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www.rhetorik.ch aktuell: (28. Feb, 2007)

Ullrichs Interview bei Beckmann

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Was ist Doping?
Ullrich bezieht sich immer auf 'Medikamente'. Man hat das Gefühl, er schliesst dabei Blutdoping aus.
"Haben Sie jemals Kontakt gehabt mit Fuentes?" Über Fuentes II
Chronologiebeitrag, der Ulrich erzürnt haben soll. Der eingeschaltete Experte Hajo Seppelt wird zugeschaltet. Ullrichs Reaktion auf den Experten
Jan Ullrich soll das Interview mit Beckmann fast verlassen haben. Er und seine Rechtsanwälte haben die Wiederholung der Sendung verboten. Sollte sich die ARD nicht daran halten, will Ullrich klagen. Nach Ullrichs-Anwälten soll mit Beckmann vereinbart worden sein, dass Ulrich sich nicht zum spanischen Dopingskandal äussern wird, dass nur er und seine Frau Sara Gäste der Sendung sind, und dass Ullrich die Aufzeichnung vor der Ausstrahlung in der Nacht sehen darf, um eventuell Passagen, die dem Strafverfahren schaden könnten, zu entfernen. Beckmann dementiert diese Absprachen:


"Jan Ullrich wusste, dass es sich um ein journalistisches Gespräch handeln wird. Darüber haben wir vorher gesprochen. Es ist doch klar, dass wir eine Untersagung der zentralen Frage nach dem Doping-Arzt Fuentes niemals zugelassen hätten. Jan Ullrich hat einen ganz normalen Gäste-Vertrag bei uns. Darin ist nicht vorgesehen, nach der Sendung Passagen zu entfernen, die einem nicht gefallen oder Einfluss auf die Sendung zu nehmen."


Peinlich war es tatsächlich, als Ullrich auf Beckmanns hartnäckiges Nachfragen nach Fuentes immer nur antwortete, er dürfe sich dazu nicht äussern. Als die ARD während der Aufzeichnung den Dopingexperten Hans-Joachim Seppelt dazuschaltete, wäre nach "Bild" Ullrich am liebsten "geschockt aus dem Studio geflüchtet".


Erkenntnis: Klare Abmachungen vor einer Sendung sind ein Muss. Doch machen Ullrichs Rechtsanwälte einen gravierenden Fehler, wenn Sie eine Zweitausstrahlung blockieren. Damit haben sie Ullrich einen Bärendienst erwiesen. Jetzt wird klar, dass Ullrich etwas zu verbergen hatte. Die Sendung wurde bereits einmal ausgestrahlt und wie bei einer Zahnpastatube kann Inhalt der einmal ausgedrückt wurde, kaum noch rückgenommen werden. Das Verbot verstärkt Ullrichs negatives Image. Jetzt reiht sich diese Abblockungsgeschichte nahtlos in alle andern Abblockgeschichten des Radprofis ein.
  • Es wurden schon an der Medienkonferenz keine Fragen zugelassen
  • Speichelproben wurden blockiert
  • Aussagen, die bereits öffentlich gemacht worden sind, werden nachträglich abgeblockt.
  • Reputationsmässig haben jedenfalls die Rechtsanwälte ihrem Mandanten einen Bärendienst erwiesen.
Das Verbot war ungeschickt.




Musterbeispiel unglaubwürdiger Kommunikation.

Jan Ullrich gab am 26. Februar an einer Pressekonferenz in einem Hamburger Hotel seinen Rückzug vom Leistungssport bekannt. Seit 30. Juni 2006 ist er von allen Radrennen suspendiert. Es wurde ihm vorgeworfen, sich über Jahre bei Fuentes mit manipulierten Blutkonserven und diversen Doping-Mitteln eingedeckt zu haben. Ullrich brachte schwere Anschuldigungen gegen swiss olympic, Funktionäre und Medien

"Ich bin enttäuscht von der UCI, von Swiss olympic und vom Schweizer Rad- Verband, der seit acht Monaten den Eindruck erwecken will, er hätte belastendes Material gegen mich".


und betonte:

"Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher."


