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www.rhetorik.ch aktuell: (20. Juni, 2003)

Verwöhnen als Bumerang



Angst, Verwoehnte Kinder fallen nicht vom Himmel Brauchen Kinder eine feste Hand oder viel Entwicklungsspielraum? Da sowohl unangemessene Strenge wie auch überzogene Nachsicht problematisch sein können, ist die Erziehung von Kindern ein heikler Job. Bücher wie das hier besprochene Buch von Peter Angst, "Verwöhnte Kinder fallen nicht vom Himmel" (Zytglogge Verlag) versuchen Eltern Leitplanken zu geben. Auch das Internet ist voll von Tips und Handbüchern zum Thema. Ein Beispiel ist das von erfahrenen Pädagogen geschriebene Familienhandbuch, wo unter anderem auch das Thema Verwöhnen zur Sprache kommt. Obwohl die Problematik des übermässigen Verwöhnens eine Binsenweisheit sein sollte, die schon daraus ersichtlich ist, dass das Attribut "verwöhnt" heute ein Schimpfwort ist, tappen leider immer wieder Eltern in die Verwöhnungsfalle. Erziehungsanstalten mit drakonischen Methoden, die kürzlich in die Schlagzeilen gekommen sind, sind wohl kein Ausweg.

Die "Verwöhnungsfalle"

Die Angst vor Konflikten, vor dem Nein sagen, wird in der Erziehung oft zum Bumerang. Dies verdeutlicht Peter Angst in seinem Buch "Verwöhnte Kinder fallen nicht vom Himmel" vom Zytglogge Verlag. Die Praxis bestätigt, dass Eltern, Lehrpersonen und Erzieher sehr schnell in die sogenannte "Verwöhnungsfalle" tappen können. Dies erfolgt meist in kleinen unmerklichen Schritten. Doch die Summe dieser Schritte führt in eine Sackgasse, aus der oft nur noch externe Hilfe oder drastische Massnahmen (siehe unten) helfen kann.

Von der Schwierigkeit, Nein zu sagen

Die meisten Menschen sind harmoniebedürftig. Wer Kindern Paroli bietet, setzt sich einem rauen Wind aus, denn Nein sagen kann Tränen hervorrufen. Kinder verstehen es, Druck auszuüben und viele Eltern haben Respekt vor diesem Druck. Bei Interessenkonflikten droht manches Kind verständlicherweise mit Liebesentzug. Erfahrene Eltern wissen aber, dass Kinder in der Regel leicht abgeschlagene Wünsche verzeihen.
Zappelphillip aus Struwwelpeter

Längerfristig grösserer Aufwand

Nach Peter Angst geht es nicht darum, ständig Nein zu sagen, ständig Konflikte auszutragen, ständig stundenlang zu argumentieren. Kinder dürfen durchaus mal verwöhnt werden. Dies muss aber eine Ausnahme sein wie ein Geburtstag, Ferien oder ein besonderes Ereignis. Erfahrende Eltern haben erlebt, dass der Aufwand für verwöhnte Kinder längerfristig grösser wird. Wer konsequent erzieht, hat es zwar am Anfang schwieriger, später aber erleichtern Regeln und Rituale das Zusammenleben. Die Verhaltensregeln werden zur Selbstverständlichkeit.

Verwöhnung als Bumerang

Jedes Kind wünscht sich im Grunde genommen starke Eltern. Wer Kinder verwöhnt schwächt die Kinder. Es besteht die Gefahr der Lebensuntüchtigkeit. Jeder Mensch muss lernen, mit Grenzen Frust, Widerständen, Problemen, Stress, Interessendifferenzen und Konflikten umzugehen. Der Aufwand für Auseinandersetzungen, für Konfrontationen macht sich langfristig bezahlt. Durch Verwöhnung werden Kinder zur Lebensuntüchtigkeit verurteilt.
Max und Moritz

Verwöhnen ist eine Art der Vernachlässigung

Wer verwöhnt geht den Weg des geringsten Widerstandes. Auf der einen Seite gibt es die emotionale Vernachlässigung. Man hat keine Zeit und versucht das Defizit mit Konsumgütern zu kompensieren. Andererseits gibt es auch die Überbetreuung. Kinder dürfen durchaus auch mal der Langeweile überlassen werden. Tote Punkte geben Kindern Raum für eigene Kreativität. Jugendliche brauchen nicht immer ein pausenloses "Unterhaltungsprogramm".

Auch Eltern haben Rechte

Es ist gut, dass heute Kindsmisshandlungen geahndet werden. Wie steht es jedoch mit Elternmisshandlungen durch verwöhnte Kinder? Jeder hat wohl Szenen auf der Strasse oder im Warenhaus mitverfolgen müssen, bei denen eine Mutter von Kindern geschlagen wird oder mit Fusstritten getreten wird, oder Eltern sich verbale Erniedrigungen gefallen lassen. Obwohl Eltern ein Anrecht auf Ruhe und menschenwürdige Behandlung haben dreht sich bei vielen Elternpaaren alles nur noch ums Kind.
Friederich

Fragwürdige Auswege

Dass viele Eltern mit der Erziehung nicht mehr zu Rande kommen, sieht man zum Beispiel darin, dass in den USA Disziplin Akademien boomen. In der Caribik gibt es zum Beispiel die "Tranquility Bay", die älteste und härteste aller Erziehungsanstalten in den USA. Nach einem New York Times Artikel vom 17. Juni 2003 sind in den letzten zwei Jahren die Anzahl der Jugendlichen in Tranquility von 140 auf 300 angewachsen. Die Methoden in den Erziehungsanstalten sind hart, körperliche Strafen drakonisch, "Absolventen" sagen, dass sie zum Teil Wochen für 13 Stunden am Tag im Isolationsraum leben mussten. Es wird geschätzt, dass in den USA jährlich 2'300 Kinder von Eltern in solche Camps geschickt werden. Die meisten kommen mit der Erziehung der Kinder nicht mehr zu Rande. Zwei solcher Anstalten gibt es in Mexiko und mindestens acht in den USA. Eltern zahlen bis zu 30'000 Dollar pro Jahr. Im Mai 2003 wurde ein Betreiber einer solchen Akademie in Utah on Haft genommen. Ein Grund, weshalb die Akademien vermehrt im Ausland betrieben werden.
Jamaica

Fazit

Kinder können auch aus negativen Emotionen lernen und ein "Nein" ohne stundenlanges Debattieren akzeptieren.
Es ist tröstlich zu wissen, dass Erziehung Fehler verträgt, ohne dass Kinder Schaden erleiden müssen. Für Peter Angst ist etwas vom Wichtigsten, dass in der Erziehung Aussagen und Handlungen möglichst übereinstimmen.
Peter Angst

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