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www.rhetorik.ch aktuell: (6. September, 2006)

Natascha Kampusch macht Mediengeschichte

Teil II.


Genau zwei Wochen, nachdem Natascha Kampusch ihrem Entführer Wolfgang Priklopil entkommen ist, gab am Mittwochabend die 18-Jährige erstmals an die Öffentlichkeit. Sie gab im Östereichischen Fernsehen ein Interview. Damit hat das grosse Feilschen um ein Exklusivinterview mit Kampusch, das die ganze vergangene Woche angedauert hat, ein Ende. Es war klar, dass ein Exklusivinterview und die Exklusivaufnahmen der entführten Frau, Geld in die Kassen spült. Geld spielt in diesem Fall eine enorme Rolle. So erzählte Ecker, dass Kampusch hohe Geldbeträge geboten bekommen hat, sich aber nicht aus finanziellen Interessen entschieden habe. So soll es vom ORF für das Interview kein Geld geben. Tatsächlich hat der ORF aber versprochen, die Vermarktung des TV-Interviews zu übernehmen. Angeblich hat der ORF mit RTL bereits einen Vorvertrag unterzeichnet, wonach RTL für die Überlassung des ORF-Materials 200'000 Euro in den Kampusch-Fonds einzahlt.

Das Gespräch führte der österreichische Journalist Christoph Feuerstein, der bereits 1998 über die Entführung der damals zehnjährigen Natascha berichtet hatte und einen guten Kontakt zu ihrer Familie aufgebaut hatte.

Um das Printinterview gab es wiederum ein medienpolitisch nicht ganz uninteressantes Pokerspiel. Neben deutschen Medien war vor allem die neue Boulevard-Zeitung "Österreich", die vergangenen Freitag das erste Mal erschienen war, hinter Kampusch her. Das Interview wäre für das neue Blatt ein Coup gewesen.

Um das zu verhindern, hatten sich die beiden Platzhirsche "Krone" und "News" zum ersten Mal in der österreichischen Mediengeschichte zusammengetan, um "Österreich" zu überbieten. Sie unterbreiteten Kampusch ein nachhaltiges Angebot. Neben einer grosszügigen Sofortspende bekommt sie heute von den beiden Blättern eine lebenslange Leibrente und die Möglichkeit, in Zukunft in einer der beiden Zeitungen einen Job zu bekommen.

Diese Mediengeschichte ist unvergleichbar. Die Einschaltquote des ORF überstieg sogar den Marktanteil des legendären 11. Septembers. 400 Medienhäuser feilschen um die Bilder der jungen Frau. Aus rechtlichen Gründen konnte das Schweizer Fernsehen am Mittwochabend im "10 vor 10" nur kurze Ausschnitte zeigen.


Ein erstaunlich guter Auftritt

Wir haben den Auftritt mitverfolgt und festgestellt: Die Frau konnte sogar noch lachen, formulierte erstaunlich präzise und war fähig aus dem Stand vor der Kamera über die schlimmern Vorkommnisse zu reden. Sie konnte über Themen wie Nähe und Distanz klar und verständlich reflektieren. Der Satz war erstaunlich: "Ich habe mit meinem eigenen Ich einen Pakt abgeschlossen." Natascha Kampusch schloss oft die Augen, weil sie sich noch nicht an das helle Scheinwerferlicht gewöhnen konnte. Die Spannung und der Druck zeigte sich in der Körpersprache ( Hände, Bewegungen). Am meisten überraschte die Empathiefähigkeit und die soziale Kompetenz, die trotz Isolation erworben hat. Wo und wie hat sie diese Fähigkeiten entwickeln können? Durch lesen? Durch Nachdenken. Dank TV Konsum? Jedenfalls muss sie unermesslich viel Zeit gehabt haben nachzudenken.


Dies bestätigt unsere These:

Wer gelernt hat nachzudenken, spricht mediengerecht!


