Rhetorik.ch

Knill+Knill Kommunikationsberatung

Knill.com
Aktuell Artikel Artikel Inhaltsverzeichnis Suche in Rhetorik.ch:

www.rhetorik.ch aktuell: (20. Okt, 2007)

Phänomen Schwarzes Schaf

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:


Wer hätte im Juli gedacht, dass das Plakat mit den Schafen in der politischen Werbung Geschichte schreiben wird. Das Bild mit den drei weissen Schäfchen und dem schwarzen Schaf gehört heute zu den bekanntesten politischen Plakaten. Kritisiert - gehasst - verstanden und missverstanden ist es ein PR Phänomen. Sowohl Schweizer Bürger als auch grössere Bevölkerungsgruppen im Ausland kennen das Originalsujet der SVP oder eines der mutierten Plakate. Als die ersten Plakate mit dem schwarzen Schaf im Juli aufgehängt wurden, gab es keine negativen Reaktionen. Die NZZ schrieb sachlich: "Das Sujet ist einprägsam wie einfach: Drei weisse Schafe befinden sich friedlich auf rotem Grund neben dem Schweizerkreuz, während ein schwarzes Schaf hinausbugsiert wird." Die SVP wolle nach dem Parteipräsidenten "signalisieren, dass sie keineswegs pauschal die Ausländer im Visier hat, sondern nur die kriminellen Ausländer - die schwarzen Schafe - eben" und es heisst weiter: "Letztlich geht es der SVP darum, nicht mehr weg-, sondern hinzuschauen." Lange herrschte Stille im Blätterwald. Die Plakataktion schien galt als eine "zu ruhige Kampagne" zu versanden. Der SVP Generalsekretär fand schon im Frühjahr, die Grafik sei "zu unauffällig". Auch der Massenversand zum 1. August brachte noch keine Protestaktionen. Der Generalsekretär schien Recht zu haben.

Immer wieder erlebten wir das gleiche Phänomen: Proteste, Kritiker, Demonstrationen, bei Karikaturen, umstrittenen Theateraufführungen, Filmen oder Ausstellungen verhelfen den erwünschten Aufschwung durch die Publizität. Ein Autor kann im Grunde genommen dankbar ist, wenn sein Buch Ärger erregt. Dann ist der Verkauf garantiert. Den Gegnern sei Dank. Beim Schäfchenplakat ging es mit der Bewegung Mitte August auch so. Am 18. August übernahm zuerst die SP am Parteitag das SVP Plakat und übernahm das Schäfchensujet mit dem Zitat: Abzotteln SVP! (indem der "Zottel" d.h. der SVP Geissbock - mit einem Blochergesicht versehen - ausgestossen wird). Die Aktion wurde zuerst als kreativer geschickter Schachzug bewertet. Die SP glaubte, den Gegner mit den eigenen Waffen geschlagen zu haben. Dass der Konter zum Bumerang werden könnten, ahnte die SP nicht.



SP Bundesrat Leuenberger hievte das SVP Plakat zusätzlich auf Bundesratsebene, indem er verlauten liess, Sicherheit und Integration schaffe die Schweiz nicht, wenn wir kurzerhand ein Viertel der Bevölkerung als schwarze Schafe bezeichnen und sie mit Fusstritten von unserem Schweizerkreuz lostreten. Schon damals wunderte ich mich, dass ein Bundesrat alle Ausländer zu Kriminellen macht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Bundesrat den Text der Initiative nicht gelesen hat und tatsächlich glaubt, dass mit dem schwarzen Schaf alle Ausländer gemeint sein würden. Diese Fehlinterpretation führte verständlicherweise zu einer grösseren Diskussion und zu Schlagzeilen in den Medien. Dem nicht genug: Auch die SP Bundespräsidentin sah im schwarzen Schaf ebenfalls alle Ausländer und bezeichnete das Plakat als rassistisch. Damit wurde eine Lawine losgetreten. Die Plakate wurden mit Hakenkreuzen versehen. Es kam zu einer nationalen Schmieraktion. Diese Bilder wurden wiederum publiziert. Das Schäfchenplakat wurde in der Öffentlichkeit ausführlich thematisiert und diskutiert. Die deutsche rechtsextreme NPD und die Jungsozialisten übernahmen das Urbild, indem sie das Sujet im Internet - je nach Position - für ihre Zwecke abwandelten.

Mit dem Schritt über die Grenze nahmen die Schäfchen internationale Dimensionen an.

Der UNO-Sonderberichterstatter über Rassismus verlangte den Rückzug des Plakates. Das Bild provoziere Rassen- und Religionshass. Nach dieser Intervention ging es auf der internationalen Bühne los: der "Independent" schrieb über die Schweiz vom "Herz der Finsternis". Selbst die amerikanische Presse nahm die Thematik des "Rassismus in der Schweiz" auf, nachdem der Schweizer Minister (Couchepin) seinen SVP Kollegen mit Duce verglich. Obschon die Bundespräsidentin die Kollegen eindringlich gebeten hatte, sich nicht mehr in den Wahlkampf einzumischen, konnte sie es selbst nicht lassen. mit ihrer Empörung öffentlich Luft zu verschaffen. Die Kritik an der SP Veranstaltung wurde in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens am 29. September ausgestrahlt.


Damit hatte die Bundespräsidentin ein weiteres Mal gegen die eigene These verstossen. Bei der ersten Kritik sagte sie, die SVP ist die "am wenigsten schweizerische Partei" und fügte bei: "Ich bin traurig über die Kampagne, denn sie ruft zu Hass, zu Rassenhass auf". Das paradoxe dabei sei, dass jene Partei, die das Schweizer Kreuz für ihre Plakate verwende, die am wenigsten schweizerische sei. "Das ist nicht die Schweiz".

An der Verlegertagung in Luzern vom 21. September 2007 hielt sich dann Micheline Calmy-Rey ein weiteres Mal nicht an ihren Rat: Sie stellte die SVP Kampagne wiederum in einem längeren Votum öffentlich an den Pranger. Die militanaten SVP Gegner organisierten sich zum Komitee "Schwarzes Schaf". Ein Schaf das wildschnaubend auf Plakaten zu sehen war.

Der Werbeeffekt des "Schäfchenplakates" wurde dank der lautstarken Kritik vervielfacht. Die Plakate wurden als abschreckendes Beispiel in den Medien für die SVP zusätzlich gratis publiziert. Weil Bilder stärker wirken als Worte, verfehlte das "Kultplakat der SVP" die Wirkung nicht. Es war in aller Leute Mund. Die Angriffe haben gewiss SVP Wähler mobilisiert. So wie die SP immer wieder in die Blocherfalle lief, sind die Kritiker des Schäfchenplakates in die SVP Falle getappt. Die SVP könnte den Zottel mit einem weissen Schaf vertauschen. Die Schafe trugen wesentlich zur enormen Medienpräsenz der Partei bei.
Quellen:

Nachtrag vom 18. Oktober: Das Bild mit dem versprayten Plakat illustriert, dass auch im Ausland die kommentierten Plakate abgebildet wurden. Selbst in Cartoons wurde das Schäfchensujet aufgenommen und zusätzlich verstärkt.


Nachtrag vom 8. Dezember 2007: Das Sujet wird weiterbenutzt.



Rhetorik.ch 1998-2011 © K-K Kommunikationsberatung Knill.com