Karin Keller-Sutter unterstrich in ihrer Neujahrsansprache als
Bundespräsidentin den Satz: "Bescheidenheit ist ein Schweizer
Wert." Weil es im Volksmund heisst, "Bescheidenheit ist eine Zier",
stellte nach der Ansprache kein Schweizer diese Kernbotschaft in
Frage. Nach der jüngsten Kolumne im BLICK von Frank A. Meyer hat
jemand, der von höchster Stelle so etwas verlauten lässt,
ein Problem. Das Eigenlob der Bundespräsidentin kontrastiert mit
der segensreichen Tugend "Bescheidenheit".
Wer sich generell mit dieser positiv gefärbten Charaktereigenschaft
auseinandersetzt, sollte Begriffe ommer zuerst definieren. Allgemein
gelten folgende Synonyme für Bescheidenheit:
Genügsamkeit Anspruchslosigkeit Einfachheit Schlichtheit
Demut sich zurückhalten, zurücknehmen sich nicht in den
Mittelpunkt stellen Unaufdringlichkeit verzichten sich begnügen
andere an die erste Stelle setzen. Menschen finden Genügsamkeit
erstrebenswert und wertvoll. Psychologen sehen aber auch Schattenseiten:
Bescheidenheit kann für zu Bescheidene ein Karrierekiller sein.
Wer Mitmenschen wertschätzt, läuft zudem Gefahr, sich selbst
zu verleugnen, sich selbst abzuwerten. Bescheidene müssen darauf
bedacht sein, das eigene Wohl nicht auszuklammern.
Anderseits sollten wir auch die Gegenseite der Bescheidenheit
genauer kennen. Es gilt beim Gegenpol "Die Ueberheblichkeit" ebenso
einzukreisen. folgende Stichworte bringen uns da weiter: Geltungssucht
Masslosigkeit Prunksucht ambitioniert (ehrgeizig, strebsam)
hochnäsig prahlerisch angeberisch grossspurig selbstverliebt,
selbstgefällig sich für etwas Besseres halten auf zu
grossem Fuss leben egozentrisch arrogant aufgeblasen.
Im Alltag stellen wir fest, dass im Umgang mit Menschen, extremes
Verhalten schlecht ankommt. Auch beim Spannungsfeld Bescheidenheit
vs. Ueberheblichkeit geht es einmal mehr um die Frage des Masses. Die
Balance zwischen den extremen Polen zu finden, ist die Herausforderung.
Zurück zum Schweizer Wert "Bescheidenheit": Bei den Verhandlungen mit
der EU wird seit geraumer Zeit bewusst, dass ein Land nicht zu bescheiden
sein darf im Hinblick intern vereinbarten roten Linien. Denn fixe Grenzen
dürfen auch bei Kompromissen nicht überschritten werden.
Bei allen Verhandlungen auf Augenhöhe ist es immer zulässig,
bei zementierten roten Linien hart und unbescheiden deren Einhaltung
einzufordern und anderseits überhebliches Verhalten der Gegenpartei
zu entlarven. Ueberhebliches Verhalten der EU darf die Schweiz desahlb
nie grossmütig akzeptieren. Dies wäre falsche Bescheidenheit.