Rhetorik.ch

Knill+Knill Kommunikationsberatung

Knill.com
Aktuell Artikel Artikel Inhaltsverzeichnis Suche in Rhetorik.ch:

www.rhetorik.ch aktuell: (01. Okt, 2012)

Vorbereitung auf die erste Debatte

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Quelle: Welt, Karikatur von Economist Am Mittwoch treffen Barack Obama und Mitt Romney im ersten TV-Duell aufeinander. Beide werden tagtäglich für das erste Duell fit gemacht und gecoacht. Es gilt Unterlagen zu studieren, Argumente, Fakten und Zitate auswendig zu lernen und dann das Gelernte im Simulator überzeugend vorzutragen. Beide wissen, dass die bevorstehenden Fernsehduelle die Wahlchancen stark beeinflussen können. Keiner kann sich Fehler erlauben. Obama soll seine Botschaften beim Fitnesstraining oder während der lange Flüge zu den Wahlkampfveranstaltungen verinnerlichen. Sein Berater Axelrod kennt die Schwächen: "Er muss lernen, sich kürzer zu fassen. In den letzten vier Jahren musste er das nicht mehr tun." Ausserdem fehle Obama das Training hinsichtlich Debattieren. Romney sammelte hingegen Erfahrung in den Vorwahlen mit 23 Debatten vor laufender Kamera gegen die republikanische Konkurrenten wie Newt Gingrich und Rick Perry. Obama muss die unentschlossenen Wähler für sich gewinnen können. Diese wenigen Prozente können ausschlaggebend sein. Beide Kandidaten haben Sparringspartner mit denen die Duelle simuliert werden. Senator John Kerry spielt für Obama den Konkurrenten Romney. Senator Rob Portman agiert als Obama in Romneys Trainingsdebatten. Letztlich zählt die Glaubwürdigkeit und das Charisma der Kandidaten. Bekanntlich schlägt bei Kommunikationsprozessen das Image einer Person die Fakten der Argumente,
Aus der Welt:
Wenn Mitt Romney am 3. Oktober in Denver mit dem Titelverteidiger Barack Obama vor 40 Millionen Zuschauern in den Ring steigt, wird er rhetorisch austrainiert sein. Und taktisch beweglich für einen Nahkampf, der Schach und Boxen verbindet. Nur zu punkten oder anständig über die Runden zu kommen würde für den Herausforderer, der in allen wichtigen Umfragen zurückgefallen ist, nicht ausreichen. Romney muss sich in der ersten von drei TV-Debatten glänzend schlagen, er muss Präsident Obama überwältigen. Über viele Wochen hat der Republikaner sich mit einem Sparringspartner auf jede Finte und jede Körpertäuschung vorbereitet, Senator Rob Portmann aus Ohio spielt Obama. Er erwarte, dass der Präsident "Unwahrheiten verbreite", sagte Romney. Und er werde jeweils entscheiden müssen, ob er seine Redezeit darauf verwende, Obama der Lüge zu überführen oder stattdessen für sich und sein Programm zu werben. Selten waren sich politische Beobachter beider Farben im Wahlkampf so einig wie vor diesem TV-Duell: Es ist Mitt Romneys grösste und letzte Chance, einen Trend umzukehren, der den Republikaner seit den Parteitagen Ende August in die Defensive drängt. Eine an Selbstverstümmlung grenzende Serie von unnötigen Fehlern lässt Romney angeschlagen und konfus aussehen. Im Weissen Haus kann das Team Obama sein Glück kaum fassen. Doch den Debattenredner Romney nehmen sie ernst: "Er hat den Vorteil, 20 solcher Debatten im Vorwahlkampf absolviert zu haben", rühmt ihn Robert Gibbs, ein Vertrauer des Präsidenten. Ein vergiftetes Lob, um den Erwartungsdruck weiter zu erhöhen: "Romney prahlte damit, in 16 dieser Debatten gesiegt zu haben." Das ist keine Prahlerei, sondern das Urteil von Publikum wie politischen Kampfrichtern. Unter kuriosen, radikalen oder schlicht unfähigen Mitbewerbern ragte Romney mit Schlagfertigkeit, Ironie und gelassener Körpersprache heraus wie ein Staatsmann unter Schulsprechern. Newt Gingrich, bei den Vorwahlen einer der Widersacher Romneys, nennt die Debatte am 3. Oktober "das wichtigste Einzelereignis in Romneys politischer Karriere". Die Medien schreiben dramatisch von "Do or die": Schafft es Comeback-Mitt? Der Mann, der mehrmals als abgeschlagen galt und jedes Mal wieder zurückkam. Man könnte andere Fragen stellen. Ist es nicht politikfeindlich und ein Irrsinn, dass zwei Stunden auf einer Bühne für den Republikaner mehr bedeuten sollen als sechs Jahre nahezu ununterbrochenen Wahlkampfs? Amerikas Wahlforscher sind sich nicht einmal einig, ob Sieg oder Niederlage bei TV-Duellen messbare Folgen haben. Es ist der Mythos, der Tonnen wiegt, es sind versiegende