Konjunktiv Rhetorik

Warum Hans Wyss nicht überzeugte

Persoenlich Artikel [PDF]


Seit dem tragischen Vorfall, als drei Kampfhunde ein Kind zerfleischten, beschäftigen sich Medien und Oeffentlichkeit, aber auch die Politik intensiv mit der Frage: Was können wir tun, damit sich die Bevölkerung sicherer fühlen kann? Der Direktor des Bundesamt für Veterinärwesen (BVET), Hans Wyss, war nach der Vogelgrippethematik wiederum in allen Medien eine gefragte Person. Wir haben ihn bei verschiedenen Interviews verschiedentlich beobachtet und festgestellt: Er nutzt die Medien recht geschickt. Er liebt öffentliche Auftritte. Dank seines Engagements kommt er meist gut an. Bei der Diskussion um den Massnahmenkatalog für gefährliche Hunde manöverierte er sich jedoch in eine missliche Situation. In der Samstagsrundschau vom 10. Dezember vom Radio DRS 1 wurde er mit der Frage konfrontiert, weshalb er nicht früher reagiert habe. Und was nun in der Schweiz konkret gemacht werden müsste.
Patrik Wülser und Michael Hiller fühlten dem Direktor eines Bundsamtes auf den Zahn. Hans Wyss windet sich gerne, wenn es um konkrete Antworten geht. Wyss irritierte die Bevölkerung bereits kurz nach der Pitbullattacke mit Äusserungen, wie:

"Im Umgang mit Hunden bleibt leider ein Restrisiko und es liegt an den Kantonen, entsprechende Verordnungen zu erlassen. Experten lehnen Leinenzwang und Maulkorberlasse ab. Ausnahmeerscheinungen müssen wir leider in Kauf nehmen. Letztlich gibt es nirgends eine 100 prozentige Sicherheit."
Bei den ersten Antworten fragten wir uns, ob der Direktor des Bundesamtes für Veterenärwesen die Ängste der Bevölkerung überhaupt ernst genommen hat. Anstatt als verantwortlicher Chef zu versprechen, er werde alles unternehmen, damit in der ganzen Schweiz flächendeckende Massnahmen erlassen werden können, wirkten seine vagen "Sprüche" eher als Selbstschutzbehauptungen. Auch Hundefreunde und Fachpersonen nahmen die Aengste der Bevölkerung sofort ernst. Sie schlugen konkrete Massnahmen vor, wie zum Beispiel Prüfungen für Hundebesitzer.

Wie bei der Kleinkindergeschichte "Joggli wott go Birli schüttle", wechselte Hans Wyss erst seine distanzierte Haltung, als sein "Meister", Bundesrat Deiss, von ihm persönlich verlangte, unverzüglich konkrete Vorschläge auszuarbeiten. Nun wollte nämlich "Joggeli" plötzlich "Birli schüttle" d.h. Wyss versprach jetzt erst, man suche konkrete wirksame Massnahmen.

Wir erlebten seit diesem Auftrag in allen Medien gleichsam einen neuen Hans Wyss. Er betonte jetzt überall, es müsse etwas getan werden. Die Bevölkerung ängstige sich und diese Angst sei ernst zu nehmen.

Durch dieses widersprüchliche Verhalten büsste Hans Wyss an Glaubwürdigkeit ein.




Nachfolgend einige Antworten aus dem Interview der Samstagsrundschau, bei denen Wyss erneut durch vage "Konjunktiv-Rhetorik" auffiel.

