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www.rhetorik.ch aktuell: (8. Juni, 2003)

Der "Fall" Möllemanns


Am 5. Juni 03 stürzte der bekannte FDP- Spitzenpolitiker Jürgen W. Möllemann im freien Fall in den Tod. Möllemann galt bundesweit als "Stehaufmännchen". Obwohl er auch in der politischen Laufbahn immer wieder abstürzte: Kaum abgetaucht, war er wieder da. Er war ein unkonventioneller Politiker. Provokation und Polemik gehörten zu seinen Stilmitteln. Siehe dazu den Aktuellbeitrag: "Wie Worte wirken können" vor ziemlich genau einem Jahr. Schon Franz Josef Strauss sprach von "Mümmelmann" das ähnlich tönt wie "Lümmelmann". Nach seinem letzten Fallschirmsprung ist nun definitiv kein "Aufstehen" mehr möglich.


Ständig in den Schlagzeilen

Kurz vor dem "Absturz" wurde Möllemanns Immunität aufgehoben und eine grosse internationale Razzia mit Hausdurchsuchungen gestartet. Nach seinem Tod wurden jedoch alle Ermittlungen gegen ihn unverzüglich eingestellt. Der umstrittene Politiker stand nach Krisen oder Misserfolgen immer wieder im Rampenlicht. Sein Credo lautete:
"Kämpfen und wieder aufstehen- kämpfen und wieder aufstehen!" Der ehemalige FDP Politiker meisterte tatsächlich viele Krisensituationen. Er galt als hervorragender Redner und wusste die Medien gekonnt zu nutzen. Dank dieser Fähigkeiten kletterte der ehemalige Grundschullehrer rasch die Erfolgsleiter zum Vizekanzler empor. Mit seinen Talenten geriet Jürgen Möllemann immer wieder auf Abwege. Obwohl er laufend in Fallen tappte ("Briefbogenaffaire", "Flugblattaffaire", "Antisemitismustreit", "Rüstungsgeschäfte" usw.) überraschte der zu Masslosigkeit neigende Möllemann das Volk. Auch die letzten Titel des Boulevardblattes "Bild" veranschaulichen, wie Möllemann in den Medien dauernd für Schlagzeilen sorgte:

  • Alkohol-Vorwürfe gegen Möllemann
  • Möllemann verlässt die FDP
  • FDP wirft Möllemann aus der Fraktion
  • Ausschluss aus Landestagsfraktion gescheitert
  • Möllemann verteilt schon wieder sein Hetzblatt
  • "Schlappschwänzig!" - Möllemann greift FDP Spitze an
  • Möllemann spricht erstmals über seine Krebst-OP
Moellemann Bilder

Fehlender Sprachfilter

Im Umgang mit Worten fehlte dem umstrittenen Politiker eine Sperre. Deshalb hatte Möllemann auch viele Feinde:
  • Fraktionskollege Solms nannte ihn einen "Quartalsirren".
  • Irmgard Schwätzer schimpfte ihn ein "intrigantes Schwein".
  • Graf Lambsdorff fragte: " Ist der Mann bei all seiner Begabung, bei all seinem politischen Geschick, ist der normal?"
  • Genscher sagte 1997 gleichsam hellseherisch: "Möllemann ist ein political animal. Sein grösster Gegner ist er selbst."

Show

Moellemann beim Fallschirmspringen Auch als Fallschirmspringer wusste sich der ungewöhnliche Politiker in Szene zu setzen. Die FDP- Botschaft (18) brachte er mediengerecht vom Himmel. "Die FDP schafft 18 Prozent der Wählerstimmen! " Möllemann liebte es, Tabus zu brechen. Israel kritisierte er und sprach von "staatlichem Terrorismus". Wenige Tage vor seinem Tod fragte ihn noch Sabine Christiansen, ob er - wie vermutet - nach seinem Parteiaustritt eine neue Partei gründen wolle. Mit seiner Antwort erntete der geächtete Politker grossen Applaus. Möllemann verstand es - auch noch kurz vor dem Tod - die Medienplattform zu nutzen. Ohne die Frage mit Ja oder Nein zu beantworten, machte er mit wenigen Worten deutlich, dass das Volk mit den Parteien unzufrieden ist. Er baute sein Statement auf dem vorherrschenden Unmut der Bevölkerung auf. Was von den Parteien versprochen werde, halte keine Partei ein. Es fehle an konsequentem Verhalten und an Verlässlichkeit. Bei diesem letzten Medienauftritt zeigte sich erneut, dass es Möllemann immer geschickt verstanden hat, die Bevölkerung - selbst nach Tiefschlägen - zu mobilisieren.


