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www.rhetorik.ch aktuell: (15. Dezember, 2006)

Ein Calmy-Rey Interview im 10 vor 10, das zu reden gab

Link: Aktuell Artikel über Micheline Calmy-Rey


Einführung von Daniela Lager Gratulationen für die neue Bundespräsidentin Frage: Worauf freuen Sie sich besonders?
Frage: 30 Parlamentarier waren bei der Wahl nicht anwesend. Was ist da passiert? Frage: Zusätzlich gab es auch viele leere und ungültige Wahlzettel. Wie kommt das? Statements von Politiker über Calmy-Rey nach der Wahl
Frage: Sie stehen zuoberst. Entspricht Ihnen das? Bilderbogen über Calmy-Rey von 10 vor 10 Frage: Werden Sie auch in Ihrem Präsidialjahr viel Reisen, viele Auftritte haben?
Ein Schnitt in der Online Version des 10 vor 10 Beitrags. Calmy-Rey reagiert nicht direkt auf die Frage des Reisens. Frage: Wir wollten auf etwas anderes anspielen. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Bundesprä;sident ein Jahr lang nicht reist. Gilt das Gesetz noch? Schlussstatement über die schon beantworteten Zielvorgaben.


Das im "10 vor 10" erschienene Interview wurde am Mittwoch, dem 12. Dezember kurz nach 20 Uhr im Bundeshaus-Studio aufgezeichnet. Nach "Blick" war Bundesrätin Micheline Calmy-Rey müde, hatte Hunger und musste bei der Aufzeichnung aus technischen Gründen eine Viertelstunde warten. Im Studio soll sie gesagt haben:

"Lange warte ich nicht mehr. Sonst gehe ich."


Dann befragte Daniela Lager die frischgewählte Bundespräsidentin über ihre Wahl zur neuen Bundespräsidentin.

Micheline Calmy-Rey antwortete im ersten Teil vorbildlich. Die Filmsequenz zeigte eine Bundesrätin Calmy-Rey die rhetorisch geschickt antworten kann. Auf die Frage, was der Grund sein könnte, dass so viele Parlamentarier den Respekt verweigert haben, sagte sie:

"Fragen Sie diese."


Auch die Begründung des schlechten Resultates begründete die Magistratin geschickt:

"Das sei logisch. Denn die beste Aussenministerin wäre jene, die in allen vier Landessprachen schweigt."


Das "10 vor 10" zeigte dann einen Filmbeitrag über Calmy-Rey's Wirken als Aussenministerin. Die Bundesrätin hatte die Sequenzen zuvor gesehen. Aber sie realisierte nicht, dass nach der schlechten Wahl auch kritische Fragen gestellt werden mussten.

"Da wurde nicht ich gezeigt. Ich lasse mich nicht auf solche Bilder reduzieren. Sie geben nicht meine Arbeit wieder."


Auf die Frage nach den Auftritten der künftigen Bundespräsidentin reagiert Micheline Calmy-Rey ungehalten. Sie liess durchblicken, dass sie auch als Bundespräsidentin ihren Einsatz für die Minderheiten weiter pflegen werde. Damit sagte sie indirekt, dass sie sich als Aussenministerin nicht an den bisherigen Modus halten werde.

Nach "Blick" fühlte sich Calmy-Rey von "10 vor 10" unfair und behandelt und einseitig dargestellt. Wir haben die Sendung mehrmals angeschaut und kommen zu einem anderen Schluss: Der Unmut der Bundespräsidentin war nicht berechtigt. Daniela Lager hatte sowohl die Höhen als auch Tiefen der Aussenministerin angesprochen. Als Journalistin musste sie natürlich auch das schlechte Wahlresultat ansprechen. Auch die Frage, ob sie als Bundespräsidentin weiterhin viel reise, war berechtigt. Journalisten dürfen auch unangenehme Fragen stellen. Denn bisher sei es üblich gewesen, dass die Bundespräsidenten zu Hause bleiben. Es war unverkennbar, dass diese Frage nicht antizipiert worden war und die Aussenministerin unbeherrscht reagiert hatte. Wir teilen die Meinung des Blicks nicht, dass Micheline Calmy-Rey einseitig dargestellt worden sei. Der Filmbeitrag widerspiegelte beides: Die Erfolge und die Misserfolge der Aussenministerin.