Spendenströme und der Nachrufchor der Medien, die "Verlierer" abschreiben. Man kennt die Szenen und Sprüche, die angeblich Bewerber den Kopf kosteten - oder, seltener, den Sieg brachten: Richard Nixons schweissglänzendes Gesicht, wie ein Ganove beim Verhör, neben dem jugendlich aristokratischen John F. Kennedy 1960 (Radiohörer glaubten, Nixon habe gesiegt); Gerald Fords sekundenlange Ahnungslosigkeit 1976: "Es gibt keine sowjetische Dominanz in Osteuropa!"; Ronald Reagans gemein-gutmütige Klage über Jimmy Carters Verteidigungsreden: "Jetzt fängt er schon wieder an!"; unvergesslich das arrogante Aufstöhnen Al Gores 2000, der George W. Bush einfach nur nervig fand. Gore sei auf einem Koffein-High gewesen, nachdem er fünf bis sechs Diät-Colas getrunken hatte, erklärte ein reuiger Mitarbeiter, "er hätte ein Bier trinken sollen. Das entspannte ihn immer." Für alle Debatten gilt, dass die Inhalte des Streitgesprächs sofort und spurlos aus dem Gedächtnis verschwinden. Übrig bleiben ein Spruch, eine Geste, ein Eindruck, der Anhänger wie Gegner des Kandidaten bestätigte. Während Mitt Romney Debatten (angeblich schon seit Jugendzeiten in der Familie) stets genossen hat und darin geübt ist, so sein Vertrauter Stuart Stevens, ein Argument dialektisch zu durchleuchten, gilt der begnadete Redner und Autor Barack Obama nicht als mitreissender Diskutant.
Aus dem Tagesspiegel:
Der Republikaner Mitt Romney hat den schwierigeren Part. Er liegt zurück, seit vier Wochen arbeitete der Trend gegen ihn. Barack Obama hat mehr Rückenwind aus dem Parteitag der Demokraten Anfang September mitgenommen als Romney in der Woche zuvor aus dem Treffen der Republikaner. Der Präsident führt jetzt im Schnitt der Umfragen mit 4,3 Prozentpunkten. Diese Dynamik beeinflusst auch die Aussichten für den Kongress, der parallel zum Präsidenten am 6. November gewählt wird. Die Chancen der Republikaner, zusätzlich zu ihrer Mehrheit im Abgeordnetenhaus auch die im Senat zu erobern, sinken. Er muss angreifen, um Obama aus der Reserve zu locken und zu einem Fehler zu verleiten. Gleichzeitig darf Romney aber nicht zu aggressiv auftreten, denn auch im Ringen um die Sympathiewerte liegt er hinter Obama. Der Präsident kann weit ruhiger in das Rededuell am Mittwochabend gehen. Es genügt, dass ihm kein grober Patzer unterläuft. Die Präsidentenwahl entscheidet sich aus heutiger Sicht in sieben "Swing States": Colorado, Florida, Iowa, Nevada, New Hampshire, North Carolina und Virginia. Dort führen beide Kandidaten einen intensiven und erbitterten Wahlkampf. Am Wochenende haben sie ihren Reisemarathon unterbrochen, um für die Debatte zu üben. Obama hat sich nach Henderson, Nevada, zurückgezogen. Senator John F. Kerry übernimmt in den Trainingssitzungen die Rolle von Mitt Romney. Er hat eine ähnliche Statur wie der Republikaner und soll den Präsidenten mit vergleichbarer Schärfe provozieren, wie das Wahlkampfteam dies für Mittwoch in der realen Debatte erwartet. Die Berater haben dicke Drehbücher mit mutmasslichen Angriffen Romneys vorbereitet. Für den Präsidenten ist es schwieriger, Zeit für das Debattentraining freizuschlagen und auch freizuhalten. "Die Welt hört nicht auf, sich zu drehen", sagt seine Wahlkampfsprecherin Jen Psaki. Mehrfach musste Obama eine geplante Übungssitzung verkürzen und zu aktuellen Ereignissen Stellung nehmen, zum Beispiel als kürzlich drei US-Diplomaten in Libyen ermordet wurden. Auch Romney bereitet sich seit Wochen vor, teils in seinem Wahlkampfhauptquartier in Boston, teils in seinem Sommeranwesen am Ufer des Lake Winipesaukee in Wolfeboro, New Hampshire. Senator Robert Portman aus Ohio spielt Obama. Auch Romney möchte realitätsnah üben, seine Angriffe auf Obama souverän vorzutragen und selbst die Ruhe zu bewahren, wenn der Präsident ihn wegen seines Reichtums und seiner geringen Steuerquote attackiert. Für beide gilt: Sie dürfen sich nicht aus der Fassung bringen lassen oder mit sichtbarem Ärger reagieren, selbst bei scharfen persönlichen Angriffen. Der Griff in die psychologische Trickkiste beginnt bereits mit der Anrede. Die Amtsbezeichnung - "Mr. President" und gegenüber Romney "Governor" mit Blick auf dessen vier Jahre an der Regierungsspitze des Staats Massachusetts - klingt respektvoll, transportiert aber zugleich das Eingeständnis, dass auch der Konkurrent