassen sich mit rasender Geschwindigkeit über den ganzen Globus verbreiten. Wie einst im Dorf auf dem Marktplatz oder in der "Dorfbeiz" eine Neuigkeit unverzüglich verbreitet werden konnte, so geschieht dies heute im virtuellen Raum. Diesem Netz als Träger der Gerüchte müsste vermehrte Beachtung geschenkt werden. Das Internet, das wir mit unserem virtuellen Buch auch nutzen, ist im Grunde genommen die Wiederkehr des "ältesten Massenmediums". Damit bekommt bei der Thematik Gerücht der von McLuhan propagierte Begriff des "globalen Dorfes" eine zusätzliche Bedeutung. Gerüchte können im globalen Dorf beliebig gestreut werden.


Literatur und Links zum Thema





8. Februar, 2003




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