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www.rhetorik.ch aktuell: (04. Sep, 2011)

Sekte von Debilen

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:

Quelle: 20 Min.
Christophe Darbellay sprach über die SVP als "Sekte der Debilen". Die Journalisten fragten ihn darauf über diesen Ausdruck. Darbellay versuchte das zuerst abzustreiten, rechtfertigte sich dann aber, nachdem er offensichtlich das Video angeschaut hatte. Der Fernsehsender strahlte dann alle drei Versionen des Interviews aus.

Aus der NZZ am Sonntag:

Christophe Darbellay, Einpeitscher, kämpft mit Gedächtnislücken. Sich sicher fühlend im Kreis der Seinen, bezeichnete der CVP-Präsident die SVP kürzlich an einer Wahlkampfveranstaltung als "Sekte von Debilen". Der Spruch machte rasch die Runde, wobei sich Darbellay so lange nicht erinnern konnte, so etwas je gesagt zu haben, bis ihn Filmaufnahmen eines Walliser Lokalsenders überführten. Später dann gab er der Hitze des Gefechts die Schuld. So gesehen kann Darbellay von Glück reden: Die heisse Phase des Wahlkampfs fällt in den kühlen Herbst.
Wo gearbeitet wird gibt es Fehler. Auch Politiker machen Fehler - aber bitte nicht die gleichen. Der Parteichef der CVP Christophe Darbellay setzte sich schon 2009 in die Nesseln, als er gefordert hatte, für Muslime und Juden keine neuen Friedhöfe zu bewilligen. Nach dem Medienwirbel folgte eine typische Selbstschutzbehauptung: "Ich habe es nicht so gemeint." Jeder Kommunikationsfachmann macht den Kunden bewusst: Massgebend ist nicht das, was der Sender gemeint hat. Ausschlaggebend ist letztlich immer das, wie es beim Empfänger ankommt. Uebrigens: Im Herbst 09 bezeichnete Darbellay in der Hitze des Gefechtes den Juso Präsidenten Cédric Wermuth als "Sektenpräsidenten", weil dieser in einem Plakat die CVP Bundesrätin mit Blut an den Händen abgebildet hatte (Es ging um den Export von Kriegsmaterial). Beim Ausrutscher von Doris Leuthard (auch CVP) mit dem vielbeachteten Taliban Vergleich (Flughafenstreit mit Deutschland), wollte sie zuerst diese missglückte Aussage ebenfalls schönreden. Sie fand, die Worte wären ihr leider nur so herausgerutscht. Dann aber hatte sie immerhin noch den Mut zu einer halbherzlichen Entschuldigung. Jetzt kommt es leider bei Christophe Darbellay (Parteipräsident CVP) schon wieder zu einer verbalen Entgleisung. Er bezeichnete jüngst an einer Wahlkampfveranstaltung die SVP als "Sekte von Debilen". Der Spruch machte rasch die Runde, wobei sich Darbellay zuerst nicht daran erinnern wollte, je so etwas je gesagt zu haben. Erst als ihn Filmaufnahmen eines Walliser Lokalsenders überführten, folgte seine fragwürdige Selbstschutzbehauptung, er habe dies nur in der Hitze des Gefechts gesagt. Dieses Verhalten ist wiederum ein klassisches Fehlverhalten. Der erneute verbale Ausrutscher kann dem Image und der Glaubwürdigkeit des Parteipräsidenten, wie auch der CVP schaden, wenngleich er mit der verbalen Entgleisung bei den SVP Gegnern Punkte holen kann.

