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www.rhetorik.ch aktuell: (30. Dezember, 2006)

Die Hinrichtung Husseins



Das Video der Hinrichtung wurde auch im irakischen Fernsehen ausgestrahlt.
Die Nachricht von der Hinrichtung Husseins verbreitete sich rasch. Es dauerte nur Stunden, und dann war das offizielle Video auf dem Amerikanischen Sender CNN zu sehen. Auch ein inoffizielles Video, von einem der anwesenden Beobachter mit dem Handy gefilmt, war bald per YouTube zu sehen. Millionen haben die Henkersszene auf Film gesehen. Der offizelle Film wurde vom Kameramann Ali Al Massedy aufgenommen. Das ganze Tape soll 15 Minuten lang dauern.

Das zweite Video provoziere Fragen. Warum wurden Handis im Exekutionsraum erlaubt? Wenn nur eine offizielle Filmversion hätte den Raum verlassen müssen, dann wäre es ein leichtes gewesen, dies durchzusetzen. Der ganze 15 minütige Film soll als "top secret" klassiert worden sein und wurde nicht herausgegeben. In der herausgegebenen Szene fehlt der Ton. Die inoffizille Version wurde in den Medien auch kommentiert, vorallem der Wortwechel wegen.

Das offizielle video ohne Ton.
Das mit einem Handy gefilmte Video, mit Ton.


Ein aufgebrachter Sunnit zeigt seine mit Schafsblut beschmierte Hand als Zeichen Rache für Saddam Hussein.
Nachtrag vom 2. Januar, 2007: Im Irak wird die unoffizielle Handy Filmung untersucht. Quelle: BBC. Die Irakische Regierung befürchtet, dass das Video die Spannungen im Irak erhöhen könnte. Die irakische Regierung will den Wächter ausfindig machen, der die Hinrichtung Saddam Husseins mit dem Handy gefilmt hat. Die Handy-Bilder wie auch das übrige Gebaren von Saddams Henkern drohen den Irak in ein einziges Pulverfass zu verwandeln.

20 Minuten. Laut "Spiegel Online" will die irakische Regierung prüfen, wie es dazu kommen konnte, dass die Wächter, welche an der Hinrichtung von Saddam Hussein beteiligt waren, eigene Bilder von den Geschehnissen machen konnten und weshalb sie den Ex-Diktator in der Minute seines Todes aufs gröbste beschimpften.


Nachtrag vom 3. Januar, 2006: Hinrichtungsvideo wird Verkaufsschlager

Das heimlich mit einem Handy gedrehte Video von der Hinrichtung Saddams schürt den Hass zwischen Schiiten und Sunniten im Irak. In Bagdads Schiiten-Hochburg Sadr-City avanciert die Aufnahme zum Verkaufsschlager.


Nachtrag vom 3. Januar, 2006: Der Spiegel hat eine Übersetzung der Henkerszene

Saddam: "O Gott!"
Personen beten: "Gott segne all jene, die für Mohammed und seine Nachfahren beten. Friede sei auf Mohammed und seinen Anhängern. Möge die Ankunft des Mahdi beschleunigt werden und mögen seine Feinde verflucht sein!"
Mann: "Muktada! Muktada! Muktada"
Gemeint ist damit der Schiitenführer Muktada al-Sadr.
Saddam: "Muktada? Zeigt ihr so euren Mut als Männer?"
Mann: "Zur Hölle!"
Saddam: "Ist das der Mut der Araber?"
Mann: "Zur Hölle!"
Saddam: "Die Hölle, die der Irak ist?"
Mann (Munkith al-Farun, der Staatsanwalt ?) "Bitte, dieser Mann wird exekutiert. Ich bitte Euch!"
Mann: "Lang lebe Mohammed Bakir al-Sadr!"
Damit ist ein Verwandter Muktadas gemeint, der als Grossayatollah ein wichtiger Führer der irakischen Schiiten war, bis er 1980 von Schergen Saddams ermordet wurde.
Saddam "Ich bekenne, es gibt keinen Gott ausser Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes. Ich bekenne, es gibt keinen Gott ausser Gott und Mohammed ist der Gesandte ..." -
Die Falltür wird geöffnet und der Körper fällt in die Tiefe.
Mann: "Der Tyrann ist gefallen! Möge Gott ihn verfluchen!"
Männer "Gepriesen sei Mohammed!"
Mann:"Lasst ihn für drei Minuten hängen!"
Mann: "Nein, nein, tretet zurück. Lasst ihn acht Minuten hängen. Nehmt ihn noch nicht herunter."
Ein Mann will für den Toten beten. Er wird angeschrieen:
Mann: "Was, für den willst du beten?"


Nachtrag vom 6. Januar, 2007: Hier ist ein bemerkenswertes Wortspiel von Maureen Dowd in der New York Times, als sie über die Tatsache reflektiert, dass viele der skandierenden der Hinrichtung Shiiten waren und Shiiten und Sunnis sich schon 1400 Jahre lang im Irak bekämpft hatten:
Graham Bell
"Maybe it was preordained back in the days when Alexander Graham Bell invented the telephone and the British diplomat Gertrude Bell drew the boundaries of the modern Iraq that a security guy with a cellphone would capture the spectacle." "Vielleicht wurde es vorbestimmt in den Tagen als Alexander Graham Bell das Telefon erfunden hatte und als die Britishe Diplomatin Gertrude Bell die Grenzen des modernen Iraks gezogen hatte, dass ein Sicherheitsbeamter das Hinrichtungsspektakel mit einem Telefon filmen würde."
Gertrude Bell