Erkenntnis: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass bei kurzen Auftritten meist nur jene Sequenz haften bleibt, bei der Emotionen im Spiel sind. Die guten Antworten werden meist überhört. Zu reden gab auch in diesem kurzen Interview nur noch jene Sequenz, die aussergewöhnlich war.



Nachtrag vom 17. Dezember: Beobachtungsaufgabe:

Link zum 10 vor 10 Interview im Archiv vom Schweizer Fernsehen.

Dank der aufgezeichneten Sequenzen können Sie selbst das Frage- und Antwortverhalten im 10 vor 10 Gespäch überprüfen. Die Fakten bestätigen, dass die Behauptung des Blick-redaktors nicht zutrifft, Calmy - Rey sei im 10 vor 10 mies behandelt worden.

Zuerst wurden im Gespräch nur die schöne Seiten hervorgehoben: Die Freude auf das das Amt. Die angehende Bundespräsidentin kann darlegen, wie sie künftig - gleichsam als Mediatorin - das Gremium führen und zwischen Volk und Behörde eine Brückenfunktion wahrnehmen wird. Gefragt nach den mutmasslichen Gründen des sensationell schlechten Wahlresultates (diese ungewöhnliche Situation durfte nicht ausgeklammert werden), antwortet die Aussenministerin hervorragend und souverän. Nachdem positive und negative Aussagen von Parlamentarierinnen eingeblendet wurden (kritische und wohlwollende Stimmen) - vor allem nach den Filmsequenzen mit den Höhen und Tiefen der letzten Jahre - muss Micheline Calmy-Rey am linken Fuss erwischt worden sein. Nach unserer Interpretation stiessen der engagierten Magistratin einzelne Filmsequenzen sauer auf. Die Erwähnung von Schwachstellen wie das Polarisieren oder das Vorpreschen muss die Aussenministerin zusätzlich genervt haben. Wahrscheinlich rechnete sie nicht mit kritischen Fragen.

Jedenfalls hört sie bei der viertletzten Sequenz der Journalistin gar nicht mehr zu und gibt auf die gestellte Frage eine unpassende Antwort. Sie lässt nun dem Ärger freien Lauf und geht auf die Filmsequenzen - die sie geärgert haben müssen - ein. Sie beantwortet die Frage, ob sie als Bundespräsidentin ebenfalls nicht mehr reisen werde, mit keinem Wort und antwortet (nach einem Regie Schnitt im Film) "Ich bin überrascht....". Immerhin nützt sie die Chance und unterstreicht selbst ihre Erfolge. Daniela Lager wäre jedoch eine schlechte Journalistin gewesen, wenn sie nicht gemerkt hätte, dass ihre Frage ignoriert wurde. Sie musste die Frage wiederholen (war professionell) und erfährt erst jetzt, dass die Aussenministerin auch im Präsidialjahr ihren Job machen werde. Damit wird indirekt verraten: "Ich werde mich nicht an die bisherige Regel halten und als Präsidentin auch reisen". Wer die vier letzen Sequenzen mehrmals anschaut, merkt auch, dass auch die Journalistin durch die unerwartet heftige emotionale Reaktion irritiert wurde und beinahe das Konzept verlor (nonverbales Verhalten!).

Fazit: Bei der Medienrhetorik sind immer die überraschenden Situationen aufschlussreich.


Eine Glosse in der NZZ am Sonntag vom 17. Dez macht uns zusätzlich bewusst, dass es das Lächeln der Aussenministerin ist, das meist missverstanden wird. Oft stimmt bei der Bundesrätin das "freundliche" Lachen mit der ernsten Aussage nicht übereinstimmt. Nonverbale und verbale Aussagen sollten jedoch immer synchron sein. Gegenüber früheren Aussagen, ist aber für uns das Lächeln Calmy-Reys heute viel weniger aufgesetzt und stört weniger.

NZZ am Sonntag vom 17. Dezember.


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