Rhetorik.ch


Knill+Knill Kommunikationsberatung

Knill.com

www.rhetorik.ch aktuell: (6. Februar, 2006)

Rhetorische Glanzleistung von Rudi Carell





Die 41. Verleihung der "Goldenen Kamera" am 2. Februar 2006 im Berliner Axel-Springer-Haus wurde von mehr als 6.5 Millionen Zuschauer am ZDF Fernsehen mitverfolgt. Einzigartig und humorvoll war Rudi Carell's Rede. Braungebrannt vom Karibik-Urlaub und trotz seiner Krebserkrankung optimistisch lächelnd, trat er vor das Publikum:

Wie Sie hören, hab ich gewisse Probleme mit meinen Stimmbändern. Nun ist das nicht so schlimm: mit dieser Stimme kann man in Deutschland immer noch Superstar werden.

Ich möchte mich bedanken, in alphabetischer Reihenfolge ... Die Tatsache, dass ich hier heute Abend diesen Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich in allererster Linie meiner Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharma-Industrie...

Und es geht mir Und es geht mir super! Ich könnte morgen wieder, Herr Döpfner, stimmt es, dass "ProSieben" und "Sat1" wieder zu haben sind?

Ich bin schön braun, näh? Ja, ich war vier Wochen, bin heute zurückgekommen, vier Wochen auf einer unbewohnten Insel. Vier Wochen ohne Fernsehen, Internet, ohne Telefon. Und vier Wochen ohne deutsche Zeitung. Und es war einfach entsetzlich!

Und da kommst du zurück aus dem Urlaub, und da kriegst du die Goldene Kamera. Für mein Lebenswerk. Ich, ein Holländer. Sie sind nett zu uns, muss ich sagen. Ja. Wissen Sie, dass von allen deutschen Städten Berlin die Holländer-freundlichste Stadt Deutschlands ist?

Kann ich bitte mal n Stuhl haben? (Stuhl wird polternd auf die Bühne geworfen)

Für mich ist und bleibt Fernsehen immer etwas Wunderbares! Als ich 1960 anfing, meine erste holländische Show, da bin ich abends als die aufgezeichnete Show im Fernsehen lief, in diesem Viertel, wo ich wohnte, rausgegangen von Fenster zu Fenster, habe die Leute beobachtet, wie sie meine Show gesehen haben. Habe ab und zu ans Fenster geklopft, gerufen: 'Hallo, wie bin ich?' und so.

Das war damals, 1960. Heute natürlich macht niemand mehr das. Oder glauben Sie, dass Günther Jauch abends durch Potsdam schleicht und? Glauben Sie nicht?

Ich weiss nicht, ob dies mein letzter Auftritt im Fernsehen ist. Denn in Amerika und England bekommen alte Showmaster immer Rollen in Fernsehfilmen oder Spielfilmen. Und vor drei Jahren hab ich mich bei Bernd Eichinger beworben für die Hauptrolle in Der Untergang. Für die Hauptrolle. Aber Bernd Eichinger glaubte, dass mein Akzent würde die Zuschauer irritieren.

Vierzig Jahre, vierzig Jahre Deutschland, vierzig Jahre deutsches Fernsehen. Und ich hab wahnsinnig viel erlebt!

Und ich war nicht im Publikum heute Abend. Ich war im 18. Stock, in dem früheren Büro von Axel Springer. Und als ich vor 25 Jahren ihn besuchen durfte, da kuckte ich hinter seinem Rücken nach unten auf die Mauer. Und da hab ich gesagt: Herr Springer, wie können Sie ein Büro bauen mit so einer Aussicht? Hat er gesagt: Ich möchte dabei sein, wenn das Unding verschwindet. Und daran muss ich heute Abend wieder denken. Und da bin ich durch das Riesen-Gemälde von ihm gegangen. Da war niemand anders in dem Raum und ich hab einfach zu Axel Springer gesprochen. Ich hab gesagt: Ich hab ne Überraschung: Die Mauer ist weg. Und ich hab noch ne Überraschung. Wir haben nen Bundeskanzler aus dem Osten! Und es ist eine Frau! Und da fiel das Gemälde runter. Oben, im 18. Stock.

Der Fall der Mauer war eine der schönsten Sachen, die in meinem Leben, grade hier in Deutschland, passiert sind. Und ich hab so irre viel erlebt in diesem Land. Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen.

Und heute Abend noch mal diese Ehrenkamera zu bekommen, ist noch mal ein Höhepunkt. Für alles herzlichen Dank. Alles Gute!


Wir reihen diese Rede zu den rhetorischen Meisterleistungen ein. Carell war sich selbst, verstand das Publikum zu ergreifen, weil er begriffen hatte, dass eine Botschaft nur dann ankommt, wenn sie glaubwürdig ist ohne auf den Humor und erzählende Elemente zu verzichten. Auch wir gratulieren Rudi Carell zu dieser Leistung.



"Bild": "Es ist sein Humor, sein Lachen, seine unerschütterliche Lebenseinstellung, sein unglaublicher Wille und die Liebe zu seiner Simone, die Rudi Carell nach vorn blicken lassen. Humor ist gleichsam Medizin gegen den Krebs. Carells Ehefrau Simone Carrell sagte zur "Goldene Kamera"-Produzentin: Beate Wedekind:

"Die grosse Begabung meines Mannes ist, dass er selbst die schwierigste Situation seines Lebens mit Humor nimmt!"




Fazit: Tatsächlich zeigt sich auch bei der Rhetorik und bei allen Kommunikationssituationen: Humor ist nicht nur ein "Weichmacher". Humor kann verhärtete Situationen entschärfen und öffnet Türen.


Rhetorik.ch 1998-2011 © K-K Kommunikationsberatung Knill.com