Quelle: Welt, Karikatur von Economist
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Am Mittwoch treffen Barack Obama und Mitt Romney im ersten TV-Duell aufeinander.
Beide werden tagtäglich für das erste Duell
fit gemacht und gecoacht. Es gilt Unterlagen zu studieren, Argumente, Fakten und Zitate
auswendig zu lernen und dann das Gelernte im Simulator überzeugend
vorzutragen. Beide wissen, dass die bevorstehenden Fernsehduelle die Wahlchancen
stark beeinflussen können. Keiner kann sich Fehler erlauben.
Obama soll seine Botschaften beim Fitnesstraining oder
während der lange Flüge zu den Wahlkampfveranstaltungen verinnerlichen.
Sein Berater Axelrod kennt die Schwächen: "Er muss lernen, sich
kürzer zu fassen. In den letzten vier Jahren musste er das nicht
mehr tun." Ausserdem fehle Obama das Training hinsichtlich Debattieren.
Romney sammelte hingegen Erfahrung in den Vorwahlen mit 23 Debatten vor
laufender Kamera gegen die republikanische Konkurrenten wie Newt Gingrich
und Rick Perry.
Obama muss die unentschlossenen Wähler für sich gewinnen
können. Diese wenigen Prozente können ausschlaggebend sein.
Beide Kandidaten haben Sparringspartner mit denen die Duelle simuliert werden.
Senator John Kerry spielt für Obama den Konkurrenten Romney.
Senator Rob Portman agiert als Obama in Romneys Trainingsdebatten.
Letztlich zählt die Glaubwürdigkeit und das Charisma der
Kandidaten. Bekanntlich schlägt bei Kommunikationsprozessen das
Image einer Person die Fakten der Argumente,
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Aus der
Welt:
Wenn Mitt Romney am 3. Oktober in Denver mit dem
Titelverteidiger Barack Obama vor 40 Millionen Zuschauern in den Ring
steigt, wird er rhetorisch austrainiert sein. Und taktisch beweglich
für einen Nahkampf, der Schach und Boxen verbindet.
Nur zu punkten oder anständig über die Runden zu kommen
würde für den Herausforderer, der in allen wichtigen Umfragen
zurückgefallen ist, nicht ausreichen. Romney muss sich in der ersten
von drei TV-Debatten glänzend schlagen, er muss Präsident
Obama überwältigen.
Über viele Wochen hat der Republikaner sich mit einem
Sparringspartner auf jede Finte und jede Körpertäuschung
vorbereitet, Senator Rob Portmann aus Ohio spielt Obama. Er erwarte, dass
der Präsident "Unwahrheiten verbreite", sagte Romney. Und er werde
jeweils entscheiden müssen, ob er seine Redezeit darauf verwende,
Obama der Lüge zu überführen oder stattdessen für
sich und sein Programm zu werben.
Selten waren sich politische Beobachter beider Farben im Wahlkampf so
einig wie vor diesem TV-Duell: Es ist Mitt Romneys grösste und letzte
Chance, einen Trend umzukehren, der den Republikaner seit den Parteitagen
Ende August in die Defensive drängt. Eine an Selbstverstümmlung
grenzende Serie von unnötigen Fehlern lässt Romney angeschlagen
und konfus aussehen.
Im Weissen Haus kann das Team Obama sein Glück kaum fassen. Doch
den Debattenredner Romney nehmen sie ernst: "Er hat den Vorteil, 20
solcher Debatten im Vorwahlkampf absolviert zu haben", rühmt ihn
Robert Gibbs, ein Vertrauer des Präsidenten. Ein vergiftetes Lob,
um den Erwartungsdruck weiter zu erhöhen: "Romney prahlte damit,
in 16 dieser Debatten gesiegt zu haben."