Die Aussage bedeutet nicht: "Ich bin kein Verbrecher". Die Übertreibung ist geschickt. Denn niemand würde Ullrich, falls er schuldig gesprochen wird, als "Schwerverbrecher" bezeichnen. Indem Ullrich sagt, was er empfindet, begibt er sich nicht aufs Glatteis.

Ullrich weigerte sich stets, Vergleichende Proben zuzulassen und konnte dadurch die Beweise sabotieren. Hätte er ein gutes Gewissen gehabt, hätte er die Unschuld beweisen können. Mit seinem Angriff auf die Kontrollbehörde wählte Ullrich eine Angriffstaktik alsVerteidigung. Ullrich behauptete ferner an der Pressekonferenz:

"Ich habe ein reines Gewissen." "Ich kann mit Stolz behaupten, in meiner ganzen Karriere nie betrogen und niemanden geschädigt zu haben. Das ist ganz gross."


Mit diesen Worten sagt Ullrich lediglich, dass er niemanden geschädigt hat. Das trifft möglicherweise zu, selbst dann, wenn er Blutdoping genommen hat. Ob sein Vergehen ein "Betrug" war, darüber könnte gestritten werden. Was Ullrich nicht explizit erwähnt: "Ich habe nie gelogen" oder "Ich habe nicht gedopt". Der Radprofi hat sich somit verbalstrategisch geschickt verhalten. Nachfragen an der Medienkonferenz erlaubte er nicht. Ullrich - der immer noch unter Dopingverdacht steht - will künftig Berater werden.