1. Sequenz:

Journalist: Bei der Vogelgrippe hatten die Leute Panik, haben Angst gehabt, bei den Kampfhunden - das ist ja unser Thema - ist es ähnlich. Sind die Fälle vergleichbar? Wyss: Sie sind - nicht einfach so - vergleichbar. Aber es hat Aspekte darin, die vergleichbar sind. Journalist unterbricht (beide reden gemeinsam -man kann noch verstehen): ...was politisch abgeht? Wyss: Nicht unbedingt das - mir - ist eigentlich ein Aspekt, der sicher vergleichbar ist, ist das, dass in der Bevölkerung eine grosse Angst entsteht - und dass - die Gesellschaft, der Bürger erwartet, dass man jetzt Massnahmen treffen kann, um diese Angst beseitigen zu können. Das heisst: Dass man sich wieder sicher fühlt. Sicher vor einer Tierseuche oder sicher hier vor Hunden, die ein Gefährdungspotential für den Menschen haben. Journalist: Es gibt eine Petition eines Verbotes von bestimmten Rassen (Pitbulls). Kann man damit wirklich etwas erreichen oder ist dies nur eine Beruhigungsmassnahme? Wyss: (Pause) Für was wir uns eigentlich einsetzen - und ich persönlich - ist das, dass wenn man Massnahmen trifft, dass diese wirklich eine Verbesserung bringen. So gesehen, ist ein alleiniges Verbot z.B. von Pitbulls, löst das Problem sicher nicht. Da sind sich alle Fachleute einig. Also wenigstens müsste man noch weitere Rassen dazu nehmen. Was ist mit den Kreuzungsprodukten? Was ist mit den Rassen, die das gleiche Potential haben, aber vielleicht eine grössere Akzeptanz haben? Also. Ein alleiniges Verbot löst das Problem sicher nicht. Dass es möglicherweise in einer Palette von Massnahmen, am Schluss - auch - braucht, dass man gewisse Rassen ganz verbietet, das ist wieder etwas- wenn die Gesellschaft da will -dann - dann setzt man das um. Journalist: Sie sagen, ein Verbot allein nützt nichts. Vor rund einer Woche hat Ihr Chef, Bundesrat Deiss den Vorfall in Zürich bedauert und gesagt, er fordere Massnahmen für das ganze Land. Was gibt es für Massnahmen, die etwas brächten? Wyss: Also ich bin froh, dass - dass dies Bundesrat Deiss auch so -äh - klar formuliert hat - und - er hat - auch - auf ein Problem hingewiesen, und und das ist - für mich etwas, das, das sicher - äh - ein wesentlicher Aspekt ist. Mir haben total unterschiedliche Regelungen. Wie ich in der Einleitung gesagt habe, dass wir als Bundesamt für Veterenärwesens zuständig sind für diese Thematik, muss ich eigentlich schon sagen: An sich stimmt das gar nicht unbedingt. Wir sind eigentlich für den Tierschutz zuständig (Bemerkung des Autors: Es lohnt sich die nachfolgenden Formulierung genauer zu lesen). Und wir sehen hier. Jetzt geht es um öffentliche Sicherheit. Oeffentliche Sicherheit ist eigentlich in den Verantwortungen der Kantone. Aber wir merken: Da - ist man an Grenzen, da ist man an die Grenzen.- Und an die Grenzen zwar, - äh - im Sinn von - dass - dass es nicht geht, dass - es total unterschiedliche - Regelungen in den verschiedenen Kantonen gelten. Und darum diese Vorsicht kommt. Und wenn wir schauen was? Dann- kann ich vielleicht noch antönen. Es gibt bei der Haltung, wo man Restriktionen machen muss, möglicherweise beim Import, eventuell bei der Zucht. Dass man bei der Zucht Einschränkungen macht - in Bezug auf Aggressivität nicht züchten darf. Dass man beispielsweise Meldepflicht für Bissverletzungen bei auffälligen Hunden einrichtet. Dass die Leute wissen, wo sie sich hinwenden müssen, wenn ich ein negatives Erlebnis gehabt habe. Und dann gibt es andere Zwangsmassnahmen, die beispielsweise Zürich beschlossen hatte- und - dann gibt es auch die Diskussion um ein Verbot von gewissen Rassen.