Das ist keine Prahlerei, sondern das Urteil von Publikum wie politischen
Kampfrichtern. Unter kuriosen, radikalen oder schlicht unfähigen
Mitbewerbern ragte Romney mit Schlagfertigkeit, Ironie und gelassener
Körpersprache heraus wie ein Staatsmann unter Schulsprechern.
Newt Gingrich, bei den Vorwahlen einer der Widersacher Romneys, nennt
die Debatte am 3. Oktober "das wichtigste Einzelereignis in Romneys
politischer Karriere".
Die Medien schreiben dramatisch von "Do or die": Schafft es
Comeback-Mitt? Der Mann, der mehrmals als abgeschlagen galt und jedes
Mal wieder zurückkam. Man könnte andere Fragen stellen. Ist
es nicht politikfeindlich und ein Irrsinn, dass zwei Stunden auf einer
Bühne für den Republikaner mehr bedeuten sollen als sechs
Jahre nahezu ununterbrochenen Wahlkampfs?
Amerikas Wahlforscher sind sich nicht einmal einig, ob Sieg oder
Niederlage bei TV-Duellen messbare Folgen haben. Es ist der Mythos, der
Tonnen wiegt, es sind versiegende Spendenströme und der Nachrufchor
der Medien, die "Verlierer" abschreiben.
Man kennt die Szenen und Sprüche, die angeblich Bewerber den
Kopf kosteten - oder, seltener, den Sieg brachten: Richard Nixons
schweissglänzendes Gesicht, wie ein Ganove beim Verhör, neben
dem jugendlich aristokratischen John F. Kennedy 1960
(Radiohörer glaubten, Nixon habe gesiegt); Gerald Fords sekundenlange Ahnungslosigkeit
1976: "Es gibt keine sowjetische Dominanz in Osteuropa!"; Ronald Reagans
gemein-gutmütige Klage über Jimmy Carters Verteidigungsreden:
"Jetzt fängt er schon wieder an!"; unvergesslich das arrogante
Aufstöhnen Al Gores 2000, der George W. Bush einfach nur nervig
fand. Gore sei auf einem Koffein-High gewesen, nachdem er fünf
bis sechs Diät-Colas getrunken hatte, erklärte ein reuiger
Mitarbeiter, "er hätte ein Bier trinken sollen. Das entspannte
ihn immer."
Für alle Debatten gilt, dass die Inhalte des Streitgesprächs
sofort und spurlos aus dem Gedächtnis verschwinden. Übrig
bleiben ein Spruch, eine Geste, ein Eindruck, der Anhänger wie
Gegner des Kandidaten bestätigte.
Während Mitt Romney Debatten (angeblich schon seit Jugendzeiten
in der Familie) stets genossen hat und darin geübt ist, so sein
Vertrauter Stuart Stevens, ein Argument dialektisch zu durchleuchten,
gilt der begnadete Redner und Autor Barack Obama nicht als mitreissender
Diskutant.
Aus dem
Tagesspiegel:
Der Republikaner Mitt Romney hat den schwierigeren Part. Er liegt
zurück, seit vier Wochen arbeitete der Trend gegen ihn. Barack
Obama hat mehr Rückenwind aus dem Parteitag der Demokraten Anfang
September mitgenommen als Romney in der Woche zuvor aus dem Treffen der
Republikaner. Der Präsident führt jetzt im Schnitt der Umfragen
mit 4,3 Prozentpunkten. Diese Dynamik beeinflusst auch die Aussichten
für den Kongress, der parallel zum Präsidenten am 6. November
gewählt wird. Die Chancen der Republikaner, zusätzlich zu
ihrer Mehrheit im Abgeordnetenhaus auch die im Senat zu erobern, sinken.
Er muss angreifen, um Obama aus der Reserve zu locken und zu einem Fehler
zu verleiten. Gleichzeitig darf Romney aber nicht zu aggressiv auftreten,
denn auch im Ringen um die Sympathiewerte liegt er hinter Obama. Der
Präsident kann weit ruhiger in das Rededuell am Mittwochabend
gehen. Es genügt, dass ihm kein grober Patzer unterläuft.
