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www.rhetorik.ch aktuell: (19. Apr, 2007)

Die mediale Dynamik des Blutbades in Virginia

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:

Die mediale Erzählung eines Blutbades

Das Massaker in Blacksburg hielt die Medien für ein paar Tage in seinen Bann. Das schreckliche Ereignis entwickelte jedoch vor allem in den amerikanischen Medien eine eigene Dramaturgie. Die mediale Erzählung wurde von den klassischen Rollen Opfern, Helden und Täter bestimmt. Der Täter Cho Seung-hui wurde als Einzelgänger und Gestörter gezeichnet. Auf den Fotos lächelt er nie. Die mediale Dramaturgie verbietet bekanntlich in Amerika jegliche Hinweise auf ethnische Aspekte. Es darf nie verallgemeinert werden - aus Angst vor Hetze. Rassismus und Vorurteile in jeglicher Form sind verboten. Dies respektierten die Medien. Ansonsten durfte der Täter in seiner Rolle schon analysiert werden. Wie er lebte, was er für Interessen hatte. Die Hauptrolle gebührte jedoch den unschuldigen Opfern.




Die sympathischen jungen Menschen wurden mit Bildern und Videos beinahe ikonisch vorgestellt. Neben den Opfern traten in der medialen Erzählung auch die Helden auf. Die Professoren, die ihre Studenten zu schützen versuchten. Eine Studentin, die sich tot stellte usw. Auch Ärzte und Sanitäter, die Leben retteten, gehören zu den Opfern. Im Kontrast zu diesen Szenen wurden die Versäumnisse der Universitätsleitung offen gelegt. So wurde von Journalisten gefragt, warum nicht früher Alarm geschlagen worden sei? Die Medien werden bestimmt noch weitere Sündenböcke finden. Der Tag des Schreckens wird wie bei allen Katastophen überwunden, mit Lichterketten und Gedenkveranstaltungen. Auch nach der Tränen wird ein Andenken an die Ermordeten dafür sorgen, dass die epische Qualität des Dramas bis in die ferne Zukunft gewahrt bleibt.

Das Video des Massenmörders

Nachdem der Sender NBC das Videovermächtnis des Massenmörders ausgestrahlt hatte, beschäftigen sich viele Medien mit der Frage, ob das Publikum das Recht auf solche Bilder habe.

TV- Verantwortliche hatten keine Sekunde gezögert, das Videodokument des Massenmörders zu veröffentlichen. Es war im Internet vielerorts zu sehen. Das Video wurde ausgestrahlt, obwohl künftige Amokläufer aus dem Gemetzel von Blacksburg Inspirationen schöpfen könnten. Das Video ist sozusagen eine Anleitung, wie man ein Verbrechen inszenieren kann und sich für die Ewigkeit glorifizieren kann. Es besteht die Gefahr, dass die Amoktätern, zu Helden gemacht werden. Die Aussicht auf Berühmtheit post Mortem kann in diesem Fall eine Motivation zum Töten gewesen sein. Wie zu erwarten, musste NBC einige Kritik einstecken, das Video ausgestrahlt zu haben.



Das Video ( hier auf YouTube zu sehen) hat auch eine ungewöhlich grosse Internet-Suchmanie hervorgerufen. Der Killer hatte die Aufschrift "Ismail Ax" auf sinem Arm tätoviert. Nach Technorati.com haben Tausende von Leuten mitspekuliert. Es gab am Donnerstag Nachmittag schon 300 Blog Einträge zum Begriff "Ismail Ax". Yahoo meldete, dass der Suchterm "Virginia Tech Shooting", der am meisten gesuchte Begriff auf der Suchmaschine geworden sei. Am Morgen nach der Tat hatte ein Mann in Texas sich schon die Webseite "ismailax.com" unter den Nagel gerissen. Quelle.

Die neue Medienkultur ist eine Herausforderung für die journalistische Ethik.


Jeff Jarvis von der City Universität in New York schrieb in seinem blog:

"Es gibt heute keine Kontrolle mehr. Wenn Zeugen, Kriminelle, Opfer, Kommentatoren, Offizielle und Journalisten schon veröffentlichen während sich die Dinge entwickeln, dann gibt es keine Garantie mehr, dass die Nachrichten gefiltert, verpackt, editiert, gesäubert, aufpoliert oder gesichert werden können."


Er meint, dass es die Aufgabe der Journalisten sei, auch unkonfortable News weiterzuverbreiten. Auch er kritisiert NBC. Nicht, weil sie das Video ausgestrahlt haben, sondern weil sie nur den schwachen Teil gezeigt haben, ein Teil, der den Killer von der besseren Seite her zeigt und Sympathien wecken könnten. Er argumentiert, dass das ganze Video, auch mit den ganz schlimmen Teilen hätte gezeigt werden müssen.


Nachtrag Bluttat 21.4.Trittbrettfahrer machen von sich reden Nach dem Amoklauf folgten postwendend die ersten Nachahmer und Überreaktionen:
  • Im Amerikanischen Yuba City mussten Tausende von Schülern nach Hause geschickt werden, weil ein Amok-Alarm ausgelöst worden war. Ein Achzehnjähriger wendete sich an den Pfarrer und sagt, er sei bewaffnet und werde ein grosses Blutbad anrichten.Alle Schulen wurden sofort geschlossen und insgesamt 12000 Schüler nach Hause entlassen.
  • Auch in Zürich musste die Polizei am Freitag die Privatschule Juventus evakuieren. Nach einer Drohung wurden 500 Schüler kurz nach Schulbeginn nach Hause geschickt. Es wird ebenfalls vermutet, dass ein Zusammenhang mit dem Amoklauf in Blacksburg besteht.
  • In San Diego meldete sich ein Webdesigner bei einem Fernsehsender und sagte, er wolle 50 Leute an der Universität umbringen. In Seattle tauchte ein Oberschüler mit drei geladenen Waffen in einer Schule auf. Er wurde verhaftet.



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