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www.rhetorik.ch aktuell: (6. April, 2006)

Ute Vogt am Lügendetektor

(Fortsetzung vom Aktuell Artikel Ein TV Duell ohne Wirkung? )



Quelle: Spiegel.de
Ute Vogt sieht Ihr Fehlverhalten nicht ein. In der "Netzeitung" lasen wir, dass sich Vogt in einem Interview im "Hitradio Antenne 1" zu einem Test mit dem Lügendetektor bereit erklärt und unter anderem intime Fragen zu ihrem Privatleben beantwortet. Das "Bild" sah sich anschliessend zur Überschrift

"Erste Politikerin beichtet Orgasmus-Lüge."


veranlasst. SPD-Fraktionschef Peter Struck findet Vogts Verhalten auf N24 "nicht besonders klug". Die SPD-Spitzenkandidatin sei aber wohl überrascht worden. Er würde der 41-Jährigen für die Zukunft raten, solche Spielereien nicht mitzumachen." Er selbst wäre in einer solchen Situation aufgestanden und gegangen.
Vogt


Vogt erwiderte auf N24 zu Strucks Kritik, das Interview sei eine "relativ spontane Situation" gewesen.

"Und ich fand auch, dass man da jetzt nicht unbedingt rausrennen musste. Natürlich hätte ich sagen können, ich beantworte das nicht. Aber, also - so dramatisch fand ich's auch nicht, wenn man eine ehrliche Antwort gibt."


Sie sei sich sicher, "dass viele Frauen jedenfalls das gut nachvollziehen können".

Spitzenpolitiker müssen mit Überraschungen umgehen können.


Frau Vogt fand das Spiel mit dem Lügendetektor und den intimen Fragen zwar "nicht lustig", als Politikerin "müsse man aber manchmal auch schmerzfrei sein". Zitat:

"Ich habe auf eine Frage eine ehrliche Antwort gegeben. Aber ich habe auch nicht gedacht, dass man so viele Jahre nach Oswald Kolle da noch solche Schlagzeilen machen muss."


Politiker müssten wissen, wie die Medien "ticken". Es müssen nicht alle Spielchen mitgespielt werden.




Nachtrag vom 6. April, 2006: Ein erwähnenswerten Kommentar zur Geschichte ist der Artikel "Von Beichten und Sexlügen" von Barbara Dribbusch aus der "taz" vom 24. März 2006:

In Bild muss noch eine angebliche "Beichte" daraus werden. Etwas gestehen, etwas beichten, das ist ein Unterwerfungsritual. Wer etwas "gesteht", entblösst sich und begibt sich damit in eine demutsvolle Situation. Auf diesem Prinzip beruhen die nachmittäglichen Talkshows, in denen die auftretenden Facharbeiter, Geschiedenen, Hausfrauen und Erwerbslosen etwas möglichst Intimes aus ihrem Leben erzählen. Erst diese Selbstdemütigung macht sie für ein Millionenpublikum interessant, während die Kandidaten selbst die millionenfache Vervielfältigung der eigenen Person via Fernsehen als Kick erleben. Wenn Bild die SPD-Spitzenfrau jetzt kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg vor einem Millionenpublikum in diese Position der angeblich "Sex-Beichtenden" zwingt, macht sie Ute Vogt lächerlich. Wer will so jemanden wählen? Jemanden, der sich nicht vor den Erniedrigungen der Boulevardmedien schützen kann, sondern sich ihnen freiwillig ausliefert?

Ute Vogt sei "überrumpelt" worden von den intimen Fragen, verlautete gestern aus ihrem Umfeld zu dem Radiointerview, das gestern früh gesendet wurde. Sie betrachte den Vorgang als "unerheblich", behauptete der Sprecher des SPD-Landesbüros in Stuttgart. Das allerdings stimmt nicht so ganz.

Da Vogt die Befragung im Radiosender nicht abbrach, drängt sich der Verdacht auf, dass sie in einem Moment der Fehleinschätzung vielleicht geglaubt hat, so ein flapsiges Interview nütze tatsächlich ihrer Popularität, liesse sie als freizügige, volksnahe SPD-Frau dastehen.

So naiv im Umgang mit den Medien darf man aber nicht sein. Wir leben nun mal nicht in einer Welt, in der auch männliche Spitzenpolitiker gefragt werden, wann sie mal impotent waren bei einer Frau im Bett. Spätestens jetzt dürfte auch Ute Vogt das kapiert haben.


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