Marktlücke: Populistische Partei in Deutschland

Tatsächlich fehlt in Deutschland eine populistische Partei, im Unterschied zu

Frankreich mit Jean-Marie Le Pen Oesterreich mit Joerg Haider Schweiz mit Christoph Blocher


Dem langjährigen FDP-Politiker hätten wir es zugetraut, in Deutschland die Spielart des "radikal-medialen Populismus" einzuführen. Möllemann versuchte es immer wieder, die FDP auf den Massenmedienbetrieb und auf seine Vorlieben zu trimmen. Treffend beschreibt dies der Journalist Roger de Weck:

Möllemann pflegte
  • Form statt Inhalt
  • Laune statt Überzeugung
  • Effekt statt Wissen
  • Konflikt statt Kompromiss
  • Provokation statt Differenzierung
  • Verpackung statt Substanz
  • Auftritt statt Auftrag


Vermutlich dachte Möllemann tatsächlich an eine neue Partei, die noch medialer hätte sein können. Die Journalisten schätzten jedenfalls jahrelang den populistischen Stil. Doch nach und nach wurde dem Infotament- Glanz misstraut. Er blendete nicht mehr. Er wurde sogar abgelehnt. Der letzte Medienauftritt bei Sabine Christiansen war nur noch möglich, weil Möllemann im Rampenlicht der Kritik stand.

