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www.rhetorik.ch aktuell: (11. September, 2002)


Das zweite TV-Duell

Der Wahlkrimi spitzt sich zu



Links zu älteren Beiträgen:
September 11, 2002: Vor dem zweiten TV Duell September 1, 2002: Vor dem zweiten TV Duell August 27, 2002: Das erste Duell im Scheinwerferlicht
August 10, 2002: Vor den zwei TV Duellen Juli 7, 2002: Das Print-Duell Jan 30, 2002: Wer wird Bundeskanzler?
Voller Spannung haben am 8. September 2030 Uhr über 15 Millionen Zuschauer das zweite TV- Duell zwischen Schröder und Stoiber verfolgt. Auch rhetorik.ch schaute sich den Rhetorik Wettkampf am Bildschirm an.

Sind Fernsehduelle wahlentscheidend?

Nachdem in Amerika angeblich einige TV- Zweikämpfe wahlentscheidend waren, glauben in Europa immer mehr Journalisten und Stimmberechtigte, dass Medien- Rededuelle den Wahlausgang erheblich beeinflussen können. Beispiele die solche Interpretationen stützen, sind:

Beim Duell Kennedy gegen Nixon kam Richard Nixon 1960 unrasiert und bleich zum Zweikampf. Der jüngere Herausforderer war schicker, braun gebrannt und gewann am Ende die Wahl.
Beim Auftritt Carter und Ford im Jahre 1976 disqualifizierte sich US- Präsident Gerhard Ford vor laufender Kamera, als er behauptete, Osteuropa werde nicht von der Sowjetunion dominiert. Herausforderer Carter gewann die Wahl.
1980 duellierten sich Carter und Reagan. Der Herausforderer Ronald Reagan schüttelte Präsident Carter vor laufender Kamera die Hand. Das war nicht abgemacht. Carter verlor das Konzept und war irritiert. Reagan wurde US-Präsident.
Bei der Clinton Bush Begegnung im Jahre 1992 machte George Bush zwei Fehler: Er scherzte, seine Frau gebe den besseren Präsidenten ab. Zudem schaute er bei der Liveübertragung demonstrativ auf die Uhr. Der junge Clinton gewann.

Solche Interpretationen sind natürlich gewagt, Meinungsumfragen lassen jedoch vermuten, dass dieses Duell vielleicht doch unentschlossene Wähler auf die eine oder andere Seite bringen könnte. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Infratest dimap" halten 19 Prozent der Deutschen Wähler und 24 Prozent der Unentschlossenen das Duell für ihre Wahlentscheidung "wichtig" oder "sehr wichtig".

Spannende Pattsituation



Nach den meisten Umfragen bestand vor dem Duell in Deutschland eine spannende Pattsituation. Deshalb wird dem letzten Duell zusätzliches Gewicht beigemessen. Man verspricht sich eine Beeinflussung der 19% der unschlüssigen Wähler. Denn: Sie könnten letztlich das Zünglein an der Waage spielen. Vor allem erhoffen sich beide Parteien von den Experten und den anwesenden 560 Journalisten entsprechend wohlwollende positive Urteile.
Tatsächlich bestätigen die Umfragen, dass sich Menschen in ihrer Meinung beeinflussen lassen. Die Beurteilung ändert sich in der Regel, wenn man mit anderen Menschen über das Streitgespräch gesprochen hat oder wenn man Fachexperten angehört hat.
In der jetzigen Pattsituation ging es für die Kandidaten vor allem darum, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Vertrauen und Glaubwürdigkeit werden nur durch natürliche und echte Kommunikation erreicht. Die Botschaften müssen eindeutig sein und von der Bevölkerung verstanden werden. Die Stimmberechtigten wollen konkrete, fassbare Antworten, keine Worthülsen .
Die Wähler wollen bei diesem Duell wissen, was der einzelne Kanditat als Kanzler konkret zur Ankurbelung der Wirtschaft, bei der Ausländer oder Familienpolitik oder bei der Finanzierung der Flutopfer im Sinn hat und unter welchen Umständen deutsches Militär bei einem möglichen Einsatz im Irak mithelfen wird.
Werden sich die Umfragestatistiken nach dem Duell ändern?