Das Interview

ORF, Christoph Feurstein: Ganz viele Menschen haben mich in den letzten Tagen gefragt, wie es Ihnen geht. Es ist unglaublich, dass Sie jetzt da sitzen. Frau Kampusch, wie geht es Ihnen? Kampusch: Den Umständen entsprechend gut.
ORF: Sie sind jetzt zwei Wochen in Freiheit. Wie haben Sie diese neue Freiheit erlebt? Was machen Sie die ganze Zeit? Kampusch: In erster Linie mich von den Strapazen der Flucht erholen. Mich entspannen. Mit meinen Eltern telefonieren. Ich habe mich gestern und vorgestern schon mit meiner Mutter getroffen. Auch bei der Polizei habe ich mich schon mit meinen Eltern getroffen. Gestern hab ich zum ersten Mal meine jüngere, ältere Schwester getroffen. Die Sabine. Gestern hat mein Neffe Geburtstag gehabt. Er hat sich gewünscht, dass ich ihn anrufe. Was ich erledigt habe. Obwohl ich so viel zu tun habe.
ORF: Sie sind im Stress! Kampusch: Schon!
ORF: Wer sind die Menschen, mit denen Sie am meisten sprechen? Denen Sie am meisten vertrauen? Kampusch: Dr. Friedrich zum Beispiel. Aber auch die ganzen Psychologen und so, die sich um mich kümmern. Aber hauptsächlich vertraue ich eigentlich meiner Familie. Und auf mich.
ORF: Das ist gut. Kampusch: Ja.
ORF: Sie sind ja jetzt ziemlich von der Aussenwelt abgeschirmt. Sie haben in Ihrem Brief auch geschrieben, dass es Ihnen hier sehr gut geht und dass man Sie supergut behandelt. Sie haben aber auch gesagt, Sie fühlen sich ein bisschen bevormundet. Kampusch: Ja, das wollte ich gerade andeuten. Es ist wirklich sehr schwer. Alle Leute wollen einen irgendwie beeinflussen. Sie meinen es zwar gut, aber ... Die ersten Nächte haben sie versucht, mich dazu zu bringen zu schlafen. Sie wollten am Anfang nicht verstehen, warum ich um vier Uhr in der Früh schon munter bin und mich erst um elf oder so schlafen lege. Aber ich habe sie davon überzeugt, dass ich das selbst in den Griff bekommen werde. Und ohne Schlafmittel oder sonst irgendwelche Medikamente auskomme.
ORF: Was war der erste Wunsch, den Sie sich erfüllt haben? Kampusch: Es gab sehr viele Wünsche. Der hauptsächliche Wunsch, den ich mir erfüllt habe in den letzten Tagen, ist die Freiheit.
ORF: Was ich wissen wollte, weil Sie von der Öffentlichkeit abgeschirmt sind: Waren Sie trotzdem schon draussen? Spazieren? Einkaufen? Kampusch: Ja. Einkaufen war ich. Und inkognito Eis essen.
ORF: Wie hat dieses Inkognito ausgeschaut? Kampusch: Ich war mit dem Dr. Berger auf der Währinger Strasse. Und da haben wir uns einen Eisbecher bestellt. Ich hatte eine Sonnenbrille auf, ein Kopftuch um. Da hat man mich nicht erkannt. Wir sind auch mit der Schnellbahn oder ... wir sind auch mit der U-Bahn gefahren. Und es war toll, die Menschen alle anzulächeln. Keiner hat mich erkannt!
ORF: Haben Sie schon ausserhalb des Betreuerteams, das Sie auch ständig umgibt, Freundschaften schliessen können? Kampusch: Ja. Sozusagen auf der Station, wo ich aufgehoben bin, habe ich schon Freundschaften geschlossen. Auch mit jüngeren.
ORF: Wie war das erste Wiedersehen mit Ihren Eltern? Kampusch: Das Komische war, dass meine Eltern sowie sämtliche Verwandten mehr geweint ... Also sie haben geweint und mich umarmt und gedrückt.
ORF: Es war ein bissel viel? Emotional? Kampusch: Ja, schon. Ich hab' mich ein bisschen überfordert und ein bisschen beengt gefühlt durch dieses plötzliche Einfallen. Die Polizisten zum Beispiel. Die haben es ja auch nicht gefasst. Die wollten mich fast vor Glück zerquetschen!
ORF: Und Sie brauchen ein bisschen, um das zu realisieren? Kampusch: Ja, sicher. Sicher. Ich meine, nicht so sehr ich, sondern eher die Polizisten... Sie haben mir erzählt, dass sie ein paar Tage, bevor ich floh, noch eine Genehmigung beantragt haben, um nach meiner Leiche zu graben. Und sie haben die Hoffnung schon fast aufgegeben. Dazu muss ich noch sagen: Meine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass ich noch lebe.
ORF: Ich weiss. Was ist das jetzt für eine Verbindung? Acht Jahre liegen dazwischen. Kampusch: Das liegt bei uns nicht dazwischen. Die Öffentlichkeit meint ja, ich sei kein gutes Kind oder meine Mutter sei keine gute Mutter, weil sie mich nicht bei sich haben möchte. Oder ich sie bei mir haben möchte. Aber bei uns ist es eher so, als wäre gar nichts geschehen. (...)
