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www.rhetorik.ch aktuell: (29. November, 2005)

Merkels erste Prüfung



Im Irak ist die Deutsche Archäologin Susanne Osthoff aus Glonn in Bayern entführt worden. Die Deutsche Bundesregierung hat einen Krisenstab eingerichtet, um die seit mehreren Jahren im Irak lebende Frau freizubekommen.

"Wir tun alles, um die körperliche Unversehrtheit der Frau sicherzustellen"


sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Seit dem Wochenende arbeite ein Krisenstab in Berlin unter der Leitung von Staatssekretär Klaus Scharioth.

"Wir arbeiten mit allen relevanten Stellen im Irak zusammen, um das Schicksal (der Frau) zu klären."


Oberste Priorität habe das Leben der Betroffenen.


Die ARD hat ein Video mit Bildern der Entführten und ihrer Kidnapper erhalten. Der Sender strahlte das Band aber nicht aus, veröffentlichte jedoch ein Standbild. Darauf ist eine kniende Person zu sehen, die als die entführte Frau identifiziert wurde. Neben ihr sitzt demnach ihr Fahrer, offenbar mit gesenktem Kopf und den Händen auf dem Rücken. Beide haben die Augen verbunden. Um sie herum stehen drei vermummte Männer mit Waffen. Einer davon scheint etwas von einem Blatt abzulesen. Im Hintergrund ist nur eine helle, konturlose Fläche wie eine Wand zu sehen.




Deutschland ist nicht am Irak-Krieg beteiligt. Es werden lediglich einige irakische Polizisten von deutschen Experten ausserhalb des Landes ausgebildet. Ansonsten beschränken sich die Beziehungen beider Länder auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit. Deutschland ist mit dieser Entführungsgeschichte erstmals ins Visier irakischer Terroristen geraten. Im Irak wurden bisher etwa 200 Ausländer entführt, bisher aber keine Deutschen. Erst kürzlich wurde die Verschleppung von zwei Kanadiern, einem US-Bürger und einem Briten bekannt. Nicht in allen Fällen liegt ein Bekennerschreiben oder -Video vor. Von den ausländischen Geiseln ist die Tötung von 52 bekannt, davon 41 im Jahr 2004 und 11 im Jahre 2005.


Nach Ansicht des SPD-Aussenpolitikers Hans-Ulrich Klose müssen die Forderungen zurückgewiesen werden.

"Man muss ihnen klar machen, dass es Forderungen gibt, die inakzeptabel sind."


Man müsse sehen, was das Motiv hinter der Entführung sei. Deswegen müsse jetzt versucht werden, mit den Entführern in Kontakt zu treten. Dabei werde die Regierung vermutlich alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen.

Merkels Krisenmanagement

Uns interessiert es, wie die neuen Bundeskanzlerin die belastende Entführungsgeschichte managt. Kanzlerin Merkel erste Erklärung war:
"Wir werden alles tun, um ihr Leben zu sichern"
In Krisensituationen geht es in erster Linie um die Menschen. Deshalb ist die Anteilnahme Merkels wichtig und richtig. Angela Merkel ist nun gefordert. Es gibt unterschiedleiche Ratschläge: Soll man mit Geiselnehmern reden oder Geld zahlen?
  • Nach Ansicht des stellvertretenden Leiters des Instituts für Terrorismusforschung in Essen, Kai Hirschmann, besteht ein Zusammenhang zwischen der Entführung und dem Regierungswechsel in Berlin. "Der Zeitpunkt der Entführung ist kein Zufall", sagte er dem Münchner Merkur:
    "Man muss mit ihnen sprechen"
  • Auch der neue Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, hält es für notwendig, mit den Entführern Gespräche aufzunehmen.
    "Ein Verhandeln im zivilen Sinne, wo man sich an einen Tisch setzt, um über Verträge zu sprechen, wird das nicht sein. Aber man muss mit ihnen sprechen".
    sagte Polenz der "Berliner Zeitung". Ein Eingehen auf die Forderungen der Entführer lehnte der Unions-Politiker aber ab.
  • Die Mutter von Susanne Osthoff, Ingrid Hala, zeigte sich überzeugt, dass die Bundesregierung alle Mittel zur Befreiung ihrer Tochter ausschöpfen werde.

    "Mein Eindruck ist, dass alles Menschenmögliche getan wird, damit meine Tochter wieder freikommt."


    sagte ise den "Ruhr Nachrichten". Aber sie wisse auch, dass die Möglichkeiten der Regierung begrenzt seien. Möglicherweise wollten die Geiselnehmer ausnutzen, dass die neue Bundesregierung erst so kurze Zeit im Amt sei, mutmasste Hala. Den Geiselnehmern ein lösegeld zu zahlen wird auch in Erwägung gezogen.


Bundeskanzlerin Merkels Statement zur Entführung einer Deutschen (Quelle: Spiegel 29. November 2005):

"Seit Freitag vergangener Woche werden im Irak eine deutsche Staatsangehörige und ihr Fahrer vermisst. Wir müssen nach derzeitigem Stand von einer Entführung ausgehen.
Die Bundesregierung verurteilt die Tat auf das Schärfste. Wir richten einen eindringlichen Appell an die Täter, beide unverzüglich in sichere Obhut zu übergeben. Im Auswärtigen Amt wurde ein Krisenstab gebildet, der mit allen relevanten Einrichtungen und Stellen in Kontakt steht, um das Schicksal der beiden Entführten zu klären.
Ich selbst habe unmittelbar nach der Kabinettssitzung mit dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes gesprochen und mich noch einmal informieren lassen. Alle Bemühungen der Bundesregierung sind darauf gerichtet, die körperliche Unversehrtheit der Betroffenen und das Leben der Betroffenen zu schützen.
In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei den Angehörigen und Freunden der Betroffenen. Ihnen gilt unser Mitgefühl. Sie können gewiss sein, dass die Bundesregierung alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um beide so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen und ihr Leben zu sichern."