Die Show

Schröder und Stoiber erscheinen im anlogen Outfit. Dies ist ein gefundenes Fressen für Psychologen und Kleiderberater. Gewiss werden nach dem Duell viele Analytiker nur noch von der Krawattenfarbe, der Fingersprache, vom Schweissfaktor, der Anzahl von Sprachticks usw. schreiben. Uns interessierte aber nicht, wer mehr am Ohr zupft oder bei welchem Kanzleranwärter mehr nachgefragt werden musste.
Im Laufe des zweiten Duells wird dem TV-Konsumenten rasch bewusst: Die Darsteller sind lockerer. Nach wenigen Minuten sind die Meinungsdifferenzen auf dem Tisch. Stoiber ist angriffiger als beim ersten Duell. Schröder wirkt entspannter, sympathischer als vor zwei Wochen. Beide haben offensichtlich dazugelernt. Schröder scheint besser vorbereitet. Stoiber wirkt gecoacht, wie geklont, Schröder signalisiert den Staatsmann. Stoiber ist gleichsam das weichgespülte "blonde Fallbeil" d.h. Er ist zwar angriffig, trotzdem differenziert er und ist moderater, als bei seinen Auftritten in Bayern.
Beide Kandidaten versuchen ihre Kernbotschaft zu übermitteln. Schröder am Schluss, Stoiber pocht unablässig auf die Arbeitslosigkeit. Hinsichtlich den Unterbrechungen verstehen es beide, sich durchzusetzen. Stoiber und Schröder kehren geschickt immer wieder zum eigenen roten Faden zurück und setzen deutliche Stoppsignale: "Nein!", "Falsch!", "Unsinn!"
Inhaltlich erfuhr man zwar nicht viel Neues. Aus dieser Sicht gab es kaum Überraschungen. Uns interessierte aber vor allem, wer konkreter antwortet.
Bei der Arbeitsmarktpolitik gab es einen härteren Schlagabtausch. Der Kanzler hielt Stoiber vor, mit den Rezepten von CDU und CSU werde die Arbeitslosigkeit nicht wesentlich abgebaut werden können. Stoiber hielt dagegen, der Abbau der Arbeitslosigkeit sei das zentrale Problem seiner Politik, dessen Lösung auch andere Probleme wie Krankenkasse, Bildung usw. besser lösen zu können.
Eindeutig war Schröder bei der Irakfrage. Deutschland würde nie Soldaten senden. Er war auch klar und eindeutig bei der Frage nach einer Koalition mit der PDS. Einer allfälligen Zusammenarbeit erteilt er eine unmissverständliche Absage.
Stoiber musste bei der Irakfrage differenenzieren. Obschon er zu kompliziert formulierte, wurde immerhin ersichtlich: Er möchte Hussein nicht das Signal senden, Deutschland werde die Uno nie unterstützen. Wenn der Sicherheitsrat und die UNO die Kontrollen mit Gewalt durchzusetzen gedenkt, könnte es durchaus möglich sein, dass die Deutschen doch mitmachen.
Ein neues Untersuchungsverfahren beim Publikum (mit Pulsmessern) bestätigte, dass das Publikum immer dann zustimmte, wenn die Antworten eindeutig klar waren und Emotionen weckten. Dieses Messverfahren am Publikum wurde im Fernsehsender RTL vorgestellt.

Bei der eindeutigen Antwort Schröders erhielt der Kanzler Bonuspunkte. Menschen schätzen eindeutige und unmissverständliche Meinungen.


Beim Thema Terrorismus, als Stoiber die Heidelbergergeschichte mit dem entlarvten Terroristen schilderte und die Ausweisung von Menschen bereits bei Vermutungen forderte, reagierten die Unentschlossenen positiv. Bei diesem Pilotversuch wurde bestätigt:

Es lohnt sich, kurze, prägnante und eindeutige Aussagen zu machen. Konkrete Bilder oder Geschichten beeinflussen stark.


