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www.rhetorik.ch aktuell: (27. September, 2003)

Antworten einer Profifrau



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Fernsehfrau Eva Wannenmacher wurde im Facts (Ausgabe 32, 2003) von Rolf Hürzeler interviewt. Die Antworten von Medienprofis sind in der Regel lehrreich. Wir wollten deshalb die Aussagen der ehemalige 10 vor 10 Moderatorin genauer unter die Lupe nehmen. Eva Wannenmacher hätte nach ihrer Tätigkeit bei "10 vor 10" die anspruchsvolle Sendung "Gesundheit Sprechstunde" moderieren können. Der Vertrag stand bereits. Doch wurde die Journalistin unverhofft vertragsbrüchig und zog es vor, bei TV 3, die niveaulose "Big Brother" Sendung zu moderieren. Dort hatte sie jedoch weniger Erfolg und erlebte hierauf eine längere fernsehlose Zeit. Heute präsentiert sie bei 3 SAT die Sendung "Kulturzeit". Damit steht Eva Wannenmacher wieder im Rampenlicht und ist erneut eine gefragte Frau. Uns interessierte vor allem, wie die "neue" Eva Wannenmacher auf provokative Fragen reagiert. Mit kritischen Fragen musste sie rechnen.

1. Sequenz:

Facts: Was sind Sie, eine Journalistin, eine Moderatorin oder eine Märlitante, die gegenwärtig mit selbst geschriebenen Geschichten vors Publikum tritt?

Wannenmacher: Als Moderatorin muss ich auch Journalistin sein, um einen guten Job zu machen. Und eine Märlitante bin ich nicht, sondern ich lese eine Reihe von "Märchen für Erwachsene Geschichten" vor.


Eva Wannenmacher

Analyse

Eva Wannenmacher wiederholt "Märlitante" und zementiert damit diesen Vorwurf. Professioneller wäre folgende Version: "Ich bin Journalistin und lese Erwachsenen aus der Reihe "Märchen für Erwachsene" vor." Es gehört zum fachgerechtem Training, dass negative, abwertende Begriffe nicht wiederholt werden. Wir haben erlebt, dass ein Teilnehmer im Mediensimulator gefragt wurde: "Sie sind Lehrer. Haben Sie als Ferientechniker kein schlechtes Gewissen?" Antwort: "Ich bin kein Ferientechniker". "Warum macht Sie das wütend, wenn man Ferientechniker sagt?" Antwort: "Weil wir keine Ferientechniker sind." "Ein Ferientechniker ist doch nichts Schlimmes!" Antwort: "Sie haben schon wieder Ferientechniker gesagt!" "Gut, dann sage ich nie mehr Ferientechniker." So kam wie bei einer Zahnpastareklame das Wort in wenigen Sekunden sieben Mal zu Ohren. Das missliebige Wort wurde dadurch im Langzeitgedächtnis gespeichert.


2. Sequenz

Vorbemerkung: Frank Hubarth ist Redaktionsleiter bei 3 Sat.
Facts: "Wie haben Sie Hubarth davon überzeugt, dass Sie kulturell sattelfest sind?"
Wannenmacher: "Ich habe einen Test absolviert."
Facts: "Was? Über Goethes "Wahlverwandschaften" und solche Dinge?"
Wannenmacher: "Nein. Wir sind ja nicht in der Schule. Mehr über Aktuelles."
Facts: "Christoph Marthalers Abgang in Zürich?"
Wannenmacher: "Das war ein Thema."
Facts: "Und Ihre Meinung dazu?"
Wannenmacher: "Ich bedaure es, dass er geht. Ich hoffe auf eine gute Nachfolgeregelung, die Zürich weiterhin erstklassiges Theater bringt. Ich habe letztes Jahr für Marthaler mitdemonstriert."

Analyse

Bei Zweifeln an der Kompetenz bedarf es bei einer kompetenten Person keiner Rechtfertigung. Der Hinweis "Ich habe für Marthaler demonstriert" wirkt wie eine Rechtfertigung: Ich interessiere mich doch für Kultur. Das Mitmarschieren ist zudem gar kein Argument, das überzeugt. Die Begründung mit dem Test und das Eingehen auf Goethes Wahlverwandschaften wertete die Kompetenz der Moderatorin eher ab. Der Beweisnotstand ist möglicherweise auf ein Manko zurückzuführen. Obschon es viele gute Journalisten ohne Abschluss gibt, scheint Eva Wannenmacher darunter zu leiden, dass sie kein abgeschlossenes Studium hat. Denn der Einsatz bei "Big Brother" ist alles andere als ein Alibi für echtes Kulturinteresse. Wenn Wannemacher tatsächlich kulturinteressiert wäre, so müsste sie bei diesen Fragen sattelfester sein. Dies zeigt sich auch in der 3. Sequenz.