Es gibt Politiker, die bewusst provozieren, damit sich angeblich etwas bewegt (Geissler behauptete beispielsweise, er habe das umstrittene Zitat "Wollt ihr den totalen Krieg?" im Zusammenhang mit der Auseinandesetzung Stuttgart 21 bewusst verwendet). Wenn ein Politiker unbedacht (in der Hitze des Gefechtes) die Nerven verliert und bestimmte Reizwörter verwendet, muss sich nicht wundern, wenn man die Geister, die man rief, nicht mehr kontrollieren kann. In meinen Beratungen (Krisenkommunikation, Führungskommunikation, Umgang mit Stress) vertrete ich stets die Auffassung: Ein Politiker oder eine Führungspersönlichkeit darf bei wichtigen Fragen die Nerven nie verlieren. In der Ausbildung müsste sie gelernt haben: Zuerst stoppen - denken - dann reden. Wer einfach drauflos redet, bis der Kopf denkt, hat die Hausaufgaben nicht gemacht. Jeder Pilot lernt im Simulator, in heiklen Stress-Situationen, bedacht zu handeln. Das heisst: Stoppen- klären - analysieren und erst dann handeln. Das gilt analog beim Reden, wenn die Emotionen dominieren: Stoppen und zuerst Gehirn einschalten!
Im Beitrag 20 min:
Kommunikationsexperte Marcus Knill wertet den Fall als "ganz peinlichen Ausrutscher". Die Hitze des Gefechts sei keine Entschuldigung: "Für einen Profi gilt, dass er auch in einer hitzigen Situation zuerst denkt, und dann erst spricht." Vor allem hätte sich Darbellay nicht rausreden dürfen. "Wenn der Mist einmal gebaut ist, gibt es nur einen Weg: Sofort zugeben und sich entschuldigen. Alles andere macht die Sache nur noch schlimmer."
Nachtrag vom 5. September, 2011: Nachtrag Darbellay Der verbale Ausrutscher hätte sich gelohnt, wenn es nur darum gehen würde, Aufmerksamkeit zu schaffen. Darbellays unbedachten Worte werden von den Medien gerne aufgenommen: Aus dem Blick:
Starker Tobak: CVP-Chef Christophe Darbellay bezeichnete an einer Wahlveranstaltung der Unterwalliser CVP die Konkurrentin SVP als eine "Sekte von Debilen". Und nur ein paar Tage zuvor war es die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard , welche süddeutsche Fluglärm-Kritiker als "Taliban" beschimpft hatte. Für Politologe Georg Lutz ist klar, dass im Wahlkampf offener gesagt wird, was man denkt. Trotzdem: "Die Äusserungen der beiden waren ziemlich unkontrolliert und wahrscheinlich nicht geplant." Es zeige aber auch, dass man bereit sei, auf Konfrontation zu gehen. Allerdings: "Wenn man sich wie die CVP staatsmännisch geben will, dann gehört aber auch dazu, dass man den richtigen Ton trifft und sich keine verbalen Ausrutscher leistet." Grundsätzlich sei jeder Politiker gut beraten, wenn er sich nicht zu tief in der Schublade vergreife. "Unbedachte Äusserungen haben schon Karrieren gekostet", sagt Politologe Lutz. CVP-Sprecherin Marianne Binder wiegelt ab: "Diese Worte sind in der Hitze des Gefechts gebraucht worden." Es gehöre ganz sicher nicht zum Wahlkampfstrategie der CVP, andere Parteien auf diese Weise zu beschimpfen. Aber: "Bei der SVP hat man sich an diesen Ton gewöhnt", sagt Binder. Wenn CVP-Leute solche Wörter gebrauchten, schlage das viel grössere Wellen. Binder fordert denn auch alle Parteien dazu auf, sich im Ton zu mässigen. "Hart debattieren ist gut, aber grobe Wörter sind fehl am Platz", sagt die CVP-Sprecherin. Das nahm sich offenbar Bundesrätin Doris Leuthard bereits zu Herzen. Nachdem sie die Fluglärm-Kritiker als Taliban bezeichnet hatte, entschuldigte sie sich umgehend bei den Betroffenen. Solche provokativen Wörter waren von der CVP bisher eher ungewohnt. Am 23. Oktober ist Wahltag - noch viel Zeit, den Ton nochmals zu verschärfen.

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