Pressestimmen zum Ullrich-Rücktritt

  • "Peinlich und fern der Realität" Ullrich lässt Beckmann-Sendung verbieten. Sein Auftritt bei Beckmann war so schlecht wie seine Rücktritts-Erklärung am Vormittag: Bizarr und verwirrt. ("Bild online")
  • "Selbst der traurige Abschied des grössten Talents, das der deutsche Radsport jemals hatte, wurde zum Schmierentheater", (Bonner "General-Anzeiger")
  • "Anzulasten ist ihm, dass er der Ankündigung, seine Unschuld beweisen zu wollen, zu keiner Zeit aktiv nachgekommen ist." (Die Welt)
  • "Ullrichs peinlicher Abgang" ("Express ")
  • "Der letzte Rundumschlag" ("Westfälische Nachrichten ")
  • "Die peinliche Ullrich-Show" ("Hamburger Morgenpost ")
  • "Zum Abschied die letzte Attacke" ("Frankfurter Rundschau ")
  • "Der Radstar geht, die Zweifel bleiben" ("Der Tagesspiegel")
  • "Der gefallene Jedermann" ("Hannoversche Allgemeine Zeitung ")
  • "Ein Rücktritt voller Selbstmitleid und fern der Realität" ("Berliner Morgenpost ")
  • "Besuch aus dem Paralleluniversum" ("Berliner Zeitung")
  • "Abrechnung ohne Aufklärung ... Das Rennen ist vorbei" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung ")
  • "Der tragische Schlusspunkt" ("Stuttgarter Zeitung ")
  • "Und alle Fragen offen" ("Süddeutsche Zeitung")
  • "Was für ein hässlicher und trauriger Abschied. Ullrich, das Rennen ist aus. (...) Ullrich bleibt uns in Erinnerung als einer, der sein grosses Talent vergeudet hat." ("La Gazzetta dello Sport", Italien)
  • "Nach Schumacher geht auch Ullrich - noch ein grosser Kaiser des deutschen Sports tritt ab." ("Il Messaggero", Italien)
  • "Ullrich tritt ab und schlägt die Tür hinter sich zu." ("Il Secolo XIX", Italien)
  • "Jan Ullrich zieht den Vorhang einer Karriere zu, die die Vorherrschaft der Welt versprochen hatte, aber mit einem Wimmern und einem Hauch von Skandal endete." ("The Guardian", England)
  • "Jan Ullrich radelt seine Unschuld beteuernd davon. Er kam in die Radsportszene als stürmischer, aufrechter Teenager und verliess den Sport als verbitterter Mann. (...) Als zweitgrösstes Talent seiner Generation hatte er das extreme Pech, zur gleichen Zeit wie Lance Armstrong zu fahren. Ullrich hat den grössten Teil seiner beachtlichen Sportkarriere im Schatten verbracht und beendet sie unter einer dunklen Wolke." ("Daily Telegraph", England)
  • "Jan Ullrich kommt am Ende der Strasse an. Der frühere Tour-de-France-Champion beendet seine Radfahr-Karriere, nicht aber die Dopingverdächtigungen, die ihn umgeben." ("The Independent", England)
  • "Der Dopingskandal um die Operación Puerto erledigt Ullrich." ("El País", Spanien)
  • "Ullrich hatte einfach genug. Das Ende seiner Karriere zeichnete sich bereits im Mai 2006 ab, als in Spanien der Dopingskandal aufflog." ("Marca", Spanien)
  • "Ullrich sagt Adiós, weil er sich von den Doping-Fahndern eingekreist sah." ("As", Spanien)
  • "Ullrich verabschiedet sich durch die Hintertür. Sein Rücktritt war geprägt von Hass und Verbitterung." ("Sport", Spanien)
  • "Statt die Unschuldsbeteuerungen durch Kooperation in der Wahrheitsfindung zu stützen, schaltete Ullrich auf die in Sportler-Kreisen grassierende Unsitte gebetsmühlenartiger Floskeln vom über Gebühr drangsalierten Professional, der trotz unzähligen negativen Dopingtests zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wird. Statt der Vernunft hatte bald nur noch eine Armada von Anwälten das Sagen." ("Neue Zürcher Zeitung", Schweiz)
  • "Der letzte Ausreissversuch von Jan Ullrich....Es war ein Abschied durch die Hintertür in einer bizarren Atmosphäre....Es war ein biederer Rahmen für einen deutschen Sportheroen, der einst in einem Atemzug etwa mit Tennislegende Boris Becker oder Formel-1-Seriensieger Michael Schumacher genannt wurde" ("Basler Zeitung", Schweiz)
  • "Wie die Stars in anderen Branchen sagen sich auch die Radprofis: Wenn ich auf die gleiche Weise wie die meisten Konkurrenten betrüge, bin ich kein Betrüger. Das ist kollektiver Selbstbetrug! So kommt der Radsport nie aus dem Drogensumpf. Ullrich hätte schon lange wesentlich stilvoller zurücktreten können." ("Blick", Schweiz)
  • "Ullrich stoppt die Kosten. Die Puerto-Affäre und die Dopingvorwürfe haben über ihn obsiegt. (...) Bei seiner Rückkehr von seinem letzten Trainingsaufenthalt auf Mallorca hat der deutsche Radfahrer am Ende eingesehen, dass seine Hoffnung, seine Kritiker zum Schweigen zu bringen, ein frommer Wunschtraum sind." ("L'Equipe", Frankreich)
  • "Ullrich wirft das Handtuch. Eingeholt von der Puerto-Affäre, beendet der Sieger der Tour de France 1997 seine Karriere." ("Le Parisien", Frankreich)
  • "Ullrich: Eine einzige Tour de France, und dann...Der deutsche Radrennfahrer macht wegen einer Dopingaffäre Schluss. Jan Ullrich verlässt die Bühne durch den Hinterausgang." ("Libération", Frankreich)
  • "Jan Ullrich oder die Geschichte eines Hochbegabten mit einem verpfuschten Schicksal. Jan Ullrichs Abkommen von der Strasse symbolisiert perfekt das grosse Übel, das den Radsport seit einigen Jahren zernagt." ("Le Figaro", Frankreich)
  • "Ullrichs Rücktritt wirkt wie eine Flucht vor dem Dopingverdacht. Aber auch die Flucht vor einem Beruf, der den Deutschen mit Haut und Haaren aufgefressen hat und ihm schon vor etlichen Jahren die Lust genommen hat." ("Ekstra Bladet", Dänemark)
  • "Superstar Ullrich fiel so tief wie kein anderer." ("Politiken", Dänemark)
Quelle


