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Gewalt gab es seit Bestehen der Menschheit - auch Jugendgewalt. Doch
stellt sich die Frage, ob sich nicht die Art und Weise der heutigen
Gewaltausübung geändert oder verschlimmert hat. Die
Jugendgewalt war seit je ein Thema. Radalierereien gab es immer
wieder. So sind Rempeleien im Schulhof sind nichts Neues. Doch hat sich die
Jugendgewalt während der letzten Jahren verändert. Es wird
beliebig zugeschlagen - oft ohne jeglichen Grund. Diese jüngste
Entwicklung beschöftigt nicht nur Jugendpsychologen. Pädagogen,
Soziologen und Verhaltensforscher denken über die neue
Dimension der Jugendgewalt nach. Es geht vor allem ums Randalieren aus
Langeweile und um das Zuschlagen aus "Freude am Zuschlagen". Unbehelligte
werden unbegründet ausgewählt und Opfer von brutalen
Gewaltaktionen. Wenn es früher ebenfalls zu Tätlichkeiten und
Grobheiten gekommen ist, so wurde in der Regel das Opfer dann in Ruhe
gelassen, wenn es wehrlos am Boden lag. Heute wird weiter zugeschlagen,
getreten und gequält - selbst dann, wenn das Opfer sich nicht mehr
rührt. Es fehlt gleichsam eine "Bisshemmung". Jugendgewalt hat
eine neue Dimension erhalten. Gewalttaten werden heute selbst dokumentiert
oder bewusst geplant.
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Hier sind zwei neue Modelle:
- Happy Slapping. Willkürlich Fremden wird ins Gesicht
geschlagen und die Reaktion mit dem Handy gefilmt. Variationen gehen
bis zur Vergewaltigung oder Mord.
- Massenraubüberfälle. Riesige Jugendbanden verscheuchen
Badegäste und sammeln dann die zurückgebliebenen Taschen etc ein.
Die folgenden Beispiele von kürzlich erschienenen Artikeln veranschaulichen
dieses Vorgehen:
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Happy Slapping heisst übersetzt "Fröhliches Schlagen". Für die
Opfer ist das aber kaum ein Spasss. In London wurde kürzlich ein
11-jähriges Mädchen vergewaltigt - und dabei mit dem Handy
gefilmt. Nach der Schule traf sich die 11-Jährige mit
älteren Kameraden in einer Wohnung. Die Jungs wollten Sex.
Das Mädchen wehrt ab. Da packen zwei 14-Jährige das wehrlose
Kind und vergewaltigen es, wärend ein Dritter die Szene mit
seiner Handy-Kamera filmt. Die Übeltäter schicken die Bilder
an Klassenkameraden. Am nächsten Tag haben hunderte Schüler
den Vergewaltigungs-Clip gesehen.
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Piratenartiger Raubüberfall in Portugal
Portugal: Jugendbanden überfallen Badegäste am Strand
Jugendbanden haben Badegäste in Portugal in Angst und Schrecken
versetzt. Rund 500 Jugendliche fielen zeitgleich über
einen der beliebtesten Strände des Landes her, dem Carcavelos-Strand
bei Lissabon, und beraubten Urlauber und Einheimische, berichtete die
Nachrichtenagentur Lusa unter Berufung auf die Polizei.
Bewaffnete Polizisten versuchen die Jugendlichen vom Strand zu verjagen
Doch die Bande war gut organisiert.
Die Polizei rückte mit etwa 60 Beamten an und schoss in die Luft,
um die aggressiven Diebe zu verjagen, berichteten Augenzeugen. Aber die
Beamten konnten nur zwei Verdächtige festnehmen. Insgesamt wurden
fünf Menschen, darunter zwei Polizisten, leicht verletzt. Die
Badegäste wurden anschliessend von der Polizei zu Zügen
eskortiert. Ein Café-Besitzer sagte, die Jugendlichen seien
zwischen zwölf und 20 Jahre alt gewesen. Sie seien Mitglieder von
Jugendbanden aus den sozialen Brennpunkten in den Vororten Lissabons,
vermutete der Bürgermeister des Nachbarortes Cascais. Wegen eines
Feiertags waren die Strände in Portugal am Freitag gut besucht.
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Happy Slapping in Zug.
Jugendliche Rowdies aus Zug filmen Prügelei in Winterthur (8.6.05)
Vier Jugendliche aus Zug haben bei einem Ausflug nach Winterthur einen
15-Jährigen verprügelt, weil er ihnen keine Zigaretten geben
konnte. Einer der Rowdies filmte die Tat mit seinem Handy.
