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Wenn es um ihr militärisches Drohpotenzial geht, dann nehmen die
Nordkoreaner den Mund ziemlich voll. Erst am Mittwoch erklärte
Vizemarschall Ri Yong Ho, sein Land verfüge über
"schlagkräftige mobile Waffen", die Amerika "in einem einzigen
Schlag" besiegen könnten. Und am Montag berichteten Staatsmedien
über "besondere Aktionen", mit denen Nordkorea in der Lage sei,
die südkoreanische Hauptstadt Seoul in Schutt und Asche zu legen.
Bildstrecken Militärparade in NordkoreaKims Rakete Infografik
Nordkorea TrägerraketenDer Korea-KonfliktKorea - die verfeindeten
Bruderstaaten
Um seine vermeintliche militärische Stärke zu unterstreichen,
präsentierte das Regime bei der grossen Militärparade am 15.
April zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-Sung in
Pjöngjang eine völlig neue Langstrecken-Rakete auf mobilen
Abschuss-Rampen. Der Westen zeigte sich beunruhigt. Mit der als KN-08
bezeichneten Rakete schien Nordkorea über eine neue Möglichkeit
zu verfügen, atomare Sprengköpfe über weite Distanzen
zu transportieren. Allerdings gab es von Beginn an auch Zweifel an
der Echtheit.
Analysten haben die Fotos der Rakete untersucht - und kommen zu einem
klaren Befund. Es handle sich "um einen Mischmasch aus Flüssig-
und Feststoff-Komponenten, die zusammen niemals fliegen können",
schreibt die Nachrichtenagentur AP. Sie beruft sich auf eine von Markus
Schiller und Robert Schmucker vom Münchner Beratungsunternehmen
Schmucker Technologie verfasste Studie, deren Fazit lautet: "Es gibt
keinen Zweifel, dass es sich bei diesen Raketen um Attrappen handelte".
Bei jeder der vorgeführten Raketen gebe es kleine Unterschiede,
schreiben die Autoren. Ins Auge fiel ihnen vor allem die seltsam gerippte
Hülle der Sprengköpfe, "als ob ein dünnes Metallstück
über einen simplen Rahmen gespannt wurde". Einem Raketenstart
würde ein solches Konstrukt niemals standhalten. Die vermeintlichen
Flugkörper würden nicht einmal auf die Abschussrampen passen,
auf denen sie transportiert wurden, so die Studie der beiden deutschen
Autoren, die unter anderem die Nato in Raketenfragen beraten.
Spiegel:
Das Prahlen mit Waffen, die tatsächlich oder nur
in Propaganda-Phantasien existieren, gehört zu den
Lieblingsbeschäftigungen diktatorischer Regimes. Iran etwa
behauptete neulich zum Amüsement westlicher Experten, man wolle die
kürzlich erbeutete amerikanische Stealth-Drohne nachbauen. Zuvor war
Teheran mit gefälschten Fotos eines Raketentests aufgefallen. Auch
die Sowjets sollen im Kalten Krieg Paraden mit Raketen-Attrappen
abgehalten haben, die im Westen für einige Aufregung sorgten.
Den gleichen Trick hat nun offenbar Nordkorea versucht. Am
15. April hat das Regime in Pjöngjang bei einer pompösen
Militärparade gewaltige Raketen präsentiert und damit die
Gerüchte um das Projekt "KN-08" befeuert. Dabei soll es sich
um eine ballistische Interkontinentalrakete handeln, an der laut
südkoreanischen Medien sogar schon getestet wird.
Nur: Bei den bei der Parade gezeigten Raketen handelt es sich nach Meinung
deutscher Experten um Attrappen, derart schlampig zusammengesetzt, dass
sie leicht als Fälschungen erkennbar seien. Für Nordkoreas
neuen Machthaber Kim Jong Un wäre es die zweite Blamage in kurzer
Zeit: Erst am 13. April endete ein Testflug einer Langstreckenrakete in
einem Debakel.
Details:
Die Raketen passen anscheinend nicht auf die Starttische: Auf
den Fotos sind breite Lücken zwischen den Raketen und den
Plattformen an der Unterseite zu erkennen. Die Oberfläche des
Sprengkopfs besteht aus leicht welligem Material, als habe jemand
eine dünne Metallschicht auf einen Drahtrahmen aufgetragen. Nach
Meinung der Experten ist das ein klarer Hinweis auf eine Attrappe:
Der Sprengkopf einer ballistischen Rakete muss beim Wiedereintritt
in die Erdatmosphäre enormen Temperaturen und Drücken
standhalten. Eine wellige Oberfläche wäre dem kaum
zuträglich. Zwischen Sprengkopf und der dritten Raketenstufe
ist kein Platz für einen Trennungsmechanismus. Der Sprengkopf
unterscheidet sich in seiner Form erneut von bisher gezeigten,
er wäre das inzwischen sechste Design. Das ergebe keinen
Sinn, da die Entwicklung eines Nuklearsprengkopfs äusserst
anspruchsvoll sei, schreiben Schmucker und Schiller. "Hätten die
Nordkoreaner wirklich einen Atomsprengkopf entwickelt, würde man
erwarten, dass sie bei einem Design bleiben." Komponenten von Fest-
und Flüssigtreibstoff-Motoren scheinen bei den Raketen bunt
zusammengewürfelt und würden nie zusammen funktionieren.
"Nordkorea hat offenbar die weltweit erste Fest-Flüssig-Rakete
präsentiert", spotten die Experten. Die auf der Parade
gezeigten Modelle sind nicht identisch. Auf den Fotos befinden sich
Kabelführungen an unterschiedlichen Positionen, Abdeckungen
sind mal hierhin und mal dorthin gedreht, Kästen und andere
Elemente sind an manchen Raketen vorhanden, an anderen nicht.