
Das Erinnerungsvermögen der Menschen wird überschätzt. Das zeigt
ein Experiment des Magazins "Slate". Das ist bedenklich, denn es zeigt, wie man
im Prinzip auch leicht die Geschichte manipulieren könnte.
Allerdings hat das Massenpublikum auch die Möglichkeit, Manipulationen zu
finden.
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Das Ganze begann 2010 mit einem fiesen Schwindel. Das US-Magazin
"Slate" wollte von seinen Lesern wissen, ob und wie sie sich an wichtige
politische Ereignisse der jüngeren Vergangenheit erinnern. Was diese
nicht wussten: Von vier Ereignissen, die sie online bewerten sollten,
hatte eines gar nie stattgefunden. 5269 Leser wurden so ungewollt zu
Versuchspersonen im grössten jemals durchgeführten Experiment
zum Thema "False Memory Syndrome" oder Erinnerungsverfälschung.
Umfrage Leiden Sie manchmal auch an Erinnerungsverfälschung?
Die erfundenen Geschichten bestanden aus Bildmontagen und ebenso
montierten Bildlegenden: In einem schüttelt US-Präsident Barack
Obama dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am Rand einer
UNO-Konferenz die Hand. In einem anderen empfängt der damalige
US-Präsident George W. Bush 2005 einen Baseball-Star auf seiner
Ranch in Texas, während New Orleans nach dem Wirbelsturm Katrina
in den Fluten versinkt.
Die Leser hatten bei jedem Bild die folgenden vier Antworten zur Auswahl:
1. Ich erinnere mich, wie ich dieses Bild sah. 2. Ich erinnere mich nicht,
wie ich dieses Bild sah, aber ich erinnere mich an das Ereignis. 3. Ich
erinnere mich nicht. 4. In meiner Erinnerung hat sich das Ereignis anders
zugetragen. Dazu ein Textfeld für die offene Frage: Wie dachten
Sie damals über dieses Ereignis? Wie denken Sie heute darüber?
Die Resultate waren verblüffend: 23 Prozent gaben an, sich an die
erfundene Geschichte zu erinnern. Weitere 27 Prozent erklärten sogar,
das entsprechende Bild damals in den Nachrichten gesehen zu haben. 44
Prozent erinnerten sich nicht und 6 Prozent hatten das Ereignis anders
in Erinnerung. Mit anderen Worten: Jeder zweite erinnerte sich an eine
Geschichte, die nie stattgefunden hat.