Nachtrag vom 7. Januar. Die mediale Revolution hat begonnen

Nach Manfred Probst von der NZZ am Sonntag vom 7. Januar 2007 hat die Internet Aera begonnen. Das Beispiel der Veröffentlichung des Handy Videofilms der Hinrichtung von Saddam Hussein im Internet zeige, dass in unserer multimedialen Weltgesellschaft - die Herrschenden die Hoheit über die Bilder verloren haben. Früher konnten Stalin und Mao ihre toten Feinde noch ohne Weiteres aus Gruppenfotos oder historischen Werken eliminieren. Dies ist nicht mehr möglich. Heute werden verbale Entgleisungen von Politikern - die mit Handy Kameras gefilmt wurden - sofort ins Netz gestellt und nachher meist auch im Fernsehen gezeigt und bleiben somit verewigt. Internetbeiträge landen nicht in irgendeinem verstaubten Archiv, sondern bleiben für längere Zeit zugänglich. Die Hussein- Hinrichtung innert weniger Tage von Millionen gesehen worden. Manfred Papst begrüsst die Entwicklung der medialen Revolution. Die Demokratie sei gleichsam im Vormarsch. Doch könnten derartige Enthüllungen nicht mit dem Impetus der Aufklärung gleichgesetzt werden, denn viele Veröffentlichungen würden von Häme, Neid, Voyeurismus und Schadenfreude getrieben. Der lesenswerte Beitrag schliesst mit dem Gedanken:

"Die Internet-Aera hat erst begonnen. Wir wissen noch sehr wenig darüber wie sie unserer Gesellschaft verändern wird- und wie wir Würde, Recht und Freiheit in ihr schützen lassen."


Kommentar: Das Video von der Hinrichtung Husseins macht bewusst, dass sich der Umgang mit Medien mit dem Internet radikal geändert hat.


Es ist ein historisch wichtiges Dokument, das viele Diskussionen ausgelöst hat:
  • Historischer Aspekt:
    "The awful power of the Hussein snuff film derives not just from its illustration of the barbarity of capital punishment, even in a case where the condemned is a mass murderer undeserving of pity. What really makes the video terrifying is its glimpse into the abyss of an irreversible and lethal breakdown in civic order. It sends the same message as those images of helicopters fleeing our embassy in April 1975: Iraq, like Vietnam before it, is in chaos, beyond the control of our government or the regime were desperately trying to prop up. The security apparatus of Iraqs unity government was powerless to prevent the video, let alone the chaos, and cant even get its story straight about what happened and why."

    Source: Frank Rich, January 7, 2007, The Timely Death of Gerald Ford, New York Times
    "Die ungeheuerliche Macht des Husseinsterbevideos stammt nicht nur von seiner Illustration der Barbarei der Todestrafe, selbst in einem Fall, wo ein Massenmörder keine Mitleid verdient. Was das Video tatsälchlich erschreckend macht, ist der Blick in den Abrund eines irreversiblen und tödlichen Versagens des Zivilrechts. Es vermittelt die gleiche Nachricht wie die Bilder der Heilkopter, die im Jahre 1975 über Saigon geflogen sind. Irak, wie vorher der Vietnam ist im Chaos, ausserhalb jeglicher Kontrolle unserer Regierung oder des Regimes, das wir verzweifelt zu bilden wollen. Der Sicherheitsapperat in der Irakischen Regierung war unfähig, dieses Video zu verhindern, geschweige denn das Chaos im Land. Er bringt es nicht einmal fertig herauszufinden, was genau passiert ist und warum."

    Quelle: Frank Rich, January 7, 2007, The Timely Death of Gerald Ford, New York Times.
  • Ethischer Aspekt: die Publikation wurde als Argument gegen die Todesstrafe begrüsst: es sein ein effektiver "Werbespot" gegen die Todesstrafe.
  • Medialer Aspekt: wie der NZZ Artikel illustriert, symbolisiert das Video eine mediale Revolution. Die Kontrolle der Medien ist (im Moment wohl (*)) nicht mehr so leicht.
(*) Das Hussein Video ist wohl heute auf "YouTube" leicht zu finden. Regierungen oder Internetprovider können jedoch schon heute den Zugriff zu einzelnen Webseiten blockieren (wie in China). Hier sind andere Beispiele:


  • Jeden Tag werden heute über 65'000 Videos auf YouTube raufgeladen. Das heisst, 3 Videos jede 4 Sekunden. Quellen: YouTube Fact sheet, CNN.
  • Im August 2006 hatte Youtube videos 45 Terabytes Quelle und wuchs 20% in einem Monat. Wenn man annimmt, dass dieses Wachstum angehalten hat, könnte der jetzige Bestand 100 Terabytes = 100'000 Gigabytes gross sein.
  • Es wird geschätzt, dass Youtube 200 Terabytes Videos pro Monat an Verbraucher liefert. Quelle.
  • Nach Forbes hatte YouTube 13 Millionen einzigartige Besucher im Monat im März 2006. Nach YouTube facts sheet sind es heute 20 Millionen verschiedene Besucher pro Monat. Zum Vergleich: diese rhetorik.ch Websiten haben im Jahr 2006 durchschnittlich 110'000 verschiedene Besucher pro Monat im Jahr 2006. (Es waren 123'000 'unique visits' im Dezember 2006).




Nachtrag vom 15. Januar 2007: Saddam Husseins Halbbruder, der Ex-Geheimdienstchef Barsan al-Tikriti, und der ehemalige Richter Awad al-Bandar waren in den frühen Morgenstunden vom 15. Januar gehängt worden. Iraks Hinrichtungsjustiz stösst wider auf internationale Kritik, denn bei der Hinrichtung am Galgen trennte der Strick Saddam Husseins Halbbruder Barsan al-Tikriti den Kopf ab.


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