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www.rhetorik.ch aktuell: (28. Jan, 2008)

Liebe macht blind

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:


Carla Brun posiert für ein spanisches Männermagazin.
Illustration Sonntagsblick vom 27. Januar 2008
Der "bauchgesteuerte" Staatspräsident zeigt, dass Liebe die Naivität fördern kann. Seine jetzige Frau, die einmal sagte, wahre Liebe dauere nicht länger als drei Monate, hat diesen Präsidenten so weit gebracht, dass er den Kopf verliert und nicht mehr merkt, dass er nun seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Zuerst amüsierten sich die Franzosen noch. Die Stimmung kippt nun aber immer mehr zu Ungunsten des Staatsoberhauptes. Die französiche Bevölkerung muss via Medien zusehen, wie ihr Präsident einem Ex-Model hörig wird, das in ihrer Sammlung verschiedenen prominente Männern wie Mick Jagger, Eric Clapton und den Milliardär Donald Trump eingenommen hatte.

Sarkozy benötigt einen "Hofnarren", ein Berater, der ihn wieder auf den Boden der Realität zurückführt, indem er ihm den Spiegel vorhält und bewusst macht, dass es nicht egal ist, was die Medien über ihn und seine Frau berichten. Der Berater müsste den Präsidenten zudem soweit bringen, dass er sich in solch peinlichen Situationen in erster Linie wieder über den Kopf steuert.


Nachtrag vom 29. Januar, 2008

Die NZZ schreibt under dem Titel "Der Akteur der eigenen Mediatisierung!": Das Interesse der Massenmedien am Privatleben der Reichen, Berühmten und Mächtigen hat Sarkozy nicht erfunden; es kann ihm auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wohl aber die Art, wie er damit umgeht. Wenn Sarkozy in Luxor und Petra mit seiner neuen Gefährtin für die Fotografen posiert, dann ist er kein Opfer der Paparazzi, sondern ein bewusster Akteur der eigenen Mediatisierung. Die Ausflucht, er wolle nicht versteckt leben, also müsse er das Blitzlichtgewitter eben über sich ergehen lassen, gilt nicht. In einem Land wie Frankreich, wo die Regenbogenpresse das Privatleben von Politikern durchaus noch respektiert, beruht die Veröffentlichung von privaten Bildern oder Informationen fast immer auf gegenseitigem Einverständnis. Ein Pakt des Gebens und Nehmens - gegen Vertragsbrüchige verfügen Politiker über ein ganzes Arsenal an Vergeltungsmassnahmen. Schon als Innenminister zeigte Sarkozy keinerlei Scheu, alle Hebel der Macht zu ziehen, um ihm unliebsame Publikationen zu verhindern oder die dafür Verantwortlichen zumindest im Nachhinein abzustrafen. So erzwang er 2005 die Einstampfung der 25000 Exemplare einer frisch gedruckten, aber noch nicht vertriebenen Biografie seiner damaligen Gattin und erwirkte 2006 die Entlassung des Chefredaktors eines Klatschblatts, das Fotos von Cécilia Sarkozy mit ihrem damaligen Geliebten veröffentlicht hatte. Weshalb sollte der Präsident heute mehr Skrupel haben, zu intervenieren oder intervenieren zu lassen (ein Grossteil der Medienunternehmer frisst ihm aus der Hand)?

Dass die weitgehende Geheimhaltung einer Liebschaft durchaus möglich ist, zeigt das Gegenbeispiel von Sarkozys fast einjähriger Idylle mit einer Journalistin von "Le Figaro" 2005/06. In den Medien - die Blogosphäre ausgenommen - sickerte davon fast so wenig durch wie seinerzeit von Mitterrands und Chiracs ausserehelichen Beziehungen. Hat der Präsident, der als frisch Geschiedener heute gern die "Hypokrisie" seiner Vorgänger kritisiert, eigene, geheim gehaltene Seitensprünge vergessen? Noch vor zwei Jahren war er weit davon entfernt, das Muster an Transparenz zu sein, als das er sich heute geriert.

Angesichts der hiesigen Machtverhältnisse zwischen Politikern und Journalisten ist ein medialer Tsunami wie jener, den Sarkozys neue Liaison auslöste, ohne das Einverständnis, ja mehr noch: ohne die tatkräftige Förderung des Hauptbetroffenen undenkbar. Die Gefahren dieser Art von Kommunikationspolitik brachte unlängst der Publizist Alain Duhamel auf den Punkt: Politiker würden durch die Mediatisierung von Privata zu "People" - "wenn man wie Onassis leben will, kann man nicht erwarten, wie Poincaré angesehen zu werden" -, Bürger zu Voyeuren, Qualitätszeitungen zu Klatschblättern. Da es sich bei Sarkozys "öffentlichen Privata" nicht um gestohlene Schnappschüsse, sondern um einen bewussten kommunikationspolitischen Akt handelt, ist es durchaus legitim, dass sich auch die Qualitätspresse des Themas annimmt. Freilich ist der Grat zwischen Glosse und Gosse schmal, die Gefahr der Instrumentalisierung bei aller Bemühung um kritische Distanz stets gegeben.


Nachtrag vom 31. Januar, 2008

Eine Umfrage des Instituts "TNS-Sofres" zeigt, dass nur noch 41 Prozent der Franzosen Vertrauen in ihren Staatschef haben. Vor einem Monat waren es noch 49 Prozent. Der Grund ist die "Zurschaustellung des Privatlebens" sowie der Besuch Gaddafis im Dezember.




Am 31.Jaunuar 2008 zeigt sich gemäss Quelle news.ch:

Gut fünf Wochen vor den Kommunalwahlen in Frankreich sieht sich Präsident Nicolas Sarkozy einem massiven Vertrauensverlust in der Bevölkerung gegenüber. Dies ergab eine vorab veröffentlichte Umfrage für das "Figaro Magazine". Nicolas Sarkozy war in letzter Zeit mehrheitlich mit privaten Geschichten in den Schlagzeilen. Nur 41 Prozent der Franzosen gaben an, Vertrauen in den Staatschef zu haben. Vor einem Monat waren es noch 49 Prozent. Fast neun von zehn Franzosen halten die Regierung für "ineffizient". Laut der Umfrage sorgen sich die Menschen vor allem um Preissteigerungen, Arbeitslosigkeit und Kaufkraftverlusten.

Sarkozys Beliebtheitswerte sinken bereits seit einiger Zeit. In einer kürzlich für die Zeitung "La Croix" erstellten Umfrage hatte eine Mehrheit der Franzosen kritisiert, die Berichterstattung über den Staatschef und seine Freundin Carla Bruni nehme "zu viel Platz" ein.


Kommentar: Diese Resultate bestätigen, dass es sich nicht nur für Politiker lohnt, Privatheit und Öffentlichkeit sauber zu trennen.


Nachtrag vom 2. Februar, 2008

Nicolas Sarkozy und Carla Bruni haben geheiratet. Laut Bürgermeiser Francois Lebel haben sich die zwei im ersten Stock des Elysee Palastes das Ja-Wort gegeben. Eine offizielle Bestätigung des Präsidentenpalastes gibt es noch nicht.

Quelle: Spiegel online



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