,td> Die negativen Echos kommen nicht von ungefähr Das spitzbübische, angeblich clevere Verhalten war kontraproduktiv, denn Ullrichs Aussagen waren unglaubwürdig. Zu viele offene Fragen waren vorhanden, die erörtet werden wollten, die aber nicht zugelassen wurden. Das schätzen Journalisten nicht. Zu oft hatte Ullrich getrickst, getarnt und getäuscht. Der angeschuldigte Sportler blockte ständig Ermittlungen ab. Er verweigerte Speichelproben und konnte auch die Herausgabe eines Blutbeutels verhindern. Er versäumte es immer wieder, reinen Tisch zu machen. Die Oeffentlichkeit wusste auch, dass die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind und die Bonner Staatsanwaltschaft - wie auch der Schweizerische Radverband- den Fall - weiter bearbeitet. Die Indizienkette soll erdrückend sein. Ullrich weiss genau, solange er nicht überführt ist, gilt er nicht als verurteilt. Der mutmassliche Täter konnte somit vor den Medien das Opfer mimen. Die Öffentlichkeit hat zwar Ullrich gehört, doch die Glaubwürdigkeit fehlte.


Nachtrag vom 4. März 2007: Ullrichs seltsames Medienverständnis

Seit Ullrichs Rücktritt reihte sich Peinlichkeit an Peinlichkeit. Ulrichs Medien-Verständnis gibt zu denken: Es gab eine Presse-Konferenz, an der Fragen verboten waren. Dann folgte der groteske Beckmann-Auftritt und der Versuch, eine Zweitausstrahlung zu verhindern. Dann folgte ein Gespräch, das Ullrich auf seiner Homepage platziert hatte. Er gab ein Pseudo-Interview mit seinem PR Berater Michael Lang, Nicht verwunderlich, dass statt kritischen Fragen nur seichte Fragen kamen: "Fiel es leicht, die Karriere zu beenden?" "Wie war das Verhältnis zu grossen Konkurrenten wie Basso oder Armstrong?" "Bricht der Kontakt zu den Fans jetzt ab?" Bei der einzig relevanten Frage: "Weshalb nehmen Sie zu bestimmten Fragen keine Stellung?" kam die Antwort: "Da möchte ich auf den Rat meiner Anwälte hören."

Bis jetzt hatte Ullrich noch nie die Frage beantwortet, ob der "Blutdoping" auch als strafbare Dopinghandlung betrachte. Auf die Frage, was er als Doping betrachtet gibt er nur "Medikamente" an. Es ist durchaus denkbar, dass er das Auffrischen des Blutes mit eigenem Blut als etwas Natürliches und "selbst erarbeitet" betrachtet, selbst dann, wenn es nicht erlaubt ist. Für Ullrich sind möglicherweise Gesetzesübertretungen kein "Betrug", wenn es alle anderen auch tun. Aus seiner Sicht, hat er sich deshalb auch keinen "Vorteil" verschaft oder jemand anderem geschadet.


Nachtrag vom 3. April 2007: DNA Analyse.

Die bei "Operacion Puerto" sichergestellten Blutkonserven mit den Kennzeichnungen "Jan", "Nummer 1" oder "Rudis Sohn" sind Ullrich zuzuordnen. Die Blutbeutel belegten somit, dass Kontakt zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes bestanden haben. Die DNA-Analyse erschüttert Jan Ullrichs Glaubwürdigkeit. Eine der wichtigsten Stützen von Ullrichs wackeliger Verteidigungsstrategie ist zusammengebrochen.



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