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www.rhetorik.ch aktuell: (19. Februar, 2006)

Die unmenschliche Sprache von Karikaturen




"Karikaturen mit unmenschlicher Sprache"
Historische Französische Karikatur "L"envoye de Dieu" (Der Abgesandte Gottes) von P. Chatillon zeigt Kaiser Wilhelm II als Schlächter. Eine Online Quelle.
In einem Betrag in der Stuttgarter Zeitung vom 18. Februar, 2006 wurde eine historische Karikatur gezeigt (Bild links), die Kaiser Wilhelm II als Schlächter zeigt.

Stefan Gruber weist in diesem ausführlichen Beitrag darauf hin, dass viele der in Frankreich veröffentlichten Kriegskarikaturen eindeutig volksverhetzenden Charakter hatten. Es wurde bewusst Hass geschürt. Der fest gefügte Topos des deutschen Kaisers als Schlächter hatte, obwohl er über einen wahren Kern verfügt, eine solche hassschürende Funktion. Völkerverhetzende Karikaturen waren damals auch in der deutschen Presse Mode. Sie gipfelten gut zwei Jahrzehnte später in den "Stürmer" Karikaturen der Nazis. Die Nazis selbst waren sich der Macht der Karikaturen bewusst: Im Jahre 1933 verboten die Nazis Karikaturen von Hitler. In diesem Jahr stürmte die SA die Büros der satirischen Zeitung "Simplicissimus", um Karikatur-Bilder von Hitler zu verhindern. Ab 1933 wurden auch Bücher verbrannt und bis 1945 ahndete das "Volksgerischtshof" Hitler-Witze mit der Todesstrafe.

" Karikaturen mit Kritik am Unmenschlichen "
Eine Historische Politische Karikatur des Deutschen Karikaturisten Heinz Musculus, "Unterdrücktes Europa" (1945). Quelle. (Wir haben die Zeichnung links und rechts etwas abgeschnitten umd sie auf diese Webseiten anzupassen. Sie finden die ganze Zeichnung von Heinz Musculus auf der Webseite www.musculus.de.tf.)
Bei der Federzeichnung "Unerdrücktes Europa" oben rechts handelt es sich um eine humanistische Zeichnung aus dem Jahre 1945, motiviert durch die Abscheu gegen Krieg und Unterdrückung. Die Zeichnung klagt Unterdrückung an - hier die Unterdrückung durch das Hitlerregime, nach späterer mündlicher Aussage von Heinz Musculus gilt die Zeichnung aber genauso für alle anderen totalitären Regimes. Karikaturen haben nicht immer eine "unmenschliche Sprache" haben wie im Falle der französischen Karikatur auf der linken Seite), sondern (wahrscheinlich noch häufiger) ihrerseits unmenschliche Zustände mit humorvollen oder, wie hier, tragischen Motiven anprangern und verurteilen.


Die Diskussionen im Zusammmenhang mit dem jüngsten Karikaturenstreit haben immerhin etwas geklärt:
  • Karikaturen können die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerren.
  • Es gibt Karikaturen, die die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten.
  • Karikaturen dürfen Tabus brechen.
  • Karikaturen dürfen auch lächerlich machen und verletzen. Sie dürfen dies nicht nicht nur, sie müssen es sogar, um wirksam zu sein.
  • Alle Versuche, Karikaturisten mundtot zu machen sind bisher gescheitert.
Ein Karikaturist, der sein Handwerk versteht, kann jede Zensur umtänzlen und ihrerseits lächerlich machen. In Deutschland gibt es nicht erst seit dem "Simplizissimus" eine Tradition der kritischen, aufklärerischen Karikaturen, die sich an den Machthabern reiben. Eine satirische Zeitschrift konnte in Deutschland sogar den gekreuzigten Jesus als Toilettenhalter abbilden, auch wenn dies die Gefühle der Gläubigen verletzt hatte. Die allgemeine Öffentlichkeit begegnet in unserem Kuturkreis die Karikatur meist mit Gleichgültigkeit. Das Schlimmste, was einer Karikatur geschehen kann ist, dass sie die Menschen gar nicht mehr interessiert und sich um die Grenzüberschreitung ignoriert. Karikaturen können nur jene verletzen, die verletzbar sind. Karikaturen können nur den zum Lachen reizen, der sich an den karikierten Zuständen stösst. Wer lacht, stimmt letztlich dem Karikaturisten zu. Ein erfolgreicher Karikaturist drückt eigentlich das aus, was andere nicht zu sagen wagen. Im Guten wie im Schlechten. Misslungene Karikaturen hingegen sagen nichts über den Karikierten aus, sondern viel über den Karikaturisten selbst. Sie beleidigen nur. Sie treffen nicht. Einige der heute in arabischen Ländern veröffentlichten Israel Karikaturen nehmen Anleihen an den judenfeindlichen Karikaturen der Nazis. Gelungene Karikaturen fragen stets nach der Macht. Sie stellen die Mächtigen nicht die Ohnmächtigen in Frage. Hass gebiert immer Hass. Es gibt somit auch eine unmenschliche Sprache bei den Karikaturen.


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