3. Sequenz:

Facts: "Ihre kulturellen Präferenzen?"
Wannenmacher: "Kleine, stille Kinofilme. Und ich lese gerne."
Facts: "Ihre Karriere zeichnet sich durch Sprunghaftigkeit aus."
Wannenmacher: "Das war nur einmal."
Facts: "Zweimal."
Wannenmacher: "Wann denn?"
Facts: "Als Sie von SF DRS wegzogen und statt "Gesundheit Sprechstunde" bei TV3 "Big Brother" moderierten. Und jetzt setzen Sie voll auf Kultur."
Wannenmacher: "Als ich TV 3 moderierte, wusste ich nicht, dass ich "Big Brother" moderieren sollte."
Facts: "Sondern?"
Wannenmacher: "Das war bei Vertragsabschluss nicht klar. Aber ich gebe zu, dass diese Hüpferei nicht besonders klug war. Ich war damals noch jung und suchte was Neues im Leben."

Analyse

Eva Wannenmacher bestritt zuerst die Sprunghaftigkeit, musste nachher doch zugestehen, dass sie verschiedentlich gewechselt hatte. Der Journalist konnte nachweisen, dass sie sprunghaft war. Wannenmacher gesteht erst am Schluss ein, dass diese Hüpferei nicht besonders klug war. Dieser Satz wurde hernach zum Titel des Beitrages. Mit der Rückfrage "Wann denn?" offerierte Wannemacher dem Interviewer unnötigerweise eine Plattform, auf welcher er die Hüpfgeschichten detailliert aufwärmen konnte. Eine weitere Schwachstelle hat der Dialog bei der Big Brother Thematik: Niemand glaubt, dass jemand einen Vertrag unterzeichnet, ohne zu wissen welche Sendegefässe bei einer Anstellung in Frage kommen. Der Journalist scheint sich ebenfalls zu wundern. Er greift nach und erfährt, dass es beim Vertragsabschluss lediglich "nicht klar war". Diese Antwort ist erneut eine Berichtigung. "Ich wusste es nicht" ist nicht identisch mit "Es war zu jenem Zeitpunkt noch nicht klar". Schade: Die Korrekturen lassen Wannemacher in dieser Sequenz unglaubwürdig erscheinen.


Als ob Eva Wannenmacher nach dem "Facts"-Interview erkannt hätte, dass sie bei diesem Gespräch die Chance vertan hatte, sich ins richtige Licht zu rücken; verstand sie es im "Tele" (Ausgabe 35/03) das Image einer Feuilleton-lesenden Frau zu vermitteln. Sie sprach dort vor allem vom Lesen und betonte, dass sie sich täglich drei Stunden ins Feuilleton vertiefe. Sie befolge zudem die Tipps von Elke Heidenreich. "Sie macht mir Lust aufs Lesen. Ich darf gar nicht sagen, wieviele Bücher ich letzte Woche gekauft habe." Dieses Schwärmen für Bücher und fürs Lesen machte sich für sie bezahlt. Im "Tele" erntete sie den erwünschten Titel: "Leidenschaft Lesen". Hier hatte Eva Wannemacher ihre Chance genutzt, obwohl mit dem Bücherkauf noch nicht garantiert ist, dass die Bücher auch alle gelesen und verarbeitet werden.


Erkenntnis

  • Wer antwortet, muss sich die wichtigsten Fragen antizipieren. Was sage ich, wenn ... Wenn eine Journalistin eine neue Sendung übernimmt, liegt es auf der Hand, dass Fragen über die Vergangenheit und über das Interesse an Kultur gestellt werden.
  • Wer Interviews gibt, kann mit den eigenen Aussagen Titel und Inhalt stark beeinflussen. Das Motto "Wer fragt, führt!" ist hinlänglich bekannt. Die Erkenntnis "Wer antwortet, kann lenken und Inhalte setzten!" ist aber den Wenigsten bewusst.
Fazit: Wer überzeugen will, muss sich vorbereiten, vor dem Antworten erst überlegen, und dann sprechen. Nachträgliche Korrekturen machen Aussagen unglaubwürdig.


Dieser Artikel ist in der Schaffhauser Nachrichten vom 27. September 2003 erschienen.


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