In einem Quartierschulhaus Wylergut hängt
seit 71 Jahren im Treppenhaus ein Wandbild. Das Fresko kam in die
Medien, weil das N und I im Kunstwerk von einer unbekannten
Täterschaft übermalt worden ist. Von Kunstfrevel ist die
Rede. Doch das Schulhaus will trotz Sachbeschädigung keine Anzeige
einreichen. Die umstrittenen halben Quadratmeter sind jetzt schwarz.
Sie gelten als rassistische Kunst.
Es ist eine Frage, die überall auftaucht: we gibt Worte, die einst
allgemein gebräuchlich waren, und die heute tabu sind. Literatur, oder
Bilder, die vor mehreren Jahrzehnten gemacht worden sind, sind
haute nicht mehr in Ordnung. Dazu gehören auch Bücher wie Mark Twain
oder Bilhelm Busch, der in Max und Moritz mit Tierquälerei und sadistischen
Streichen Erfolg hatte.
Geschichten von Pippi Langstrumpf, Hotzenplotz, Emil und
die Detektive, sind on der Sprachpolizei schon verändert worden. Ist das
Zensur oder ist das richtig? Die Meinungen gehen auseinander.
Etymologisch ist das N Wort vom Lateinischen, vom Französischen oder
dem Spanischen abgeleitet. Es hiess ursprünglich einfach Schwarz, wurde
dann aber mehr und mehr politisch unkorrekt. Als das Wylergut Bild gemacht wurde,
hatte sich niemand daran gestört.
Ist moderne Sensibilität ein Grund, die Bilder und
Texte zu verändern? Gerade in der Schule könnte das ein Anlass sein,
über die Geschichte und Situationen nachzudenken und die Schüler mit
der Geschichte und der Problematik zu konfrontieren. Das wurde
übrigens auch in dieser Schule vor einem Jahr schon thematisiert.
Die Schüler wurden aufgefordert, darüber zu schreiben.
Die Wylergut Story dann birgt das Dilemma, ob es in Ordnung ist,
solche Bilder in Nacht und Nebelaktionen zu verändern. Und
dann, ob es in Ordnung ist, die Vandalen bewusst nicht zur
Rechenschaft zu ziehen. Auch hier gehen die Meinungen auseinander.
Tagi
Tagi:
"Die Stadt beugt das gültige Recht, das empfinde ich als
Skandal": Schulleiter Jürg Lädrach vor dem Wandbild im
Stadtberner Schulhaus Wylergut. Am rechten Rand ist die zerstörte
Porträttafel zu sehen, die einen Schwarzafrikaner zeigte.
Es geschieht zwischen 13.30 und 14.15 Uhr, während der ersten
Nachmittagslektion. Die Schülerinnen und Schüler lernen in
den Klassenzimmern, als die Täter ins Schulhaus eindringen und
Teile des Wandbildes attackieren, das seit 71 Jahren das lichte und
hohe Treppenhaus schmückt. Mit Farbrollen schmieren sie dicke
Schichten schwarzen Kunstharzlacks über drei Tafeln des Freskos -
diese stehen je für einen Buchstaben des Alphabets und zeigen:
einen Schwarzafrikaner (N), einen nordamerikanischen Indianer (I) und
einen Chinesen-Buben (C).