Fernsehfrau Eva Wannenmacher wurde im Facts (Ausgabe 32, 2003) von
Rolf Hürzeler interviewt. Die Antworten von Medienprofis
sind in der Regel lehrreich. Wir wollten deshalb die Aussagen
der ehemalige 10 vor 10 Moderatorin genauer unter die Lupe nehmen.
Eva Wannenmacher hätte nach ihrer Tätigkeit bei
"10 vor 10" die anspruchsvolle Sendung "Gesundheit Sprechstunde"
moderieren können. Der Vertrag stand bereits. Doch wurde die
Journalistin unverhofft vertragsbrüchig und zog es vor, bei
TV 3, die niveaulose "Big Brother" Sendung zu moderieren. Dort
hatte sie jedoch weniger Erfolg und erlebte hierauf eine
längere fernsehlose Zeit. Heute präsentiert sie bei
3 SAT die Sendung "Kulturzeit". Damit steht Eva Wannenmacher wieder
im Rampenlicht und ist erneut eine gefragte Frau. Uns interessierte
vor allem, wie die "neue" Eva Wannenmacher auf provokative Fragen
reagiert. Mit kritischen Fragen musste sie rechnen.
1. Sequenz:
Facts:
Was sind Sie, eine Journalistin, eine Moderatorin oder eine Märlitante, die
gegenwärtig mit selbst geschriebenen Geschichten vors Publikum tritt?
Wannenmacher:
Als Moderatorin muss ich auch Journalistin sein, um einen guten Job zu
machen. Und eine Märlitante bin ich nicht, sondern ich lese eine Reihe von
"Märchen für Erwachsene Geschichten" vor.
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Analyse
Eva Wannenmacher wiederholt "Märlitante" und zementiert damit diesen
Vorwurf. Professioneller wäre folgende Version:
"Ich bin Journalistin und lese Erwachsenen aus der Reihe "Märchen für
Erwachsene" vor."
Es gehört zum fachgerechtem Training, dass negative, abwertende Begriffe
nicht wiederholt werden. Wir haben erlebt, dass ein Teilnehmer im
Mediensimulator gefragt wurde:
"Sie sind Lehrer. Haben Sie als Ferientechniker kein schlechtes Gewissen?"
Antwort: "Ich bin kein Ferientechniker".
"Warum macht Sie das wütend, wenn man Ferientechniker sagt?"
Antwort: "Weil wir keine Ferientechniker sind."
"Ein Ferientechniker ist doch nichts Schlimmes!"
Antwort: "Sie haben schon wieder Ferientechniker gesagt!"
"Gut, dann sage ich nie mehr Ferientechniker."
So kam wie bei einer Zahnpastareklame das Wort in wenigen Sekunden sieben
Mal zu Ohren. Das missliebige Wort wurde dadurch im Langzeitgedächtnis
gespeichert.
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2. Sequenz
Vorbemerkung: Frank Hubarth ist Redaktionsleiter bei 3 Sat.
Facts:
"Wie haben Sie Hubarth davon überzeugt, dass Sie kulturell
sattelfest sind?"
Wannenmacher: "Ich habe einen Test absolviert."
Facts: "Was? Über Goethes "Wahlverwandschaften"
und solche Dinge?"
Wannenmacher:
"Nein. Wir sind ja nicht in der Schule. Mehr über Aktuelles."
Facts: "Christoph Marthalers Abgang in Zürich?"
Wannenmacher: "Das war ein Thema."
Facts: "Und Ihre Meinung dazu?"
Wannenmacher:
"Ich bedaure es, dass er geht. Ich hoffe auf eine gute Nachfolgeregelung,
die Zürich weiterhin erstklassiges Theater bringt. Ich habe letztes Jahr
für Marthaler mitdemonstriert."
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Analyse
Bei Zweifeln an der Kompetenz bedarf es bei einer kompetenten Person keiner
Rechtfertigung. Der Hinweis "Ich habe für Marthaler demonstriert"
wirkt wie eine Rechtfertigung: Ich interessiere mich doch für Kultur.
Das Mitmarschieren ist zudem gar kein Argument, das überzeugt.
Die Begründung mit dem Test und das Eingehen auf Goethes
Wahlverwandschaften wertete die Kompetenz der Moderatorin eher ab.
