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www.rhetorik.ch aktuell: (23. Juni, 2006)

Sabine Christiansen hört auf

Zum Thema: Aktuell Artikel über Christiansen




Es war für viele Journalisten eine Sensation. Günther Jauch wird voraussichtlich Sabine Christiansen Mitte 2007 ablösen.

Nach Harald Schmidt wird nun ein weiterer Star des werbefinanzierten Fernsehens zurück in die ARD wechseln. Doch die Sache wirkt nach der Süddeutschen Zeitung unausgegoren.

10 Jahre moderierte Christiansen, nach dem Tatort, im Kostüm und kreuzte elegant die Beine. Für uns immer zu steif, zu verbissen und sprach immer bis heute viel zu schnell, zu undeutlich. Unser deutscher Berater sagte uns immer wieder: "Sie schnattert". Nicht nur Hörbehinderte hatten grosse Mühe, die berühmteste Talk Dame zu verstehen. Dennoch wurde sie von einer enorm hohen Erfolgswelle getragen. Sie verstand es, alle prominenten Politiker zu gewinnen. Wer gefragt wurde, konnte nicht "Nein" sagen. Der Auftritt am Sonntagabend nach dem Krimi war für alle die Chance. Spätestens aber seit in Berlin die grosse Koalition regiert mit dem Zwang zum grossen Konsens, ist es eindeutig ruhiger geworden um die Redestunde im TV-Studio gegenüber der Berliner Gedächtniskirche.


Sabine Christiansen bemühte sich zwar nach Kräften, doch der Charme der frühen Jahre scheint verblasst. Was bei Medien meist Folgen hat: Der Marktanteil bröckelte. Und dies ist für Moderatorinnen und Moderatoren nie gut. Uebrigens sollen Journalisten bei der ARD gelästert haben, mit solch hohen Quoten von der Krimireihe Tatort im Kreuz, hätten sie auch eine Talkshow zum Erfolg gemacht. Wir haben festgestellt, dass es Sabine Christiansen immer verstand, vor allem sich in Szene zu setzen und wir beobachten, wie sie Wert darauf legt, sich immer ins rechte Licht (ins Zentrum?) zu rücken. Dies ist verständlich und wäre legal. Doch empfanden wir, dass für Sabine Christiansen nicht die Gäste oder Gesprächspartner im Zentrum des Talks standen, sondern sie selbst. Wir hatten einmal Gelegenheit, ihr Verhalten zu beobachten, als sie nicht merkte, dass sie aufgenommen wurde. Wir erlebten dann eine völlig andere, eine "natürlichere" Person. Davon ausgehend, dass Natürlichkeit auch für Moderatoren etwas vom Wichtigsten ist, so hätte ein Berater die Profifrau auf dieses Defizit hinweisen müssen.




Presse- Echos:



  • Der "Spiegel" findet:

    "Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen Harald Schmidt und Sabine Christiansen. Harald Schmidt wurde schmerzlich vermisst. Sein blitzschneller Abgang wurde von wahren Feuilleton-Fanfaren begleitet, Heiligsprechung inklusive. Die ist bei Sabine Christiansen nicht zu befürchten. Sie will noch ein ganzes Jahr weitermachen. Damit droht ihr die Gefahr, zu einer "lame duck" zu werden, zu einer lahmen Ente der politischen Talkshow. (...) Ironie der Geschichte: Jahr ein, Jahr aus bildete das sonntägliche Seminar bei "Sabine Christiansen" eine Art altgriechischen Trauerchor am deutschen Seinsabgrund; die Philharmonie der deutschen Jammerkultur, in der man sich so schön eingerichtet hatte - und gerade jetzt, da sich Deutschland in einem lange nicht erlebten Stimmungshoch befindet, kündigt die TV-Kassandra ihren Rückzug an. (...) Leider hat Sabine Christiansen der Versuchung nicht widerstanden, aus ihrer zunächst gar nicht so politischen Gesprächsrunde - zu Beginn 1997 war eher von anspruchsvoller Unterhaltung die Rede - einen Gottesdienst der politischen Klasse zu machen mit ihr als einsam thronender Hohepriesterin, profaner: eine VIP-Lounge als televisionäres Ersatzparlament." (...) Und wenn ein unerbetener Rat erlaubt wäre: Sabine Christiansen sollte gleich aufhören, hier und jetzt. Es wäre ein Segen für alle Beteiligten.
  • Die "Zeit" schreibt in einem Artikel "Politik als Rauschen":

