Ein Rhetoriktrainer lehnt Videoaufnahmen bei seinen Seminaren generell
ab. Er begründete sein Urteil jüngst in einem Filmbeitrag im
Netz mit folgenden Argumenten:
Wenn bei einem Training mit acht Teilnehmern alle die Videoaufnahmen
von einem Betroffenen anschauen müssen, ist dies verlorene
Ausbildungszeit. Anstatt die Videoaufnahmen zu analysieren, sollten
die Akteure direkt korrigiert werden. Wenn einem Teilnehmer nach
der Videoaufnahme gesagt wird: "Sie machen keine Sprechpausen",
so wird ihm dadurch nicht geholfen. Wir müssen Marotten SOFORT
beheben. Wir erreichen schnellere Fortschritte, wenn wir die Zeit
nutzen, um Mängel sofort zu verbessern, statt Videos anzuschauen.
Videoaufnahmen sind verlorene Zeit. Nur konkretes Training bringt uns
weiter. Diese Einstellung teile ich jedoch nur, wenn ein Coach den
"Spiegel Video" falsch einsetzt. Für mich hat sich der Einsatz
mit Video stets gelohnt. Folgende Fehler sind aber in der Praxis immer
wieder anzutreffen:
Bänder werden den Betroffenen mitgegeben. Richtig ist aber, dass
Videoaufnahmen nach dem Seminar gelöscht werden müssen, damit
der Betroffenen nicht Mängel mehrmals anschauen oder hören
und damit zementieren. Ein weiterer Fehler: Der Coach weist nach der
Aufnahme sofort auf Fehler hin, statt die Betroffenen zuerst sich selbst kritisieren zu
lassen. In der Regel erkennt der Redner dank der Videoaufnahmen die
Mängel problemlos. Das ist der grosse Vorteile des "Spiegels
Video". Die Bereitschaft, sein Verhalten zu verbessern, erfolgt dank
der Einsicht rascher (Fakten). Selbstkritik verhindert Rechtfertigungen,
Beschönigungen oder die übliche Abwehrhaltung bei Fremdkritik.
Professionelles Videotraining ist ein Lernbeschleuniger. Doch setzt dies
voraus, dass die wichtigsten Spielregeln eingehalten werden:
Die Zuschauer müssen aktiviert werden. Sie notieren die
persönlich festgestellte Hauptstärke des aufgenommenen
Redners. Diese positive Rückmeldung erfolgt auf einem Notizblatt,
das dem Betroffenen persönlich überreicht wird. Positives
wird dadurch verstärkt und bewusst gemacht. Das stärkt das
Selbstvertrauen und fördert die Selbstsicherheit.
Es ist ein gravierender Fehler, durch eine wohlwollende Kameraführung
Negatives auszublenden oder Mängel mit Zoomaufnahmen zu
vergrössern, d.h. zu verstärken. Es muss stets objektiv gefilmt
werden, mit fixer Einstellung. In der Filmsprache will dies heissen: Nie
"edieren" (verfremden). Kein Weglassen von Defiziten. Negative Details
keinenfalls zoomen. Auch keine Geschwindigkeitsveränderungen
(Schnelllauf oder Zeitlupe) vornehmen. Die beobachtungsorientierte
Interpretation mit der Kamera ist übrigens in kurzer Zeit erlernbar.
Bei der Ausbildung mit Video geht es auch um die Einhaltung folgender Schritte:
- Konfrontationsphase
- Bewusstwerdungsphase
- Akzeptierungsphase
- Zugeständnisphase (Bereitschaft, Fehler zu verbessern)
In meiner langjährigen Tätigkeit mit Video brachte es ein
Sporttrainer anlässlich eines Medientrainings vor der Olympiade
mit Spitzenportlern auf den Punkt, nachdem er während der
ganzen Ausbildung unsere Arbeit in Magglingen verfolgte. Nach der
Unterrichtsequenz mit Video sagte der Profi Sport Coach:
"Das war für mich mehr als nur ein Medienrhetoriktraining. Das
Training mit Video war gleichsam eine angewandte Selbsterfahrung, die
alle Akteuere sehr schnell weiterbrachte."
Die "Ausbildung mit Video" - fachgerecht durchgeführt -
lohnt sich. Sie ist ein "Lernbeschleuniger" und sollte nicht pauschal
abgelehnt werden.
Illustrationen AI generiert