Nachtrag vom 8. Dez: Schröders Engagement Merkel unterstätzte Schröders Engagement Der Ex-Kanzler appellierte an die Entführer.

Schröders Appell:

"Lassen Sie bitte Susanne Osthoff und ihren Fahrer frei" "Sie hat den Irak zu ihrer Heimat gewählt. Gerade aus diesen Gründen hat mich die Nachricht von ihrer Entführung besonders erschüttert. Erkennen Sie dies an und erweisen Sie Ihrerseits Menschlichkeit und Respekt vor Ihrem Leben. Lassen Sie bitte Susanne Osthoff und ihren Fahrer frei".


Wie kam es zu dem TV-Appell? Das ZDF half beim Zustandekommen des Fernsehappells. Die Familie der entf├╝hrten Archäologin habe den Ex-Bundeskanzler um Unterstützung gebeten, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Wer geglaubt hat, Schröder habe mit seiner Intervention Merkels Krisenmanagement durchkreuzt, der irrt. Bundeskanzlerin Angela Merkel schätzte Schröders Appell. Eine Sprecherin der Bundesregierung sagte jedenfalls, Merkel habe am Dienstag mit dem Altkanzler telefoniert. Merkel:

"Ich kann sagen, dass die gesamte Bundesregierung und auch ich ganz persönlich den Einsatz des Altkanzlers für die Freilassung der Geisel aus voller Kraft unterstützen".


Nachtrag vom 24. Januar 2005: Rätselhaftes Verhalten der Irak-Geisel

Susanne Osthoff war wochenlang im Irak als Geisel gehalten worden. Nach der "Befreiung" oder Bezahlung des Lösegeldes fiel die Wissenschafterin durch fragwürdiges Verhalten auf. Sie gab schwarz verhüllt ein Interview, irritiert die Öffentlichkeit mit sonderbaren Aussagen. Dann wurde festgestellt, dass sie sogar Teile des von der deutschen Regierung bezahlten Lösegeldes auf sich trug. Nach "Focus" soll dies soll dank der registrierten Nummern auf den Banknoten belegt worden sein.
Nach dieser Aufdeckung sei von Aussenminister Steinmeier "Absolute Geheimhaltung" angeordnet worden. Falls die "Focus" Geschichte stimmt, stellten sich viele Fragen:
  • Weshalb diese "absolute Geheimhaltung"?
  • Hat Osthoff alle belogen?
  • Warum schweigt die Archäologin?
  • War entgegen Merkels Versprechen, Deutschland sei nicht erpressbar, das Land doch erpressbar?
  • Weshalb wurden die Kleider durchsucht, während Susanne O. duschte?
  • Wurde bereits vorher vermutet, dass etwas nicht stimmen kann?
  • Wer hat Osthoff das Geld gegeben?
  • Für was bekam sie das Geld?
  • Weshalb verschleierte sich Susanne Osthoff im ZDF?
  • Wurde die Entführte in den Bann der Entführer gezogen?
  • Weshalb wollte Osthoff nach der Befreiung nicht nach Hause zurück kehren?
  • Weshalb stritt sie das Vorgespräch mit Marietta Slomka ab, das schriftlich dokumentiert ist? (Vor dem Interview im "Heute Journal")
Ein Transkript der wirren Interviews von einer Wissenschafterin, die früher klar und strukturiert reden konnte ist schwierig. Entweder hatte der Schock die Denkfähigkeit der Frau beeinträchtigt oder es gab Vorfälle und Hintergrundgeschichten, die nicht genannt werden dürfen. Wir fragen uns: Wurde die Persönlichkeitsstruktur der entführten Frau verändert? Wir zweifeln daran, dass alle der zahlreichen Rätsel gelöst werden können?




Nachtrag vom 24. Januar 2006: Schon wieder einen Entführung Kanzleramt bestätigt Geiselnahme deutscher Ingenieure Nach Angaben von Kanzleramtsminister de Maizière kommen die beiden im Irak entführten deutschen Ingenieure aus Leipzig. Im Auswärtigen Amt wurde ein Krisenstab gebildet. Es stellt sich eine neue Frage: Haben die Entführer gemerkt, dass Deutschland Lösegelder zahlt? Somit würden weiter Trittbrettfahrer versuchen, mit Entführungen zu Geld zu kommen.




Nachtrag vom 26. Januar, 2006: Neue Fragen im Fall Osthoff: Der Fall Osthoff wird immer dubioser. Die deutsche Archäologin, die kurz vor Weihnachten aus irakischer Geiselhaft freikam, ist in einen mysteriösen Autounfall in Bahrain verwickelt worden. Nach Recherchen des ARD-Magazins wurde sie von einem Auto angefahren und erheblich an Schulter und Beinen verletzt. War der Verkehrsunfall bloss ein Zufall? Oder gar ein Attentat? Die Hintergründe sind mysteriös.


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