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www.rhetorik.ch aktuell: (28. Apr, 2012)

Propaganda mit Rakete

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
20 Min:
Wenn es um ihr militärisches Drohpotenzial geht, dann nehmen die Nordkoreaner den Mund ziemlich voll. Erst am Mittwoch erklärte Vizemarschall Ri Yong Ho, sein Land verfüge über "schlagkräftige mobile Waffen", die Amerika "in einem einzigen Schlag" besiegen könnten. Und am Montag berichteten Staatsmedien über "besondere Aktionen", mit denen Nordkorea in der Lage sei, die südkoreanische Hauptstadt Seoul in Schutt und Asche zu legen. Bildstrecken Militärparade in NordkoreaKims Rakete Infografik Nordkorea TrägerraketenDer Korea-KonfliktKorea - die verfeindeten Bruderstaaten Um seine vermeintliche militärische Stärke zu unterstreichen, präsentierte das Regime bei der grossen Militärparade am 15. April zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-Sung in Pjöngjang eine völlig neue Langstrecken-Rakete auf mobilen Abschuss-Rampen. Der Westen zeigte sich beunruhigt. Mit der als KN-08 bezeichneten Rakete schien Nordkorea über eine neue Möglichkeit zu verfügen, atomare Sprengköpfe über weite Distanzen zu transportieren. Allerdings gab es von Beginn an auch Zweifel an der Echtheit. Analysten haben die Fotos der Rakete untersucht - und kommen zu einem klaren Befund. Es handle sich "um einen Mischmasch aus Flüssig- und Feststoff-Komponenten, die zusammen niemals fliegen können", schreibt die Nachrichtenagentur AP. Sie beruft sich auf eine von Markus Schiller und Robert Schmucker vom Münchner Beratungsunternehmen Schmucker Technologie verfasste Studie, deren Fazit lautet: "Es gibt keinen Zweifel, dass es sich bei diesen Raketen um Attrappen handelte". Bei jeder der vorgeführten Raketen gebe es kleine Unterschiede, schreiben die Autoren. Ins Auge fiel ihnen vor allem die seltsam gerippte Hülle der Sprengköpfe, "als ob ein dünnes Metallstück über einen simplen Rahmen gespannt wurde". Einem Raketenstart würde ein solches Konstrukt niemals standhalten. Die vermeintlichen Flugkörper würden nicht einmal auf die Abschussrampen passen, auf denen sie transportiert wurden, so die Studie der beiden deutschen Autoren, die unter anderem die Nato in Raketenfragen beraten.
Spiegel:
Das Prahlen mit Waffen, die tatsächlich oder nur in Propaganda-Phantasien existieren, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen diktatorischer Regimes. Iran etwa behauptete neulich zum Amüsement westlicher Experten, man wolle die kürzlich erbeutete amerikanische Stealth-Drohne nachbauen. Zuvor war Teheran mit gefälschten Fotos eines Raketentests aufgefallen. Auch die Sowjets sollen im Kalten Krieg Paraden mit Raketen-Attrappen abgehalten haben, die im Westen für einige Aufregung sorgten. Den gleichen Trick hat nun offenbar Nordkorea versucht. Am 15. April hat das Regime in Pjöngjang bei einer pompösen Militärparade gewaltige Raketen präsentiert und damit die Gerüchte um das Projekt "KN-08" befeuert. Dabei soll es sich um eine ballistische Interkontinentalrakete handeln, an der laut südkoreanischen Medien sogar schon getestet wird. Nur: Bei den bei der Parade gezeigten Raketen handelt es sich nach Meinung deutscher Experten um Attrappen, derart schlampig zusammengesetzt, dass sie leicht als Fälschungen erkennbar seien. Für Nordkoreas neuen Machthaber Kim Jong Un wäre es die zweite Blamage in kurzer Zeit: Erst am 13. April endete ein Testflug einer Langstreckenrakete in einem Debakel.
Details:
Die Raketen passen anscheinend nicht auf die Starttische: Auf den Fotos sind breite Lücken zwischen den Raketen und den Plattformen an der Unterseite zu erkennen. Die Oberfläche des Sprengkopfs besteht aus leicht welligem Material, als habe jemand eine dünne Metallschicht auf einen Drahtrahmen aufgetragen. Nach Meinung der Experten ist das ein klarer Hinweis auf eine Attrappe: Der Sprengkopf einer ballistischen Rakete muss beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre enormen Temperaturen und Drücken standhalten. Eine wellige Oberfläche wäre dem kaum zuträglich. Zwischen Sprengkopf und der dritten Raketenstufe ist kein Platz für einen Trennungsmechanismus. Der Sprengkopf unterscheidet sich in seiner Form erneut von bisher gezeigten, er wäre das inzwischen sechste Design. Das ergebe keinen Sinn, da die Entwicklung eines Nuklearsprengkopfs äusserst anspruchsvoll sei, schreiben Schmucker und Schiller. "Hätten die Nordkoreaner wirklich einen Atomsprengkopf entwickelt, würde man erwarten, dass sie bei einem Design bleiben." Komponenten von Fest- und Flüssigtreibstoff-Motoren scheinen bei den Raketen bunt zusammengewürfelt und würden nie zusammen funktionieren. "Nordkorea hat offenbar die weltweit erste Fest-Flüssig-Rakete präsentiert", spotten die Experten. Die auf der Parade gezeigten Modelle sind nicht identisch. Auf den Fotos befinden sich Kabelführungen an unterschiedlichen Positionen, Abdeckungen sind mal hierhin und mal dorthin gedreht, Kästen und andere Elemente sind an manchen Raketen vorhanden, an anderen nicht.

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