Rhetorik.ch

Knill+Knill Kommunikationsberatung

Knill.com
Aktuell Artikel Artikel Inhaltsverzeichnis Suche in Rhetorik.ch:

www.rhetorik.ch aktuell: (28. Jun, 2024)

Das Duell der alten Maenner

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Die Debatte in Atlanta war für Biden und Trump  wichtig. Sie
wussten: Patzer beim Verhalten vor einem Millionen Publikum können
Match-entscheidend sein. Als 1992 Georg Bush auf die Uhr schaute,
als eine Wählerin eine Frage zur Staatsverschuldung stellte,
wurde der wortlose Fehltritt  negativ gewertet und hatte Folgen. Beim
aktuellen Fernsehduell interessierte mich deshalb vor allem, welche
Details aussagekräftig sein könnten.  Wer verliert die Nerven?
Wer wird vor laufender Kamera ausfallend?  Gibt es non-verbale Signale,
die aufschlussreich sind?  Wer wirkt überzeugender?


Die Spielregeln der Debatte waren streng:

Dauer: 90 Minuten, ohne Publikum .  Bei Zeitüberschreitungen wird
das Mikrofon abgestellt.  Um politischer Theatralik vorzubeugen, gab es
dieses Jahr einige neue Regeln: Zum Beispiel soll immer nur ein Mikrofon
laufen. Damit war es Trump nicht mehr möglich,  wie 2020, Biden
mit seiner penetranten Unterbrechungstaktik zu destabilisieren. Vor vier
Jahren hatte diese Provokation Erfolg. Biden konterte enerviert konterte:
#Könntest Du endlich die Klappe halten!?"  Spickzettel waren beim
jüngsten Duell nicht zulässig. Biden und Trump mussten frei
reden. Sie bekamen lediglich einen Notizblock, einen Stift und eine
Flasche Wasser. Wer auf welcher Seite der Bühne stehen darf, wurde
per Münzwurf entschieden. Biden hatte gewonnen und konnte damit die
favorisierte Position auf der Bühne - rechts - einnehmen. Dafür
erhielt Trump das letzte Wort.  Moderatoren dürfen Falschaussagen
nicht richtig stellen.


Meine Beobachtungen und Gedanken während der Sendung:

Ich vermisste bei Biden das ungespielte Engagement, das Feuer, das in
ihm brennt. Bei der letzten #Rede der Nation" erlebte ich Biden erstmals
glaubwürdig und kämpferisch. Es war wohl die #Rede seines
Lebens". Davon war leider im Duell wenig zu spüren.Vieles wirkte
für mich auswendig gelernt und nicht authentisch.  Seinen Coaches
gelang es beispielsweise nicht, dafür zu sorgen, dass Biden
den Blick nicht senkt, wenn er angegriffen wird. Bei Konfrontationen
ist der Blickkontakt sehr wichtig. Er muss aufrechterhalten bleiben.
Das Bemühen #fit zu  wirken" blieb nur ein Bemühen, weil
niemand über den eigenen Schatten springen kann. Die Spuren
des Alters lassen sich nicht weg trainieren. Bei Biden blieben -
trotz Training - die Bewegungen verlangsamt, auch seine Hinwendungen
mit steifem Nacken. Wie auch  bei anderen Auftritten habe ich bei ihm
oft das Gefühl, er bewege sich auf dem Modus #Slow Motion". Beim
Fernsehduell war diese Verlangsamung der Bewegungen sehr deutlich zu
erkennen. Sie schwächte seinen Auftritt enorm ab. Beim Zuhören
starrte Biden manchmal ins Leere - mit leicht geöffnetem Mund.
Was beim Sprechen störte: Schon am Anfang wirkte die Stimme Bidens
heiser, dünn, kraftlos. Im Gegensatz zur Mimik und Gestik sprach er
aber viel zu hastig und zu monoton. Er demontierte sich damit selbst. Mit
der reduzierten Gestik und dem Zittern der Hände wurde der #erste
Eindruck" zum #schlechten Eindruck".

Möglicherweise ist Biden beratungsresistent. Zu viele Tipps belastet,
anstatt zu helfen. Er musste zu viel beachten: Keine Aussetzer, keine
Verwechslungen, kein fahriges Verhalten. Das war zu viel verlangt. Er
wirkte trotz des tagelangen Trainings fahrig, verhaspelte sich und
verlor den roten Faden.  Wahrscheinlich wurde ihm beigebracht, statt
die verstörende Rhetorik Trumps  zu ignorieren, sie mit Angriffen
zu kontern.  Bei diesem Duell verstand es hingegen Trump geschickt,
Biden schon im Vorfeld der Debatte zu piesacken. Trump forderte bei
seinem Kontrahenten einen Drogentest. Diese Provokation wirkte. Biden
konnte es im Duell nicht unterlassen, Trump während der Debatte
all seine Fehltritte um die Ohren zu schlagen. Ganz wichtig wäre
es bei TV-Debatten: Cool zu bleiben, vor allem bei überraschenden,
direkten oder unfairen Angriffen.  Im Duell mangelte es auf beiden
Seiten nicht an Vorwürfen und verbalen Angriffen. Die Kandidaten
wurden dem Wort DEBATTE (#Battre=schlagen") gerecht. Es kam zu einem
heftigen Schlagabtausch. Dialogische Elemente fehlten völlig. Beide
griffen den Gegner hart an. Doch Bidens Angriffe liefen ins Leere.
Trump und Biden warfen einander Lügen und Fehlinformationen vor.
Persönliches nicht Politisches stand zunehmend im Fokus. Biden
wetterte gegen Trump, und konterte: #Mein Sohn war kein Verlierer und
Trottel (#sucker"). Du bist ein Trottel."  Trump anderseits zweifelte
an der geistigen Verfassung von Amtsinhaber Biden: #Er ist nicht in der
Lage, Präsident zu sein, Sie wissen das, und ich weiss es. Es ist
lächerlich. Er ist, ohne Frage, der schlechteste Präsident
- die schlechteste Präsidentschaft in der Geschichte unseres
Landes", schimpfte er weiter.  Biden musste sich zu oft rechtfertigen,
weil Trump  anstatt mit der Unterbrechungstaktik mit dem rhetorischen
Element Behauptungen laufend ungestört provozieren konnte. Biden
hatte zunehmend Mühe beim Antworten.  Einmal hatte er sogar mit
dem Stottern zu kämpfen. Der Zweifel an seiner geistigen Fitness
wurde bestärkt.