(Siehe dazu die Beiträge Bild und Bildung oder Beeinflussen ).
Schröder vertrat bei der Sicherheitsdebatte eine moderatere Meinung: Man dürfe niemanden ausweisen, bevor nicht die Schuld eindeutig nachgewiesen worden sei. Wir prophezeien, dass bei dieser Frage Stoiber mehr Punkte holte.
Leider notierten wir beim zweiten Duell wiederum zahlreiche vage Formulierungen von beiden Teilnehmern. Sowohl Schröder als auch Stoiber wichen aus. Nicht alle erwarteten Themen kamen zum Zug. Die Aussenpolitik, die Koalitionen, Wirtschaftsfragen, Arbeitslosigkeit, Sicherheitsfragen dominierten die Themenliste. Die Zuwanderungsproblematik und die Finanzierung der Flutkatastrophe konnten nicht mehr beleuchtet werden.


Zur Moderation


Die von den Wahlkampfberatern ausgearbeiteten Regeln wurden beim zweiten Duell nicht verändert. Die Moderatorinnen der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, Sabine Christiansen und Maybrit Illner, ermöglichten aber häufiger die direkte Auseinandersetzung der Duellanden, anders als beim ersten Duell vor zwei Wochen in den privaten Sendern RTL und SAT.
Unterbrechungen werden bei dieser Show bewusst zugelassen. Die Moderatorinnen Christiansen und Illner machten aber leider oft zu lange Einführungen oder bildeten Frageketten. Damit konnten die Diskutanten ihre antrainierten Werbespots problemlos platzieren. Sie nutzten die Chance dank den Frageketten. Sie konnten beim Frageangebot die einfachste Frage auswählen oder verstanden es, auf keine der Mehrfach-Fragen einzugehen. Wir gehen nicht davon aus, dass die Moderatorinnen diese Fragekettentechnik bewusst als Irritationtaktik eingesetzt hatten.
Professionelle Moderatorinnen müssten eigentlich gelernt haben, klare eindeutige Fragen zu stellen. Wir sind nicht die Einzigen, die erstaunt waren, dass es den zwei Profifrauen nicht gelang, kurze klare Fragen zu stellen, um nachher ebenso eindeutig oder hart nachzuhaken.
Durch langfädige Fragereien und dem Gewährenlassen der Pingpongsituationen, konnten einige der spannenden Themenkreise nicht mehr behandelt werden.
Die komplizierten Einführungen bei den Frageelementen mit den zahlreichen Floskeln und Minivorträgen kamen gar nicht gut an, nur in einer Zeitung wurde dieses Verhalten als positiv bewertete: Das Duell sei dadurch "munterer" geworden!
Sabine Christiansen wirkte etwas gestresster und unsicherer als in ihrer eigenen Sendung. Sie las die Fragen meist ab. Vielleicht fiel es ihr schwer, spontan zu moderieren, weil die Anweisungen durch den "Knopf im Ohr" fehlten. Bei Sabine Christiansen ist uns früher eine Tendenz zur Selbstdarstellung aufgefallen. Dies war am 8. September besser.
Moderatorin müssten nach unserem Dafürhalten nur Impulse geben und vor allem gut zuhören können. Leider konnten es die Moderatorinnen in diesem Schlagabtausch auch nicht verkneifen, die Duellanten laufend über die Zeitkonten zu informieren.
Es gab Phasen, da konnten sich die Moderatoren auch nicht mehr gegen die gewieften Politiker durchsetzen. Alle sprachen zeitweise durcheinander oder nebeneinander.
Alle Beobachter bescheinigten den Moderatorinnen eine neutrale Befragung.



