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www.rhetorik.ch aktuell: (08. Apr, 2021)

Mea culpa als Rettungsanker

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Persoenlich
Bundesrat Berset wurde gefragt: "Warum ist es zulässig, sich privat mit 10 Personen zu treffen, aber nicht, in ein Restaurant zu gehen und dort an einem Vierertisch zu essen?"
Berset: "Das ist immer eine schwierige Frage. Aber im Privaten trifft es den inneren Kreis der Familie, das ist ganz ein privater Eingriff. Es gibt auch hier ein gewisses Risiko, aber die 5er-Regel war extrem strikt. Es gibt aber keine Antwort auf diese Frage."
Der Bundesrat hat keine Antwort auf diese angeblich so schwierige Frage. Und doch versucht er, die Massnahme zu rechtfertigen. Im Privaten gehe es um den inneren Kreis der Familie. Dort war die 5er-Regel zu strikt. Der Bürger wundert sich: Sind die Menschen im privaten Umkreis immuner als Menschen am Vierertisch im Restaurant? Ist das Risiko nicht an beiden Orten gleich? Wenn Berset auf diese Frage keine Antwort hat, weshalb konstruiert er dann eine Pseudoantwort, die wegen mangelnder Logik nicht überzeugt. Herumeiern bei Fehlentschieden ist immer eine schlechte Taktik. Weshalb fällt es so oft schwer, Denkfehler einzugestehen?
Nachdem Angela Merkel ein "Oster Lockdown mit Schliessung aller Geschäfte verkündet hatte, ohne sich rechtzeitig mit den Ländern abzusprechen, machte sie eine 180 Grad Kehrtwendung. Sie wählte dabei die Mea-culpa Strategie. Die Kanzlerin hatte angeblich eingesehen, dass ihr Entscheid ein Fehler war und nicht realisiert werden konnte. Ob sie gut beraten war oder aus eigenem Antrieb handelte, bleibe dahingestellt. Nach diesem offensichtlichen Fehler nahm die Kanzlerin Selbstkritik, die Verantwortung voll und ganz auf sich und entschuldigte sich wirkungsvoll. Die Spannung war ihr ins Gesicht geschrieben, als sie sagte:

"Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler, denn am Ende trage ich die letzte Verantwortung."

Das Mea-culpa überzeugte mich. Solche Worte hatte man von der Kanzlerin bislang nie gehört. Jedenfalls gelang es ihr, sich vom Druck der Medien zu befreien. Der Reueauftritt war geschickt kalkuliert. Er lenkte vom Impfchaos und den Korruptionsskandalen in den Parteien ab.
Ein Journalist bezeichnete Merkels Entschuldigung als "gesprochene Raute", obschon Merkel selten selbstkritisch ist. Und sie wies ganz nebenbei die Ministerpräsidenten in die Schranken.

Immer mehr Politiker und Führungspersönlichkeiten bitten um Verzeihung oder Entschuldigung. Wohlwissend, wer die Schuld auf sich nimmt, kann nicht mit zusätzlicher Schuld beladen werden. Selbst Kardinal Erzbischof Woelki wählte im Missbrauchsskandal den Weg der öffentlichen Zerknirschung.

Juristen warnen meist vor dem Mea Culpa. Es sei gefährlich. Denn es könnte ein juristisch relevantes Schuldeingeständnis sein mit entsprechenenden Folgen. Doch sollten wir uns nur ent-schuldigen, wenn eigene Schuld vorliegt. Sonst wäre es ja nur eine leere Höflichkeitsformel.

Wir erinnern gewiss an weitere Mea-culpa-Personen, die eine unterschiedliche Wirkung erzielt hatten. Gibt es die perfekte Entschuldigung? Forscher der US-amerikanischen Ohio State University haben ein 5-Schritt Programm entwickelt. Dieses Vorgehen hat sich auch in der Praxis meiner Tätigkeit als Ombudsmann bewährt:
  1. FEHLER EINGESTEHEN Es ist der schwerste Schritt. Er ist schmerzhaft, weil jeder der beste sein möchte. Ohne "aber" Sätze, Schuldzuweisungen und faule Ausreden. "Es tut mir leid. Das war mein Fehler."
  2. DAS GESPRAECH SUCHEN Mit der Person, die vom Fehler betroffen wurde, in einer ruhigen Minute das Vieraugengespräch suchen. Hilfe anbieten, wenn es darum geht, Schaden wieder gut zu machen. Betroffene sind auch nur ein Menschen und werden möglicherweise vorwurfsvoll reagieren.
  3. EINE LOESUNG VORSCHLAGEN Einen konkreten Vorschlag machen für die Lösung des entstandenen Problems. So wird guter Wille und strategisches Denkvermögen gezeigt. Oft kann dadurch die Situation entschärft werden.
  4. EINE ENTSCHULDIGUNG REICHT Eine aufrichtige Entschuldigung reicht völlig aus, wenn deutlich gemacht wird, dass die Verantwortung übernommen wird, egal ob Entschuldigung und Lösungsvorschlag angenommen werden oder nicht. Eine Bittstellerrolle wäre fehl am Platz. Selbstbewusst auf Augenhöhe mit den Betroffenen auftreten.
  5. AUS FEHLERN LERNEN Wo gearbeitet wird gibt es Fehler. Doch dürfen sich Fehler nicht wiederholen. Ein Fehler kann nur entschuldigt werden, wenn man ihn zum ersten Mal macht.
FAZIT: Mea Culpa kann in heiklen Situationen retten. Doch muss eine Entschuldigung vom Herzen kommen. Heuchelei wird entlarvt.

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