Der Beweisnotstand ist möglicherweise auf ein Manko
zurückzuführen. Obschon es viele gute Journalisten ohne Abschluss
gibt, scheint Eva Wannenmacher darunter zu leiden, dass sie kein
abgeschlossenes Studium hat. Denn der Einsatz bei "Big Brother" ist alles
andere als ein Alibi für echtes Kulturinteresse. Wenn Wannemacher
tatsächlich kulturinteressiert wäre, so müsste sie bei
diesen Fragen sattelfester sein. Dies zeigt sich auch in der 3. Sequenz.
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3. Sequenz:
Facts: "Ihre kulturellen Präferenzen?"
Wannenmacher: "Kleine, stille Kinofilme. Und ich lese gerne."
Facts: "Ihre Karriere zeichnet sich durch Sprunghaftigkeit aus."
Wannenmacher: "Das war nur einmal."
Facts: "Zweimal."
Wannenmacher: "Wann denn?"
Facts:
"Als Sie von SF DRS wegzogen und statt "Gesundheit Sprechstunde" bei TV3
"Big Brother" moderierten. Und jetzt setzen Sie voll auf Kultur."
Wannenmacher:
"Als ich TV 3 moderierte, wusste ich nicht, dass ich "Big Brother"
moderieren sollte."
Facts: "Sondern?"
Wannenmacher:
"Das war bei Vertragsabschluss nicht klar. Aber ich gebe zu, dass diese
Hüpferei nicht besonders klug war. Ich war damals noch jung und suchte was
Neues im Leben."
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Analyse
Eva Wannenmacher bestritt zuerst die Sprunghaftigkeit, musste nachher doch
zugestehen, dass sie verschiedentlich gewechselt hatte. Der Journalist
konnte nachweisen, dass sie sprunghaft war. Wannenmacher gesteht erst am
Schluss ein, dass diese Hüpferei nicht besonders klug war.
Dieser Satz wurde hernach zum Titel des Beitrages.
Mit der Rückfrage "Wann denn?" offerierte Wannemacher dem Interviewer
unnötigerweise eine Plattform, auf welcher er die Hüpfgeschichten
detailliert aufwärmen konnte.
Eine weitere Schwachstelle hat der Dialog bei der Big Brother Thematik:
Niemand glaubt, dass jemand einen Vertrag unterzeichnet, ohne zu wissen
welche Sendegefässe bei einer Anstellung in Frage kommen. Der Journalist
scheint sich ebenfalls zu wundern. Er greift nach und erfährt, dass es beim
Vertragsabschluss lediglich "nicht klar war".
Diese Antwort ist erneut eine Berichtigung. "Ich wusste es nicht"
ist nicht identisch mit "Es war zu jenem Zeitpunkt noch nicht klar". Schade:
Die Korrekturen lassen Wannemacher in dieser Sequenz unglaubwürdig
erscheinen.
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Als ob Eva Wannenmacher nach dem "Facts"-Interview erkannt hätte, dass sie
bei diesem Gespräch die Chance vertan hatte, sich ins richtige Licht zu
rücken; verstand sie es im "Tele" (Ausgabe 35/03) das Image einer
Feuilleton-lesenden Frau zu vermitteln. Sie sprach dort vor allem vom Lesen
und betonte, dass sie sich täglich drei Stunden ins Feuilleton vertiefe. Sie
befolge zudem die Tipps von Elke Heidenreich.
"Sie macht mir Lust aufs Lesen. Ich darf gar nicht sagen, wieviele Bücher
ich letzte Woche gekauft habe."
Dieses Schwärmen für Bücher und fürs Lesen machte sich für
sie bezahlt. Im "Tele" erntete sie den erwünschten Titel: "Leidenschaft Lesen".
Hier hatte Eva Wannemacher ihre Chance genutzt, obwohl mit dem Bücherkauf
noch nicht garantiert ist, dass die Bücher auch alle gelesen und
verarbeitet werden.
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Erkenntnis
- Wer antwortet, muss sich die wichtigsten Fragen antizipieren. Was sage
ich, wenn ... Wenn eine Journalistin eine neue Sendung übernimmt, liegt es
auf der Hand, dass Fragen über die Vergangenheit und über das
Interesse an Kultur gestellt werden.
- Wer Interviews gibt, kann mit den eigenen Aussagen Titel und Inhalt
stark beeinflussen. Das Motto "Wer fragt, führt!" ist
hinlänglich bekannt. Die Erkenntnis
"Wer antwortet, kann lenken und Inhalte setzten!" ist aber den
Wenigsten bewusst.
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Fazit:
Wer überzeugen will, muss sich vorbereiten, vor dem Antworten erst
überlegen, und dann sprechen.
Nachträgliche Korrekturen machen Aussagen unglaubwürdig.
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