Die vier 16- und 17-Jährigen hatten den Jüngeren nach
"Rauchbarem" gefragt. Als der Velofahrer sagte, er habe nichts dabei,
versetzten sie ihm kurzerhand mehrere Fausthiebe ins Gesicht. Der
15-Jährige stürzte vom Velo, konnte aber davonlaufen.
Mütze und Brille, die er verloren hatte, steckten die vier
Prügler ein, das Velo nahmen sie auch mit. Kurz darauf wurden sie
festgenommen, wie die Winterthurer Stadtpolizei mitteilte. Sie gaben
ihre Tat zu. Es hätte ihnen auch wenig gebracht, sie zu leugnen,
hatte doch einer von ihnen das Geschehen mit seinem Handy gefilmt.
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Happy Slapping in Basel.
"Happy Slapper" in Basel (Blick vom 16. Juni)
Die Schweizer Jugend scheint keinen noch so dummen Trend auszulassen.
Schon wieder haben Jugendliche einen Schüler verprügelt -
und das Ganze gefilmt. Es ist beileibe kein Spass. Es ist weder mutig
noch witzig, sondern einfach blöd und obendrein gefährlich.
Trotzdem scheint der dumpfbackige Trend des "Happy Slappings" aus
Grossbritannien in der Schweiz Nachahmer zu finden.
Ein paar Jugendliche schlagen grundlos und ohne Vorwarnung auf einen
anderen ein. Jemand steht dabei und hält die sinnlose Gewalt mit
der Kamera des Mobiltelefons fest.
Nachdem vor acht Tagen in Winterthur vier Jungs einen 15-Jährigen
verprügelten, schlugen auch in Basel Teenager zu. Ihr Opfer: ein
13-Jähriger Schüler.
Er wurde von einem Gleichaltrigen mit Schlägen ins Gesicht
und Fusstritten in den Bauch traktiert und in Anwesenheit weiterer
Schüler von einem Dritten gefilmt. Der Schläger habe sein
Opfer mehrmals angewiesen, in die Kamera des Mobiltelefons zu schauen.
Jetzt klärt die Basler Polizei ab, ob schon mehrere solche
Vorfälle passiert sind und ob das betreffende Handy-Video ins
Internet gestellt wurde.
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Thesen zur neuen Jugendgewalt
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Fachleute sind nach ungewöhnlichen Vorkommnissen schnell zur Stelle
und vertreten als Experten ihre alleinseligmachende These.
Wir trugen zusammen, wie die neuen Jugendgewalt von verschiedensten
Seiten unterschiedlich begründet wird:
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- Die Happy-Slapping Gewalt werde durch neuere Technologie wie Camera-Handies
motiviert. Es gibt schon Schulen wie die "Crofton School" im Englischen
Lewisham, die desshalb Handis aus der Schule verbannt.
- Die Gewalt habe gar nicht eskaliert. Die Leute seien lediglich
sensibler geworden und zeigten Gewalttäter vermehrt an.
Dies beeinflusse die Statistik.
- In Zeiten von News flauten, vor allem im Sommer ("dem Sommerloch"), seien
Gewaltgeschichten gefragt und würden gross aufgemacht.
- Die Jugendgewalt seien die Früchte der permissiven Erziehung.
Jugendliche würden keine Grenzen mehr kennen. Es werde nicht mehr gelernt,
zu verzichten.
- Das Elternhaus sei schuld: Die Eltern müssten sich im Beruf verwirklichen
und gleichzeitig Kinder aufziehen. Die Vernachlässigung
führe dazu, dass die Jugendlichen sich selbst
überlassen bleiben oder fremd betreut werden müssen.
- Wir würden in einer Zeit von Orientierungslosigkeit leben.
Wie soll ein Jugendlicher wissen, was Menschenwürde ist,
wenn er davon noch nie etwas gehört hat?
- Jugendgewalt sei ein Ausdruck unserer Zeit: Eigennutz würde
überall vorgelebt. Weshalb könne ein Jugendlicher nicht ebenfalls
sein Bedürfnis nach Aggression ausleben?
- Unser leben sei überorganisiert. Es gibt zuwenig Möglichkeiten,
Grenzbereiche auszuloten. Das Leben sei zu reglementiert. Jugendliche
holten sich Abenteuererlebnisse in illegalen Gewaltaktionen.
Es sei denkbar, dass in Gewaltaktionen ein "Kick" gesucht werde.
- Es fehlten Leitplanken wie Religion, positive Vorbilder
oder Wertvorstellungen.
Beliebigkeit sei auch bei den Erwachsenen üblich, z.B. in der Ehe.