Die Präsidentenwahl entscheidet sich aus heutiger Sicht in
sieben "Swing States": Colorado, Florida, Iowa, Nevada, New Hampshire,
North Carolina und Virginia. Dort führen beide Kandidaten einen
intensiven und erbitterten Wahlkampf. Am Wochenende haben sie ihren
Reisemarathon unterbrochen, um für die Debatte zu üben. Obama
hat sich nach Henderson, Nevada, zurückgezogen. Senator John
F. Kerry übernimmt in den Trainingssitzungen die Rolle von Mitt
Romney. Er hat eine ähnliche Statur wie der Republikaner und soll
den Präsidenten mit vergleichbarer Schärfe provozieren,
wie das Wahlkampfteam dies für Mittwoch in der realen Debatte
erwartet. Die Berater haben dicke Drehbücher mit mutmasslichen
Angriffen Romneys vorbereitet. Für den Präsidenten ist es
schwieriger, Zeit für das Debattentraining freizuschlagen und
auch freizuhalten. "Die Welt hört nicht auf, sich zu drehen",
sagt seine Wahlkampfsprecherin Jen Psaki. Mehrfach musste Obama eine
geplante Übungssitzung verkürzen und zu aktuellen Ereignissen
Stellung nehmen, zum Beispiel als kürzlich drei US-Diplomaten in
Libyen ermordet wurden.
Auch Romney bereitet sich seit Wochen vor, teils in seinem
Wahlkampfhauptquartier in Boston, teils in seinem Sommeranwesen am
Ufer des Lake Winipesaukee in Wolfeboro, New Hampshire. Senator Robert
Portman aus Ohio spielt Obama. Auch Romney möchte realitätsnah
üben, seine Angriffe auf Obama souverän vorzutragen und selbst
die Ruhe zu bewahren, wenn der Präsident ihn wegen seines Reichtums
und seiner geringen Steuerquote attackiert.
Für beide gilt: Sie dürfen sich nicht aus der Fassung
bringen lassen oder mit sichtbarem Ärger reagieren, selbst bei
scharfen persönlichen Angriffen. Der Griff in die psychologische
Trickkiste beginnt bereits mit der Anrede. Die Amtsbezeichnung -
"Mr. President" und gegenüber Romney "Governor" mit Blick auf
dessen vier Jahre an der Regierungsspitze des Staats Massachusetts -
klingt respektvoll, transportiert aber zugleich das Eingeständnis,
dass auch der Konkurrent Regierungserfahrung hat. Der gelegentliche
Gebrauch des Vornamens erweckt den Eindruck persönlicher
Sympathie. Die Redewendung "My opponent" (mein Gegner) verstärkt
die Geringschätzung, wenn von dessen angeblich schädlichen
Plänen für Amerika die Rede ist. Romney wird Obamas
Verantwortung für die enttäuschende Wirtschaftslage
unterstreichen. Der Präsident wird ihm entgegenhalten, die Pläne
der Republikaner zur Kürzung staatlicher Leistungen seien zu extrem.
Kurz vor der ersten Debatte wächst die Nervosität in
der Republikanischen Partei spürbar angesichts des positiven
Umfragetrends für Obama. Das Spitzenduell beeinflusst indirekt
auch die Stimmabgabe für die 435 Abgeordneten und für die
35 der 100 Senatssitze, die 2012 zur Wahl stehen. Bis zum Sommer galt
es als hoch wahrscheinlich, dass die Demokraten, die derzeit noch eine
53-zu-47-Mehrheit im Senat haben, mindestens vier Sitze netto verlieren
werden. Dann würden die Republikaner auch diese zweite Kongresskammer
kontrollieren. Senatoren werden für sechs Jahre gewählt. Die 35
Sitze, die jetzt zur Wahl stehen, waren zuletzt 2006 vergeben worden,
einem für die Demokraten günstigen Wahljahr. Wegen der
verbreiteten Anti-Bush-Stimmung damals hatten sie Senatssitze in Staaten
erobert, wo man normalerweise die Republikaner wählt. Von diesen
35 Sitzen müssen die Demokraten 25 verteidigen, die Republikaner
nur zehn.