Analyse 1. Sequenz

In dieser ersten Antwort ist ein Hans Wyss zu hören, der die Aengste der Bevölkerung ernst nimmt und alles tun will, um diese Aengste beruhigen zu können. Man wolle Massnahmen treffen, damit sich die Bevölkerung wieder sicher fühlen könne. Solche Worte waren leider vor der Intervention von Bundesrat Deiss nie zu hören. Auf die Frage, ob ein Verbot nur eine Beruhigungsmassnahme sei, geht Wyss nicht ein (Ausweichtaktik?). Bei den konkreten Massnahmen (Verbot bestimmter Rassen), stützt sich Wyss wiederum auf Fachleute, die davon nichts halten. Das Problem würde damit Sicher nicht gelöst. Wir stellten im Laufe des Interviews fest, dass Wyss nur dann handeln möchte, wenn das Problem ganz gelöst werden kann. Mit der Forderung nach umfassenden Massnahmen, die auch umgesetzt werden können, ist es ihm möglich, alle konkreten Vorschläge in Frage zu stellen, denn jede Anordnung könnte umgangen werden. Sie wären nie zu 100 Prozent druchsetzbar. Dank dieser Voraussetzung kann er nun alle Vorschläge in Frage stellen. Heute scheint zwar Wyss bereit, die bittere Pille (Verbot) zu schlucken, falls es die Bevölkerung wünscht. Wir entnehmen der Antwort die Haltung: Wenn es mein Chef - Bundesrat Deiss -, so wünscht, dann mache ich es schon. Der Journalist greift nach und fragt den verantwortlichen Direktor des Veterenärwesens, welche wirksamen konkreten Massnahmen er denn persönlich vorschlage. Wyss war sich bewusst, dass ihm vorgeworfen wurde, jahrelang nichts getan zu haben, Er war deshalb darauf bedacht, jede Gelegenheit zu nutzen, sein negatives Bild (auch alte Kritik anlässlich des Kommunikationschaos bei den Vogelgrippemassnahmen) zu korrigieren. Nachdem der Journalist den Entscheid des Bundesrates ins Spiel gebracht hatte, verdeutlicht uns die Art und Weise des Sprechers: Es ist wohl für den Chefbeamten doch nicht alles so klar. Das signalisieren die Satzbrüche, Stockungen. Der rhythmische Akzent stimmt nicht. Generell fallen die zahlreichen abschwächenden, vagen Formulierungen auf, wie: Also, eigentlich, allfällig, möglicherweise, vielleicht, eventuell, gewisse. Wyss liebt Leerformeln, ohne konkret zu werden, wie: "Ein wesentlicher Aspekt".- Welcher? Gibt es ein Beispiel? "An sich stimmt das gar nicht unbedingt". Stimmt es nun bedingt, nicht bedingt, unbedingt oder nicht unbedingt? Dies ist eine typische Konjunktivrhetorik. Wyss spricht im letzten Teil unklar und macht vorwiegend Andeutungen, z.B. "Ist man an Grenzen". Diese Formulierung ist alles andere als eindeutig. Auch der Satz: "Dann kann ich vielleicht noch antönen". "Vielleicht" und "antönen" sind ebenfalls Abschwächungen. Etwas scheint Wyss immerhin erkannt zu haben: Es braucht nach dem tragischen Unglück koordinierte, gesamtschweizerische Regelungen (so wie er bei der Vogelgrippe zuletzt auch noch erwähnt, dass die Informationen koordiniert werden müssen). Im Grunde genommen unterstützt Wyss mit dieser Aussage die Walliser Regierung, die stets eine einheitliche Regelung auf nationaler Ebene gefordert hatte.

Einige konkrete Möglichkeiten zählt Direktor Wyss am Schluss doch noch auf: Einschränkungen, Meldepflicht von Bissverletzungen. Hans Wyss spricht meist in einem etwas ungehaltenen Ton. Zu schnell, mit vielen Wortwiederholungen, Satzbrüchen. Die Modulation ist dürftig, aber generell zu laut.

