Bundesrat Berset wurde gefragt:
"Warum ist es zulässig, sich privat mit 10 Personen zu treffen, aber
nicht, in ein Restaurant zu gehen und dort an einem Vierertisch zu essen?"
Berset: "Das ist immer eine schwierige Frage. Aber im Privaten trifft es
den inneren Kreis der Familie, das ist ganz ein privater Eingriff. Es gibt
auch hier ein gewisses Risiko, aber die 5er-Regel war extrem strikt. Es
gibt aber keine Antwort auf diese Frage."
Der Bundesrat hat keine Antwort auf diese angeblich so schwierige Frage.
Und doch versucht er, die Massnahme zu rechtfertigen. Im Privaten gehe
es um den inneren Kreis der Familie. Dort war die 5er-Regel zu strikt.
Der Bürger wundert sich:
Sind die Menschen im privaten Umkreis immuner als Menschen am Vierertisch
im Restaurant? Ist das Risiko nicht an beiden Orten gleich? Wenn Berset
auf diese Frage keine Antwort hat, weshalb konstruiert er dann eine
Pseudoantwort, die wegen mangelnder Logik nicht überzeugt.
Herumeiern bei Fehlentschieden ist immer eine schlechte Taktik.
Weshalb fällt es so oft schwer, Denkfehler einzugestehen?
Nachdem Angela Merkel ein "Oster Lockdown mit Schliessung aller
Geschäfte verkündet hatte, ohne sich rechtzeitig mit den
Ländern abzusprechen, machte sie eine 180 Grad Kehrtwendung. Sie
wählte dabei die Mea-culpa Strategie. Die Kanzlerin hatte angeblich
eingesehen, dass ihr Entscheid ein Fehler war und nicht realisiert werden
konnte. Ob sie gut beraten war oder aus eigenem Antrieb handelte,
bleibe dahingestellt. Nach diesem offensichtlichen Fehler nahm die
Kanzlerin Selbstkritik, die Verantwortung voll und ganz auf sich und
entschuldigte sich wirkungsvoll.
Die Spannung war ihr ins Gesicht geschrieben, als sie sagte:
"Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler, denn am Ende trage
ich die letzte Verantwortung."
Das Mea-culpa überzeugte mich. Solche Worte hatte man von
der Kanzlerin bislang nie gehört. Jedenfalls gelang es ihr,
sich vom Druck der Medien zu befreien. Der Reueauftritt war geschickt
kalkuliert. Er lenkte vom Impfchaos und den Korruptionsskandalen in den
Parteien ab.
Ein Journalist bezeichnete Merkels Entschuldigung als "gesprochene Raute",
obschon Merkel selten selbstkritisch ist. Und sie wies ganz nebenbei
die Ministerpräsidenten in die Schranken.
Immer mehr Politiker und Führungspersönlichkeiten bitten um
Verzeihung oder Entschuldigung. Wohlwissend, wer die Schuld auf sich
nimmt, kann nicht mit zusätzlicher Schuld beladen werden. Selbst
Kardinal Erzbischof Woelki wählte im Missbrauchsskandal den Weg
der öffentlichen Zerknirschung.
Juristen warnen meist vor dem Mea Culpa. Es sei gefährlich. Denn
es könnte ein juristisch relevantes Schuldeingeständnis sein
mit entsprechenenden Folgen. Doch sollten wir uns nur ent-schuldigen,
wenn eigene Schuld vorliegt. Sonst wäre es ja nur eine leere
Höflichkeitsformel.
Wir erinnern gewiss an weitere Mea-culpa-Personen, die eine
unterschiedliche Wirkung erzielt hatten.
- Bill Clintons Entschuldigung bei Monica Lewinsky, mit der er keinen "Sex"
gehabt haben wollte, hinterliess einen schalen, Nachgeschmack.
- Talkmaster Michel Friedman (Sendung:
"Achtung Friedman") geriet im Juni 2003
in den Verdacht, gegen das Betäubungsmittelgesetz
verstossen zu haben. Zudem soll
er bei einem Zuhälterring Prostituierte angefordert haben.
- Anfang November erlebten die Fernsehzuschauer
den einsichtigen Friedman bei Sabine
Christiansen, kurz darauf auch noch im
"Grünen Salon". Es war unglaublich, wie es Friedmann gelang, mit
brillanter Rhetorik und konsequentem Schuldeingeständnis,
das Publikum für sich zu gewinnen. Er wischte die üble
Geschichte mit den Prostituierten vom Tisch: "Ich sage es nochmals.
Ich habe Mist gebaut! Muss ich es
wiederholen? Den Kopf kann ich Ihnen nicht auch noch hinhalten." Hierauf
wagte niemand mehr, hart nachzuhaken!
Gibt es die perfekte Entschuldigung?
Forscher der US-amerikanischen Ohio State University haben ein 5-Schritt
Programm entwickelt. Dieses Vorgehen hat sich auch in der Praxis meiner
Tätigkeit als Ombudsmann bewährt:
- FEHLER EINGESTEHEN
Es ist der schwerste Schritt. Er ist schmerzhaft, weil jeder der beste
sein möchte. Ohne "aber" Sätze, Schuldzuweisungen und faule
Ausreden.
"Es tut mir leid. Das war mein Fehler."
- DAS GESPRAECH SUCHEN
Mit der Person, die vom Fehler betroffen wurde, in einer ruhigen Minute
das Vieraugengespräch suchen. Hilfe anbieten, wenn es darum geht,
Schaden wieder gut zu machen. Betroffene sind auch nur ein Menschen und
werden möglicherweise vorwurfsvoll reagieren.
- EINE LOESUNG VORSCHLAGEN
Einen konkreten Vorschlag machen für die Lösung des entstandenen
Problems. So wird guter Wille und strategisches Denkvermögen
gezeigt. Oft kann dadurch die Situation entschärft werden.
- EINE ENTSCHULDIGUNG REICHT
Eine aufrichtige Entschuldigung reicht völlig aus, wenn
deutlich gemacht wird, dass die Verantwortung übernommen wird,
egal ob Entschuldigung und Lösungsvorschlag angenommen werden oder
nicht. Eine Bittstellerrolle wäre fehl am Platz. Selbstbewusst auf
Augenhöhe mit den Betroffenen auftreten.
- AUS FEHLERN LERNEN
Wo gearbeitet wird gibt es Fehler. Doch dürfen sich Fehler nicht
wiederholen. Ein Fehler kann nur entschuldigt werden, wenn man ihn zum
ersten Mal macht.
FAZIT:
Mea Culpa kann in heiklen Situationen retten.
Doch muss eine Entschuldigung vom Herzen kommen. Heuchelei wird entlarvt.