ORF: In diesen zwei Wochen haben Sie sich ja sicher viele Gedanken um Ihre Zukunft gemacht. Was haben Sie für Pläne? Gibt es einen Berufswunsch? Kampusch: Konkrete Berufswünsche habe ich noch nicht. Ich möchte zuerst meine Bildung komplettieren. Und die Matura machen. Und vielleicht studieren. Aber ich weiss noch nicht, was ich studieren möchte.
ORF: Irgendjemand hat mir erzählt, dass Sie gerne Schauspielerin werden möchten. Kampusch: Ja, schon. Aber seien wir uns doch ehrlich! Hollywood ist auch nicht so ...
ORF: Es muss nicht immer Hollywood sein. Kampusch: Das meine ich ja!
ORF: Wir haben auch ein schönes Burgtheater! Kampusch: Ja, meine Mutter hat immer gesagt: "Wenn du gross bist, kommst du auf die Burg."
ORF: Ich habe von Ihnen auch Kinderfotos gesehen. Da hab' ich gesehen: Sie haben sich gern verkleidet. Ich hab' Sie mit Hüten gesehen. Auch ein bisschen schon geschminkt. Hat das auch damit zu tun? Irgendwie schon damals? Kampusch: Ja, schon. Ausserdem war das immer so eine Art Alibi, Geburtstag zu feiern. Weil ich feierte gerne. Aber ich wollte auch nicht sagen, ich möchte gerne feiern. Sondern ich hab' den Geburtstag dann immer als Anlass genommen. Und es mussten sich alle verkleiden. Das mit dem Verkleiden hat mich irrsinnig amüsiert. Überhaupt so Kleidungsvorschriften. Für mich eigentlich nicht, aber für die anderen.
ORF: Lesen Sie eigentlich alles, was über Sie oder über den Fall Natascha Kampusch in den Zeitungen veröffentlicht wird? Kampusch: Im Prinzip möchte ich mich nicht mit solchen Verunglimpfungen, Verleumdungen und Demütigungen belasten momentan. Das ist auch zu viel. Ich könnte mir nicht jede Zeitung zu Gemüte führen. Ich hab' so viel zu tun: medizinische Untersuchungen, Gespräche, alles Mögliche.
ORF: Was sind die Dinge, die Sie am meisten ärgern? Kampusch: So Sachen, die einfach der Unwahrheit entsprechen. Missbrauch oder ... Vor allem ärgern mich diese Fotos von meinem Verlies, weil das geht niemanden etwas an. Ich möchte auch nicht in die Wohnzimmer und Schlafzimmer von den Leuten schauen. Warum sollen die Leute dann, wenn sie ihre Zeitung aufschlagen, in mein Zimmer schauen? Das ist ein Eingriff in die Persönlichkeit und ich glaube, das geht einfach niemanden etwas an.
ORF: Sie sagen jetzt selber "das Verlies". Kampusch: Ja.
ORF: Im Brief haben Sie geschrieben, es war "Ihr Raum". Kampusch: Na ja. Das hat mir der Dr. Friedrich so vorgeschlagen, um ehrlich zu sein. Es ist ja auch mein Raum. Aber trotzdem: Verlies klingt einfach besser. Weil es kommt dem nahe. Es ist unterirdisch. Ja, und die deutsche Sprache bietet einfach nicht mehr Möglichkeiten.
ORF: Ich habe gehört, dass Sie ein Buch schreiben wollen. Sie wollen nicht, dass irgendjemand ein Buch über Sie schreibt. Sondern Sie wollen selbst schreiben. Kampusch: Ja, ich werde vielleicht oder auch nicht ein Buch über mich schreiben. Aber ich möchte auf keinen Fall, dass irgendwer anders sich als Experte über mein Leben ausgibt. Wenn, dann schreibe ich das selbst.
ORF: Was wollen Sie in diesem Buch erzählen? Kampusch: Das weiss ich noch nicht, da ich noch überhaupt nicht sicher bin, ob ich je ein Buch schreiben werde.
ORF: Auf der Titelseite einer Zeitung habe ich gelesen: "Natascha Kampusch, das begehrteste Gesicht der Welt". Ist dieses enorme mediale Interesse ein bissel zu viel für Sie? Kampusch: Was heisst da "ein bissel zu viel"!? Ja, schon. Aber auf der anderen Seite ist mir dadurch klar geworden, dass ich durch diese Berühmtheit und, wie Sie gesagt haben, mit dem begehrten Gesicht, dass ich dadurch eine gewisse Verantwortung habe und die auch nützen möchte. Mir ist klar geworden, dass man das nicht einfach so verstreichen lassen sollte. Sondern dass man das auch zu seinem eigenen Vorteil und zu dem Vorteil von vielen Menschen, denen man helfen kann ... Also ich plane, eine Foundation zu gründen. Wo ich gewisse Hilfsprojekte aufstellen möchte, die sich mit der Thematik von zum Beispiel verschwundenen Leuten, die nie gefunden worden sind, so wie ich ...
