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www.rhetorik.ch aktuell: (13. September, 2006)

Recherchen lohnen sich

(Wer Sachverhalte von verschiedenen Seiten beleuchtet, kommt der Wahrheit näher).
Zum Teil I. Aktuell vom 19. Dezember, 2009.


Dies ist eine Fortsetzung eines früheren Artikels über eine Schaffhauser Lokalgeschichte. Dieser Nachtrag beleuchtet die Sachverhalte genauer, und von verschiedenen Seiten.

Im ersten Teil hatten wir geschildert, wie der Schaffhauser Zuckerbäcker Christian Köhler angeblich von Beat Toniolo hinters Licht geführt worden war. Nach dem Erscheinen eines für ihn eher unerfreulichen Artikels von Thomas Knellwolf im "Tagesanzeiger", war es verständlich, dass er als Geschäftsmann nicht mehr bereit war, die Plakatgeschichte aus seiner Sicht richtigzustellen.


Tagesanzeiger Artikel

Zur Recherche Christian Köhler

Die Abklärungen beim Zuckerbäcker machten deutlich, dass der Journalist des Tagesanzeigers einen Artikel ohne Autorisierung der Aussagen Köhlers (sie stammten aus einem Gespräch am Telefon) veröffentlichte. Nach Aussage Christian Köhlers war Journalist Thomas Knellwolf bereit, sich in Schaffhausen seine Ansicht anzuhören im Zusammenhang mit dem vorgesehen Artikel. Es wurde ein Gesprächstermin vereinbart. Köhler ging davon aus, dass er nach dem offiziellen Gespräch, das vorgesehen war, seine Aussagen gegenlesen könne. Vor dem geplanten Treffen mailte der Journalist, er habe eine Grippe und könne nicht nach Schaffhausen kommen. Hierauf wurde der Boykottbeitrag (für Köhler überraschend, ohne dass er seine Sicht der Dinge darlegen konnte) publiziert. Im Artikel erschienen unter anderem Aussagen, die der Geschäftsmann im Telefongespräch auf Nachfrage beantwortet hatte:
  1. Dass er den Betrag von 5000.-- Fr. (trotz Irreführung) zahlen werde.
  2. Dass er auch das provokative Fröntlerplakat hängen lassen werde.
Köhler war enttäuscht, dass darauf ein Beitrag ohne seine Autorisierung publiziert wurde. Christian Köhler wertete dieses Telefongespräch als Vorgespräch.

Kommentar zur Wirkung des Artikels für Schnellleser: Der Artikel suggeriert für uns inhaltlich - mit der Aussagen Boykott und dem fettgedruckten Begriff im Zwischentitel "Hirschhorneffekt" - es gehe vor allem um Boykott und die Geschichte habe etwas mit der Hirschhorngeschichte zu tun. Wer dann den Beitrag genau liest, stellt fest: Lediglich die Lokalitäten für eine Veranstaltung lehnte Köhler ab. Obschon weder Sponsorenbetrag, noch Plakat boykottiert worden waren, dominieren aber im Titel für Schnellleser die Worte BOykott Knellwolfs Zwischentitel "Hirschhorn-Effekt" bezieht sich auch nur auf ein Zitat von Ralf Schlatter. Doch werden mit dem Herausheben des Wortes im Zwischentitel Parallelen zur Hirschhorngeschichte suggeriert. Bei einem "Hirschhorneffekt" hätte jedoch der Künstler boykottiert werden müssen. Beim Crèmeschnitten-Boykott ging auch nur um den Zuckerbäcker (weil angeblich weniger Crèmeschnitten gekauft wurden) und bei den Crèmeschnitten geht es nicht um boykottierte Künstler (wie bei der Hirschhorngeschichte) Schlatteres Hirschhorneffekt (fettgedruckter Zwischentitel) ist für uns irretierend. Bei der Hirschhorngeschichte wurden nämlich nachträglich Kulturgelder gekürzt. Auslöser war damals eine Aktion, bei der das Bild Blochersangepisst wurde (künstlerischer Akt?). Falls die Stadt oder der Kanton Schaffhausen nach Toniolos Projekt Ausgaben für die Kultur gekürzt hätten, dann könnten wir beim umstritten Plakat von einem Hirschhorneffekt reden.