    Dass die Sendung ein solcher Erfolg wurde und viele Politiker regelrecht danach gieren, dort eingeladen zu werden, hat nun allerdings wenig mit dem Konzept oder der Moderatorin zu tun. Sie versammelt regelmässig eine irgendwie immer wieder gleiche Runde bekannter Politik- und Parteigrössen, Wirtschaftsfürsten und selbst erklärter Quer- und Vordenker, die ihre meist wenig originellen Sprechbausteine absondern. Das Thema ist normalerweise wenig überraschend - sozusagen das politische Quotenpartythema der Woche. An diesem Sonntagabend etwa geht es um Der totale Kick! Chancen und Risiken der Fussball-WM. Zu Gast sind unter anderem Innenminister Wolfgang Schäuble, WM-Kulturkoordinator André Heller, ein Berater des WM-Organisationskomitees und EnBW-Chef Utz Claassen. Da kann man sich schon ungefähr denken, was sie sagen werden.
    Ein echtes Gespräch kommt, anders als es die Idee einer Talksendung eigentlich verspricht, selten zustande. Das liegt im wesentlich an der Gesprächsführung der Ex-Stewardess Sabine Christiansen: Als reine Stichwortgeberin verteilt sie die Wortmeldungen und unterbricht regelmässig immer dann die Diskutanten, wenn es interessant und lebhaft zu werden verspricht. So spiegelt die Sendung einen Trend wieder, der schon länger zu beobachten ist, den sie aber anders als Kritiker ihr vorwerfen nicht selber geschaffen, sondern nur auf die Spitze getrieben hat: die Verflachung der politischen Diskussionskultur.
  • "Focus":

    "Dass die Diskutanten oft keine neuen Einfälle mit in den Polit-Talk bringen, vertuscht eine geschickte Kamera-Regie. Erfolgt im richtigen Moment der Zoom auf ein zitterndes Nasenhaar oder einen zuckenden Mundwinkel, geraten Argumente schnell zur Nebensache. Mit der Zeit verloren die Inszenierungen der Christiansen-Macher ihren Reiz, zuletzt litt die ARD-Talkshow unter sinkenden Quoten. Neben einem Sättigungseffekt liegt das aber auch daran, dass durch die grosse Koalition politische Konfliktthemen und damit streitbare Gäste rarer wurden."
    Ein "Focus" Leser schreibt: "Man sollte sie, Frau Christiansen, nicht gar so schlecht machen. Schliesslich wurde die Sendung jahrelang für gut befunden. Es ist klar, dass sich Moderatoren und Sendungen ab- nutzen. Mal sehen ob es Herr Jauch besser macht, denn auch er wird sich abnutzen.
  • "Sueddeutsche":

    "Sabine Christiansen ist eine Institution des gepflegten Talks. Ihr sonntägliches Kaminfeuer im Ersten halten Manche für kaum weniger bedeutend für das politische Geschehen der Republik als das Agieren der Politiker.
    Sabine Christiansen garantierte soetwas wie Stabilität im politisch bewegten Leben der Hauptstadt. Regierungen mochten wechseln. Ihre Talkrunde blieb - und der Grossteil ihrer Gäste auch. Ganz gleich, ob sie nun gerade in Regierungsämtern weilten oder in der Oppositionsfron darbten. Ob Kosovo-Krieg, Spenden-Affäre, Hartz-IV oder vorgezogene Neuwahlen: Was immer sich in einer Woche als Generalthema herauskristallisierte - Bei Christiansen landete es am Sonntagabend in der Sendung und wurde noch einmal besprochen.
  • "Frankfurter Allgemeine":

    "Was bedeutet die gängige Rede von der Mediendemokratie? In den kontinuierlich erhobenen Einschaltquoten artikuliert sich der Souverän unverfälscht, während die sporadisch ermittelten Wahlergebnisse natürlich, wie die Medien verkünden, immer schon von den Medien manipuliert sind. So konnte man sich nicht mehr vorstellen, dass man eine Sendung, deren Zuspruch mit etwa vier Millionen Zuschauern stabil ist und bestenfalls ähnlichen Schwankungen unterliegt wie der Kirchgang, absetzen kann.
    Für diesen politischen Willensakt bedurfte es der Phantasie. Die Intendanten der ARD hatten diese Phantasie, als sie den Beschluss fassten, Sabine Christiansen spätestens am 1. Oktober 2007 durch eine von Günther Jauch moderierte Gesprächsrunde zu ersetzen (siehe auch: Christiansens Bühne schliesst - Vorhang auf für Jauch). Politik, und wenn es nur Programmpolitik ist, verlangt den Mut, sich von den Zahlen, in denen die Zustimmung des Publikums gemessen wird, unabhängig zu machen. Am 24. Juni: "Was wird aus Deutschland ohne 'Sabine Christiansen'? Es waren die Politiker selbst, die als Hauptakteure der Christiansen-Bühne die Gemeinplätze von den unaufschiebbaren Reformen herunterleierten und durch ihre Rückkehr am nächsten Sonntag unter Beweis stellten, dass schon wieder nichts geschehen war. Indem Frau Christiansen von vornherein jeden Gesprächsfaden zerschnitt, liess sie den Gedanken gar nicht erst zu, dass es auch Probleme geben könnte, die bei geduldiger Beratung zu erledigen wären."


Dass Christiansen von der Journalistenzunft so verrissen wird, ist nicht mehr rational zu erklaeren. Sie wurde von Millionen gesehen, hatte Erfolg. Wir verzichten auf eine Analyse dieser heftigen Reaktionen. Tatsache ist, dass die Profijournalistin viele Preise gewonnen hat und zehn Jahre lang grossen Erfolg hatte. Was wir beanstandet hatten, habe wir in den Analysen ausführlich beschrieben. Siehe dazu auch Zur Relativität der Bewertung.






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