Angesichts der Enttäuschung über die Wirtschaftslage galt
der Machtwechsel im Senat bis zum Sommer als ziemlich sicher. Durch
Obamas Comeback und manche regionale Besonderheiten ändert sich
nun aber die Prognose. In Missouri, einem tendenziell konservativen
Staat, war der rechte Republikaner Todd Akin Favorit, hat sich jedoch
durch die Forderung, Abtreibung nach einer Vergewaltigung zu verbieten,
unbeliebt gemacht. In Massachusetts entziehen die Republikaner ihrem
Senator Scott Brown die Unterstützung, weil er zu kompromissbereit
gegenüber Obama sei. Die renommierte Internetseite Realclearpolitics
rechnet derzeit nur mit einem Nettogewinn von ein oder zwei Senatssitzen
für die Republikaner - zu wenig, um die Mehrheit zu kippen.
Aus dem
Spiegel::
Der Herausforderer hat dabei ein bisschen mehr Zeit als der
Präsident, weil ja kein Tagesgeschäft neben dem Wahlkampf. Beide
haben Sparringspartner, um die Debatten möglichst realistisch
vorwegzunehmen. Bei Romney spielt Rob Portman, der US-Senator aus
Ohio, den Part des Präsidenten. Und bei Obama macht John Kerry,
demokratischer Präsidentschaftskandidat von 2004, den Romney. Kerry
hat jetzt durchblicken lassen, das sei gar nicht so leicht, weil man
ja nicht genau wisse, was Romney eigentlich wolle. Die Lästerei
gehört zum Spiel.
Obama und seine Leute haben sich derzeit zum Debatten-Training nach
Nevada zurückgezogen, in die Nähe von Las Vegas. Aber anders
als im Jahr 2008 wollen sie diesmal offenbar nicht die Studiobühne
nachbauen.
Und die Chancen? Gar nicht mal so schlecht - für Romney. Sagen
die Polit-Auguren. In einer "Atlantic"-Titelstory argumentierte James
Fallows mit der Erfahrung, die der Herausforderer in gut 50 Stunden
Republikaner-Debatten sammeln konnte. Romney habe da statistisch nur
einmal alle zehn Stunden gepatzt (Arithmetik!). Obama hingegen war in
den 2008er Debatten Hillary Clinton oft unterlegen, kam zu langatmig,
professoral rüber. Er mag zwar ein begnadeter Redner sein, aber ein
ebensolcher TV-Debattierer war er bisher nicht unbedingt. So vergessen
Obamas Strategen nicht, auf vermeintliche Startvorteile Romneys am
Mittwoch hinzuweisen. Tiefstapeln ist angesagt. Auch das gehört
zum Spiel.
Die Chance des Präsidenten: Romney überraschen, ihn
auf dem falschen Fuss erwischen. Denn unter Druck - das hat Romney nun
zur Genüge bewiesen - macht er Fehler. Pedantisch bereitet sich der
Herausforderer schon seit Wochen auf das Duell vor, seine Leute haben
ihn sogar eine Reihe geistreicher Sprüche auswendig lernen lassen,
wie die "New York Times" berichtet. Man weiss ja nie.
Klar ist: Romney hat eh nichts mehr zu verlieren, das ist seine letzte
Chance. So oder so, die TV-Debatten können die Wahl entscheiden. Etwa
wie 1960, als der braungebrannte Kennedy gegen den schlecht rasierten
Nixon antrat. Die Leute vorm Fernseher achteten am Ende nur noch auf
Nixons Oberlippenschweiss.