Uns geht es jedoch bei dieser Analyse nur am Rande um inhaltliche Fragen der Titelgebung oder die Wirkung eines Zischentiteles. Wir wollten einmal genau klären, wer welchen Sachverhalt wie sieht. Uns interessierte vor allem die Sicht des Journalisten und die Sicht des Künstlers. Diese Recherchen waren spannend und haben sich gewiss gelohnt:

Recherche Knellwolf

Thomas Knellwolf konnte nachweisen, dass er seine journalistische Sorgfaltspflicht erfüllt hatte und belegte uns, dass er nach zu einem nachtäglich vereinbarten Termin (beim ersten Treffen war er krank) sogar nochmals ein Treffen im Geschäft vereinbart hatte. Christian Köhler war aber beim zweiten Termin nicht mehr anwesend. Deshalb hatte Knellwolf Köhler jene Zitate gemailt, die er zu verwenden gedachte. Damit fühlte sich der Journalist abgesichert. Nach Thomas Knellwolf war das Telefongespräch auch kein Vorgespräch. (Die Geschichte hat für uns somit nur noch einen Schönheitsfehler: Die Autorisierung hätte Thomas Knellwolf nach der Zustellung der Zitate doch noch einholen sollen. Mündlich oder schriftlich.) Was auch noch erwähnenswert ist: Die Sachverhalte (z.B. die Höhe des Sponsorenbetrages) kannte Knellwolf bereits aus andereren Quellen. Er fragte Köhler nur noch am Telefon, ob er diesen Betrag bezahlen werde oder nicht und, wie lange er das Plakat hängen lassen werde. Wir vermuten, dass Christian Köhler überrascht wurde, als er am Telefon gemerkt hatte, dass der Journalist die Summe bereits kannte. Thomas Knellwolf machte uns noch darauf aufmerksam, dass er vor allem Aussagen Köhlers zitiert habe, die bereits früher in der lokalen Presse publiziert worden waren.

Erkenntnis: Christian Köhler ist nach unserem Dafürhalten kein Medienopfer, er kannte nur die Spielregeln der Medien nicht.


Einmal mehr zeigt sich: Wer den Umgang mit Journalisten nicht beherrscht, kann böse Überraschungen erleben. Köhler hatte es leider versäumt, vor dem Gespräch mit dem Journalisten zu sagen, dass seine Antworten im Vorgespräch als "Off the record" zu behandeln sind. (Als "Off the record" vereinbarte Aussagen dürften nicht publiziert werden). Christian Köhler machte einen klassischen Fehler: In einem Vorgespräch beantwortete er Fragen! Er hätte darauf beharren müssen, erst im persönlichen Interview Fragen zu beantworten. Christian Köhlers Image hat nach unseren Umfragen aber kaum gelitten. Im Gegenteil: Dank seiner grosszügigen Geste (er boykottierte das Projekt nicht) punktete er. Wenn sich jemand trotz angeblicher Irreführung grossmütig zeigt, so wird dies von der Öffentlichkeit meist honoriert.

Geschäftsmann Köhler war aus unserer Sicht gut beraten, trotz seiner Enttäuschung, auf eine öffentliche Auseinandersetzung in der Presse zu verzichten und keine Repliken oder Richtigstellungen zu publizierten. Wer provoziert profitiert bekanntlich auch von Negativschlagzeilen. Diese Auseinandersetzung machte uns einmal mehr bewusst, dass Medien die Macht der Auswahl haben.

Das Mitleid mit einem Zuckerbäcker, der zwei Mal über den Tisch gezogen wurde, schien nachvollziehbar: Einmal von einem sogenannten Politkünstler, der mit gezinkten Karten gespielt haben soll, und auch noch von einem Journalisten, der sich angeblich nicht an das mündliche Versprechen gehalten hat, den Beitrag erst nach dem Gespräch zu veröffentlichen.

Recherche Toniolo

Es fehlte uns nur noch die Stellungsnahme des beschuldigten Künstlers. Wir wollten wissen: Wie sehen Sie den Sachverhalt? Beat Toniolo gab uns folgende aufschlussreiche telefonischen Stellungsnahme:

"Es ist mir wichtig, folgenden wahrheitsgetreuen Ablauf des Projektes zu bestätigen: Jeder beteiligte Sponsor (Manor, Kirche St Johann, Confiserie Rohr) wurde frühzeitig d.h. Im Februar im Detail über die Autoren informiert. In den Dienstleistungen, welche bei allen Sponsoren korrekt durchgeführt worden sind, beinhaltete Folgendes:
  1. Das Netzvinyl mit den historischen Bildern und den Textpassagen der Autoren (wurde am 14. Juli zugestellt).
  2. Die Autorenlesung wurden mit Erfolg durchgeführt.
  3. Eine limitierte Anzahl von Buchmappen wurden hergestellt."


Fazit

Nach diesen unterschiedlichen Sichten erahnen wir, wie schwer es auch für Journalisten ist, sich der Wahrheit anzunähern.

