Die PISA Studie
(Program for International Student Assessment) hat in der Schweiz viel
Staub aufgewirbelt, denn die Studie zeigte, dass es bei Schweizer Schülern
im Alter von 15 Jahren im Vergleich mit anderern Länder
an Lesekompetenz mangelt. In den Medien wurden Fragen laut, wie:
- Was ist mit unserer Schule los?
- Welches sind die Ursachen der mangelnden Lese- und Sprachkompetenz?
- Hat die "Kuschel-Pädagogik" versagt?
- Müssen wir wieder zur alten Drillschule zurück?
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Was hat ein Mensch überhaupt in der Schule zu lernen?
Es gibt Fachleute, die warnen davor,
Schulen voreilig in gute oder schlechte Schulsysteme einzuteilen, bevor
nicht geklärt ist, welche Kompetenzen überhaupt vermittelt
werden sollen. Die Autoren der PISA Studie haben viel darüber
nachgedacht. Aber wie bei jedem Test gilt es Prioritäten zu setzen.
Die Aufgabe der Schule bleibt vielschichtig.
Es geht sicherlich nicht nur um gute Sprach oder Mathematikkenntnisse.
Bundesrätin Dreifuss sagte an einem Genfer Symposium einmal,
die Schule müsse zwar die Schüler für den Markt "fit" machen,
aber ebenso wichtig sei die soziale Kohäsion und die
Sicherstellung der Chancengleichheit.
Wir vertreten aber die Meinung, dass ein Manko bei den Leseverstehen
ein gravierender Mangel einer Kernkompetenz wäre. Dieser Mangel darf
nicht mit dem Hinweis auf andere Kriterien gleichsam beschönigt
werden. Der Mensch sollte Gelesenes verstehen können und in der
Schule lernen, sich verständlich mündlich und schriftlich
auszudrücken. Die OECD misst der Lesekompetenz eine hohe
Bedeutung für eine erfolgreiche berufliche Karriere zu.
Lust, Motivation und Disziplin
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Es wäre wichtig, die Ursachen der mangelhaften Sprachkompetenz genauer
zu kennen. Hier einige grundätzliche Überlegungen:
Die Förderung der Sprachkompetenz ist nicht durch Senkung der
Leistungsanforderung zu erreichen: an einer Fastnachtspräsentation
in Deutschland wurde einmal zu diesem Thema gewitzelt:
"Jeder kann alles, wenn nur das Niveau entsprechend gesenkt wird!"
Die PISA Studie schockte vor allem unsere nördlichen Nachbarn:
10 Prozent der deutschen Schüler sind laut der PISA Studie kaum
in der Lage, einfache Informationen aus Texten zu ziehen. 22 Prozent
gelten als leseschwach. In Deutschland wurde dem Schulsystem vorgeworfen,
die Ansprüche würden zurückgeschraubt und es dominiere die
sogenannte "Kuschelschule". Das Wichtigste sei das Spass- und Lustprinzip
geworden. Schüler könnten ihr "Lern-Menue" selbst bestimmen.
Lernen kann, soll und darf sicherlich Spass machen,
doch ist Lust nicht das Ziel von Lernprozessen.
Kein Sportler und keine Pianistin könnte ohne konsequentes Üben
die eigene Leistung verbessern. Ohne hartes Training gibt es keinen Erfolg.
Und Training ist leider nicht immer Honigschlecken.
Über Jahre wurde vielleicht auch der Schweiz das Lustprinzip
überbetont. Hedonismus war Trumpf. Lust war gleichsam das
wichtigste Lernprinzip. Spass am Lernen ist vielen Schulstuben
gleichsam Selbstzweck geworden.
Die Lehrenden sahen in den Schülern Wesen, die ohne Druck, ohne
Forderung bereit sind, freiwillig zu lernen und selbst kennen,
welche Kompetenzen sie im Leben brauchen. Dass Freude am Erfolg
möglicherweise erst nach harten Lernprozessen Lust auf mehr weckt,
wurde zu wenig erkannt.
Neues zu lernen können wir leider nicht immmer nach dem
"Prinzip des geringsten Widerstandes".
Jeder Lernende versucht sich in der Regel, gegen die unangenehmen
Seiten des Lernens zum Wehr zu setzten. Das darf er auch, das ist normal.
Aber Lehrende sollten mit diesen verständlichen Widerständen
umgehen können. Widerstände gehören - so wie die Lust -
zu allen Lernprozessen.
Beachten wir einmal den sprachlichen Umgang in den Bereichen
Schule, Lehrpersonen und Lernen: "Schule oder Lernen" wird sprachlich
vielfach zu negativ geprägt.
- Schulen sind Zwangsanstalten
- Lehrer sind doof und faul
- Lernen ist Fronarbeit
- Arbeit gilt generell als Stress
- Hausaufgaben sind "nutzloses Tun" (vergällt die Freizeit)
- Pünklichkeit, Sauberkeit und Ordnung sind als
zwangsstaatserhaltende "Sekundärtugenden" abzulehnen
- Sportunterricht ist ein "vormilitärischer Drill"
- Schüler, die lernen, sind Streber
- Benotung ist schlecht und ungerecht
- Strafen oder Massnahmen sind verboten (Ausschluss aus der Schule -
beispielsweise bei wiederholten, unzumutbaren Störungen)
Hartes, konsequentes Verhalten gilt als unzumutbare Repression.