Regierungserfahrung hat. Der gelegentliche Gebrauch des Vornamens erweckt den Eindruck persönlicher Sympathie. Die Redewendung "My opponent" (mein Gegner) verstärkt die Geringschätzung, wenn von dessen angeblich schädlichen Plänen für Amerika die Rede ist. Romney wird Obamas Verantwortung für die enttäuschende Wirtschaftslage unterstreichen. Der Präsident wird ihm entgegenhalten, die Pläne der Republikaner zur Kürzung staatlicher Leistungen seien zu extrem. Kurz vor der ersten Debatte wächst die Nervosität in der Republikanischen Partei spürbar angesichts des positiven Umfragetrends für Obama. Das Spitzenduell beeinflusst indirekt auch die Stimmabgabe für die 435 Abgeordneten und für die 35 der 100 Senatssitze, die 2012 zur Wahl stehen. Bis zum Sommer galt es als hoch wahrscheinlich, dass die Demokraten, die derzeit noch eine 53-zu-47-Mehrheit im Senat haben, mindestens vier Sitze netto verlieren werden. Dann würden die Republikaner auch diese zweite Kongresskammer kontrollieren. Senatoren werden für sechs Jahre gewählt. Die 35 Sitze, die jetzt zur Wahl stehen, waren zuletzt 2006 vergeben worden, einem für die Demokraten günstigen Wahljahr. Wegen der verbreiteten Anti-Bush-Stimmung damals hatten sie Senatssitze in Staaten erobert, wo man normalerweise die Republikaner wählt. Von diesen 35 Sitzen müssen die Demokraten 25 verteidigen, die Republikaner nur zehn. Angesichts der Enttäuschung über die Wirtschaftslage galt der Machtwechsel im Senat bis zum Sommer als ziemlich sicher. Durch Obamas Comeback und manche regionale Besonderheiten ändert sich nun aber die Prognose. In Missouri, einem tendenziell konservativen Staat, war der rechte Republikaner Todd Akin Favorit, hat sich jedoch durch die Forderung, Abtreibung nach einer Vergewaltigung zu verbieten, unbeliebt gemacht. In Massachusetts entziehen die Republikaner ihrem Senator Scott Brown die Unterstützung, weil er zu kompromissbereit gegenüber Obama sei. Die renommierte Internetseite Realclearpolitics rechnet derzeit nur mit einem Nettogewinn von ein oder zwei Senatssitzen für die Republikaner - zu wenig, um die Mehrheit zu kippen.
Aus dem Spiegel::
Der Herausforderer hat dabei ein bisschen mehr Zeit als der Präsident, weil ja kein Tagesgeschäft neben dem Wahlkampf. Beide haben Sparringspartner, um die Debatten möglichst realistisch vorwegzunehmen. Bei Romney spielt Rob Portman, der US-Senator aus Ohio, den Part des Präsidenten. Und bei Obama macht John Kerry, demokratischer Präsidentschaftskandidat von 2004, den Romney. Kerry hat jetzt durchblicken lassen, das sei gar nicht so leicht, weil man ja nicht genau wisse, was Romney eigentlich wolle. Die Lästerei gehört zum Spiel. Obama und seine Leute haben sich derzeit zum Debatten-Training nach Nevada zurückgezogen, in die Nähe von Las Vegas. Aber anders als im Jahr 2008 wollen sie diesmal offenbar nicht die Studiobühne nachbauen. Und die Chancen? Gar nicht mal so schlecht - für Romney. Sagen die Polit-Auguren. In einer "Atlantic"-Titelstory argumentierte James Fallows mit der Erfahrung, die der Herausforderer in gut 50 Stunden Republikaner-Debatten sammeln konnte. Romney habe da statistisch nur einmal alle zehn Stunden gepatzt (Arithmetik!). Obama hingegen war in den 2008er Debatten Hillary Clinton oft unterlegen, kam zu langatmig, professoral rüber. Er mag zwar ein begnadeter Redner sein, aber ein ebensolcher TV-Debattierer war er bisher nicht unbedingt. So vergessen Obamas Strategen nicht, auf vermeintliche Startvorteile Romneys am Mittwoch hinzuweisen. Tiefstapeln ist angesagt. Auch das gehört zum Spiel. Die Chance des Präsidenten: Romney überraschen, ihn auf dem falschen Fuss erwischen. Denn unter Druck - das hat Romney nun zur Genüge bewiesen - macht er Fehler. Pedantisch bereitet sich der Herausforderer schon seit Wochen auf das Duell vor, seine Leute haben ihn sogar eine Reihe geistreicher Sprüche auswendig lernen lassen, wie die "New York Times" berichtet. Man weiss ja nie. Klar ist: Romney hat eh nichts mehr zu verlieren, das ist seine letzte Chance. So oder so, die TV-Debatten können die Wahl entscheiden. Etwa wie 1960, als der braungebrannte Kennedy gegen den schlecht rasierten Nixon antrat. Die Leute vorm Fernseher achteten am Ende nur noch auf Nixons Oberlippenschweiss.

Rhetorik.ch 1998-2012 © K-K Kommunikationsberatung Knill.com