ORF: Sie haben gesagt, dass Sie einen Teil der Spendengelder auch für etwas spenden wollen. Was schwebt Ihnen da vor? Kampusch: Es geht dann auch noch um diese verschleppten, missbrauchten und gefolterten und ermordeten jungen Frauen, die in Mexiko verschwinden. Da gibt es eine gewisse Gegend, wo sehr viele Frauenmorde passieren. Da werden die Frauen vor oder nach der Arbeit gekidnappt und auf brutalste und bestialischste Art und Weise misshandelt. Und da möchte ich auch eingreifen. Ich möchte das Geld dazu verwenden, um weitere Fälle zu verhindern. Und ferner plane ich, da ich ja weiss, wie entwürdigend und unmenschlich es ist, andere Leute hungern zu lassen ... Ich möchte, dass Hunger leidende Menschen sozusagen ... Ich möchte ein Programm aufbauen, dass die Leute sich selbst helfen können, den Hunger zu bekämpfen.
ORF: Sie haben vorher gesagt, dass Sie aus eigener Erfahrung kennen, was Hunger heisst. Was meinen Sie damit? Wollen Sie uns darüber etwas erzählen? Kampusch: Ich habe in meiner Gefangenschaft auch sehr oft gehungert. Und hab' dadurch auch miterlebt, was man da alles hat: Kreislaufbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten. Man ist nur noch zu den primitivsten Gedanken fähig. Man kann sich gar nicht mehr auf irgendetwas fixieren. Jedes Geräusch, jedes Kratzen ist schon so aufreibend und schmerzend. Jeder Gedanke quält sich aus einem heraus. Und ich kann mir vorstellen, dass diese Leute unmenschliche Qualen durchmachen müssen. Und deswegen möchte ich mich dafür einsetzen, dass die zumindest, ja, zumindest dass die Kinder dort was Gutes zum Essen kriegen. Wir tun immer so, als wenn wir so gescheit wären. Aber wenn wir das ganze Essen nicht hätten, dann würden wir auch blöd sein. Ich meine, es lässt sich ja leicht reden: Die roden dort die Wälder und so. Aber wenn man einen irrsinnigen Hunger hat: Was soll man sonst tun? Man kann ja nicht mehr denken, wenn man nichts zum Essen hat.
ORF: Sie haben in Ihrem Brief an die Medien symbolhaft geschrieben, er habe Sie auf Händen getragen und mit Füssen getreten. Kampusch: Ja.
ORF: Sie seien aber gleich stark gewesen. Kampusch: Ja, das war seine Formulierung. Das hat man eh gemerkt, dass das ein bisschen hakt. Ich finde ja eher, dass ich stärker war.
ORF: Inwiefern? Kampusch: Na ja. Er hatte einfach eine labile Persönlichkeit. Ich hatte dadurch, dass ich früher ein sehr gesundes soziales Umfeld hatte, eine - na ja - nicht unbedingt glückliche, aber dafür eine liebevolle Familie. Also beide Eltern haben mir immer wieder glaubhaft versichern können, dass sie mich lieben. Und er hatte so was nicht. Ihm fehlte in gewisser Weise so etwas wie Selbstsicherheit. Diese ... diese Geborgenheit. Das hat ihm gefehlt.
ORF: Das muss aber auch im Laufe der Zeit passiert sein, dass Sie sich dessen bewusst geworden sind. Kampusch: Im Prinzip war ich mir schon innerhalb der ersten paar Stunden nach meiner Entführung dessen bewusst, dass ihm etwas fehlt. Dass er ein Defizit hat.
ORF: Frau Kampusch, wollen Sie uns erzählen, was an diesem Morgen, dem 2. März 1998, passiert ist? Kampusch: Ja. Möchte ich. Also ich bin in der Früh aufgestanden. Hab' natürlich noch nicht geahnt, was passiert. Ich war sehr traurig. Es gab am Abend eine Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Weil mein Vater mich zu spät nach Hause brachte.
ORF: Und das schon öfters vorkam, dass ... Kampusch: Ja. Meine Mutter war vordringlich auf meinen Vater böse. Aber irgendwie auch auf mich. Und ich hab' ... ich war sehr traurig darüber, weil ... es war nicht der erste diesbezügliche Streit und so. Übrigens: Was mit dieser Auseinandersetzung geschildert wurde in den Medien, dass meine Mutter mir eine Watschen gegeben haben soll, das stimmt nicht. Oder jedenfalls nicht in der Form, wie das in den Medien geschildert wurde. Ich war einfach nur so geknickt. Bevor ich aus der Wohnungstür gegangen bin, habe ich mir noch gedacht ... Meine Mutter hat nämlich diesen Merksatz, dass sie meinte: Man soll nie böse auseinander gehen. Man soll sich immer vertragen. Denn es könnte ja ihr oder mir etwas passieren, und wir sehen uns nie wieder.
ORF: Was ja fast passiert wäre. Kampusch: Und ich dachte mir an der Tür noch: Mir ist eh bis jetzt nichts passiert. Also vertrag ich mich zum Trotz jetzt extra nicht mit meiner Mutter. Ich bin dann den Schulweg gegangen bis zu dieser ... bis zur Melangasse. Und aus einigen Metern Entfernung habe ich ihn schon bei seinem Auto stehen gesehen. Ich dachte mir noch, ich wechsle die Strassenseite. Ich weiss auch nicht. Aus irgendeinem Bauchgefühl heraus, vermutete ich ... Ich weiss nicht. Es war mir einfach unangenehm. Was man über diese "Kinderverzahrer" gehört hat in der Schule. Ich weiss auch nicht, warum. Und dann hab' ich aber dieses Bauchgefühl meiner emotionalen aufgeladenen Stimmung zugeschrieben. Und bin einfach ... Ich dachte: Der wird dich schon nicht beissen. Und bin einfach weitergegangen. Und er packte mich. Ich versuchte zu schreien. Aber es ist nicht ... Es kam kein Laut raus.
