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www.rhetorik.ch aktuell: (17. Aug, 2007)

Sündenbock Handy

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:


In einer Wohnung im Deutschen Pfullendorf im Kreis Sigmaringen quälten jüngst fünf Mädchen im Alter von elf bis 15 Jahren eine 14-jährige Mitschülerin mehrere Stunden lang. Sie filmten das grausame Geschehen mit einem Video-Handy, das bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt werden konnte.

Wenn ein Mädchen von elf- bis 15-jährigen Mitschülerinnen gefoltert werden kann, ihm mit einem Feuerzeug und einer glühenden Zigarette Brandwunden zugefügt werden und das Opfer vom Quintett gezwungen wurde, sich zu entkleiden - wenn dem Mädchen rohe Eier auf seinem Kopf zerschlagen und die entwürdigenden Handlungen mit einem Video-Handy aufgenommen werden, stellt sich die Frage: Wer trägt an solchen Auswüchsen Schuld: Das Opfer? Die Täterinnen? Die Eltern? Die Schule? Oder ist das Handy schuld, weil heute Gewalttaten gefilmt und gezeigt werden können?


An der von allen Beteiligten besuchten Schule, waren nach Informationen des Südkurier Lehrer und Schüler gleichermassen schockiert. Nach der "menschenverachtenden Tat" wurden angeblich entsprechende Konsequenzen eingeleitet. Weitere Massnahmen sind angeblich geplant, wozu auch gehört, dass Themen wie Gewalt oder die Verbreitung gewalttätiger Videos via Handy im Unterricht zum Thema gemacht werden.

Immer wieder ist das Handy im Spiel

Über 90 Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren sollen nach Studien ein Handy besitzen. Ein Drittel der jugendlichen Handy-Besitzer soll schon brutale Videos oder Pornofilme erhalten haben. Unterschieden werden so genannte "Snuff-Videos", auf denen Morde, pornographische Inhalte sowie nachgestellte Demütigungen gezeigt werden und das so genannte "Happy Slapping", bei dem meist Jugendliche Gewalttaten an anderen praktizieren und diese filmen.

Lehrermobbing mit Handyfilmchen

In Berlin werden seit Monaten Lehrer von ihren Schülern im Internet verunglimpft und diffamiert. Eine neue Form des Mobbing beklagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie findet, die schlimmsten Vorkommnisse müssten künftig als Straftaten gewertet werden. Von psychischen Gewalthandlungen, für die Null Toleranz gelten müsse, spricht die stellvertretende GEW- Vorsitzende Marianne Demmer. Die unkontrollierte Verbreitung der Inhalte über das Internet in die ganze Welt mache diese neue Form der Gewalt -laut Lehrergewerkschaft - unkontrollierbar und gefährlich. Stossend daran ist, dass das Lehrermobbing gleichsam toleriert wird und nicht so ernst genommen wird, wie das Mobbing in Betrieben.

Wir kennen keine signifikante Statistik zu diesem neuen Phänomen. Es ist schwer zurückzuverfolgen, ob und wie viele Lehrer etwa Anzeige gegen Schüler erstattet haben. In Grossbritannien ist das Phänomen des Mobbing per Internet oder Handy seit längerer Zeit ein Thema: So war einem Lehrer vor laufender Handy-Kamera die Hose heruntergezogen worden, als er an der Tafel stand. Zwei Stunden später konnte jeder, der es wollte, die Szene im Internet ansehen. 17 Prozent der befragten Lehrer haben angegeben, schon einmal oder mehrfach im Netz oder per Handy gemobbt worden zu sein. Deshalb fordert Demmer die Pädagogen auf, konsequent zu handeln. Ein solcher Vorfall müsste offensiv im Kollegium besprochen werden. Genauso wie bei Fällen körperlicher Gewalt bestehe auch bei derartigen Mobbing-Taten eine Meldepflicht an den Schulrat, den schulpsychologischen Dienst und die Senatsverwaltung für Bildung. Alle gemeinsam sollten versuchen, einen solchen Vorfall aufzuarbeiten. Wenn die Täter entlarvt werden, sei es wichtig, dass sie auch zur Rechenschaft gezogen werden. Es muss eine Entschuldigung geben, aber auch einen Täter-Opfer-Ausgleich, war zu lesen. In gewissen Schulen arbeiten die Lehrkräfte mit Experten der Polizei, so genannten Diversionsmittlern, zusammen. Bei den Erniedrigungsszenen im Internet geht es nicht mehr um Dumme-Jungen-Streiche, sondern um Straftaten, die erhebliche Konsequenzen haben müssten. Die Opfer können durch psychische Gewalt ein Leben lang traumatisiert werden. So müssten sich die zuständigen Stellen fragen und überlegen , ab nicht die Betreiber bestimmter Internet-Plattformen zivilrechtlich belangt und auf Schadenersatz verklagt werden könnten, falls sie die Mobbing-Inhalte der Schüler unkontrolliert über ihre Plattformen verbreiteten.

Und in der Schweiz?