Trumps Rhythmusgesten symbolisierten hingegen Dominanz. seine Gesten
wirkten selbstsicher. Auch seine Stimme war kraftvoller und klang sonorer.
Ich befürchtete vor der Debatte, die neuen Spielregeln würden
wie ein zu enges Korsett wirken.  Das war  aber nicht der Fall. Weil nur
ein Mikrofon eingeschaltet wurde, konnten die Kandidaten ungestört
ihre Angriffe vortraagen. Wenn Trump zuhörte, störten  seine
zugekniffenen Augen und die herunterhängenden Mundwinkel.  Trump wich
den Fragen aus oder ignorierte sie. Er wurde drei Mal gefragt, ob er
das Wahlergebnis akzeptiere. Es folgten nur weitere abschätzige
Bemerkungen über den Kontrahenten. Trump verstand es, die
neuen Regeln für sich zu nutzen. Er wartete erstaunlicherweise
anständig, bis er an der Reihe war, dann folgte Behauptung auf
Behauptung. Niemand durfte ihn unterbrechen, weil es den Moderatoren
nicht gestattet war, Falschaussagen richtigzustellen.

Prognose:

Ich kann mir gut vorstellen, dass Trump nach dem Duell hinsichtlich
Beliebtheit seinen Vorsprung zurückgewinnen kann. Mit dem Erfolg
Bidens bei den #Swing States" führte das kurz vor dem Duell
überraschend zu einer Patt-Situation. Mit  dem verheerenden Auftritt
Bidens in der Fernsehdebatte wird sich die Situation ändern.
Nachtrag vom 30. Juni: Biden war vermutlich übertrainiert" Zum Absturz Bidens am Fernsehduell kommt in der SonntagsZeitung vom 3. Juni 24 Psychologin Alexandra Freund zum gleichen Schluss wie ich. In ihrer Analyse vermutet sie auch, dass Biden sich unter zu grossem Druck gefühlt hat. Er hatte sich deshalb zu intensiv für das Duell vorbereitet. Eine Woche lang fokussierte er sich auf die Fragen: Kann ich überhaupt noch kohärent und flüssig sprechen? Verhasple ich mich? Verwechsle ich Dinge und Namen? Murmle ich Unverständliches in mich rein? Wenn der Druck zu gross wird, passiert nämlich genau das, was vermieden werden sollte. Die Vorurteile werden so stark, dass wir uns genau gemäss diesen Vorurteilen verhalten. Biden war nach Alexandra Freund mit der sehr intensiven Vorbereitung "übervorbereitet". Ich schieb in meiner Analyse von "übertrainiert" und war auch er Meinung: Biden hätte sich zu stark belastet. In der Psychologie gibt es den Begriff "Choking under pressure". Genau das ist wohl Biden während der Debatte geschehen. Die Psychologin verwies auf Studien, die zeigen: Wenn man beispielsweise einer Person beim Golfspielen sagt. "Schlag den Ball NICHT über das Loch hinaus", dann tut sie das signifikant häufiger, als wenn man nichts sagt. Ich verweise bei den Coachings immer wieder auf das Phänomen hin, dass Menschen das NICHT ausblenden und eine Beraterin eine nachhaltigere und raschere Verbesserung erreicht, wenn sie sagt, was man tun soll und nicht was man NICHT tun soll. Immer wider hatte ich beim Mediencoaching Führungskräfte, die statt Pausen das lästige "Aeh" aussprachen. Vielleicht aus Angst ,das Gegenüber unterbreche während der Sprechpause. Denkbar ist auch, dass man mit dem "Aeh" als Platzhalter signalisieren will: "Warte bitte! Ich werden noch weiterreden". Berater, die empfehlen: "Sage KEINE "Aehs"!" haben kaum Erfolg, die "Aehs" zu eliminieren. Weil das NICHT oder KEINE im Gehirn ausgeblendet wird, bleibt das störende "Aeh" erhalten. Empfiehlt er jedoch: "Mache deutliche Sprechpausen!" fokussiert sich das Gehirn auf das Wort "PAUSE". Der Makel wird schneller behoben. Wir lernen schneller, wenn wir sagen, was zu tun ist und nicht, was NICHT zu tun ist.

Rhetorik.ch 1998-2024 © K-K Kommunikationsberatung Knill.com