ORF: Wie war ... Hat er da auch etwas zu Ihnen gesagt? Hat er da schon mit Ihnen gesprochen? Kampusch: Also bei dem Reinzerren und ... Also bevor er ... also während des Startens hat er schon gesagt, dass es ... dass mir nichts passiert oder so, wenn ich das mache, was er sagt. Und dass ich ruhig sein soll. Und mich nicht rühren soll. Und dann, später, also ein paar Minuten später hat er dann schon gesagt, dass es angeblich eine Entführung ist. Und wenn meine Eltern was zahlen, dann könnte ich noch am selben Tag oder am nächsten Tag wieder zu Hause sein.
ORF: Haben Sie den Weg dann real mitbekommen? Da müssen Sie ja unglaubliche Ängste ausgestanden haben. Kampusch: Ich hatte vom ersten Moment an eigentlich überhaupt, ausser den schlimmsten Befürchtungen, was er mit mir anstellen könnte, keinerlei Angst. Im Gegenteil. Ich dachte mir: Der bringt dich sowieso um. Also kannst du deine letzten paar Stunden, Minuten oder was auch immer noch gezielt nützen, um wenigstens zu versuchen, irgendetwas daraus zu machen. Zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie.
ORF: Haben Sie auf ihn eingeredet? Kampusch: Na ja. Ich habe ihm gesagt, dass das nichts wird und dass Unrecht nie gedeihen wird. Und dass die Polizei ihn schon schnappen wird und so.
ORF: Wie war das dann beim Haus? Wollen Sie darüber sprechen? Kampusch: Beim Haus war's dann so, dass ich ihn, weil ich mir dachte, vielleicht kann ich irgendwelche Einzelheiten des Hauses erkunden, vielleicht kann ich irgendwas erkennen, um es später dann der Polizei ... Ich war zu dem Augenblick, zu diesem Zeitpunkt noch sicher, dass mich die Polizei finden und befreien wird. Und dass das ein gutes Ende nehmen wird.
ORF: Wollen Sie beschreiben, wie das war, als Sie das erste Mal den Kellerraum gesehen haben? Kampusch: Ja, also das erste Mal habe ich den Kellerraum überhaupt nicht gesehen. Weil es dort stockdunkel war. Es war keine Lampe eingeschraubt. Die brachte er erst nach einigen Minuten oder, ich weiss nicht, nach einer halben Stunde.
ORF: Sie waren zuerst im Stockfinsteren? Kampusch: Ja, genau. Ich war sehr verzweifelt und sehr wütend und habe mich darüber geärgert, dass ich die Strassenseite nicht gewechselt habe oder dass ich nicht mit meiner Mutter in die Schule gegangen bin. Das war furchtbar. Vor Un-Macht auch. Dieses Weinen vor Un-Macht, dass man nichts dagegen machen kann.
ORF: Wollen Sie uns erzählen über die Stille, die dort geherrscht haben muss? Wie haben Sie denn das damals als zehnjähriges Mädchen gespürt? Kampusch: Dort war ein Ventilator. Ich konnte dieses ewige Geräusch des Ventilators am Anfang überhaupt kaum ertragen. Das ist mir dermassen auf die Nerven gegangen. Es war furchtbar. Und ich habe beinahe klaustrophobische Zustände bekommen in diesem kleinen Raum und schlug mit Mineralwasserflaschen an die Wände oder mit den Fäusten. Und ja, ich weiss nicht. Auch damit irgendwer mich vielleicht hört oder so. Ich weiss nicht. Es war ... es war grauenvoll. Und wenn er mich nicht irgendwann einmal rauf ins Haus genommen hätte, damit ich ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit hab' ... Ich weiss nicht, ob ich dann nicht wahnsinnig geworden wäre.
ORF: Können Sie sich erinnern, wann dieser Moment war, dass er Sie ins Haus hinaufgenommen hat? War das nach Jahren oder nach ein paar Monaten? Kampusch: Nein, das war nach einem halben Jahr. Da durfte ich dann immer zum Waschen rauf. Also Baden im Badezimmer und so.
ORF: Aber ein halbes Jahr waren Sie nur in dem Keller? Kampusch: Ja.
ORF: Wie haben Sie sich über die Aussenwelt informiert? Was haben Sie mitbekommen? Kampusch: Am Anfang eben nicht viel. Die ersten zwei Jahre hab' ich keine Nachrichten sehen dürfen. Er hat gemeint, dass vielleicht auch etwas über mich gebracht würde. Was mich aufregen könnte oder ... Ich weiss nicht, was für Gründe er hatte, warum er mir keine Nachrichten zeigte.