(vgl. dazu den Onlineartikel
Verhaltensoriginell
statt schwererziehbar).
- "Sitzenbleiben" ist nicht mehr erlaubt
Die Einstellung zum Lernen hat immer auch mit dem Sprachgebrauch zu tun.
Gedanken und Worte beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb sollten wir
bedachtsamer mit den Formulierungen im Lernbereich umgehen.
Politiker versuchten die Schule - wie Firmen - zu rationalisieren:
- Grössere Klassenbestände.
- Senkung der Stundenzahlen.
- Verzicht auf Leistungsbeurteilungen.
- Wissen wird komprimiert oder wie eine Ware rationalisiert
- Pfannenfertige Lehrmittel - von Spezialisten ausgearbeitet-
täuschen ein schnelleres Lernen vor.
Die Jugendlichen erkennen vielfach die Zusammenhänge
von komplexen, teuren Lehrmittel gar nicht mehr.
Das Ausfüllen von Lückentexten zum Beispiel fördert
die Schreibkompetenz kaum.
- Die Vermittlung von Wissen kann im Allgemeinen nicht in kürzerer Zeit
geschehen.
Ob solche Sparmassnahmen das Lernen erleichtern, ist fraglich.
Was müsste zur Förderung der Sprachkompetenz konkret
getan werden?
In den pädagogischen Hochschulen sollten die
Studenten vermehrt ausgebildet werden, den Schülern zu lehren, wie man
selbst lernen kann. Sie würden so zu Helfern zur Selbsthilfe.
Auch müssen die Lehrpersonen Werkzeuge beherrschen, um Probleme selbst
lösen zu können. Heute kann oft nicht mehr ohne externe Berater
Unterricht erteilt werden.
(Siehe dazu den Onlineartikel
Lehrkräfte zu Persönlichkeiten schulen.)
Qualitätsverbesserung muss auch in den Schulen
zur Selbstverständlichkeit werden
z.B. Über Selbst- und Fremdbeurteilung
(siehe
Veränderungsmanagement).
Gebrauch aller Lernkanäle
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Die Sprachkompetenz ist über alle Sinne zu erwerben.
Es gibt nicht nur das Hören.
Ohne das eigene Tun erlangen wir wir keine Sprachkompetenz.
Deshalb sollten vermehrt alle "Lern-Kanäle" genutzt werden:
| Lesen | Zuhören | Schreiben/Zeichnen | Reden | Nachdenken |
| Augen | Ohren | Hände | Mund | Herz |
Der Spruch "Kopf, Herz und Hand" ist wieder modern.
Mit allen Sinnen lernen heisst sinnvoll lernen.
Situationsgerechte Mittel
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Bedenken wir: Im Medienbereich haben neue Informationsmedien ältere Medien
nie ersetzt, nur bereichert. Das Telefon hat das persönliche
Gespräch nicht ersetzt, die email hat das Telefon nicht verdrängt. Trotz
Fernsehen gibt es noch das Radio. Das Buch überlebte Film und Video.
Zum Email hat sich das SMS gesellt. Das Internet konnte auch das Buch oder die
Zeitung nicht zum Verschwinden bringen. Im Gegenteil: Es kam zu einem
zusätzlichen, neuen Bücher- und Fachzeitschriftenangebot.
Was aber heute gerade wegen dieser Medienvielfalt unbedingt besser beachtet
werden müsste: Wir sollten mit Medien situationsgerechter
umgehen lernen. Die Lehrpersonen müssten auch medienpädagogisch
besser ausgebildet werden, damit sie Medien situationsgerechter einsetzen
können.
Wir stellen bei Supervisionen immer wieder fest, dass
selbst Manager oder Dozenten Mühe im Umgang mit
den jeweiligen Medien haben können. Welches Medium soll wann, wie
eingesetzt werden? Präsentationsmedien wie
Hellraumprojektor, Flipchart oder Powerpoint haben
Vor- und Nachteile. Es gilt jedoch generell:
Die schönste Folie, der lebendigste Internetauftritt
die farbenprächtigste "gerissenste" Projektion nützt nichts,
wenn die Darstellung nicht verstanden wird, wenn das Medium nicht sinnvoll,
situations- und adressatengerecht eingesetzt wird.
Erkenntnisse der Hermeneutik umsetzen
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Bei der sprachlichen Kompetenz (mündlich und schriftlich)
gilt es, die Phänomene der Wahrnehmungspsychologie ebenfalls
vermehrt zu berücksichtigen. Wir hoffen, dass in der Ausbildung
der Ausbildner die Erkenntnisse der Hermeneutik (der Kunst des Verstehens)
umgesetzt werden. Hier gibt es auf allen Stufen einen Nachholbedarf.
Verständnistraining lässt sich im Verbund mit allen
Medien ständig anwenden. Ohne aktives Üben
kommt es zu keiner Verbesserung. Lernen wir aus der PISA Studie!
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