Im Umgang mit Medien lohnt es sich, wichtige Vereinbarungen schriftlich festzulegen. Besonders gefährlich ist es, im Vorgespräch aussagekräftige oder neue Informationen zu liefern. Fragen dürfen in Vorgesprächen noch nicht beantwortete werden, es sei denn man habe ein "off the record" vereinbart. Obwohl dies nur eine kleine Mediengeschichte aus der Provinz ist, lässt sich einiges daraus lernen. Die Geschichte macht bewusst, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig mit den Phänomenen "Kommunikation und Medien" auseinanderzusetzen.


Nachtrag vom 16. September: Der engagierte Politkünster Beat Toniolo, der in Schaffhausen dank der Auseinandersetzung mit einem Zuckerbäcker in den Medien von sich reden machte, sieht sich im Gegensatz zu Christo "der verhüllt" als ein Künstler "der enthüllt". Bei der Rohrgeschichte im Zeitungsbericht über die Lesung von Ruth Schweikert (sie kam in einer SN Beurteilung schlecht weg-siehe gescannter Artikel), machten wir uns nachträglich auch Gedanken: Der Titel des Projektes "Aussicht auf Rücksicht und Rücksicht auf die Aussicht" passt eigentlich schlecht zum Titel: "Hans Rohr, Hans Rohr und Hans Rohr". Er geht uns nicht um die Rücksichtnahme bei historischen Tatsachen. Doch darf man sich bei der Rohrgeschichte fragen, ob in diesem Fall auch Rücksicht genommen wurde bei all jenen Personen, die gar nichts mehr mit der längst verarbeiteten Geschichte zu tun haben? Der Autorin Schweikert geht es - nach dem SN Text - um "Fragen, Zitate, Kommentare, Anekdotisches, Persönliches, Abseitiges." Müsste die Aufzählung nicht ergänzt werden mit: Es geht auch um "Einseitiges". Denn gemäss Schweikert-Titel geht es vor allem um Rohr, Rohr, Rohr. Nochmals: Kunst darf fast alles. Doch sollten Künstler berücksichtigen: Auch Journalisten und Kunstkonsumenten dürfen kommentieren, Fragen stellen, persönlich werden und kritisieren. Wir gehen davon aus, dass politisch einseitig gefärbte Künstler, die sich zu Recht gegen Maulkörbe wehren, Kritikern gegenüber ebenfalls tolerant bleiben und sich nicht ärgern, falls die Kommunikationslandschaft Künstler - Medien ebenfalls ein wenig "enthüllt" wird.


SN Artikel vom 14. September 2006

SN vom 14. September 2006

letzter Abschnitt

Letzter Abschnitt des Artikels vergrössert.




Nachtrag vom 22. Juni 2007: Misstöne vor dem Festifall
Auch beim jüngsten künstlerischen Anlass am Rheinfall gab es Misstöne. Laut Schaffhauser Nachrichten vom 20. Juni sorgt "Festifall" für einen kleineren Streitfall. Beat Toniolo hat es wiederholt geschafft, mit Auseinandersetzungen in die Medien zu kommen. Das kann mit seinem Kommunikationsverhalten zu tun haben: Der engagierte künstlerische Leiter könnte sich sagen: "ich will offen und ehrlich meine Meinung sagen. Es ist mir egal, wenn ich damit das Gegenüber vor den Kopf stosse. Ich will mich nicht verleugnen." Dabei verkennt Toniolo, dass öffentliche Kritik - auch das angeblich offene ungeschminkte Reden - schnell in Taktlosigkeit münden. Einem Stadtrat öffentlich Arroganz und mangelnder Anstand vorzuwerfen, ist unklug. Anstatt einen Konflikt direkt unter vier Augen zu lösen, eskaliert er und führt zwangsläufig zu verhärtenden Fronten. Toniolo könnte auch bewusst provozieren, damit man von ihm redet. Die Konfrontationen wird auch in der Politik mit Erfolg benützt, um Aufmerksamkeit zu verschaffen. Obwohl sich Toniolo Politkünstler nennt, wäre es unklug, wenn er sich dieser provokativen Polit-Methode bedienen würde. Bisher schaffte es Beat Toniolo immer wieder, gute kreative Ideen umzusetzen und Geld für grosse Projekte zu beschaffen. Wenn der künstlerische Leiter aus seinen kommunikativen Patzer nichts lernt, könnte dies guten Projekten schaden. Nicht jedes Geschirr, das zerschlagen wird, kann nachträglich wieder problemlos zusammengekittet werden.


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