ORF: Nach zwei Jahren haben Sie dann Radio bekommen. Was noch? Wie ist das dann weitergegangen? Kampusch: Na ja, also nach zwei Jahren habe ich einfach die Nachrichten im ORF oder so gehört. Nicht, dass ich mich einschmeichle! Zeitungen hab' ich eigentlich am Anfang nur Wochenzeitungen bekommen. Und dann durfte ich schon auch Zeitungen lesen. Er hat's gelesen, ich hab's gelesen. Dann hat er jede einzelne Seite durchgeblättert, ob ich nicht was draufgeschrieben hab'. Das war seine Paranoia. Überhaupt, er hat immer alles kontrolliert. Und untersucht, dass ich ja keine Botschaft schreibe oder so. Oder Nachrichten verschlucke, die ich dann wieder irgendwie ... Ich weiss auch nicht. Er war sehr paranoid.
ORF: Haben Sie Geburtstag, Weihnachten, Ostern gefeiert? So die grossen Feiertage auch für eigentlich auch einen, eine Jugendliche? Kampusch: Ja. Ich hab' Geburtstag, Weihnachten und Ostern gefeiert.
ORF: Haben Sie das auch mit Herrn Priklopil gefeiert? Kampusch: Ja, sicher hab ich's mit dem Herrn Priklopil gefeiert! Ich hab' ihn dazu genötigt, das mit mir zu feiern. Ja, er hat mir viele Sachen geschenkt. Ostereier oder Weihnachtsgeschenke und so. Schliesslich war das einfach ... Andere Kinder und Jugendliche können sich etwas kaufen. Ich konnte mir dort natürlich nichts kaufen. Und er war offenbar der Meinung, dass er mir wenigstens in dieser Art eine gewisse Entschädigung oder Gleichberechtigung mit den anderen Menschen draussen in der normalen Realität gibt.
ORF: Da sagen Sie etwas sehr Interessantes. Glauben Sie, hatte er ein schlechtes Gewissen? Kampusch: Ja, schon sehr. Sehr. Irgendwie war das so zwiespältig. Ich glaube, er hatte ein sehr starkes schlechtes Gewissen. Aber er versuchte, es massivst zu verdrängen und abzuleugnen. Und gerade das hat sozusagen gezeigt, dass er ein schlechtes Gewissen hat.
ORF: Sie waren nicht immer allein in dem Haus. Es war ja auch oft die Mutter von Herrn Priklopil da. Haben Sie das mitbekommen? Wie haben Sie das mitbekommen? Kampusch: Ich habe es mitbekommen, indem er vorher erzählt hat, dass seine Mutter kommt. Und nachher war dann halt das Haus oben blitzeblank geputzt. Manchmal waren auch Sachen, die sie brachte, dort. Und vorgekochtes Essen oder so. Ja, einfach alles. Ich hab' es einfach bemerkt.
ORF: Sie haben vorher gesagt, er wollte Meldungen verstecken über die Suche nach Ihnen. Kampusch: Ja.
ORF: Haben Sie gar nichts über diese Suchaktionen mitbekommen? Kampusch: Später dann schon. Weil ich ihm gesagt hab', dass das nicht Recht wäre, mir diese Informationen, da sie ja mich betreffen, zu entziehen.
ORF: Hat er Ihnen über Ihre Eltern etwas erzählt? Kampusch: Ja.
ORF: Ich meine, wie sie reagieren. Hat er Sie da unter Druck gesetzt? Kampusch: Ach so, nein. Er meinte, meine Eltern würden sich nicht um mich kümmern oder nach mir suchen. Und später meinte er, dass meine Eltern im Gefängnis gewesen wären. Was ich dann auch erfahren habe, dass das stimmt. Weil man verdächtigte zu diesem Zeitpunkt relativ viele Menschen, die dann in Untersuchungshaft waren damals. Das hat er mir schon erzählt. Aber er schilderte es mir ein bisschen überzeichnet und übertrieben. Aber ich hab' natürlich gleich gewusst, dass das nicht der Fall ist, dass meine Eltern jetzt im Knast sitzen.
ORF: Sie haben ihm nicht geglaubt. Kampusch: Nein.
ORF: Ich war mehrmals nach Ihrem Verschwinden in Ihrem Kinderzimmer. Ihre Mutter hat es mir gezeigt. Könnten Sie sich vorstellen, dorthin zurückzukehren? Mit all den Erinnerungen, die dort sind an die Zeit vor der Entführung? Kampusch: Also leben werde ich, glaube ich, nicht mehr dort. Aber ich werde ab und zu bei meiner Mutter in dem Zimmer übernachten. Und jetzt ... Also meine Mutter hat es nicht fertig gebracht, die Tapeten umzufärben. Aber jetzt haben sie es gemacht. Mit Überwindung haben sie vor ein paar Monaten den Teppich rausgerissen, den alten grauen. Ich hab' ihn sowieso irrsinnig gehasst. Er war äusserst hässlich. Und einen neuen Teppich, ich glaube, grün oder so. Und meine Nichte darf ab und zu bei meiner Mutter übernachten. Die Tapeten sind orange oder so. Und jetzt gefärbt. Frisch. Weil meine Mutter hat es eben nicht über sich gebracht, das zu machen. Sie hat die Möbel zwar schon von den Wänden gestellt. Aber hat lange gezaudert, bis sie ... Sie konnte es einfach nicht. Sie hat es einfach nicht über sich gebracht, die Tapeten ... Weil sie nicht wusste, ob mir die Farbe gefallen würde, die neue.
