In einem Marathon-Vortrag hat zwar der Deutsche Innenminister
Otto Schily vor dem Visa-Untersuchungsausschuss
leine Fehler eingestanden, aber vordringlich das Aussenamt
seines Kollegen Fischer kritisiert. Über Stunden
konnte man einen Redner erleben, der gut vorbereitet
war und wusste, was er wollte.
Spiegel online
sprach von "Fünf Stunden
Selbstgerechtigkeit". Der SPD-Innenminister hatte vor seinem Auftritt
auch 129 eng bedruckte Seiten auf den Holztisch im Sitzungssaal
gelegt, die seit Monaten vorbereitet worden waren. Daneben platzierte
er Ordner mit Akten, Gesprächsnotizen und anderes Material.
Als der gelernte Anwalt in monotoner Art zu reden begann und auch
jede Seite vorlas, wusste man, dass es eine lange Sitzung werden
würde.
Der Anfangsmonolog Schilys dauerte fünf Stunden und zehn Minuten. So
lange hatte noch kein Zeuge gesprochen. Immer
wieder wurde Schily von der Opposition gedrängt, zum Schluss zu
kommen. Schily liess sich nicht beeindrucken. Seite für Seite las
er vor. Schily dozierte viel über die Visa-Politik im Allgemeinen,
- sagte jedoch wenig Konkretes über die zu untersuchenden Fehler
im Innen- und Aussenministerium. Die stundenlange Marathon Aussage
war gewiss geplant. Schily liess sich nie von seinem Kurs abbringen.
Sichtlich amüsiert stritt sich Schily mit dem Ausschussvorsitzenden
Hans-Peter Uhl von der CSU über Verfahrensdetails, dozierte aus
der Strafprozessordnung und hatte stets das letzte Wort. Er liess sich
viele Papiere nochmal zeigen oder begann, Briefe langatmig vorzulesen.
Die Opposition reagierte genervt: Schon in zwei Stunden drehte Uhl
dem Minister plötzlich das Mikrofon ab. Offen kritisierten die
Oppositionsleute später in Pausen, der Minister wolle das Ende
der Vernehmung absichtlich nach hinten verziehen. Beim Abschalten des
Tones sprach Schily ruhig weiter.
Aus dem Spiegel "Live ticker":
Schily nach 4 Stunden zu den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses:
"Ich hab ihre Geduld einigermassen beansprucht".
Dann redet er weiter. Schily verweist auf die Notwendigkeit seiner
ausführlichen Erklärung. Uhl äussert die Hoffnung,
dass Schily zu Ende kommt. Schily entgegnet, diese Hoffnung
müsse er enttäuschen.
Wir sind überzeugt, dass Schily fürs Publikum kalt, arrogant
und berechnend gewirkt hat. Denn Schily kennt keine Selbstkritik -
ganz im Gegenteil. Wer die Rede verfolgen konnte, erkannte Schilys Taktik:
Es war ihm gelungen, mit Langwierigkeit den Ausschuss auszubremsen.