- Die Jugendgewalt sei eine Produkt des Frustes und Sinnleere
wie Arbeitslosigkeit, oder Hoffnungslosigkeit. In der Familie und in den Schulen wolle
niemand mehr Grenzen setzen.
- Gewalt in den Medien und Spiele erzögen die Kinder zu
Gewalttätern. Negative Vorbilder bildeten zur Gewalt aus.
- Vielfach gebt es gar keine Motive. Es sei wie ein Spiel.
Man suche sich ein Opfer und dann eskaliere alles.
Ein Jugendlicher schilderte es so: "Es
geschieht einfach. Hat man angefangen, muss man es zu Ende führen."
- Das Phänomen könnte auch kulturbedingt sein.
- Es fehle die Bewegung. Bewegungsexperten meinten, dass Sport und vermehrte
Bewegung Aggressionspotentiale reduzieren könne.
Mehr Turnunterricht sei nötig. Kinder sollten weniger in die
Schulde gefahren werden. Bewegungsmangel wirke sich nachweisbar negativ aus.
- Es fehle an entsprechender Bestrafung. Wer erfahen müsse,
dass Gewalt gegen Menschen nicht einfach als
etwas Selbstverständliches hingenommen werde, würde sich auch
überlegen, nach Belieben dreinzuschlagen. Auch Erwachsene
müssten bei Verkehrsübertretungen mit Konsequenzen rechnen.
- Jugendgewalt sei etwas, das es immer gegeben habe und in Kauf genommen werden
müsse. Es sei schon immer so gewesen, es sei auch heute noch so und
so werde es auch immer bleiben.
- Harte und weiche Drogen wirkten als Enthemmungsmittel.
- Jugendliche hätten nicht gelernt, mit Aggressionen umzugehen.
- Es gebe Jugendliche, die schafften sich mit Gewalttaten Respekt.
Schlägertypen würden bewundert.
- Einige wollten bewusst Ärger. Es sei ein Reiz.
- Die Ausübung von Gewalt schaffe ein Machtgefühl. Typische Aussage:
"Als Einzelner bin ich ohnmächtig. Aber in der Gruppe kann mir
nichts geschehen. Wir sind Kampfmaschinen".
- Die Gesellschaft sei schuld. Die Gewalttätigen hätten
nichts dafür, dass sie so sind.
- Die Medien seien schuld: Sie würden zu viel über
Jugendgewalt schreiben. Gewalt sollte mehr ignoriert werden.
- Bei Verhaltensstörungen werde zu lange weggeschaut und zu spät
reagiert. Dies betreffe vor allem das Elternhaus und die Schule.
- Es zeige sich nicht nur in der Schule, dass Jugendliche oft durch den
Gruppendruck zu sinnlosen Gewaltaktionen hinreissen lassen.
- Nachahmen: Aussage:
"Ältere brachten und das Dreinschlagen bei. Wir wurden gut
ausgebildet im Zuschlagen. Wir wissen genau wie man das Opfer ausser
Gefecht setzt."
- Im Zusammenhang mit den "gefilmten" Gewalttaten gegen willkürlich
augewählte Personen würden auch Medienberichte
beitragen. Es komme dank der Schilderung zu Nachahmungsaktionen.
- Jeder Mensch habe ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, denn auch
Jugendliche wollen beachtet werden. Wer Gewalt anwende, werde beachtet.
Ein Jugendlicher kommt durch die Gewalttaten, die er nachträglich
anderen dokumentieren kann, zu zur gewünschten Aufmerksamkeit.
Wir vertreten die Meinung, dass bei den verschiedenen Thesen nicht nur ein
Aspekt richtig ist. Möglicherweise gibt es kein generelles Rezept.
Verschiedene Gründe können zutreffen. Dennoch lohnt es
sich, Gewalttaten nicht einfach als gegeben hinzunehmen.
Eine fügen eine weitere These im Zusammenhang mit Rhetorik dazu:
Jugendliche "sprechen" eher mit den Fäusten, wenn
sie verlernt haben, mit Worten zu streiten. Es hat sich jedenfalls
in der Praxis gezeigt, dass vor allem Jugendliche mit einem geringen
Selbstwertgefühl sich mit den Fäusten einen Namen schaffen.
Deshalb fügen wir zur obigen Liste einen Rat dazu:
"Mit Worten streiten lernen."
"Sich artikulieren lernen."
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Diese zwei Forderungen, könnten in vielen Lebensbereichen dazu beitragen,
Auseinandersetzungen nicht mehr "faustlos" auszutragen.
Links:
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