ORF: Frau Kampusch, Sie haben öfter auch mit Herrn Priklopil das Haus verlassen. Kampusch: Ja.
ORF: Wie war das? Wie hat er sich da verhalten? Kampusch: Na ja, er war sehr vorsichtig. Ist kaum von meiner Seite gewichen. Hat jedes Mal panikartige Zustände bekommen, wenn ich auch nur drei Zentimeter von ihm entfernt gestanden bin. Er wollte immer, dass ich vor ihm gehe und nie hinter ihm. Damit er mich immer im Auge behalten kann. Und ich konnte mich keiner Menschenseele anvertrauen. Weil er drohte mir immer damit, dass er den Menschen etwas antun würde, wenn ich etwas sage. Dass er sie umbrächte. Jeden Mitwisser sozusagen beseitigen würde. Und das konnte ich nicht riskieren.
ORF: Wie war denn das für Sie, wenn Sie es sich jetzt überlegen: Sie haben eigentlich viele Menschen getroffen. Einige. Denen haben Sie in die Augen geschaut. Kampusch: Ja, schon. Es gab auch viele Menschen, denen ich versucht habe, Zeichen zu geben. Es gab auch schon viele Sachen, wo es eigentlich ... Die Leute denken natürlich in dem Moment nicht an so was. Und kommen nicht auf die Idee. Ich hab' zum Beispiel in einer Zeitung gelesen, dass dieser Mann ... Das stimmt auch. Weil ich mich an diese Begebenheit erinnern kann. Viele Sachen stimmen natürlich nicht. Ich habe gelesen, dass ...
ORF: In Oberösterreich? Kampusch: Das war aber nicht in Oberösterreich.
ORF: Aber diese Geschichte: Sie waren wirklich in einem Geschäft und haben versucht, mit dem Verkäufer Kontakt aufzunehmen. Kampusch: Ja, mit vielen Leuten. Aber generell ... Ich konnte denen ... Also es war nicht genug Zeit, dass ich denen das erläutere. Hätte ich auch nur einen Mucks gemacht, hätte er das schon unterbunden und mich weggezerrt oder ... Selbst wenn es dann zu spät gewesen wäre, hätte er die Person umgebracht oder mich umgebracht. Oder was auch immer. Ich musste immer mit der ... Ja, es war furchtbar. Aber wo ... Sie haben mich jetzt abgebracht von dem Thema. Was haben wir zuerst gerade gesprochen?
ORF: Eigentlich schon über das. Kampusch: Schon, aber was haben Sie genau gesagt?
ORF: Als Sie das Haus verlassen haben. Sie haben ja Menschen getroffen. Kampusch: Ja, genau.
ORF: Wie war das, wenn Sie denen in die Augen geschaut haben? Kampusch: Ja, beispielsweise die netten ... Diese netten Verkäufer im Baumarkt zum Beispiel. Die einen dann so fragen: Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Und ich steh' da so panikartig und verklemmt und mit Herzklopfen und Kreislaufproblemen dort. Und kann mich kaum rühren. Und ich muss dann so hilflos zuschauen, wie der den Verkäufer abwimmelt. Und hab' gerade noch die Möglichkeit, den Verkäufer anzulächeln, weil er so freundlich ist. Ich meine, der weiss das ja nicht. Und ... ja. Es ist ... Ich hab' nämlich immer versucht, ein bisschen so zu lächeln, wie ich auf den Fotos ausschaue, damit die Leute sich an mein Bild erinnern. Weil auf Fotos lächelt man ja meistens. Ja. Also ... Es war manchmal wirklich ... Und ich hab' am Anfang auch die Menschen nicht so vertragen. Ich war es ja nicht gewohnt. Und viele Menschen sind sehr missmutig und feinselig. Das ist natürlich auch sehr unangenehm.
ORF: Wenn Sie wollen - ich hab' nur die Frage. Wenn Sie sie nicht beantworten wollen, sagen Sie sofort stopp. Nur um das zu verstehen. Dieses Verhältnis zu Herrn Priklopil, der auf der einen Seite Sie total überwacht hat. Kampusch: Ja.
ORF: Der Sie kontrolliert hat. Sie entführt hat. Kampusch: Ja.
ORF: Wie war sein Wesen? Wie war er? Wenn man jeden Tag mit diesem Menschen zu tun hat ... haben muss. Kampusch: Hin und wieder hat er mir sogar sozusagen in gewisser Art und Weise vorgeschlagen, wie ich ihn sozusagen hintergehen könnte und fliehen könnte. Also innerhalb von seiner Paranoia ist ihm das sozusagen eingefallen. Es war fast so, als würde er absichtlich wollen, dass irgendwann ... dass ich irgendwann einmal frei bin. Dass es schief läuft. Irgendwie, dass die Gerechtigkeit siegt oder so.