2. Sequenz:

Journalist: Haben dann die Kantone geschlafen? Wyss: Es ist nicht meine Rolle, dass ich jetzt da hier den "Schwarzen Peter" -äh- hin - und herschiebe. Journalist: Er ist genug verteilt der "Schwarze Peter" jetzt ja? Wyss: Oder, was, was, was sicher eine gewisse Frustration ist - äh - ist, dass wir - äh in dem, was abgemacht wurde - was der Bund machen solle -nämlich "Kennzeichnung und Registrierung von Hunden" - zu regeln -das haben wir gemacht -das tritt jetzt in Kraft - jeder Hund muss "gechipt" sein ab 1.1.06 und muss registriert sein. Aber beispielsweise hat es das Parlament schon abgelehnt, dass man eine zentrale Datenbank machen würde. Wir erreichen es jetzt zusammen mit den Kantonen, dass praktisch eine zentrale Datenbank entsteht. Und das Zweite, was der Bund hätte machen sollen, ist - im Tierschutzgesetz, letztlich die Voraussetzungen schaffen, dass man - drakonische Massnahmen treffen kann, wenn, wenn- wenn Tiere -jetzt Hunde im Speziellen äh - klar sind - entartet sind - also - so vom Mensch - genutzt werden, dass es, dass es wirklich - einfach - nicht sein darf. Journalist: Auf einzelne Massnahmen kommen wir noch zurück. Wir wollen hier nicht billige "Schwarze Peter" zuweisen. Jetzt habe ich doch den Eindruck: Jetzt wird es billig, wenn wir sagen: "Die Kantone!" Wir hatten schon im Jahr 2000 Unfälle gehabt mit Kampfhunden. Ein Knabe wurde im Kanton Thurgau attackiert. Sie haben damals gesagt: Jetzt braucht es eine Bundeslösung. Jetzt muss etwas geschehen. Die Leute fragen sich. Welche Massnahmen hatte man gemacht. Haben Sie Empfehlungen abgegeben an die Kantone und diese haben es einfach nicht umgesetzt? Wyss: Also (Pause) - es sind - wirklich Empfehlungen gemacht worden. Immer aber unter der Prämisse, dass man sagt - es ist - und das ist auch die Abmachung mit den Kantonen. Kantone haben Wert darauf gelegt, dass dies ihre Kompetenz ist. Es geht wirklich nicht um das "Schwarz Peter"- zuschieben, sondern die Erkenntnis, dass man, äh- dass der Bund letztlich dafür sorgen muss, dass, dass es an allen Orten gleich geregelt ist - das ist ja nicht der einzige Bereich, wo wir auf derartige Probleme stossen. Und das ist etwas, was immer mehr sichtbar wird, das ich als ehemaliger Kantonsvertreter - äh - ganz klar sagen muss: Das ist - wirklich - notwendig, dass wir Vorschriften haben, die nachher überall gleich umgesetzt werden. Aber genau hier - war es eigentlich - schwierig gewesen. Ich muss sagen, es ist mehr persönlich "verrückt", das es jetzt so einen dramatischen Fall braucht, dass mir - genügend Unterstützung bekommen. Dass man sagt: Jetzt muss es wirklich eine Lösung geben, die bundesweit gilt. Journalist: Haben sie als BVET- Chef vorher nicht Druck gemacht, als sie gemerkt haben, dass die Kantone zum Teil geschlafen haben und nichts umgesetzt haben? Wyss: Schauen Sie. Ich wurde im April 2003 - Chef des Bundesamtes für Veterenärwesen. Und - dann hat die Thematik überhaupt niemand mehr interessiert. 2000 war dies ein Thema 2001 noch ein wenig. Dann ist es verflacht, Wenn man dann mit Vorschlägen kam, dann- hat man klar signalisiert. Nein, das geht zu weit. Es gab ein paar Kantone, die haben etwas gemacht. Beispielsweise Basel, beispielsweise Neuenburg und Genf. Es ist - sehr sehr harzig gegangen. Weil es Mittel braucht um das umzusetzen, wenn man eine Verbesserung erreichen will. Das kann man nicht einfach so schnell machen - nachher ist das Problem gelöst. Journalist: Ihr traut den Politikern nicht, wenn es gilt, Geld zu sprechen. Wyss: Meine Erfahrung in der Vergangenheit war, dass man nicht wirklich bereit ist, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet eine gewisse Frustration. Weil: Ich bin mehr Praktiker und mehr am umsetzten von Massnahmen interessiert, als in einem Büro zu sitzen und sich irgend etwas auszudenken, sondern, was mir wichtig ist, dass das was wir machen wirklich zu Verbesserungen führt. Journalist: Ich habe nicht nur den Eindruck, Sie sind nicht nur frustriert, sondern Sie sind manchmal auch emotional ziemlich enorm mitgenommen. Sie wurden in den letzten Tagen persönlich attackiert worden. Hat Sie dies stark mitgenommen. Wyss: Nein. Das ist ein wenig- das ist mein Temperament. Das ist etwas, dass, wenn ich etwas engagiert mache, dann mache ich dies engagiert und dann - frustriert es einem natürlich, wenn, wenn man attackiert, wenn nachher ungerechtfertigt - aus eigenem Empfinden - attackiert wird. Journalist unterbricht: "Analogie des Versagens" konnte man lesen. Wyss ungehalten, hektisch (übertönt den Journalisten, als wolle er das den Vorwurf überdecken): Gut, das, das kann ich nicht ernst nehmen....... Das muss ich -Das kann ich nicht ernst nehmen. Das, das trifft mich eigentlich auch nicht. Denn ich muss sagen: Ich muss jeden Morgen in den Spiegel schauen können und sagen: Ich kann das verantworten, das ich gemacht habe. Mit aller Selbstkritik. Und ich muss sagen: Wir hätten dort mehr Druck machen sollen. Im Rückblick ist dies einfach zu sagen. Aber: Beim Tierschutzgesetz, das ich zwei Jahre erlebt habe im Parlament, so ist das Thema "gefährliche Hunde", das ist 0,01% von der Zeit, die das beansprucht- nämlich praktisch nichts. Ein paar Sätze ... Das muss man sich bewusst sein. Wenn nachher Attacken kommen, mit dem muss man umgehen können. Und- es hat jeder seinen Weg. Mein Weg ist vielleicht einmal der, dass ich das herauslasse, dass ich sage: Es ist frustrierend.

