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www.rhetorik.ch aktuell: (24. Nov. 2002)


Wirtschaftsblues und Steuersong


Wirtschaftspessimismus

Steuer song Wir haben im Aktuell Beitrag Reden und Taten vom 12. Oktober auf die Binsenwahrheit hingewiesen, dass viele Regierungen ihre Wahlversprechungen kaum einhalten. In Deutschland hatten die Wählerinnen und Wähler möglicherweise die Wahlversprechen allzu ernst genommen.
Nachdem sich nach wenigen Wochen gezeigt hatten, dass die Finanzlage in Deutschland dramatischer aussah, als vorausgesehen und die Regierung Steuern und Abgaben erhöhten musste und mit neuen grossen Verschuldungen der Finanzkollaps abgewehrt werden wollte, spitzte sich der Unmut rasch zu. Von Lüge und Irreführung ist in vielen Medien die Rede. Es kam sogar zu Protestaktionen der Gewerkschaften.


Apokalyptiker, die Prognosen stellen

Normalerweise legt sich nach Wahlen die Empörung über das Nichteinhalten der Versprechen rasch. Die jetzige Regierung in Deutschland fiel nach der Wahl aber bald in ein Tief. Woche um Woche türmte sich wie ein Gebirge die Finanzmisere wie zum Beispiel die gigantischen Fehlbeträge bei der Renten- und Arbeitslosenversicherung. Ärger macht sich breit.
Wer das Geschehen in den Medien verfolgt, sieht in vielen Sendegefässen das Thema "Haushaltloch". Die "NZZ" schrieb: "Der deutsche Pressekiosk hat sich in ein Ambulatorium verwandelt, in dem Apokalyptiker die Diagnosen stellen". Tatsächlich, die aktuelle "Zeit" Ausgabe ist voll mit Überschriften wie
  • "Deutschland im Leerlauf"
  • "Sozis ohne Sinn fürs Soziale",
  • "Die Deutschen sind selbst schuld" oder
  • "Ende eines Aufbruchs".
Die NZZ schliesst den Kommentar mit den Worten: "In eigenwilliger Unerschütterlichkeit weigern sich die Deutschen bis jetzt, die Rolle zu spielen, die die Presse ihnen derzeit anträgt. Ist das nun die Trägheit der Entpolitisierten oder einfach nur der Widerstand von Zeitungslesern, die keine Lust haben, sich zu den Agenten des neuesten Medien-Hypes machen zu lassen?"

Schuldzuweisung durch Opposition

Die Opposition schreit aber nach einer Untersuchung und vermutet, dass die Verantwortlichen von Rot-Grün bereits vor der Wahl von der enormen Haushaltsmisere Kenntnis hatte. und im Interesse des Wahlsieges bewusst die Unwahrheit gesagt hätten:
  • Steuernerhöhung wäre der grösste Unsinn und kommt für uns nicht in Betracht, sagte Schröder noch explizit vor der Wahl.
  • Keine neuen Schulden.
  • Kein blauer Brief aus Brüssel.
Die Neuverschuldung im Haushalt 2003 wird trotz vorgesehener Sparmassnahmen um 3.4 Milliarden auf 18.9 Milliarden zunehmen. Eichel fehlen im Haushaltentwurf 200 Mio Euro, die er bei den Beamten einsparen will, sowie 3 Milliarden Euro, die verteilt über die Ministerien gekürzt werden sollen. Handelskammer Präsident Braun sprach in diesem Zusammenhang von einem Regierungsprogramm zur Produktion von Pleiten.
Dass so krass und unverblümt "gelogen" werde, sei einmalig. In den Medien wurden die alten Zitate immer wieder im Wortlaut abgespielt und dem Volk im Langzeitgedächtnis verankert.