ORF: Was war dann am Tag der Flucht anders als sonst? Wo Sie sich immer so bedroht gefühlt haben? Kampusch: Ich wusste in dem Moment, wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie mehr wieder. Ich hab' geschaut. Er hat sich umgedreht. Ich hab' ihm in den Monaten davor auch schon gesagt: Ich kann so nicht mehr leben. Ich werde sicherlich versuchen, von dir zu fliehen. Und ... Ja, ich dachte mir: Wenn nicht jetzt ... Ich hatte auch eine irrsinnige Sorge, seiner Mutter und seinen näheren Freunden und Nachbarn und Bekannten ihr Weltbild zu ruinieren. Und zu zerstören. Weil schliesslich ... Sie wissen eh, er war sozusagen der nette, hilfsbereite Typ. Immer freundlich, immer korrekt. Ich wollte das auch seiner Mutter nicht antun, dass sie diese andere Seite von ihrem Sohn kennen lernt. Da das schon sehr durchgedrungen ist zu mir, dass sie ein sehr gutes Verhältnis zu ihm hat. Dass sie ihn sehr liebte und er auch sie mochte. Sehr. Ja. Und es tut mir auch jetzt irrsinnig Leid für die Frau Priklopil. Dass dieses Bild sozusagen zerstört ist. Und sie hat ihren Glauben an die Welt verloren an diesem Tag. Und ihren Glauben an ihren Sohn. Und ihren Sohn auch. Und der Herr Priklopil hat an diesem Tag sowohl mich ... Ich war mir ja völlig bewusst, wie ich geflohen bin, dass ich damit auch ihn zum Tode verurteile, weil er mir immer mit Selbstmord drohte. Er hat sowohl mich als auch den Herrn, der ihn zu dem Bahnhof fuhr, und auch den Schnellbahnschaffner indirekt zu Mördern gemacht.
ORF: Wie haben Sie es gelernt, in diesen acht Jahren mit dieser Einsamkeit umzugehen? Kampusch: Ja, also ich war nicht einsam. In meinem Herzen war meine Familie. Und glückliche Erinnerungen waren immer bei mir. Und ich hab' mir eines Tages geschworen, dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können. Ich hab' sozusagen mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen. Dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde.
ORF: Das war immer Ihr Traum während dieser acht Jahre? Von was haben Sie denn da geträumt? Kampusch: Nein, ich habe eher so Gedanken, was mir alles entgangen ist: der erste Freund, alles Mögliche. Ich hab' versucht, beispielsweise immer besser zu sein als die Leute draussen. Oder mit ihnen gleichzuziehen. Vor allem was die Schulbildung betrifft. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ein sehr starkes Defizit habe. Einen Mangel. Und das wollte ich immer irgendwie ausgleichen. Und deswegen habe ich versucht, mir Wissen anzueignen. Und mich selbst zu bilden. Und mir Fertigkeiten beizubringen. Ich hab' mir zum Beispiel im Selbststudium Stricken beigebracht.
ORF: Jetzt können Sie Ihren Träumen freien Lauf lassen. Kampusch: Ja.
ORF: Was sind Ihre Träume? Kampusch: Na ja. Jetzt sind wir wieder bei diesen Träumen!
ORF: Möchten Sie die Welt sehen? Kampusch: Ja, ich möchte reisen. Ich möchte reisen. Ich dachte mir - beispielsweise mit meiner Familie eine Kreuzfahrt. Ausserdem freue ich mich auch schon, sollte ich die Matura bestehen, auf eine Maturareise. Aber natürlich nicht mit Alkohol und Grölen, sondern schon eine schöne. Also nicht dieses Sommer-Splash oder so! Mit "all inclusive". Sondern eher schon etwas Schönes.
ORF: Meer, Strand, Sonne. Kampusch: Ja, so in der Art.
ORF: Gibt es ein Lieblingsziel? Kampusch: Nein, aber es ist erstaunlich ... Ich hab' in meiner ... in den letzten Tagen festgestellt, dass wir, ich und meine Schwestern, uns nicht sehr unähnlich sind. Wir haben sehr viele ähnliche Eigenschaften, Wünsche und Bedürfnisse. Es ist komisch. Ich hab' bei der Polizei mit meiner Schwester, wie ich sie zum ersten Mal wiedergesehen habe, darüber gesprochen, dass ich einmal in den Zug steigen und in Berlin aussteigen möchte. Sie hat gesagt, sie hat diese Reise bis jetzt noch nicht gemacht, weil meine andere Schwester das nicht mit ihr machen wollte. Und sie hat gemeint: Jetzt hat sie wenigstens jemanden, mit dem sie das machen kann.
Quelle: Kurier.




Nachtrag vom 7. September 2006: Auch in der Schweiz : Das Interview schlägt auch in der Schweiz Wellen. Der Blick schreibt:
"Rund 400 Anfragen für Fernsehinterviews gingen bei ihrem PR-Berater Dietmar Ecker ein. Neben Fernsehsendern in Europa waren auch TV-Stationen in Japan, Amerika und Australien an einem Gespräch mit der 18-Jährigen interessiert. Und wie "10vor10" berichtete, erwartete man beim ORF Einschaltquoten von 75 Prozent. Das hätte den 11. September 2001 übertroffen. "


Teil II.
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