Analyse 2. Sequenz:

Wyss bringt das Wort "Schwarzer Peter" selbst ins Spiel und merkt nicht, dass der Journalist dieses Bild dankbar aufnimmt, um es gegen ihn zu verwenden. Ob er nicht richtig zugehört hat? Nach dem Vorwurf schwadroniert Wyss jedenfalls unstrukturiert mit Wortwiederholungen, unpassenden Pausen, mit Bandwurmformulierung und zu vielen Einschüben. Dies verdeutlicht, wie frustriert Wyss tatsächlich gewesen sein muss. Im Grunde verteidigt und rechtfertigt er sich, indem er in seiner Antwort selbst dem Bund den "Schwarzen Peter" zuschiebt. Er sagt, was dieser hätte machen sollen. Diese erste lange Antwort ist kein rhetorisches Meisterstück. Wyss hätte die ganze Sequenz auf wenige - in sich abgeschlossene Gedankenbogen - reduzieren können. Bei der Frage, ob die Kantone die Vorschläge nicht umgesetzt haben, greift Wyss erneut den "Schwarzen-Peter" auf . Durch diese Wiederholungen wird allen Zuhörern klar: Das Zuschieben von Fehlern ist das Problem , das Wyss beschäftigt haben muss. Der Versuch es zu bagatellisieren, indem er es in weitere Probleme des Bundes einbettet (und es damit nur noch zu einem Problem unter vielen anderen Problemen wird) finden wir geschickt.

Die Stimme von Hans Wyss wird ständig schärfer, metalliger - giftiger? Eine Nuance Beleidigung schwingt mit. Auf den Vorwurf, warum nicht schon früher auf die Kantone Druck ausgeübt worden ist, geht er gar nicht ein. Es folgt dafür eine lange "Ersatzgeschichte" über die eigene Tätigkeit beim Kanton. Der Journalist muss als Profi nachhaken: "Haben Sie als BVET - Chef nicht Druck gemacht?" Das Argument, dass er das Amt erst 2003 übernommen habe, leuchtet ein.

