Denn
was ist passiert? Da wurden Ratings, Zahlenlogiken, mathematische
Spieltheorien als grosse Kategorien und auf lange Zeit hinaus völlig
unbesehen auf reale Wirtschaften, auf reale Staaten und auf reale Menschen
angewendet. Zahlen und nicht das Reden, Argumentieren, das Verhandeln,
das Suchen nach demokratischen Lösungen etc. dominierten alle
möglichen und unmöglichen Bereiche.
Google ist in diesem Zusammenhang eben nicht nur eine Suchmaschine,
sondern eine eigentliche und sehr sprechende, herrschende Philosophie.
Denn Google zeigt nicht an, was wichtig ist, sondern was die
Mehrheit der Hits als wichtig dokumentiert. Es ist ein sinnloses wie
hoffnungsloses Unternehmen geworden, nach Bedeutung oder gar Sinn
vieler Themen zu fahnden, da die meisten nur das wiederholen, was
die meisten auch meinen. Dieter Bohlen ist in Deutschland nicht etwa
Bestseller-Autor aufgrund der hohen literarischen Qualität seines
Werkes, sondern schlicht, weil eine Mehrheit ihn und alles was er sagt,
grandios findet. Prominenz erschlug in meinen Worten seit Jahren die
Kompetenz. Irrealität, Illusion und Ratingspiele ersetzten die
Wirklichkeit.
Die internationale Finanzkrise spricht wie keine andere Krise der
Postmoderne die Sprache eines eigentlichen Welt und Wertverlustes.
Leistung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit wurden in den letzten Jahren
von Seiten der Medizinwissenschaften (Gene sprechen während Menschen
verstummen), der Medien (Deal or No Deal, Miss Schweiz Wahlen oder eine
Politsendung mit dem Namen "Classe politique" als Service public? Das
kann ja nur ein Witz sein!), der Meinungsumfragen (Glauben Sie auch,
dass Frauen eher Schuhe kaufen und Männer lügen? Ja? Dann
ist das so), der Politiker ("Ich habe ein schönes Haus, eine
schöne Frau und zwei süsse Kinder. Das genügt, um mich
zu wählen"), der Universitäten ("Hatte Heinrich von Kleist nun
Plattfüsse oder nicht?"), der kulturellen Relativitätsnihilisten
("Warum stören Sie sich an einer Abu Ghraib Inszenierung während
der Mailänder Modeschau?") sowie der Unterscheidungslosen (schon
Kinder sollen strafrechtlich belangt werden während Erwachsene nun
ewig Kinder bleiben sollen) etc. als Altlasten politischer Korrektheit
entsorgt.
Wie weiter? Die gegenwärtige Krise zeigt nur eines: Wir
brauchen eine klassische Wertorientierung. Kompetenzen. Eine
Ambitionskultur. Ein Besinnen auf Freiheit, Mündigkeit, auf die
Unterscheidung von öffentlich und privat, auf Bildung, auf Politik,
auf Menschen statt nur auf Systeme. Hören wir doch auf damit,
Berühmtheiten für Nichts zuzuklatschen oder sie sogar in
wichtige Positionen zu heben. Es müssen endlich wieder Anreize
geschaffen werden, die Leistung, Klugheit, Bildung, Kompetenz und
nicht meinungsumfrageerhobenen unteren Durchschnitt belohnen. Denn
die Absurdität ist so offensichtlich, dass wir eigentlich nur den
Kopf schütteln können. Denken Sie mal länger nach. Was
ist das für eine Gesellschaft, die zuerst die Banken retten muss,
damit wir Menschen noch überlebensfähig sind?
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