In einer Diskussionsrunde anlässlich der Schweizerischen Lehrerfortbildungskurse in Aarau wurde mir bewusst, dass das Handy- Mobbing noch kein zentrales Thema ist. Doch wurde die Thematik (Handyverbot?" heftig diskutiert. Die Meinungen gingen auseinander. Die Lehrpersonen setzten sich mit dem Problem am eigenen Schulort konkret auseinander. Es gab Befürworter eines striken Verbotes und Lehrkräfte, die den Jugendlichen beibringen möchten, mit dem Handy richtig umzugehen. Es gibt Schulhäuser, in denen wird bereits ein Handverbot durchgesetzt. In einer grösseren Zürcher Gemeinde gilt das Handyverbot nur auf dem Schulareal. Jedes Kind hat ein abschliessbares Kästchen. Dort können die Handys (Jugendliche besitzen sogar mehrere ) deponiert werden. Eine Sekundarlehrerin vertrat die Meinung, man könne problemlos die Nutzung des Handys auf dem Schulareal durchsetzen, so wie das Rauchverbot. Beim Rauchverbot müssten ja die Zigaretten auch nicht abgegeben werden. So würden die Handys auch nicht konfisziert. Doch werde der Nichtgebrauch konsequent durchgesetzt. Es gelte lediglich ein generelles Verbot der Nutzung. Falls sich jemand nicht an die Regel hält, so hat dies Konsequenzen z.B. die Konfiszierung, eine Mahnung an die Eltern usw.

Was sagt der Medienpsychologe?

Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Hochschule für Angewandte Psychologie in Zürich meinte in einem Interview, das in "20 Minuten online" erschien:

Also: Was tun? Es braucht medienpädagogischen Unterricht. Jeder wird heute zum Kameramann und Regisseur. Es geht dabei darum, den Jugendlichen die sozialen Konsequenzen des Mediengebrauchs und missbrauchs zu erklären und sie zu einem kreativen statt destruktiven Medienumgang zu führen.
Ein Handyverbot ist also das falsche Mittel? Das Verbot allein ist eine Massnahme, die konsequent erscheint, aber nichts bringt. Dass die Gesellschaft Richtlinien hat, finde ich schon wichtig. Frauenverachtende oder Gewalt verherrlichende Filme müssen verboten sein. Aber das Medium als ganzes verbieten, kann nicht der richtige Weg sein.
Aber wie soll ein Lehrer, der provoziert wird, mit dem umgehen? Kein Handyverbot? Dieser Lehrperson würde ich als erstes einmal raten, das Verhältnis mit den Schülern zu verbessern. Für eine Phase kann es in solchen Fällen durchaus gut sein, das Handy zu verbannen, bis die Verständigung wieder funktioniert. Aber die Konflikte liegen nicht einfach beim Medium. Sondern das Medium wird benutzt, um sie auszutragen.


Kommentar: Jugendliche müssen lernen mit den neuen Medien umzugehen. Neu sind die Möglichkeiten, Filme und Bilder sofort ins Netz stellen. Nicht nur Kinder, auch die Medien, Eltern, Erzieher und Produzenten müssen bei dieser Thematik ihre Verantwortung wahrnehmen. Verbote können kaum durchgesetzt werden, da Kinder oft mehrere Handys haben. Die These, dass Lehrkräfte selbst schuld sind, wenn sie mit Internetfilmchen an den Pranger gestellt werden, greift zu kurz. Auch die Selbstschutzbehauptung teile ich nicht, dass die Gesellschaft oder der Druck der Schule Mädchen zu Foltermägden gemacht habe.

Eine Schülerin vertrat in der Badischen Zeitung die Meinung, man müsse beim Kritisieren eines Lehrers auch Spass haben können. Dank des Internets könne man Dampf ablassen und Leidensgenossen finden. Habe man im Internet die Meinung ausgetauscht, könne man sich zusammenschliessen und bleibe mit der Kritik nicht allein. Es sei doch lustig, wenn man die Sprüche der Lehrer ins Netz stelle. Natürlich wäre es nicht die eleganteste Art, hinter deren Rücken über die Lehrer zu lästern. Mobbing treffe im Grunde genommen nur Lehrer mit wenig Autorität. Es sei aber für die Lehrpersonen hilfreich, einmal die ehrliche Meinung der Schüler zu lesen.

Wenn es um Kritik geht, ist diese Begründung genau der falsche Ansatz. Als Ombudsmann der Kantonsschule Schaffhausen erlebe ich immer wieder, dass Kritik in erster Linie unter vier Augen direkt ausgetragen werden muss. Schülerinnen und Schüler sollten bereits in der Primarschule lernen, wie man kritisiert. Die Feedbackkultur muss nicht erst als Erwachsener erlernt werden. Nachfolgender Satz eines Schüler gibt uns zu denken:

"Die Lehrer wissen schon Bescheid darüber, dass sie gemobbt werden. Aber ich glaube, dass sie es nicht so ernst nehmen. Sie sind es ja gewohnt, nicht gemocht zu werden."


Die geschilderten Beispiele sind sicher nur Einzelfälle. Die Mehrzahl der Jugendlichen verstehen mit den neuen Medien recht gut umzugehen. Verallgemeinerungen wären gefährlich. Wie so oft im Leben werden Einzelfällen all zu gerne generalisiert und damit zu stark vergrössert.


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