Objekt für Kinesik und Körpersprachespezialisten

Die schillernde Figur Möllemann galt auch für den Kinesikspezialisten Samy Molcho seit je als ehrgeizig und empfindlich. Molcho beobachtete den Politiker schon vor vielen Jahren und beurteilte ihn damals auf Grund seines Verhaltens. Wir sahen uns nach dem Tod Möllemanns jene Analyse auf einem alten Videoband nochmals an und waren verblüfft. Erstaunlicherweise bewahrheiteten sich Molchos Beobachtungen. Wie ein "Hellseher" kam der Körpersprachespezialist schon damals zum Schluss:
  • "Möllemann ist ein gefühlsbetonte Person. dies zeigt er mit dem "Klicken" der Augen; als ob er sage: 'Ist das nicht so?' 'Stimmt es?'"
  • Er greift oft mit der Hand an die Nase. Dies findet Molcho ein biologisches Erbe. (Bevor wir das Essen in den Mund stecken, wird es mit der Nase überprüft). Die Nase ist eine kritische Instanz: "Riecht es faul?" Möllemann überprüft ebenfalls beim Sprechen, was er sagen soll. Er fragt sich: "Wie soll ich es sagen?" Dass Möllemann die Kontrolle wichtig ist, zeigt er damit, dass er nach dem Reden oft seinen "Spickzettel" überprüft: "Habe ich alles gesagt, was wichtig ist?"
  • Weil Möllemann eine gefühlsbetonte Person ist, besteht dadurch die Gefahr, dass er zu spontane Aussagen macht. Er könnte missverstanden werden. Mit der Hand vor dem Mund signalisiert er: "Soll ich dies sagen?" Oder: "Soll ich lieber nicht schweigen?"
  • Wenn Möllemann zuhört - er hört in der Regel aufmerksam zu - streckt er oft nur den Zeigefinger. Die Hand sieht dann aus wie eine Pistole. Manchmal nimmt er sogar beide Hände zusammen und bildet damit mit beiden Zeigefingern eine "doppelte Pistole". Molcho interpretierte dies so: Möllemann hört nur so lange zu, bis der Gegner ein schwaches Argument liefert. Dann schiesst er! Das Gehörte nutzt er für sich; greift den schwachen Punkt auf und kontert. Der Politiker ist angriffig.
  • Obschon bei Möllemann die Kontrolle wichtig ist und er dieses Kontrollverhalten signalisiert, muss er aufpassen, dass ihm nicht das, was er denkt, ungefiltert hinausrutscht. Weil er eine lockere Zunge hat, handelt sich der Politiker zwangsläufig Probleme ein. Denn: In seiner politischen Position darf eine nicht alles sagen, was sie sagen möchte.
  • Es kostet Möllemann eine enorme Anstrengung, sich ständig unter Kontrolle zu halten. Grund: Einerseits ist er recht spontan, impulsiv und anderseits will er sich kontrollieren.
  • Die ständige Kontrolle macht ebenfalls deutlich: Möllemann ist ehrgeizig!
Als wir diese alten Aussagen Molchos nach dem Tod nochmals anhörten (vor über 10 Jahren hatte wir diese Analyse auf Video aufgenommen), stellten wir - einmal mehr - fest: Die Körpersprache offenbart oft mehr, als uns bewusst ist. Im Nachhinein hatte Molcho das Wichtigste an der Persönlichkeitstruktur eines viel beachteten Politikers erstaunlich präzise auf den Punkt gebracht.
Eine neuere Analyse von Samy Molcho wurde vor wenigen Monaten im Buch: Samy Molcho: "Körpersprache von Promis", Goldmann Verlag, München, 2003, veröffentlicht. Molcho kommentierte darin auch einige Fotos des FDP Politikers aus der jüngsten Zeit. Ausschnitte mit Zitaten von Molcho befinden sich im Kästchen rechts.
"Vielgestaltig sind die Möglichkeiten, ein Glas zu halten. Wieder wird mit der Betonung des Mittelfingers angedeutet, wie wichtig dem Politiker die Selbstgestaltung sein muss".
"Möllemann zupft an seinen Ohr. Strafe oder Stimulation in einem Augenblick der Verlegenheit?"
"Der betont aktive Mittelfinger der linken Hand weist auf einen starken Wunsch nach Selbstprofilierung".
"Seine Hände blockieren, der Blick geht fragend leicht seitwärts, konfrontiert daher nicht: als Moment der Unsicherheit."
"Der Blick ist skeptisch. Mittelfinger und Gefühls-(Ring) finger suchen nach einem treffenden Argument, das ihm emotional entspricht und ihn wirkungsvoll darstellt."
"Die Hand hackt zu, was auf schneidende Argumente schliessen lässt. Der intensive Blick entspricht einer Drohgebärde."
"Die Hände errichten eine Schutzpyramide, nach vorn gerichtet wirken sie wie ein Eisbrecher. Alles wird weggeleitet."




Diese neue Analyse der Körpersprache des bekannten Politikers überraschte uns nicht weniger als die beschriebene Analyse vor über 10 Jahren. Tatsächlich sagen alle Molcho- Kommentare mehr aus als die zahlreichen fragwürdigen pseudopsychologische Rezepte zur Thematik "Körpersprache". Molcho analysiert als Profi dank seiner untrüglichen Wahrnehmungsfähigkeit. Er sagte schon vor Jahren an einem Seminar, das wir mitverfolgen konnten:

"Der Körper ist der Handschuh der Seele!"