Uns erstaunte vor allem, wie krass Worte verdreht und umgedeutet werden können - wie zum Beispiel in einer Christiansen Sendung vom 17. November: Allen sind die eindeutige Stellungnahmen des Kanzlers vor der Wahl bekannt, als er immer wieder betont hatte: Unter seiner Regierung werde auch bei einem Waffengang unter der Leitung der UNO kein deutscher Soldat gegen Irak eingesetzt. Diese klare Aussage wurde in verschiedenen Sendungen und Interviews unmissverständlich wiederholt Nachdem auf Druck der USA zur Zeit die Waffeninspekteure im Irak sind, wurde in der bei Sabine Christiansen Schilly daran erinnert, dass Schröder mit seiner Haltung sich vorschnell aus einer künftigen gemeinsamen Aktion herausmanöveriert habe und dadurch ein gemeinsames Vorgehen problematisch werden könnte.
Otto Schilly wollte von der alten Schröderaussage plötzlich nichts mehr wissen und behauptete sogar, Schröder hätte es nie so gesagt. Der Kanzler habe lediglich gemeint, er werde bei einem Konsens des Sicherheitsrates die Angelegenheit neu prüfen. Eine solch krasse Wortvordrehung hat wenig Argumentations Taktik zu tun sondern gehört aus unserer Sicht eher in den Giftschrank der Rhetorik.

Die Satire feiert Hochkonjunktur

Während sich die Sorgen um die Wirtschaftlage in Deutschland vermehren, feiert die politische Satire Hochkonjunktur. Kanzler Schröder wurde innert weniger Wochen zur Lachnummer. Der "Steuersong" steht dieser Tage an der Spitze der Hitparade. Elmar Brandt singt darin: "Ich erhöh euch die Steuern - gewählt ist gewählt - ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern."


Elmar Brandt Ein Stimmenimitator, in der Rolle des Bundeskanzlers, macht sich zynisch über die neue beschlossenen Steuererhöhungen lustig. Auch die Presse kommt derzeit nicht ohne tägliche deftige Schröder-Karikaturen aus.
Der geballte Liebesentzug trifft den Kanzler, der die Medienshow bisher so meisterhaft beherrschte, unvorbereitet. Uns interessiert es, wie Gerhard Schröder diese überraschende Situation künftig bewältigt, ohne in eine Krise zu stürzen.
Hat Schröder seinen medialen Weg ins Land des Spottes selbst bereitet? Die NZZ am Sonntag von 24. Nov meint dazu:
"Schröder nutzte seit je die Medien und spielte mit den Medien. Er trat in der Fernsehshow "Wetten dass" auf. Nutzte den Kurzbesuch in Kabul zur Demonstration seiner Fussballkünste. Er warf bei einem Sommerfest folgenden Satz locker hin. "Hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier." und wollte mit dem Rap-ähnlichen Song ein Zeichen der Volksnähe setzen.
Wer so einen Takt vorgibt, läuft bei den Medien vielfach Gefahr, dass ihm dieser irgendwann selbst einmal entgegenschlägt." (Man vergleiche dazu die Borer Geschichten.
Statt Respekt und Verehrung zollen die Journalisten heute dem Kanzler Verachtung und Verunglimpfung. Und dies ausgerechnet während der schlimmsten Tage.
Es kommt dazu, dass in Deutschland die Politik immer einen hohen Unterhaltungswert hatte.



Wer die die Bundestagdebatten mitverfolgt, erlebt tagtäglich, dass persönliche Herabsetzungen und das Lächerlichmachen der Gegner zum normalen rhetorischen Gebahren gehört. Scharfzüngige Reden haben Tradition. Satire ist ein ständiger Begleiter des politischen Show-Business. Den Deutschen machen im Moment Ihrem Steuerfrust mit Galgenhumor Luft. Kaum war die Regierung vereidigt, kursierte der erste Witz: Nachts klingelt das Telefon; Herr Schulze meldet sich mit seinem Namen. Darauf der Anrufer. "Ach tut mir leid. Ich habe mich verwählt." Schulze antwortet: "Sie müssen sich nicht entschuldigen, verwählt haben wir uns alle." Solche Äusserungen spiegeln nicht nur die Krise der rot-grünen Regierung. Es rührt von einem allgemeinen Unbehagen im Zusammenhang mit dem "wirtschaftlichen Zusammenbruch" her. ("Berliner Tageszeitung"). In Deutschland dominiert heute der nörgelnde Konsument. Es sind die nämlichen Personen, die überzogenen Erwartungen an den Staat hatten und die wachsenden Sozialleistungen mit immer neuen Steuern decken mussten. Dies wollen die Wenigsten wahr haben, Harald Schmidt brachte diese Problematik wie folgt auf den Punkt:

"Die Bundesregierung hat zu den USA bald das bessere Verhältnis als zu Deutschland!"