Dass Wyss als Direktor eines Bundesamtes lieber etwas praktisch umsetzt als im Büro zu sitzen, gibt uns zu denken. Der oberste Chef gehört nicht an die Front. Sein Job ist nämlich ausgerechnet das Umsetzen am Schreibtisch oder bei Verhandlungen. Hoffentlich wurde diese Bemerkung nicht so gemeint, wie sie gesagt wurde.

Der Journalist kann im Gespräch erneut ein "Ei" ausbrüten, das Wyss gelegt hat. Wyss erwähnte das Wort "Frustration" als Erster. Der Journalist kann nun darauf sitzen bleiben.

Das Interview mündet nach dem Reizwort "Analogie des Versagens" in eine Sequenz von Rechtfertigungen mit der Betonung: All das macht mir nichts. Die Art und Weise der Reaktion bestätigt aber, dass es dem Direktor BVET gar nicht egal ist. Der Journalist scheint die Schwachstelle getroffen zu haben. Wyss gibt den Fehler doch noch zu: "Man hätte mehr Druck ausüben sollen" .Hans Wyss hätte auf alle Sequenzen mit Rechtfertigungen verzichten können, wenn er zuerst offen eingestanden hätte, dass leider erst im Nachhhinein die Verunsicherung der Bevölkerung erkannt wurde. Anschliessend hätte er das Gespräch immer wieder zu konkreten Lösungsansätze lenken können.

3. Sequenz:

Journalist: Zum Verbot der Kampfhunde: Ein Zuhälter, der heute einen Pitbull hat. Wyss (ruft dazwischen): Der hat morgen einen Rottweiler Journalist: Dann verbieten wir auch den Rottweiler Wyss: Gut, dann hat übermorgen einen Schäfer Journalist: Der kommt kaum mit einem Pekinesen ins Milieu. Wyss: Nochmals, der kommt übermorgen mit einem Schäfer. Also ich sage nicht.. Journalist: Hat der Schäfer das gleiche Statussymbol wie der Pitbull- den gleichen Imagetransfer. Findet der statt - wirklich? Wyss: Glücklicherweise nicht. Ich kenne die Szene gar nicht. Ich will damit nur etwas sagen und nochmals betonen: Es kann sein, dass am Schluss einfach gewisse - aus den Gründen, die Sie vorher genannt haben - gewiss Rassen verbieten muss. Aber. Was fatal wäre, wenn wir sagen würden, damit sei das Problem gelöst. Journalist: Importverbot, macht dies Sinn? Wyss: Da stelle ich eine Gegenfrage. Wir haben immer mehr offene Grenzen. Wir bauen die Grenzkontrolle ab auf 1 %. Physische Kontrolle. Autos fahren an Grenzstellen durch, Jetzt muss ich Sie fragen. Wir können das Importverbot erlassen. Aber es wäre unehrlich, wenn ich Ihnen hier sagen würde, wir könnten dies unter Kontrolle haben - den Import. Wir können ihn verbieten, aber wir müssen ganz klar sagen, das können wir nicht einfach so unter Kontrolle haben. Das wäre unehrlich. Journalist: Deutschland und Frankreich, die das haben, machen die etwas falsch? Wyss: Nein - es wird - schauen Sie - Frankreich. Ich sage ihnen ein Beispiel. Im Kanton Neuenburg, die Pitbull, die dort registriert sind, die kommen praktisch alle aus Frankreich. Frankreich hat zwar die Pitbull verboten. Also ich will damit einfach sagen: Wenn wir offene Grenzen haben kann man Verbote erlassen, aber man darf die Bevölkerung nicht im Glauben lassen, damit sei das Problem gelöst. Bei den Massnahmen befürwortet Wyss, die Ausbildung und Bewilligungen für Hundehalter. Der Direktors BVET war der Meinung, wenn Hunde draussen immer an der Leine sein müssen und den Maulkorb tragen müssen, müsste man lieber keine Hunde haben. Journalist, gegen Schluss: Hans Wyss, nachdem ich Ihnen zugehört habe bei der Liste von Massnahmen, stellte ich fest, dass sie häufig den Konjunktiv brauchen - die Möglichkeitsform. Es hängt von den Kantonen ab ... Von der föderalistischen Struktur, von der Gesetzgebung, es hängt ab vom Parlament, von Politikerinnen, die sparen wollen. Das Ganze braucht Geld, wenn man Massnahmen umsetzen will. Sie glauben nicht mehr recht daran, dass eine dieser Massnahmen wirklich kommt, dass es scheitert. Wyss ruft dazwischen, wird aber nicht verstanden. Dann ist zu hören: Ich glaube schon dran. Ich, Ich glaube darum daran. Weil: Es gibt Kantone, die Massnahmen getroffen haben. Aeh.. Basel beispielsweise und ... und was mein Ziel eigentlich ist. Journalist: Die haben es aber vor dem Unfall getroffen - Basel! Also Im Nachgang von 2000? Wyss: Wir haben einfach....Die Empfehlungen haben die relativ weit umgesetzt und ... und sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen und ich habe die Hoffnung, dass man jetzt wirklich die positiven Erfahrungen der Kantone in ein Ganzes bringt und für die ganze Schweiz gelten soll.