Umfragen


Schröder appellierte an die Gefühle der Wähler, an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Als Person überzeugte er. Stoiber war präsent, angriffslustiger und konnte den Kanzler oft in die Defensive drängen.
  • SPD nahe Institute fanden Schröder besser. CDU nahe Untersuchungen machten Stoiber zum Sieger.
  • Für die Schweizer Zeitung "Blick" war das Duell ein Unentschieden.
  • Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD sprachen sich bei der Frage, wer überzeugender gewesen sei, 50 Prozent für Schröder und 28 Prozent für Stoiber aus. Vor dem Duell hatte Schröder bei 44 und Stoiber bei 29 Prozent gelegen.
  • Auch nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen hatte sich Schröder nach Ansicht von 49 Prozent der Befragten besser geschlagen als Stoiber, der nur 26 Prozent erreichte, berichtete das Institut im ZDF. 24 Prozent der Zuschauer fanden beide gleich gut.
  • "Bild" sah beide als Sieger. Nach "Bild -Ted" einer Umfrage bei 160'000 "Bild" Lesern, fanden 79,8% Stoiber besser. 20.2% überzeugten Schröder mehr.
  • Für den Tagesanzeiger war das Duell ein knapper Sieg für Schröder.
  • Demoskopische Untersuchungen zeigen eine "Kopf an Kopf" - Situation (Allensbach).
  • Die Duellanten waren beide nach der Sendung mit Ihrem Auftritt zufrieden.
  • Der Chefredaktor des "Focus" empfand das Duell als ein Unentschieden.


Nachtrag vom 15. September: Das letzte Duell vor den Wahlen - ein Showdown im Bundestag.
Dass der Wahlausgang eine Zitterpartie wird, ist offensichtlich. Die Rot-Grüne Koalition machte nach verschiedenen Meinungsumfragen weiteren Boden gut. Das letzte Rededuell fand am 13. September im Bundestag statt. Anlässlich der Haushaltdebatte kam es zu einer harten Auseinandersetzung. Schröder griff seinen Herausforderer acht Tage vor der Wahl direkt an. Er warf ihm vor, er habe "nicht die Fähigkeit zum Kanzler." Auch Stoiber ging nochmals in die Offensive. Auch er sprach den Kanzler direkt an: "Sie haben kein Konzept, keine Mannschaft, kein Angebot für Deutschland!" Beobachter erlebten einen erbitterten, teilweise giftigen Showdown.
Stoiber Schröder
Den Auftakt machte Stoiber bei der Irak Frage:
"Niemand in Deutschland will Krieg. Niemand sollte mit der Angst der Menschen Politik machen. Sie schüren Kriegsangst und ziehen über die Marktplätze."
Bei der Arbeitslosigkeit setzte Stoiber noch einen drauf:
"Wenn Sie die Wahl gewinnen würden, dann sind schon im nächsten Winter ...noch mal 300'000 Arbeitslose zu verzeichnen!"
Zuerst verfinstere sich das Gesicht Schröders auf der Regierungsbank, dann lachte er demonstrativ in die Kamera.
Schröder blieb nach den Angriffen nichts schuldig.
"Herr Stoiber, die Rede hat eines deutlich gemacht, Sie wollen vielleicht Kanzler werden, aber Sie haben nicht die Fähigkeit dazu."
Dann verteidigte er die Arbeitslosenzahlen:
"Wir haben die Zielmarke nicht erreicht. Aber die jetzt erzählen wollen, das hätte nicht die in dem, was wir seit dem 11. September erleben müssen, die haben entweder keine Ahnung oder sind böswillig."
Nichtverbales:
  • Nach seiner Rede ging der Kanzler an der Bank der Ministerpräsidenten vorbei und reichte Stoiber die Hand. Ob der Kanzler wohl etwas von den Fehlern und Stärken der amerikanischen Kandidaten gelernt hat?
  • Also Guido Westerwelle sprach, stand Schröder auf, verliess seinen Platz und nahm auf den Abgeordnetenplätzen Platz. Der "Spiegel" fragte sich: "Könnte damit den Liberalen signalisert werden, dass es ohne sie nach dem 22. September vielleicht doch geht?". Westerwelle empörte sich über den Kanzler, der durch die Reihen der SPD-Fraktion ging und nannte ihn einen "Kanzler auf Wanderschaft".

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