In der Regel ist die Körpersprache tatsächlich aussagekräftiger und ehrlicher als gesprochende Worte. Darauf haben wir bei der Wirkung der Stimme schon einmal hingewiesen.
Der "zu Fall" gekommene Politiker hat mit seinem Verhalten und Handeln bestätigt, dass die Molcho-Beurteilungen überraschend gut sind:
  • Er war ehrgeizig. Sein Erfolgsweg verlief vom Grundschullehrer zum Vizekanzler.
  • Er war emotional. Nachdem er angeschossen wurde, erkrankte er.
  • Er war empfindlich. Kritik liebte er nie.
  • Er litt an Selbstprofilierung FDP Fallschirm-Aktionen.
  • Er übertrieb die Kontrolle. Wenn er angeschlagen war, wirkte er in den Medien immer sicher.
  • Er war angriffslustig Angriff gegen Israel, gegen Friedmann, nach dem Austritt aus der FDP gegen seinen ehemaligen Parteifreund Westerwelle.
  • Er war zu spontan, eigenmächtiges Vorgehen beim Flugblatt usw. bei der unbedachten Wortwahl.

Verschwörungstheorien und Memorabilia

Ungewöhnliche Vorfälle oder Ereignisse mobilisieren näturlich die Verschwörungstheoretiker und Memorabilien Sammler, wie auch schon beim
  • Beim 11. September Anschlag, wo zum Beispiel die 20 Dollarnote beweisen kann, dass die Sache vorauszusehen gewesen wäre, und wo schon Tage nach dem Vorfall Dutzende von Leuten auf Ebay Memorabilien vom Vorfall angeboten hatten, zum Beispiele Teile der WTC Trümmmer.
  • Schon Stunden nach dem Columbia disaster wurden Teile des Shuttles auf eBay zum Verkauf angeboten. Auch Verschwörungstheorien begannen zu kursieren.
Im Falle Möllemanns, wo die Frage, ob der Vorfall Selbstmord, Unfall oder Mord war, nicht 100% geklärt ist und vielleicht nie geklärt sein wird, haben die Verschwörungstheoretiker Spekulationsmaterial und Legendenbildung. Auch Wahlkampfflyers und Unterschriften werden im Moment gehandelt.


Ikarus, Quelle: www.hitechnatur.ch Der "Fall Möllemann" ist die Geschichte eines Politikers, der den Medien immer das gab, was sie wollten. Nämlich: Geschichten.
Mit seinem dramatischen Sturz gab er den Medien auch noch seine letzte Geschichte. Falls es eine Selbsttötung gewesen war, so hätte Möllemann diese letzte Geschichte gut inszeniert. Der Fall erinnert zwangsläufig an Ikarus, der den Sonnenstrahlen zu nahe kam und ebenfalls abstürzten musste.




Nachgrag vom 1. Juni, 2004: Neue Spekulationen

Ein Jahr nach dem tragischen Todessprung wird jetzt darüber spekuliert, dass Möllemann Selbstmord verübt haben könnte, weil seine Ehe in einer Krise gesteckt hatte.

Das "Süddeutsche Zeitung"-Magazin berichtete gestern: Im Dezember 2002 dachte Carola Möllemann-Appelhoff erstmals darüber nach, sich von ihrem Mann zu trennen. Auf dem Höhepunkt der Möllemann-Affäre um das Israel-kritische Flugblatt habe sie ihm die "Vertrauensfrage" gestellt. Eine Scheidung hätte der FDP-Rebell aber kaum verkraftet.

Auch Möllemanns Pläne, nach seinem FDP-Austritt eine neue Partei zu gründen, belasteten die Ehe schwer. Das "Süddeutsche Zeitung"-Magazin schreibt: In den letzten Wochen vor seinem Tod habe zwischen den Eheleuten Sprachlosigkeit geherrscht.

Möllemann-Freund Uwe Tönningsen bestätigte dem Boulevardblatt "Bild" "Die Stimmung zwischen Jürgen und Carola war gereizt. Sie hat Dinge über Jürgens Geschäfte erfahren, die haben sie nicht erfreut."

Anfang 2003, so berichtet der frühere FDP-Landesschatzmeister Andreas Reichel, sei Möllemann dann "mitten in einem Gespräch zusammengebrochen". Aber der FDP-Rebell hatte immer damit kokettiert, er sei ein "Stehaufmännchen", eine "Kampfmaschine".

Das "Süddeutsche Zeitung"-Magazin schreibt: "Vielleicht hat Carola Möllemann-Appelhoff Signale auch deshalb nicht ernst genommen ...".


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