Analyse 3. Sequenz:

In der ersten Passage wird die Argumentationskette des Chefs BVET ersichtlich. Er will dank eines Gedankenspiels aufzeigen, dass Verbote stets durchlöchert werden können. Diese Logik hat einen Haken. So wie Wyss auch bei den Einführungsbeschränkungen mit der grünen Grenze operiert und ständig darauf hinweist, dass trotz Einfuhrverbot die Reglements umgangen werden können, so will er im Grunde genommen zeigen, dass Verbote nichts bringen. Der Journalist durchbricht die Argumentationskette mit einer Fragetechnik. Die Wirkung der Fragen ist enorm (Wer fragt führt). Er muss zugeben, dass der Imagetransfer vom Kampf zum Schäferhund nicht funktioniert. Peinlicher: Mit der Aussage , er kenne die Szene gar nicht, ist seine Beurteilung über die Hundehaltung in ihr unglaubwürdig. Im Gegensatz zu den früheren Hinweisen, dass Experten Verbote ablehnen, negiert Wyss das Verbot gewisser Tierrassen nicht. Wiederum mahnt er: Glaubt nicht, dass damit das Problem gelöst ist. Wir wissen alle, dass es keine völlige Sicherheit geben wird, aber mit griffigen Massnahmen können Vorfälle reduziert werden. Beim Importverbot kündigt Wyss eine Gegenfrage an. Er stellt sie aber nicht. Nur rhetorisch: "Glauben Sie, dass bei offenen Grenze eine Kontrolle etwas bringt?" Bedenklich wird es, als der Journalist die Schwachstelle trifft und den Konjunktiv anspricht, der bei allen Vorschlägen dominiert hatte. Hier überzeugt Hans Wyss gar nicht mehr. Er schwadroniert und bringt ein Beispiel das zurückliegt. Zu seinem Glück kann er sich wie ein Politiker in eine Plausibilitätsformulierung flüchten: Dank der positiven Erfahrungen werden wir Nägel mit Köpfen und die Erfahrungen der Kantone zu einem Ganzen machen, das für die ganze Schweiz gelten soll. Dank dieser Phrase konnte sich Wyss im letzten Moment noch auffangen. Doch überzeugt hat er nicht.

Fazit: Wer in elektronischen Medien spricht, muss sich stets bewusst sein: Frühere Aussagen bleiben gespeichert und sind jederzeit abrufbar. Deshalb: Widersprüchliche Gedanken vermeiden. Das Publikum wünscht keine Konjunktiv-Rhetorik. Nur eindeutige, konkrete Aussagen überzeugen. Durch vorher gut überlegte knappe Formulierungen und Antworten können wir den "Angriffen" der Journalisten viel von ihrer Wirkung nehmen!