Die Gerd Show - Steuer Song

(Quelle: www.steuerkanzler.de)
mp3 (Kurzauschnitt) mp3 (Längerer Ausschnitt).
Es ist einfach der Hammer, Leute:
Kaum braucht man von Euch mal n´
bißchen Kies für Vatter Staat 
- schon ist man beliebt wie Fusspilz!
Dabei will ich nur Euer Bestes 
- Euer Geld! 



Vers 1

Hundesteuer, Tabaksteuer
KFZ und Ökosteuer
habt ihr echt geglaubt mehr kommt
nicht?

Mit Umsatz- und Getränkesteuer
mach´ich zwar das Bierchen teuer
Doch das ist mir immer noch zu wenig!

Denn nun habt Ihr mich gewählt
Und jetzt habt Ihr den Salat
Ich bin noch mal´n paar Jahre 
Euer Kanzler!

Was Du heute kannst versprechen
darfst Du morgen wieder brechen
und drum hol´ich mir jetzt jeden 
einzl´nen Geldschein, 
Euer Pulver, Eure Kohle, 
Euer Sparschwein!

Chorus

Ich erhöh´ Euch die Steuern 
Gewählt is gewählt, 
ihr könnt mich 
jetzt nicht mehr feuern.
Das is ja das Geile 
an der Demokratie

Ich greif´ Euch tief in die Tasche
jeder von euch Spackos bunkert irgendwo 
noch Asche und die hol´ich mir, 
die find ich schon - egal wo sie liegt

Ich zieh´Euch aus - yeah! Ihr Flaschen
ihr werdet Euch noch wundern 
denn ich weiß zu überraschen 
keine Steuer die es für mich 
nicht gibt!
Man könnte doch zum Beispiel mal über ne 
Schlechtwettersteuer nachdenken - 
das gäb satt Schotter! ... 
oder ne Haarfärbesteuer
....och nö, besser nich ...


Vers2

Erdoberflächen-Nutzungssteuer,
Atemaufschlag, Luft wird teuer
und ich bin noch lang nicht fertig!

Ein Zahntarif für´s Essen kauen
Biosteuern auf´s Verdauen
nix gibt´s mehr für lau - das geht nicht!

Ich mach´ geile Politik
Qualität hat ihren Preis
wer die Gerd Show sehen will der 
muß auch zahlen!

Wie ein Einkommenspirat drehe ich am Steuerrad
wenn Du klamm bis´, kauf´doch öfter mal bei
Lidl, oder Penny Markt oder Aldi
..... oder mal gar nichts!

Chorus

Ich erhöh´ Euch die Steuern.
Gewählt is gewählt, 
ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern
das is das Geile an ´ner Demokratie. 

Ich greif´ Euch  tief in die Tasche
jeder von euch Spackos bunkert irgendwo 
noch Asche und die hol´ich mir, 
die find ich schon egal wo sie liegt.

Ich zieh´Euch aus - yeah! Ihr Flaschen
ihr werdet Euch noch wundern 
denn ich weiß zu 
überraschen keine Steuer 
die es für mich nicht gibt!

Steuern sparn ist ganz einfach. 
Ich zum Beispiel hab nen 
Chaffeur. Da kann ich mir das Steuern spar´n! 
Im übrigen - Kennt ihr den 
Unterschied zwischen mir und nem Hummer? 
Der Hummer wird beim Abkochen rot..hahaha!

Achtung Achtung! Liebe Mitbürgerinnen und 
Mitbürger! Bald ist wieder grosse 
Krötenwanderung. Die Kröten wandern 
von Eurer direkt in meine Tasche, hahaha...
aber die Arbeitslosen - 
die könnten doch auch mal was 
abdrücken 
... gibt doch so viele von denen....



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